KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von "Vortex". Alle Fotos: Tobias Keßler 3. Cinefonie-Tag

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von „Vortex“. Alle Fotos: Tobias Keßler

Weiche Knie bei einem fast 90 Jahre alten Film? Der einem dabei zwar nicht ganz, aber doch ziemlich neu erscheint? Das kann passieren: Am Samstag hat das Bandprojekt Vortex Carl Theodor Dreyers Klassiker „Vampyr“ untermalt. Ein Stummfilm ist der nicht, wurde es aber hier: Der Originalton war abgedreht, die spärlichen Dialogsätze konnte man als Untertitel lesen, während der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger (Schlagwerk/Mundorgel/Mikro für ominöses Hauchen), Gitarrist Oliver Freund und düster dräuende Sounds aus dem Rechner den Film in ein tiefschwarzes Klangkleid hüllten – die Geschichte um Vampirismus und eine trügerische Realität, von Dreyer in einer traumartigen Atmosphäre und mit heute noch verblüffenden Kamerabewegungen erzählt, hat mit der Musik eine ungeheure Wucht entwickelt.

https://www.facebook.com/Vortex.music.official/

Cinefonie Marcus Stiglegger Vampyr Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

 

Ein Erlebnis war das und ein Höhepunkt des durchweg gelungenen 3. Cinefonie-Tages am Samstag in Saarbrücken. In den ersten beiden Jahren hatte Veranstalter Jörg Mathieu, Herausgeber des Saarbrücker Filmmagazins „35 Millimeter“, seine Verbindung von Konzert und klassischem Kino erst ins Kino Achteinhalb und dann ins Saarbrücker Filmhaus gebracht; diesmal zog er ins Garelly-Haus in die Eisenbahnstraße, wo abwechselnd die Musik im Erdgeschoss spielte und die Filme im ersten Stock liefen. Etwa die selten gezeigte Stummfilmperle „The Wind“ von Victor Sjöström, einem schwedischen Filmemacher (1879-1960), der auch in Hollywood gearbeitet hat. Stummfilmexperte Günter A. Buchwald begleitete das schicksalssatte Werk von 1928, in dem eine Frau (Lillian Gish) in einer lebensfeindlichen Natur strandet und dort ebenso mit der Männerwelt zu kämpfen hat.  Buchwald agierte überwiegend in klassischer Stummfilmmusik-Manier, mit pianistisch hoher Schlagzahl – doch in manchen Sequenzen legte er den Schalter am Keyboard um und untermalte Bilder eines dramatischen Sandsturms mit schrillen elektronischen Tönen, ließ es wabern und kreischen – ein schöner Kontrast und ein imposanter Film, der den Beginn des Cinefonie-Tages wieder aufnahm: Er hatte mit einer Lesung des Filmwissenschaftlers Jens Dehn aus seinem Buch „Film can be Art“ über den Regisseur Sjöström begonnen, das Mathieu herausgegeben hat.

Cinefonie Günter A. Buchwald Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Musiker Günter A. Buchwald

www.stummfilmmusiker.de

 

Auch einen Einblick in die Medienpraxis gab es: Der Saarlouiser Musiker und Sounddesigner Sebastian Heinz stellte seine Arbeit vor, zeigte seine musikalische und klangliche Untermalung eines PC-Spiel-Trailers und demonstrierte, dass diese Arbeit technisch ein ziemliches Gefummel ist: 173 Tonspuren musste er befüllen, mit Schritten auf Gras, Explosionen, klirrenden Schwerten und allerlei mehr. Ein „Puzzle von 100 000 Teilen“ ist das, sagte er, und beim Soundesign habe man höchst selten den Luxus, solche Geräusche selbst aufzunehmen und zu bearbeiten – eher müsse man sich bei Soundbibliotheken greifen und die Funde wiederum bearbeiten, denn „man hat nicht immer das perfekte Material“. Und auch dem eigenen Ausdruck sind manchmal Grenzen gesetzt, berichtete er, gerade im „Imagefilm“, sprich Werbung, sei man weniger ein Künstler denn ein Dolmetscher, der ein Produkt emotional übersetzen müsse – ob nun einen Mülleimer oder etwa eine Dusche: Für eine solche musste Heinz einmal eine einprägsame Musik komponieren, wobei der erste Entwurf – eher intim und lyrisch – die Auftraggeber nicht überzeugte. Die zweite Fassung – mit episch-heroischem Hans-Zimmer-Rumms – wurde genommen. Heinz gefällt die erste Fassung besser, aber in solchen Situationen sei man eben Dienstleister.

http://www.heinz-sebastian.com/

Heinz hat eine Firma zusammen mit Markus Trennhäuser, auch bekannt als Rapper Drehmoment; der kümmert sich um die Produktion von Werbefilmen, die Heinz dann vertont. Trennhäuser sprach von der Schwierigkeit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen in einer digitalen Welt, die ohnehin schon reizüberflutet sei. Auffallen könne man da nur mit „gutem Storytelling“, orginellen Geschichten, von denen man hofft, dass sie sich im Internet verbreiten – „eine potenzielle Viralität“. Der technische und finanzielle Aufwand sei gar nicht so wichtig, „aber gerade im Saarland wissen das zu wenige“.

 

 

Cinefonie Sebastian heinz Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Sebastian Heinz und ein paar von 173 Tonspuren.

Cinefonie Markus Trennhäuser Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Markus Trennhäuser.

 

Danach ging es vom ersten Stock ins Erdgeschoss, wo der heimische Künstler Volker Schütz eine Wand mit Mustern bestrahlte und Im Namen des Volkes auftraten – und das war ein Vergnügen. Pochende, pulsierende, manchmal piepsende und quietschende Synthesizer-Musik, dazu die lässige Bühnenpräsenz dieses fulminanten Duos: Sänger/Keyboarder Matthias Schuster, mit wallendem Haarschweif, kämpfte ein wenig mit einem antiken Korg-Keyboard, versprach aber, „irgendwann mal einen Ton rauszukriegen“. Trautonia Capra spielte neben den Keyboards ein Theremin – jenes Instrument, das einem  halben Fahrradlenker mit Antenne ähnelt und dem die jaulenden Töne berührungslos per Handbewegung entlockt werden – gerne benutzt in Gruselfilmen der 50er Jahre bei Auftritten von Außerirdischen. Schuster freute sich an einigen satt donnernden Sounds („das ist aber fett“) und griff am Ende zu einem Blasinstrument, dem er mal ein Zischen, mal Trompetenverwandtes entlockte. Ein wundersamer Auftritt mit ein wenig Nostalgie (Schuster: „das nächste Stück ist von 1979, so alt sind wir schon“), viel Witz und unerwartet viel Wärme in dem synthetischen Setting.

