KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

„Ein Schock nach dem anderen“ – Kinoanzeige von 1966

Ein bisschen Nostalgie mit wunderbaren Werbesätzen:

„Der explosive Höhepunkt der skandinavischen Lustspielerfolge“ (Ingmar Bergman wird es wohl nicht sein)

„Ein Schock nach dem anderen“

„Menschen werden zu Bestien“

„Hinter den bunten Fassaden der leichten Liebe!“

„Von den Gangstern gefürchtet, von den Frauen geliebt“.

Die Kino-Anzeige stammt aus dem Jahr 1966.

 

Wie geht es den Filmarchiven der Großregion? Eine Tagung in Saarbrücken

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Das Gedächtnis löst sich auf, Erinnerungen verblassen  und kommen nie wieder – begreift man die Filme der Vergangenheit als kollektives Gedächtnis, als kulturelles Erbe von Menschen und Regionen, dann droht uns eine große Amnesie, eine kulturelle Demenz. Denn das filmische Erbe ist bedroht: Selbst unter idealen archivarischen Bedingungen, was Temperatur und Luftfeuchtigkeit angeht, altert und verfällt Filmmaterial. Umso schneller bei der leider üblicheren Unterbringung in nicht-idealen, weil unterfinanzierten Archiven; oder, im Falle privater Filmschätze, in feuchten Kellern und auf staubigen Dachböden, wo Filmdosen vor sich hin rosten oder irgendwann im Müll landen und verloren sind.

Was tun mit dem Filmerbe? Wie archivieren? Und wie finanzieren?  Damit hat sich nun eine Saarbrücker Tagung beschäftigt, organisiert vom Saarländischen Filmbüro, der Uni Saarbrücken und dem Saarländischen Kulturministerium. Im Saarbrücker Schloss stellten Experten aus der Großregion den Stand der Dinge in Sachen Archivierung vor – und dieser Stand könnte je nach Land, Region und Stadt unterschiedlicher kaum sein. Das machte Andrea Wurm von der Uni Saarbrücken gleich in der Eröffnung deutlich: Während etwa Luxemburg in seinem „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA) alles zentral sammele und aufbereite, geschehe dies zum Beispiel in Belgien nur verstreut in verschiedenen Institutionen; das mache es schon grundlegend schwer, passende oder interessierte Ansprechpartner zu finden (so war bei der Tagung auch kein Referent aus Belgien anwesend).

Im Saarland gebe es, erklärte Wurm, das gemeinsame Archiv von Saarländischem Rundfunk und Südwestrundfunk, aber kein offizielles saarländisches Archiv, wenn auch einen privaten Verein. Und das Landesarchiv habe so gut wie keine Filme im Bestand. Wurms Fazit: Innerhalb der Großregion fehlen die Verbindungen zwischen Archiven und zentrale Anlaufstellen. „Wer sich informieren will, muss sich durch viele Institutionen wühlen.“ Aber Wurm hofft langfristig auf „ein Filmarchiv der Großregion“, dessen Anfang (neben dieser Tagung) das EU-Projekt „Digitale Steine“ machen soll, das noch bis 2019 läuft – beginnend mit dem Schwerpunkt Industriekultur, die die gesamte Großregion miteinander verbindet.

„Die Lage könnte besser sein“

Wie schwierig schon das Sichten von Bestand sein kann, zeigt sich, wenn etwa die Forbacher Médiathèque 100 Kurzfilme und Dokus vor allem über den Bergbau besitzt, aber kein Abspielgerät mehr für das betagte U-Matic-System. Um die Filme überhaupt einmal zu sichten, müssen die Filme zu Kollegen nach St. Avold gekarrt werden. „Die Lage könnte besser sein“, sagte auch diplomatisch Thomas Grand von der Kulturinstitution Image’Est mit Sitz in Épinal – zwei Jahre habe man gebraucht, um das Geld für einen ordentlichen Filmscanner zusammenzukriegen. „Wenn wir Material digitalisieren wollen, brauche wir Gelder, die wir nicht haben.“

 

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Grand sprach auch über die Forschungen von Nadège Mariotti von der Unversité de Lorraine: Seit vier Jahren klappert sie Archive der Region ab und versucht, einen Katalog über Lothringer Bergbaufilme zu erstellen – ein mühseliges Unterfangen.