Cinefonie Im Namen des Volkes Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Vorsicht, Blasinstrument von rechts: Im Namen des Volkes.

https://www.facebook.com/Im-Namen-Des-Volkes-127496800665598/

 

 

Danach hatte es das deutsche, Englisch singende Duo Lower Synth Department erst einmal schwerer mit einer etwas kühleren Elektro-Musik, die aber eine funktionale Pop-Eleganz ausstrahlte. Der Kontrast zwischen der herben Weltschmerzstimme von Sebastian H. und der wärmeren Intonation von Kyounmg-Hi R. (zeitweise auch am Bass) hatte durchaus seinen Reiz.

https://www.facebook.com/Lower-Synth-Department-143123642372556/

Cinefonie Lower Synthe Department Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Lower Synth Department

 

Musikalisch ging es nicht gänzlich synthetisch zu. Matt Howden, Geiger, Dozent, Studio- und Labelbetreiber war aus Shefield angereist, mit Violine und einem Effektgerät, das er mit den Füßen bediente. Kurze Motive nahm er auf, ließ sie als Dauerschleife laufen, legte neue daneben, fiedelte sich langsam in Eksase  und knüpfte sich einen mal flauschigen, mal eher struppigen Klangteppich, wandelte mit seinem Instrument ins Publikum hinein – ein herzerwärmender Auftritt mit stimmlicher Melancholie, die zumindest von daher bisweilen an Bands wie The Blue Nile oder It’s Immaterial erinnerte. Howden, der sein violinistisches Solo-Projekt Sieben nennt, spielte einige frisch komponierte Stücke, eines davon gerade drei Tage alt – kein Wunder, dass er da mittendrin abbrach, um in sein Notizbuch zu schauen, wie es denn nun weitergeht. Ein famoser Aufritt mit hypnotischen Momenten.

www.matthowden.com

Cinefonie Matt Howden Sieben Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Matt Howden alias Sieben.

 

Etwas Warmlaufzeit brauchte man bei Siegfrid Kärchers „Gedanken zum Film ‚Metropolis‘“. Während hinter dem Künstler collagenhaft Momente aus Fritz Langs Film projiziert wurden, mit Menschenmassen, die in unterirdischen Fabriken zur Arbeit trotten, drehte und drückte Kärcher an allerlei blinkenden Tasten und Rädchen, ließ es wummern, wabern, dröhnen – das wirkte anfangs wie eine Mischung aus Improvisation und Technik-Test, hatte er doch, wie er sagte, ein Instrumentarium vor sich, das gerade erst vor drei Tagen aus Japan angekommen sei. In der zweiten Hälfte des Programms bat er Sängerin Pia Lamusica und Trautonia Capra von im Namen des Volkes dazu – Thereminklänge, wummernde Elektronik und Lamusicas starke Stimme, die Texte aus dem Film in Englisch deklamierte, schraubten sich kraftvoll hoch zu dramatischer Theatralik.

http://siegfried-kaercher.de

Cinefonie Siegfried Kärcher Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Siegfried Kärcher

 

Der  Tag im Garelly-Haus ging mit der heimischen Band Control um Stefan Ochs, Architektur-Professor an der HTW Saar, zu Ende. Ochs, Schlagzeuger Vincenzo Gangi, Bassist Dirk Mauel und Gitarrist/Keyboarder Stefan Strauss führten mit Coverversionen der Band Joy Division zurück in die späten Siebziger und frühen Achtziger, als der Punk an sich tot war, seine Energie sich aber in minimalistisch-rumpeligen New Wave-Klängen kanalisiert hatte. Ein nostalgieseliger Auftritt mit viel Energie und lässiger Bühnentheatralik von Ochs, der zwischendurch das Hemd wechselte und sich nach besonders lebhaften Tanzbewegungen im eckigen Ian-Curtis-Stil kräfteschonend hinkniete.

http://www.control-division.com/

 

Cinefonie Control Foto: Tobias keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Control

Ein guter langer Kino- und Musiktag zwischen Konzert- und Werkstattcharakter war das, bei dem man in den Räumen immer genug Auslauf hatte – denn der Brandschutz verlangt, erklärte Mathieu, dass nicht mehr als 99 Menschen sich im Garelly-Haus aufhalten. 2018 steht ein neuer Standort an: die eli.ja – Kirche der Jugend in der Hellwigstraße.

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm „Flying Clipper“

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm "Flying Clipper"

 

Was für ein Zeitdokument – und was für Farben! Das Blau des Meeres leuchtet, das Weiß des Segelschiffs strahlt, und angesichts des knalligen Rots eines Rennwagens in Monaco möchte man zur Sonnenbrille greifen. „Flying Clipper“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962, der auch mit 55 Jahren noch spektakulär ist: Zwei Regisseure und vier Kameramänner haben mit eigens konstruierten 70-Millimeter-Kameras die Reise eines schwedischen Schulschiffs begleitet, von der Nordsee bis zum Nil.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film (mit Ouvertüre und Pausenmusik!), der jetzt fürs Heimkino erscheint und eine Entdeckung ist: Weil die Bilder durch das hochauflösende Filmformat kristallklar wirken, aber vor allem durch den Zeitgeist, der den Film durchweht. Der Massentourismus lag in weiter Ferne, Erzähler Hans Clarin beschwört weihevoll „die Sehnsucht nach dem Süden“, nach Rhodos, Capri und den Pyramiden, „aber für viele Menschen wird diese Sehnsucht lebenslang ein Traum bleiben“. Es gab eben noch keine Billigflieger.

„Beirut, das Paris des nahen Ostens“

Keine Darsteller im strengen Sinne gibt es, man verfolgt die Arbeit der Matrosen und des Kapitäns, sie „segeln hart am Wind“, wie Clarin intoniert, und gemeinsam erreicht man unter anderem Nazaré, Barcelona, „Beirut, das Paris des nahen Ostens“, „den Libanon mit seinen Zedern“ und auch Afrika, „den schwarzen Erdteil“. Da fühlt man sich als Zuschauer bisweilen wie ein Entdecker, der als erster den Fuß auf fremde Kontinente setzt. Manchmal hat der Film seine Längen, aber immer wieder gelingen fantastische Bilder: etwa die Starts von Maschinen auf einem US-Flugzeugträger und die Aufnahmen vom Straßenrennen in Monaco. Am Ende, im Heimathafen, wird Erzähler Clarin melancholisch; die Welt sei so hektisch geworden, dass solche Segelschiffe wie die „Flying Clipper“ von gestern seien. Da will man sich seinem finalen weihevollen Wunsch vollen Herzens anschließen: „Möge sie bestehen bleiben, die edle Seefahrt unter weißen Segeln.“

Bonus:

Interviews mit Jürgen Brückner, Kameramann und Verleiher (30 Min.), Herbert Born, Inhaber des Schauburg-Kinos in Karlsruhe (11 Minuten) und Marcus Vetter, Theaterleiter und Vorführer in der Schauburg (14 Minuten).

Aushangfotos

Trailer

Erschienen bei Busch Media Group.

 

Dominique Goblets Comic „So tun als ob heißt lügen“

 

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-VerlagDominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-Verlag

 

Was für ein Angeber. „Mein Nachbar vergöttert mich“, trompetet der Mann mit dem Seepferdschnurrbart; sein Hund habe ihn auch vergöttert (bevor er ihn einschläfern ließ, weil er „durchdrehte“); und die Ex-Kollegen von der Feuerwehr, die lieben ihn bis heute, sagt er und fläzt sich mit Schmerbauch aufs Sofa. Es ist also kein leichter Nachmittag für die Tochter des Mannes, die ihren Vater zum ersten Mal seit vier Jahren wiedersieht, begleitet von ihrer kleinen Tochter. Die hat den Opa zwar noch nie getroffen, stellt aber die naheliegende Frage: „Wieso hast Du deinen Papa so lange nicht gesehen, Mama?“

Es ist eine schwierige Familiengeschichte, die die belgische Künstlerin Dominique Goblet (50) hier erzählt – es ist, im Großen und Ganzen, ihre eigene. Um die zerbrechende Ehe der Eltern geht es, um die Auswirkung auf die Eheleute und vor allem auf die Tochter. Sie ist als Kind im Innersten erschüttert und wird es wieder sein, als sie sich verliebt – aber betrogen wird.

Verliebtheit und Alltag

Goblet kleidet diese Geschichte in unterschiedliche Stile. Einmal, weil sie verschiedene Zeitebenen und auch Gefühlszustände illustriert; aber auch, weil sie über einen Zeitraum von zwölf Jahren an dem Band arbeitete und sich der künstlerische Zugang über die Zeit wohl verändert hat. Mal sind  sepiacolorierte Kohlezeichnungen zu sehen, mal uncolorierte Bleistiftzeichnungen mit fein ausgearbeiteten Details, mal mit ausholenden Schraffuren.  Das Gefühl frischer Verliebtheit und Intimität fangen die Bildfolgen ebenso atmosphärisch wie Motive eines vor sich hin schleichenden Alltags, wenn ein Hund einige Bilder lang über einen Hinterhof schleicht und am Himmel ein Jet vorbeizieht.  Aus der Vergangenheit der Hauptfigur steigen immer wieder fast körperlose Gestalten wie böse Geister hervor, Rückblenden führen in diese angeschlagene Kindheit, aufgerieben zwischen zwei kreuzunglücklichen Eheleuten, in der das Vertrauen in die Welt schwindet, die Angst vor der Lüge wächst und sie auch begleitet, als Dominique längst eine erwachsene Frau ist – und ihr neuer Freund noch von seiner alten Flamme erwärmt wird.

Der Comicband  ist dabei weder Psycho-Nabelschau noch Seelenpein-Grau-in-Grau (beziehungsweise -Sepia), sondern eine ästhetische Freude mit einer anrührenden und abwechslungsreichen Optik. Am Ende weichen die Zeichnungen und Sprechblasen mehrfarbigen, grob gepinselten Farbseiten mit einzelnen Sätzen – der Nebel aus alten Ängsten scheint zu verfliegen, das Leben klart sich auf.

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Avant-Verlag, 148 Seiten, 29,95 Euro.

www.avant-verlag.de

 

Blick in eine selige Videothek

Sie gibt es nun schon ein paar Jahre nicht mehr, die Videothek in der Bleichstraße in Saarbrücken. Schade drum, es war immer ein schöner Ort zum Herumschauen, Schnäppchenkaufen und Zeittotschlagen – man muss sie vermissen.

Die Fotos stammen aus dem Dezember 2012.

 

 

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

 

 

 

„Winnetou“ als Live-Hörspiel in Saarbrücken

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Philipp Weigand (links) und  Thomas L. Dietz. Foto: Martin Kaufhold /Staatstheater

„Winnetou“ als Live-Hörspiel in der Alten Feuerwache von Saarbrücken.
Nach dem Roman von Karl May, Fassung von Eike Hannemann und Katja Prussas.
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Eike Hannemann

 

Ja, natürlich erklingt sie, Martin Böttchers unsterbliche „Winnetou“-Sehnsuchtsmelodie aus den Filmen der 60er Jahre. Doch hier wird sie schräg geflötet, ironisiert, zerschreddert: Denn diese Live-Hörspiel-Bearbeitung von „Winnetou“ bürstet des Indianers wallendes Haar wonnig gegen den Strich. Es ist ein vergnüglicher Donnerstagabend in der Alten Feuerwache, mit Lust am Spiel und am Nonsens, eine helle Freude mit ein paar dunkleren Untertönen – wenn der Autor Karl May (1842-1912) über die Begriffe „Rasse“ und „Blut“ sinniert.

Wie beim Flohmarkt wirkt die Bühne. Zwischen Eimern und einer Kochplatte steht „Das große Buch der Indianer“, ein Reibeisen rostet neben einer Schreibmaschine, in Lederstiefeln stecken Vogelfedern – von hier aus führen Thomas L. Dietz und Philipp Weigand in den „Wilden Westen“, wie May ihn sich vorgestellt hat. Das Duo spricht mehrere Rollen, zimmert sich Klangkulissen  aus Wasser, Glasscherben und auch einigen Lauchstangen, die den Abend nicht überleben werden.