Wie paradiesisch Archivzustände sein können, dank staatlicher Unterstützung, zeigte der Vortrag von Mélina Napoli vom „Institut national de l’audiovisuel“ (INA): Das öffentlich-rechtliche französische Unternehmen, 1975 gegründet, sammelt und digitalisiert alle französischen Radio- und TV-Produktionen. 1000 Menschen in sechs Städten sind damit beschäftigt. Zwei Millionen Sendestunden sind digitalisiert, die das INA teilweise kommerziell auswertet: TV- und Radioproduzenten können Material für eigene Sendungen kaufen. Aber es gibt auch frei zugängliches und kostenloses Material, 50 000 Stunden und 1,2 Millionen Fotos. Das INA bespielt mit Archiv­häppchen die sozialen Netzwerke (800 000 Facebook-Fans, 45 000 Follower auf Instagram). Der meistgeklickte Clip ist eine Reportage von 1958 über eine Schule, die ihre kleinen Schüler auf Klappbetten und mit leiser Musik in den Mittagsschlaf wiegt. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie das INA denn die betreffenden Künster bezahle, wenn es Inhalte bei facebook und Youtube teilt, die dafür nicht zahlten, wurde der Vortrag etwas schwammig. Es gäbe durchaus Verträge, und das mit Facebook sei sehr komplex.

Selbst die Abspielmaschinen sollte man archivieren

Komplex ist auch die Technik, wie Simon Wareshagin vom INA erläuterte: Die Bilder und Videos sind in höchstauflösenden Formaten auf Servern gespeichert, die immer wieder selbst zügig veralten, so dass man regelmäßig mit leistungsstärkeren Modellen nachrüsten müsse. So muss man dann zwangsweise sozusagen auch die Abspielmaschinen archivieren. Wareshagin ernüchtert: „Die Industrie hat gar kein Interesse, etwas zu produzieren, das langfristig alles abspielen kann.“

Der Dokumentarfilmer C. Cay Wesnigk warf einen Blick auf Deutschland und beklagte, dass hier eine generelle Verpflichtung für kommerzielle Produzenten fehle, ein Exemplar ihres Werks einem Archiv zu überlassen, anders als etwa in Frankreich oder Luxemburg. Wesnigk erläuterte die Idee der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), Busse mit Filmscannern auszurüsten, mit denen man übers Land fahren könne, um Filme in verstreuten Archiven oder Privatsammlungen aufzuzeichnen. Doch diese „Digibus“-Idee habe keinen Rückhalt in der Politik gefunden und damit auch keine Finanzierung. „Das Bundesarchiv war vielleicht auch ganz froh“, spekulierte Wesnigk, „das will nicht noch mehr Material“. Auch der Historiker  Dirk Alt kritisierte die zögerliche Haltung der Politik: „Die alte Regierung hat zu wenig getan, die neue Regierung muss viel mehr tun.“

Bei der Tagung, die ein erster Schritt hin zu einem Filmarchiv der Großregion sein soll, hat die Universität des Saarlandes Unterstützung signalisiert; auch das Kulturministerium in Form der Abteilungsleiterin Heike Otto lobte die Idee: „Ein Traum geht in Erfüllung.“ Aber leicht wird diese Erfüllung, das machte die Tagung klar,  keineswegs.