Dietz spricht vor allem den Erzähler May, der in der neuen Heimat zu Old Shatterhand wird, garstige Bleichgesichter trifft, aber auch Winnetou kennen/liebenlernt, für ihn „der beste, treueste und opferwilligste aller meiner Freunde“. Philipp Weigand übt sich für die Rolle des Sam Hawkins’ in angetrunkenem Sächsisch, während sein Winnetou eine klare, fast überartikulierte Diktion über die Steppe schallen lässt. Wer so edel ist, der nuschelt nicht.

Bestens eingespielt

Es ist ein Fest für die Darsteller, die auch zur Gitarre greifen (Dietz) oder sich an den Flügel setzen (Weigand, wie gerade auch in Jelineks „Licht im Kasten“). Bestens eingespielt ist das Duo, ist diese Aufführung doch seit einigen Jahren feste Bank am Staatstheater Nürnberg, von dem Weigand gerade nach Saarbrücken gekommen ist. Ab und an werfen sie sich wissende Blicke zu, als freuten sie sich gemeinsam auf die nächste Pointe. Gewedelte Blätter imitieren Vogelgeflatter, ein zerbröselnder  Bastkorb ein prasselndes Lagerfeuer. Die Darsteller nehmen diese Geräusche auf, spielen sie als Dauerschleife ab – der Klangteppich für ganze Szenen, die sie dann wieder mit einzelnen Geräuschen garnieren: am drastischsten das Herumstochern in einem Kürbis, das das Zerfleischtwerden durch einen Grizzly imitiert. Ein garstig schöner Einblick in die Kunst des Geräuschemachens.

 

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Philipp Weigand Foto: Martin Kaufhold

Atmosphärisch führt das den Zuschauer/Zuhörer in selige Kindertage zurück, als man in solche Hörspiel-Klangwelten mit Haut und Haar abtauchte – sinnigerweise steht  eine alte Schallplatte des legendären „Europa“-Labels auf der Bühne: „Winnetou III. 1. Folge“. Ab und an unterbricht ein kleiner Info-Einschub die Handlung: Dietz doziert durch einen antiken Lautsprecher, Weigand spielt dazu am Klavier, und man erfährt etwas  über den Grizzly als solchen, den Kampfschrei der Indianer und über die Ernährung im Wilden Westen – zu viel Eiweiß durch zu viel Fleisch.

„Bromance“

Ein Aspekt der Vorlage, der in den subtextfreien Verfilmungen nicht zu spüren ist, wird hier überdeutlich: Wie fließend ist die Grenze zwischen innigster Männerfreundschaft und Erotik? Die Darsteller spielen das besonders lustvoll aus, als Shatterhand dem gefangenen Winnetou die Fesseln durchschneidet: Mit viel Ohhh und Ahhh, Ächzen und Seufzen wird die Szene fast bis zum hormonellen Bersten erotisch aufgeladen. Kein Wunder, dass kurz auf das Paar Sissi/Franzl angespielt wird. Das Herz von Winnetous Schwester pocht wohl vergeblich für Shatterhand, der, wie er sagt, Winnetou gleich beim ersten Blick „lieb gehabt hat“.

 

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Thomas L. Dietz Foto: Martin Kaufhold

Ein grandioser Jux ist dieser Abend, aber dankenswerterweise nicht nur. Bei der Textbearbeitung haben Katja Prussas und Eike Hannemann (auch Regie, Bühne und Kostüme) einige Widerhaken verankert, indem sie heute durchaus befremdliche Passagen Mays übernahmen.   Er habe „die Roten kennen gelernt“, berichtet May/Shatterhand, und Winnetou sei „ein echter Typus dieser Rasse“. Als er die Schönheit von Winnetous Schwester beschreibt, lobt er, „von indianisch vorstehenden Backen­knochen“ sei „keine Spur“, „die feingeflügelte Nase“ hätte eher etwas Griechisches. Da passt es auch, dass die Indianer mit Klekih-petra bizarrerweise einen weißen deutschen Vordenker/Stammesintellektuellen haben. „Ein Deutscher!“ – sicher ist sicher. Am Ende bezeichnet Shatterhand die Apachen immer noch als „Wilde“ – und denkt sich nichts dabei. Guter Wille in Sachen Völkerverständigung und ein Denken in Rassen-Rastern schließen sich nicht unbedingt aus – was man ja auch, vielleicht zielt das Stück darauf ab, bei sich selbst überprüfen kann.

Termine: 8. und 28. Oktober, 4. November., 2. Dezember.
Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

 

https://www.staatstheater.saarland/

 

Schöne Ausgrabung: „Alexander, der Lebenskünstler“ erstmals auf DVD

Pidax Film Alexander der Lerbenskünstler Philippe Noiret

Keine schlechte Ernte für Alexandre (Philippe Noiret), aber glücklich ist er nicht. Foto: Pidax

„Alexander, der Lebenskünstler“ von Yves Robert

 

Was ist das für ein schönes Frankreich, das sich dieser Film erträumt: Ein süßer Hund hechelt in einer blühenden Wiese, umspielt von zartem Wind und umflort von einem charmanten Chanson. Man kennt und mag sich in diesem Dorf, die böse Großstadt ist weit weg, in der Kneipe sitzen gemütliche Franzosen und trinken Wein, der fast so rot leuchtet wie ein 2CV, der um die Ecke tuckert.

Ein ruhiges Paradies also, nur nicht für den Landwirt Alexandre (Philippe Noiret). Denn der leidet an und unter einer Gattin, die ihn von morgens bis nachts antreibt und auf dem Feld sogar per Funk überwacht. Seine gelegentlichen Rebellionsversuche verpuffen ohne Wirkung – es rettet ihn nur der Unfalltod der Gattin in ihrem schneeweißen Citroen DS. Mit verträumtem Lächeln flaniert der Witwer nun hinter dem Sarg her und beschließt die kommende Lebensplanung: nach zehn Jahren dröger Ehe erstmal auszuschlafen und danach so selten aus dem Bett auszusteigen wie menschenmöglich. Den Dörflern sagt er: „Ich muss mich von Euch erholen!“

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

Tut er’s? Alexandre (Philippe Noiret) und seine Angebetete (Marlène Jobert). Foto: Pidax

 

Wie gut, dass sein hochbegabter Hund ihm das Essen bringt. Das könnte nun das Paradies sein. Aber Alexandres Weltverweigerung bringt das scheinbar stabile Dorfleben ins Wanken – was, wenn das jeder täte? Die Angst vorm kollektiven Zusammenbruch ist groß – und der Neid der Dörfler spielt auch mit, denn Alexandre kann sich die Frührente leisten, hat er mit seinem großen Hof doch über Jahre eine reiche Ernte eingefahren.

Die Riegelsberger DVD-Firma Pidax, Spezialist für nostalgische filmische Ausgrabungen, hat hier eine besondere Perle gefunden: „Alexandre, der Lebenskünstler“. Regisseur Yves Robert, der auch den Klassiker „Krieg der Knöpfe“ inszeniert hat, drehte diesen Film 1968, was durchaus passt. Von einem hippiesken Generalstreik erzählt er mit leichter Hand, Hintersinn und viel Situationskomik: Das Heranpirschen der Dorfbewohner an den Frührentner, der mit seiner alten Schrotflinte droht, wird zu einer köstlichen Kriegsfilm-Parodie mit dem jungen, damals noch wenig bekannten Pierre Richard  („Ich war in Indochina dabei!“ – „Aber doch nur in der Küche“); langsam stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft nicht ganz so gallisch-solidarisch ist wie gedacht. Einer zugereisten jungen Frau (Marlène Jobert) schlägt vor allem seitens der Dorfdamen viel Misstrauen entgegen, zumal sie das Herz des Lebenskünstlers gewinnt. Wie diese Romanze ausgeht, soll nicht verraten werden – aber man kann diesem lässig dahinfließenden und sonnig bebilderten Film durchaus eine Skepsis gegenüber Frauen attestieren.

 

DVD erscheinen bei Pidax.
Der Film liegt in der ungekürzten Fassung vor. Eine in Deutschland einst geschnittene Szene ist jetzt eingefügt, im Original mit Untertiteln.

 

http://www.pidax-film.de/

 

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

 

„Savage“, das neue Album von Gary Numan

Gary Numan Savage BMG

Gary Numan, der Vermummte. Fotos: BMG

„Savage“ heißt das neue Album von Gary Numan, der damit seinen vierten (oder gar fünften? sechsten?) Frühling erlebt. Ein Blick auf das Album, aber ersteinmal auf eine kuriose und schwierige Karrriere. die eigentlich schon vor 36 Jahren totgesagt wurde.

Die Vorgeschichte

Saarbrücken Wahrscheinlich versteht er die Welt gerade selbst nicht mehr. In seiner Heimat England häufen sich die Interviews, einen Songwriter-Preis hat er bekommen, und die neue CD „Savage“ wird Gary Numan wohl den ersten Top-10-Einstieg in die britischen Album-Charts seit 35 Jahren (!) bescheren. (Kleine Aktualisierung – das Album ist auf Platz 2 eingestiegen.)

Nicht schlecht für jemanden, der über viele Jahre als Hass- wie Witzfigur galt und eine beispiellose Zickzack-Karriere erlebte, bei der man etwas ausholen muss: 1978 ist Gary Numan ein 20-jähriger Südlondoner, der von der Popkarriere träumt und auf seiner Gitarre Punk-Akkorde herunterschrubbt, um dem aktuellen Zeitgeist einen Plattenvertrag abzutrotzen. Das gelingt, und Numan lässt Ideologie und Stil des Punk schnell hinter sich, als er in einem Hinterhof-Studio einen Synthesizer entdeckt. Dessen düstere Klangfarben verbindet er mit Gitarren und seiner ungewöhnlichen, leicht metallischen Stimme, singt von Maschinen, Entfremdung, Vereinsamung und trifft offensichtlich einen Nerv: Die Single „Are friends electric“ erreicht 1979 Platz 1 in England, gefolgt vom Elektronik-Klassiker „Cars“, und macht Numan zu einem bizarren Popstar: Ein unsicherer Einzelgänger, mal schüchtern, mal großspurig, der sein schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder bei bombastischen Shows voller Neonlicht und Nebelschwaden verpulvert und sich selbst auf der Bühne hinter großen Gesten und schwarzen Kostümen versteckt. Die öffentliche Aufmerksamkeit und die Attacken der wenig zimperlichen englischen Presse, die an seiner Musik kein gutes Haar lässt, setzen  Numan so zu, dass er sich zwei Jahre nach dem Durchbruch theatralisch vom Tourneeleben verabschiedet. Danach widmet er sich einer Haartransplantation, macht einen Pilotenschein und fliegt um die Welt – in Indien wird er wegen Verdachts auf Spionage verhaftet.

Numan Savage BMG

Numan aktuell beim Videodreh zur Single „My name is Ruin“.

Die schwierigen Jahre

Kleinlaut steht er zwei Jahre nach dem Konzert-Abschied wieder auf der Bühne, auch um sinkende Verkäufe anzukurbeln – den künstlerischen und kommerziellen Gipfel erreicht er nicht mehr. Die 80er und halben 90er bestreitet er vor stetig schrumpfender Publikumskulisse, mit mal gelungenen, mal desaströsen Alben, in denen er seine kühle Elektronik auch mit Funk und dezentem Jazz zu verbinden sucht. Die großen Ideen sind fern, in den Medien gilt Numan mit seinen Kostümierungen, mal blondiert, mal weißgekalkt, und seiner Bewunderung für die konservative Premierministerin Margaret Thatcher als Witzfigur.

Numan schmollt, verkracht sich konsequent mit Plattenfirmen und zählt die Schulden, die ihm das eigene zügig bankrotte Plattenlabel eingebracht hat – als Künstler hatte er unter anderem seinen Bruder, ein ehemaliges Bond-Girl und einen Rennfahrer unter Vertrag genommen. Neben der eigenen Musik verdingt er sich einige Jahre mit Kunstflug-Veranstaltungen in seiner Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch Ende der 90er beginnt eine überraschende Renaissance: Bands wie die Foo Fighters oder die Smashing Pumpkins zitieren ihn als Einfluss, Tribut-Alben erscheinen, seine alte „Are friends electric“-Single wird in einer Version der Sugababes noch einmal eine englische Nummer 1.  Numan, dank dieser Tantiemen wieder schuldenfrei, wittert auch künstlerisch Morgenluft. Zwischen 1994 und 2006 erscheinen vier Alben, die an alte Glanztaten nicht direkt anschließen, die Numan aber eine Nische einrichten zwischen den Bands, die er damals beeinflusste und von denen er sich mittlerweile inspirieren lässt. „Splinter“ erreicht als erstes Album seit 1983 (!) die britischen Top 20 (wenn auch nur für eine Woche).