 

www.cna.public.lu

www.ina.fr

www.filmarchiv-saarland.de

 

 

„Es wird zu Revolten, Aufständen führen“- Martin Keßler und sein Film „Reise in den Herbst“

Neue Wut Martin Keßler AfD G20 Helmut Kohl

Journalist und Regisseur Martin Keßler. Alle Fotos: Keßler Filmproduktion

 

Wohin steuert Deutschland? Der Journalist und Regisseur Martin Keßler (63) hat für seinen Film „Reise in den Herbst – alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ Deutschland 2017 bereist: Er war beim Treffen der Rechtspolitiker in Koblenz, beim G20-Gipfel in Hamburg, bei der Beerdigung Helmut Kohls in Speyer und bei der Wahlparty der AfD am Tag der Bundestagswahl. Den Film hat Keßler kürzlich in Saarbrücken vorgestellt, ich hatte mit ihm vorab telefoniert.

 

Ihr Film fragt im Titel „Alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ – der Film lässt eher Letzteres vermuten, oder?

Ja, in jedem Fall. Der Film war eine spontane Idee – als bei „Phoenix“ die Antrittsrede von Präsident Trump lief, mit „America First“, da habe ich gedacht, man muss etwas unternehmen. In dem Langzeitprojekt „Neue Wut“ beschäftigen wir uns seit elf Jahren, als der Widerstand gegen die Agenda 2010 begann, mit sozialen Protestbewegungen. Wir haben uns gefragt: Geht dieser Protest jetzt nach rechts? Es ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen, mit Trump als Präsident, mit dem Brexit. Da wollte ich schauen, wohin das in diesem Wahljahr führt. Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin nach Koblenz zu dem Treffen der europäischen Rechtspopulisten gefahren – so fing der Film an. Da ist etwas in Bewegung, ich würde durchaus von einer Zeitenwende sprechen, von einem Rechtsruck, der auch das bisherige parlamentarische System in Frage stellt – auch wenn gerade in den letzten Monaten vor der Wahl versucht wurde, das wohlige Gefühl zu vermitteln, dass alles so bleiben kann wie es ist, dass alles gut läuft.

Dieses Gefühl teilen offensichtlich nicht alle Wähler.

Nein, der Einzug der AfD in den Bundestag hat klar gemacht, dass sich nicht nur im Parteienspektrum etwas ändert, sondern insgesamt in der Politik – ähnlich wie es damals beim Entstehen der Linkspartei war, die ja auch keine Eintagsfliege war.

Sie glauben nicht, dass die AfD bald wieder verschwindet?

Nein. Ich glaube und fürchte, dass sich die Partei nachhaltig etabliert und sich ein neues rechtes elitäres Denken entwickelt, das womöglich an Leute wie Ernst Jünger anknüpft und das auch für bürgerliche Kreise noch unbedenklicher und salonfähiger wird. Vielleicht setzt ja noch ein gewisser Schrumpfungsprozess ein, wenn sich die Protestwähler abwenden, aber ganz weg vom Fenster wird die Partei nicht sein. Die Situation wäre nochmal anders, wenn an der Spitze der AfD ein wirklich charismatischer Politiker stünde. Alexander Gauland ist ja gewieft, aber nicht charismatisch. Untersuchungen besagen, dass auch viele Bürgerliche die AfD wählen, weil sie ihren Status gefährdet sehen: durch eine Wirtschaft, die etwa durch Digitalisierung und Globalisierung immer unüberschaubarer wird. Es sind nicht nur die sogenannten Abgehängten, die die AfD wählen. Eine rechte Ideologie, die beim Bürgertum wieder verfängt, wäre für mich ein großer Unterschied zu der Zeit vorher, als klar war, dass rechtes Denken nicht salonfähig ist. Da kommen Dinge wieder hoch, von denen man hoffte, dass sie nie wiederkommen: das Nationalistische, das Männerbündische, das Völkische. Was ich bedrohlich finde, ist, dass die AfD jetzt mit ihren 92 Abgeordneten ganz andere Ressourcen besitzt, staatliche Gelder und institutionellen Einfluss. Das ist nun die Herausforderung, sich damit auseinanderzusetzen und ihnen nicht die Plattform zu geben, von der aus sie sich dauerhaft etabliert.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der Bundespräsidentenkandidat der Linken, sagt im Film, man könne rechte Strömungen am besten durch soziale Gerechtigkeit bekämpfen.