 

Gary Numan Savage

Verschnaufpause: Numan beim Dreh zu „My name is Ruin“ mit seiner Tochter Persia, die auf dem Stück auch mitsingt.

Das neue Album

Heute wohnt der 59-Jährige mit Frau und drei Töchtern in Los Angeles und geht regelmäßig auf Tournee: Mal mit den Hit-Alben von einst, mal mit neuer Musik. „Savage (Songs of a broken wo­rld)“ heißt nun das neue Album, laut Numan ein Konzeptalbum über die Welt nach dem Klimakollaps – textlich löst das Album das nicht ganz ein. Es bleibt vage, zumal bei Numan seit so manchen CDs die Welt untergeht, während sich im Hintergrund ein ungnädiger Gott ins Fäustchen lacht. (Warum der erklärte Atheist Numan so oft von Gott singt, wissen die, nunja, Götter).

Typische Songtitel wie „Broken“, „Bed of Thorns“ oder „When the world comes apart“ geben die Stimmung vor – mehr Moll geht kaum. Aber Numan und sein findiger Produzent Ade Fenton setzen diese Kompositionen des kollektiven Kollaps’  schlüssig und reizvoll in Szene: mit düster dröhnenden Synthesizern, tuckernden Rhythmusmaschinen, wuchtigen Donner-Gitarren und immer wieder überraschend eingängigen Refrains – so melodisch war der Weltuntergang bei Numan lange nicht. Auffällig sind viele orientalisch anmutenden Kompositionen; vor allem die erste Single „My name is ruin“, bei der Numan seine elfjährige Tochter als Sängerin eingeladen hat, weil sie die verschlungene Melodie besser trifft als er. Wirklich Neues bietet Numan nicht – aber so souverän war sein Händchen für dunkle Pop-Schönheit inmitten der großen Krise lange nicht.

Gary Numan: Savage (BMG).
Live: 25. 
10. Köln, 26. 10 Berlin.

 

http://www.afenet.com

https://de-de.facebook.com/GaryNumanOfficial

 

Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“ in Saarbrückens Alter Feuerwache

Elfriede Jelinek „Das Licht im Kasten“ Saarbrücken Alte Feuerwache Raimund Widra, Martina Struppek, Marcel Bausch, Lisa Schwindling und Philipp Weigand. Foto: Martin Kaufhold / Staatsheater Elfriede Jelinek Das Licht im Kasten

Raimund Widra und Lisa Schwindling. Foto: Martin Kaufhold / Staatstheater

 

Das Saarländische Staatstheater zeigt Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten. Straße? Stadt? Nicht mit mir!“ in Saarbrückens Alter Feuerwache.

 

„Seien Sie nicht zu früh entsetzt!“ Ironisch warnte Dramaturgin Simone Kranz bei der Einführung vor der Premiere. „Es kann sehr anstrengend sein, Elfriede Jelinek in ihrer Genialität zu folgen.“ Nun, der Freitagabend in der Feuerwache war weder anstrengend noch entsetzlich, sondern vergnüglich und witzig – auch wenn man dem Text nicht die erwähnte Genialität zuschreiben würde.

In „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ geht es, zumindest an der Oberfläche, um Mode, Modewahn, Modezirkus, Modeindustrie. Kein Drama im herkömmlichen Sinne, sondern eine gedankliche Stoffsammlung ohne konkrete Figuren; die Literaturnobelpreisträgerin spricht selbst von einer „Textwurst“. Bei deren Zubereitung auf der Bühne lässt sie den Theatern Freiheit. Die haben Regisseur Matthias Rippert und Dramaturgin Kranz genutzt, den Text um über die Hälfte gekürzt und ihm mehrere Figuren zugewiesen – Models, Modebewusste, Modeopfer, Modezaren und eine Frau, die man als das Gewissen des Ganzen deuten kann, eine Art Bühnen-Jelinek. Sie deklamiert, dass wir immer dasselbe wollen, „das Alte, aber ganz neu“. Ein Verkäufer verkündet einer Kundin das ästhetisch-gesellschaftliche Todesurteil: „In ihrer Größe gibt es das nicht mehr.“ Die Anatomie entscheidet, und Schlankheit geht über alles: „Nicht einmal beim Sterben erreiche ich mein Idealgewicht.“

Man weiß es

Pointiert sind diese Sätze, Dialoge, Gedanken – aber aufrüttelnd? Neu? Im Grunde weiß man das ja alles. Es ist, um im Bilde zu bleiben, ein alter Hut. Und ein Satz über die smartphoneversessene Generation wie „Die Jugend spricht nicht in Gesichter, sondern in Geräte“ ist eher pauschal kulturpessimistisch denn wirklich treffend. Bezöge sich das alles bloß auf die Mode und die textile Spaßgesellschaft, wäre der Text also etwas fadenscheinig. Tiefer greift er, wenn er die Mode als Zeichen einsetzt für die menschliche Sehnsucht, oft das sein zu wollen, was man nicht ist, so auszusehen, wie man es nun leider nicht tut. Man wird alt und vergeht, da hilft auch kein Designer-Leichenhemd. „Wir sind in uns eingeschlossen.“

Beim Verkünden dieser Botschaften vertraut Regisseur Rippert ganz auf die Sachkenntnis des Publikums. Wenn wir alle ohnehin wissen, dass wir vergänglich sind und uns auch die Mode nicht rettet, hilft auch kein tränenfeuchter Theaterabend – aber vielleicht ein beschwingter? Mit Lust an Inszenierung, auch am Jux? Es ist ein wonniger Abend der in Unterwäsche und Nylon leicht bekleideten Schauspieler; fünf von sechs sind frisch in Saarbrücken, und es ist eine Freude, ihnen zuzuschauen.

Herrlich gespielt

Marcel Bausch ist das einzige nicht neue Gesicht. Er trägt einen langen Zopf, der mitunter phallische Bedeutung gewinnt, staucht als Modezar ein Model zusammen, dem Zucker und Fett die Form genommen haben; ihm selbst geht es dabei aber gar nicht gut, denn er hat seinen liebsten Mantel verlegt, ausgerechnet den „körpernahen“, auch das noch. Für ihn ist Mode eine Frage von Leben und Tod, denn fair produzierte Textilien kann man sich nur leisten, wenn man sich nichts mehr zu essen kauft. Dann doch lieber Billiglöhne, Ausbeutung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen der anderen. Das nehmen wir ja jeden Tag in Kauf und verdrängen es.

Das alles wird in einem schlichten weißen Raum verhandelt (Bühne: Fabian Listz). Links ein tunnelartiger Eingang, der manchmal zur Schwelle zwischen Leben und Tod wird, rechts auf Bodenhöhe eine Batterie von Scheinwerfern, die ab und an wie Blitzlichter ihre Ladung kanonenartig verschießt.

 

Elfriede Jelinek „Das Licht im Kasten“ Saarbrücken Alte Feuerwache Raimund Widra, Martina Struppek, Marcel Bausch, Lisa Schwindling und Philipp Weigand. Foto: Martin Kaufhold / Staatsheater Elfriede Jelinek Das Licht im Kasten

Von links: Marcel Bausch, Verena Bukal, Martina Struppek und Philipp Weigand. Foto: Martin Kaufhold / Staatsheater

Wein-Heul-Wut-Anfall

Raimund Widra setzt komödiantische Glanzlichter mit einer ausufernden Körpersprache, er räkelt sich auf einer Bank raumgreifend angeberisch und erleidet später einen gnadenlos lang ausgespielten Wein-Heul-Wut-Anfall (Weltschmerz? Oder bloß Bauchschmerz?). Wie eine herrliche Pa­rodie auf hysterisches Kreisch-Theater wirkt das – mittendrin beginnt Widra zu trippeln wie ein Pferdchen, fast möchte man ihm eine Möhre reichen. Körperkomik bietet auch der rein mechanische Erotik-Exzess mit seiner Partnerin Lisa Schwindling. Da wackelt die Bank, Musiker Robert Pawliczek lässt dazu Volksmusik dudeln – Sex rettet uns also auch nicht. Martina Struppek gibt ein Mode-Opfer mit Tendenz zur Großmäuligkeit, das sich selbst noch als Asche in der Urne um die letzte Optik sorgt:  „Diese Schuhe musste ich mir einfach kaufen.“

Philipp Weigand, mit einem Rahmen aus Haaren ums Gesicht (Kostüme: Johanna Lakner)  mimt  einen glatten Modemenschen („Den Körper will ich haben, auch wenn ich krepiere“) und spielt am Klavier ein locker perlendes Medley aus „Sag mir, wo die Blumen sind“, „Let it be“ und „Götterfunke“ – die Untermalung eines Finales, das keines im strengen Sinne ist. Ratlosigkeit macht sich breit unter den Figuren, auch bei der Bühnen-Jelinek (Verena Bukal), die mehrmals betont, sie habe ja „auch keine Ahnung“ und sich auch über die eigene Arbeit lustig macht: „Warum habe ich das jetzt gesagt? Um zu zeigen, wie die Zeit vergeht. Sehr langsam.“

Endstation Warenkorb

Am Ende ist alles gesagt. „Mir sind jetzt auch die Begriffe ausgegangen“, heißt es da – nur zwei Möglichkeiten bleiben: das Anklicken von Produkten am PC, auf dass sich der Warenkorb füllt und der Körper kurzfristig die Glückshormone ausschüttet. Oder das blanke Entsetzen angesichts der banalen menschlichen Existenz. Mit großen Augen blickt die Quasi-Jelinek-Figur in die Welt, die sie nicht mehr versteht. Aber vielleicht bestellt sie ja auch noch etwas, wenn das Bühnenlicht erloschen ist. Es wäre banal, aber nur allzu menschlich.

Nächste Termine: 22., 23., 29. September, 4., 6., 10.  20., 27., 29. Oktober.

http://www.staatstheater.saarland

 

„Cracked Actor“, ein Live-Album von David Bowie

David Bowie Cracked Actor

Man könnte es natürlich zynisch sehen – die Vermarktungsmaschine läuft rund. Andererseits: Es gibt nur wenige Künstler, bei denen sich das Wiederveröffentlichen und/oder Ausgraben von Raritäten oder Obskuritäten derart lohnt wie bei David Bowie. Seit seinem Tod im Januar 2016, an den man sich immer noch nur schwer gewöhnen kann, sind viele neue Editionen alter Werke erschienen, Ende des Monats geht es weiter mit einer 11-CD-Box (oder wahlweise mit 13 Vinyl-Alben) namens „A new career in a new town (1977-1982)“: Sie enthält unter anderem seine legendäre sogenannte Berlin-Trilogie, als er im grauen Berlin (aber auch im schönen Montreux) an düsterer Elektronikmusik werkelte; dazu gibt es Single-B-Seiten und eine neue Abmischung des 1979er Albums „Lodger“ seitens des Produzenten und Bowie-Intimus Tony Visconti. Zumindest für beinharte Bowie-Fans ein obligatorischer Kauf.

Glam geht, Soul kommt

Bereits erschienen und mehr als empfehlenswert ist der Konzertmitschnitt „Cracked Actor – Live Los Angeles `74“, dessen Veröffentlichung etwas überrascht – gab und gibt es von jener US-Tournee, bei der „Cracked Actor“ aufgenommen wurde, doch schon ein Konzertalbum namens „David Live“.  Bowie hatte 1973 seine Bühnenfigur Ziggy Stardust mit großer Geste beerdigt und sich vom dröhnenden Glam-Rock jener Zeit mit einem beherzten Schritt wegbewegt: Amerikanischer Soul und Funk hatten es dem stets in alle Richtungen interessierten Bowie nun angetan, mit Bläsern, Backgroundsängern und Anzügen auf der Bühne statt Federboa und Plateausohlen. Doch seine Band war auf der folgenden US-Tour zu der Zeit von „David Live“ noch nicht gut eingespielt, und auch Bowie selbst war seiner Kokainsucht wegen nicht in guter Form – er äußerste sich später meist verächtlich über das Album „David Live“: Das „Live“ im Titel sei höchstens theoretisch.