Ja, das sagt auch Siemens-Vorstand Joe Kaeser. Eine Art Grundeinkommen müsste die Menschen absichern bei diesen Verwerfungen, bei dieser industriellen Revolution, die die Digitalisierung ja ist. Der Ruck nach Rechts hat damit zu tun, dass wir den Wohlstandszuwachs nicht gerecht verteilt haben. Verteilungsgerechtigkeit ist die zentrale Frage. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung muss mit Niedriglohn auskommen, es gibt eine Wohnungsnot, absurd steigende Mieten – wenn dann Migranten kommen, haben viele Leute Angst, dass sie teilen müssen, obwohl es ihnen selbst schon schlecht geht. Siemens baut gerade 1000 Stellen im Osten ab, einige Hundert im Ruhrgebiet, und die Opel-Übernahme durch PSA wird auch zu Entlassungen führen. Das wird noch eine ganz andere Dimension annehmen. Dadurch könnte sich alles politisch und sozial noch mehr polarisieren, auch der gesamte politische Diskurs, wie in den USA. Dieser Rückfall in die Idee von Nationalstaaten oder der deutschen Identität ist merkwürdig. Man weiß, dass das genug Unheil gebracht hat, aber die Leute sehen darin eine Orientierung in unüberschaubaren Zeiten.

Der Soziologe Jean Ziegler, der dem Menschenrechtsrat der UN angehört, spricht im Film vom „Endkampf des Klassenkampfes“.

In der Formulierung finde ich das übertrieben, ich würde seine Hauptkritik aber teilen, dass wir in einer „kannibalischen Weltordnung“ leben, in einem Finanzfeudalismus, der dazu führt, dass viele Millionen hungern oder verhungern, während andere den Hals nicht vollkriegen können. Das stimmt natürlich. Wir haben mit unserem deutschen Exportmodell ja auch Anteil daran – und ich bin selbst ja auch ein Teil dieses Wohlstandsmodells Deutschland, das für viele ja noch gilt. Wenn es nicht geändert wird, ist die liberale Demokratie in Gefahr. Denn solch eine kannibalische Weltordung kann man nur mit autoritären Mitteln aufrechterhalten. Das hat auch der größte Polizeinsatz in der deutschen Geschichte gegen die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg gezeigt.

Ihr Film endet offen, mit Bildern der AfD-Wahlparty und einer Gegen-Demo, und bietet keine Prognosen an.

Ich kann ja keine rosigen Perspektiven versprechen, ich weiß auch nicht, wohin das alles führt. Aber der Film zeigt ja, wieviel Bewegung und Gegenbewegung es gibt – etwa die Nürnberger Berufsschüler, die sich gegen die Abschiebung ihres Klassenkameraden nach Afghanistan wehren, oder die Initiative „Pulse of Europe“, oder die Riesendemos gegen G20 in Hamburg.

Ihr Film kommentiert wenig, aber dass Sie die Musik vom Trauermarsch bei Helmut Kohls Beerdigung mit den Bildern des Polizeiaufmarschs in Hamburg verbinden, ist schon auffällig.

Ich will illustrieren, dass die offene, liberale demokratische Gesellschaft in Gefahr ist, was man auch in Polen, in Ungarn, in den USA und anderswo sieht. Wenn man nicht wieder mehr soziale Gerechtigkeit etabliert, drängen sich autoritäre Lösungen auf, weil man den Laden sonst nicht mehr unter Kontrolle behält. Denn es tun sich massive Bruchstellen auf – zum Beispiel zwischen dem Wunsch, den konsumistischen Lebensstil fortzusetzen und dem massiven Verlust von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung. Oder eine immer dramatischere Umweltzerstörung als Folge unseres Wirtschaftens. Bei einem Teil der Bevölkerung wird das zu massiven Wohlstandsverlusten führen. Und einen kleinen Teil noch reicher machen. Auf Dauer werden sich die Menschen das nicht gefallen lassen. Das zeigt die bisherige Geschichte. Es wird zu Revolten, Aufständen führen.

Der Film zeigt euphorische Szenen vom Parteitag der SPD, die mit Blick auf den Wahlausgang heute tragikomisch wirken.

Ja, der Film beschreibt auch den Niedergang der SPD. Das war mir beim Dreh gar nicht so klar. Der Niedergang hängt auch zusammen mit der Auflösung sozialer Milieus – die sind im Saarland vielleicht noch intakter als in Frankfurt. Ist man nicht mehr in festen Milieus, verändert man seinen Blick und sieht alles vielleicht etwas realistischer. Der französische Soziologe Didier Eribon erklärt in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ den Aufstieg des Rechtspopulismus in Frankreich so: Weil Institutionen, wie die kommunistische Partei KPF, an denen man sich früher orientieren konnte, nicht mehr so präsent sind, wählen mittlerweile auch Arbeiter den Front National. Das beobachte ich seit über zehn Jahren auch in Deutschland: eine Krise der institutionellen Repräsentanz – dass Leute nicht mehr wissen, wen sie wählen sollen und sowieso alle für korrupt halten.

 

Neue Wut Martin Keßler AfD G20 Helmut Kohl SPD Parteitag Martin Schulz

 

Der Tod Helmut Kohls im Film hat fast eine symbolische Bedeutung. Ob man ihn nun sehr schätzte oder weniger – er verkörperte eine Form von beruhigender Verlässlichkeit, nach der sich heute viele Menschen sehnen.

Kohl war für mich ein Symbol des so genannten „rheinischen Kapitalismus“ – ein Kapitalismus, der auf sozialen Ausgleich ausgerichtet ist. Da gab es zum Beispiel noch eine Vermögenssteuer und der Spitzensatz in der Einkommenssteuer lag bei 53 Prozent statt bei heute 42 Prozent. Das waren Zeiten, in denen der Wind der Globalisierung nicht ganz so rau geweht hat wie heute und die Gesellschaft sozial nicht so gespalten war. Teile dieses „rheinischen Kapitalismus“ funktionieren in unserem alten gewachsenen System noch – viele Industriearbeiter etwa bekommen noch einen guten Lohn, aber andere fallen durch das Raster, da wird es prekär – da gehöre ich als Regisseur, der solche Filme macht, durchaus dazu. Es trifft viele Menschen, man sieht in Frankfurt viele teure Geländewagen – SUVs – und gleichzeitig immer mehr Leute, die in Mülleimern wühlen. Da kann man nicht so tun, als würde dieser rheinische Kapitalismus noch für alle gelten. Das ist der Betrug. Da muss man Lösungen finden. Wenn das nicht gelingt, werden wir noch mehr Probleme bekommen.

Im Film absolviert Christian Lindner von der FDP einen schneidigen Auftritt an der Frankfurter Universität. Wie hat Ihr Publikum bei den Diskussionen darauf reagiert?

Viele Zuschauer fanden, Lindner hätte etwas von einem Waschmittelverkäufer, er könne Menschen wie ein Werbefritze einwickeln. Was viele Zuschauer aber erschütterte, war, wie freudig die jungen Studenten seine neoliberalen Parolen runtergebetet haben.

Auch ein AfD-Politiker könnte sich den Film anschauen, ohne dass er anschließend von „Lügenpresse“ reden oder in die beliebte Opferrolle flüchten könnte. Sie kommentieren nicht, lassen auch André Poggeburg von der AfD über „Genderwahnsinn“ und über angeblichen Linksextremismus in der Gesellschaft reden – vertrauen Sie auf ein mündiges Publikum?

Natürlich. Das ist auch der richtige Weg, wie man jetzt mit der AfD umgehen sollte – mit den Leuten diskutieren, vor allem mit deren Wählerschaft. Sie nur zu Parias zu machen und zu stigmatisieren, wird nicht weiterhelfen.