„Space Oddity“, aufgedonnert

Das Doppel-Album „Cracked Actor“ nun wurde im späteren Verlauf der Tour aufgenommen, am 5. September 1974, und ist ein furioses Konzertalbum, nicht nur im Vergleich zu Bowies recht sterilem Live-Nachfolger „Stage“ (1978). Hier brodelt und vibriert es. Bowie, das blasse halbe Hemd aus London, wirft sich dem Soul an die Brust, begleitet von knackigen Bläsern und einer famosen Rhythmusgruppe. Stücke aus der „Ziggy Stardust“-Phase wirken hier größer, bunter, verspielter. Er spendiert „Jean Genie“ ein spannungsreiches Intro mit jazzigem Bass; die Ballade „Space Oddity“, im Original eher karg, wirkt hier eine Spur zu aufgedonnert, während „Cracked Actor“,  Bowies bitteres Stück über Alter, Macht und Sex, gleichzeitig rockt und swingt. In die Ballade „It’s gonna be me“ wirft er sich mit ganzer Intensität hinein. Kaum zu glauben, dass er drei Jahre später musikalisch und örtlich ganz woanders war und im Schatten der Berliner Mauer mit Synthesizern experimentierte. Die 70er Jahre waren eben seine größte Zeit.

David Bowie: Cracked Actor – Live Los Angeles `74 (Parlophone).

 

David Bowie Cracked Actor

 

http://www.davidbowie.com

 

Leben im Schatten von „Star Wars“ – die Doku „Elstree 1976“

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

Die klassische Stormtrooper-Montur. Fotos: Busch Media

 

Die Welt ist eben ungerecht. „Mein Gesicht war immerhin im Film zu sehen“, wundert sich Schauspieler Angus MacInnes, „aber er hingegen hatte doch einen Eimer über dem Kopf.“ Warum also ist Jeremy Bulloch, der in „Star Wars“ den maskierten Kopfgeldjäger Boba Fett spielte und nie sein Gesicht zeigte, bei den lukrativen Fan-Conventions beliebter als MacInnes, der immerhin einen todesmutigen Piloten auf der Seite der Guten spielte?
MacInnes versteht es nicht, hat es aber wohl akzeptiert. Das ist das Thema der Doku „Elstree 1976“ (benannt nach dem Studio nahe London, wo der Film enstand): Wie gehen die Kleinstdarsteller und Statisten damit um, zwar Teil des Phänomens „Star Wars“ zu sein, aber dennoch nur, wenn überhaupt, ein kleines Licht am Kinofirmament?

 Kein nostalgieseliger Fan-Film

Wer bei „Elstree 1976“ auf Anekdoten hofft, wie es damals so war mit Harrison Ford oder Alec Guinness, der wird  enttäuscht sein: Dies ist kein nostalgieseliger „Star Wars“-Fan-Film. Zwar gibt es Erinnerungen etwa an die bizarre Schauspielerführung seitens Regisseur George Lucas, der zu einem Darsteller sagt, er solle einen Außerirdischen einfach so spielen, wie die im Kino halt so gespielt werden. Vielmehr geht es Regisseur Jon Spira um wendungsreiche Biografien, um enttäuschte Lebensträume, mal um spätes Glück, mal um konstantes Pech. Entsprechend bittersüß und melancholisch ist dieser Film, der bei uns jetzt auf DVD erscheint.

 

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

Von Lucasfilm und Disney verstoßen

Da ist etwa Darsteller Paul Blake, der einst in giftgrüner Gummimaske einen Außerirdischen namens Greedo spielte, den Harrison Ford umgehend erschoss. „Macbeth“ habe er am Theater gespielt, aber auf seinem Grabstein werde wohl „Hier liegt Greedo“ stehen, vermutet Blake und sagt, das wäre ja auch wundervoll; nur glaubt man ihm das nicht so ganz. Darsteller/Musiker Laurie Goode nimmt für sich in Anspruch, jener „Star Wars“-Soldat gewesen zu sein, der in einer Szene versehentlich mit dem Kopf gegen eine Schleuse läuft. Er erzählt von jahrelanger Valium-Abhängigkeit und davon, dass er ein großes, ein ganz großes Buch/Drehbuch in der Schublade hat. Er kann einem leid tun. (Autogramme kann man bei ihm übrigens für 15 Pfund bestellen). Der bekannteste Darsteller in der Doku ist David Prowse, der dem bösen Darth Vader zumindest die Statur lieh, aber nicht die Stimme – er wurde synchronisiert. Prowse hat sich öffentlich über mangelnde Gewinnbeteiligung beklagt – heute ist er beim „Star Wars“-Rechte­inhaber Disney persona non grata.

„Das sind doch nur Kleiderständer“

Bei den Fan-Conventions kommen sie alle zusammen, geben gegen Honorar Autogramme, manche verdienen hier gutes Geld: Sie habe nun zum ersten Mal ein eigenes Haus, sagt eine Kleindarstellerin, die kurz in einer „Star Wars“-Kantinenszene auftrat; ein anderer Statist erträgt die Conventions nicht lange. Zu absurd sei  es, angehimmelt zu werden für die Arbeit eines einzigen Drehtages vor 41 Jahren. Auch gebe es hier eine schmerzhafte Hierarchie zwischen den Darstellern mit einem Satz Dialog und denen ganz ohne. So sagt selbst Prowse, der Vermummte und Nachsynchronisierte, über die dialoglosen Kollegen: „Das sind doch nur Kleiderständer“, als wäre es eine andere Kaste.

Entwaffnend pragmatisch sieht es Jeremy Bulloch alias Boba Fett, der ohne Helm ein wenig aussieht wie Loriot. Der 72-Jährige nimmt immer mindestens 25 Buntstifte für das Signieren von Fotos mit und nennt das Ganze einen „einvernehmlichen Austausch von Gefälligkeiten“. Es scheint, dass ihn die Zuneigung bei den Conventions stählt für den Alltag eines alternden Schauspielers. Er tritt ansonsten in Werbespots auf.

„Elstree 1976“ ist auf DVD/Blu-ray bei Busch Media Group erschienen.
Bonus: längere Interview-Passagen und ein Rundgang durch eine Elstree-Halle- Leider wurde der Audiokommentar des Regisseurs von der britischen DVD nicht übernommen.

 

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

 

https://www.facebook.com/elstree1976/

« Ältere Beiträge

© 2017 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