Wo war es Ihnen bei den Dreharbeiten mulmiger? In Koblenz bei Frauke Petry, Geert Wilders und Marine Le Pen oder bei der AfD-Wahlparty und Gaulands Jagdaufruf auf die neue Regierung?

Ich fand beides etwas befremdlich. Was ich aber als bedrohlich empfand, war, wie bei der AfD-Party das Deutschlandlied geradezu gegrölt wurde, da kommt wieder so etwas aggressiv Männerbündisches hoch. Was als Tendenz aber insgesamt auffällt, und das beschränkt sich nicht auf diese beiden Veranstaltungen, ist die Inszenierung von Politik. In Koblenz wurde mit theatralischer Musik aufmarschiert – genauso wie beim Einzug von Martin Schulz beim SPD-Parteitag, wo er dann mit 100 Prozent gekrönt worden ist. Das sind Inszenierungen, die die Leute für dumm verkaufen wollen, manchmal mit Erfolg. Im Film taucht ja mehrmals ein SPD-Mann auf, der sagt „Umfragen interessieren nicht, wir werden gewinnen!.“ Das ist eine Art von Realitätsverweigerung, von magischem Denken. Werbeagenturen, die sich normalerweise um Waschmittel kümmern, werben jetzt für eine Partei. So ist dann auch der politische Diskurs. Und das finde ich für die Demokratie bedrohlicher als irgendein Aufmarsch mit Fahnen, wo sofort klar ist, dass das nur Show ist.

 

Neue Wut Martin Keßler AfD G20 Helmut Kohl Marine Le Pen Frauke Petry

 

Der AfD-Politiker André Poggenburg sagt im Film „AfD wirkt“ – sehen sie das so?

Ja, die AfD hat in der Flüchtlingsfrage die anderen Parteien vor sich hergetrieben. Es ist ein schleichender Prozess, dass eine Gesellschaft und der politische Diskurs nach rechts rücken, ohne dass man das deutlich wahrnimmt, weil das Allerschlimmste dann eben doch nicht eintritt. Anfang des Jahres fürchtete man, dass Marine Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den Niederlanden an die Macht kommen – im Endeffekt haben sie das nicht geschafft, aber dennoch den Diskurs in ihren Ländern nach rechts verschoben. Der Rechtspopulismus ist nicht an uns vorübergegangen, da darf man auch nicht nur auf eine Partei wie die AfD schauen, man muss das gesamteuropäisch sehen. Siehe Österreich ganz aktuell.

Ihr Film ist mit 140 Minuten ungewöhnlich lang – und damit im heutigen Fernsehen kaum zeigbar.

Das ist mein längster Film, aber ich wollte jede Station meiner Reise drin behalten. So eine Länge kann man durchaus mal wagen. Ich habe es auch noch nicht erlebt, dass jemand früher aus dem Film rausgegangen wäre – und danach wird meistens noch lange diskutiert. Für diesen Film war ich im Gespräch mit einigen Fernseh-Redakteuren, aber es gibt für Dokus dieser Länge kaum noch Sendeplätze. Die Räume für Formate, die Inhalte länger und komplexer erklären wollen, sind deutlich enger geworden. Das sehe ich durchaus als Teil einer Entwicklung bei den Medien, in der es vor allem um Aktualität, Hypes und um kurze Formate geht.

Hätten Sie einen reißerischen und kürzeren Film vielleicht leichter untergebracht?

Vielleicht. Ein Redakteur von 3Sat/ZDF hätte gerne aus unserem Film zwei 45-Minuten-Stücke ins Programm gebracht, das hat er bei seinen Vorgesetzten aber nicht durchgekriegt. Andererseits bringt das auch als mehr Freiheit für mich als Filmemacher. Dass ich den Film nun so machen konnte, wie ich wollte – mit einem TV-Sender hätte ich viele Auseinandersetzungen führen müssen oder mich einem bestimmten Format wie z.B. „37 Grad“ anpassen müssen: Das muss in einer ganz bestimmten Art und Weise gestrickt sein, sehr dramatisch, und alle paar Minuten fliegt ein Fadenkreuz durch den Film, wie bei „ZDF zoom“. Die Vertretung der Dokumentarfilmer, die „ Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“, kritisiert ja auch, dass Sendeplätze für Dokus mit einer eigenen Handschrift radikal eingedampft worden sind. Das lässt im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen immer mehr einen Verlautbarungs – und Skandaljournalismus hochkommen. Für Analytischeres, das Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet, gibt es immer weniger Platz. Lieber bietet man in den vielen Talkshows Politikern eine immer größere Fläche, um sich öffentlich zu inszenieren und den politischen Diskurs zu bestimmen, oder es wird auf Verkürzung und Skandalisierung gesetzt. So etwas, was wir machen, wird immer seltener.

Wenn Ihr Film nicht im Fernsehen läuft, hat er weit weniger Publikum als im Kino.

Das schon, aber ich will darüber gar nicht lamentieren, denn wenn wir unsere Filme bei Veranstaltungen zeigen und diskutieren, hat das eine ganz andere Nachhaltigkeit als im Fernsehen, wo sie einfach nur gesendet werden.

Wie lässt sich das ohne Fernsehgelder finanzieren?

Es ist schwierig. Die Bereitschaft von partei- oder gewerkschaftsnahen Stiftungen, solche Projekte mitzutragen, ist sehr viel geringer geworden, früher haben wir da eine ganz andere Unterstützung erfahren. Wer den Film eigentlich ermöglicht und uns vor einem finanziellen Desaster gerettet hat, ist die GLS Treuhand, die Treuhandstiftung der alternativen GLS Bank in Bochum, in der auch die Ökobank drin aufgegangen ist. Die hat den Film am Nachhaltigsten unterstützt.

Wollen Stiftungen wie diese beim Film mitreden?

Überhaupt nicht – es gibt keinerlei Einflussnahme.

Warum ziehen sich die früheren Förderer zurück?

Ich glaube, einzelne Gewerkschaften etwa wollen auch nur noch das unterstützen, was ihnen als Organisation unmittelbar nützt – das ist typisch für die Gesamtentwicklung in der Gesellschaft, in der jeder nur noch seinen eigenen unmittelbaren Vorteil sieht und Zusammenhalt verloren geht. Wenn man sieht, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt immer mehr verlorengeht, müsste man aus meiner Sicht doch ein Interesse haben, dass es Dokumentarfilme gibt, die verschiedene Gruppierungen zusammenführt – zu produktiven Diskussionen. Auch das sind Veränderungen, die ich bei meiner Arbeit erlebe, die aber in einen größeren Zusammenhang gehören. Das ist für mich Teil einer Amerikanisierung. Früher hätte ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen Film mit seinen Geldern unterstützt, heute muss ich Mäzenaten finden.

 

Informationen und DVD:
www.neuwut.de

 

 

Wie geht es dem saarländischen Filmbüro am 30. Geburtstag?

Saarländisches Filmbüro Großregion Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

Die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

 

Das Saarländische Filmbüro wird 30 Jahre alt – ein Blick zurück und nach vorn. Am Montag beginnt eine große Tagung.

Nächtelang waren die Diskussionen damals, und hitzig. Pausenlos habe man sich getroffen und beraten, erzählt Sigrid Jost – damals vor 30 Jahren, als sich aus einem Dutzend Kinobegeisterter das Saarländische Filmbüro gründete. Dies besteht seitdem, auch wenn sich seine Rolle über die Jahre verändert hat. Konstant geblieben sind nur Geldknappheit und Idealismus der Beteiligten, ohne die der gemeinnützige Verein längst Geschichte wäre.

Das Klagelied der kulturellen Selbstausbeutung aber wollen die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger nicht singen, lieber erzählen sie von heute und damals: Als das Filmbüro in den 1990er Jahren auch als Geschäftsstelle der Kulturellen Filmförderung im Saarland über Mittel aus dem Kulturministerium entschied. Die  damaligen Förderungen, ob nun von Filmen oder Strukturen, kann man  auf der Internet-Seite des Büros nachlesen, eine oft nostalgische Lektüre: „Umrüstung auf Stereoabtastung einer bestehenden Tonanlage und Abspielförderung“ bei der Kinowerkstatt St. Ingbert im Juli 1994 etwa  (4073 Mark und 56 Pfennig) oder, auch 1994: Stoffentwicklung (6500 Mark) für ein Drehbuch, das neun (!) Jahre später verfilmt und ein bundesweiter Kino-Erfolg wurde –  „Schultze gets the Blues“ von Michael Schorr aus Landau.

„Keine Überzahl von Saarländern“

 

„Das Regionale war uns enorm wichtig“, sagt Jost, „es ging uns um unverbrauchte Bilder,  um die spezifische Saarlandkultur, das Besondere in der Grenzregion.“ Die Mitgliederversammlung wählte ein Gremium aus, das strengen Proporz wahren sollte: zwischen Männern und Frauen, zwischen Film-Produktion und Film-Abspiel. Außerdem, und so etwas hört man nicht oft: „Es sollte keine Überzahl von Saarländern geben, um Vetternwirtschaft zu vermeiden.“ Deshalb wurden auch Fachleute etwa aus Luxemburg berufen. Die Fördersummen der einzelnen Projekte bewegten sich zwischen 400  und 100 000 Mark, doch 1997 war das alles vorbei. Die SPD-Regierung fror die Mittel ein, erzählt Witte, erst ab 1999 gab es mit der neu gegründeten Saarland Medien GmbH wieder eine saarländische Filmförderung.

Vielen ähnlichen selbstverwalteten Filmbüros ging es damals ähnlich, Strukturen veränderten sich, die Politik sah vielerorts die Rolle der Filmförderung vor allem in der wirtschaftlichen Stützung des Standorts. „Unser kultureller Enthusiasmus hat nicht mehr so in  die Zeit gepasst“, erinnnert sich Jost, „man galt als Dinosaurier, wenn man nicht ausschließlich wirtschaftlich argumentiert hat“.

Nur – was tun? Das Filmbüro widmete sich noch stärker der Großregion, durch Kontaktpflege und Verknüpfung an „vielen runden Tischen“, wie Jost sagt. Das SaarLorLux Film- und Videofestival hatte das Büro schon 1990 auf den Weg gebracht, es wurde 2003 von Kino im Fluss/Cinéfleuve (bis 2007) abgelöst; 2009 bis 2013 gastierte die Filmschau Großregion hier und bei den Nachbarn; und Créajeune mit Nachwuchsfilmen der Großregion feiert seinen zehnten Geburtstag.

Nachwuchs dringend gesucht

Viel Arbeit also, darunter regelmäßige Workshops und die Filmwerkstatt-Abende, die im Verein organisiert werden muss – und finanziert. Die Förderung für das Büro ist seit Jahrzehnten gleich (schrumpft real also): Anfangs gab es 50 000 Mark im Jahr, jetzt sind es 26 000 Euro. Die müssen immer wieder jährlich beantragt werden, genau wie die Förderungen für einzelne Projekte, etwa für pädagogische Filmarbeit. „Das alles geht nur mit Herzblut“ sagt Anna Kautenburger.  Fest anstellen könne man niemanden, so setzt man auf Praktika und idealistisches Ehrenamt. „Wir überschreiten manchmal unsere Kraftreserven“, sagt Jost, „aber das Tolle ist ja, dass man nicht im üblichen Sinne zur Arbeit geht, sondern Projekte umsetzt – das wiegt das  Ganze wieder auf.“ Dennoch fehlt dem Verein mit seinen um die 20 Mitgliedern der Nachwuchs, „junge Menschen, die in der Filmszene etwas gestalten wollen“, wie es Kautenburger sieht.

Das Archiv plus Kaffee

Ein Schwerpunkt des Büros in der Nauwieserstraße 19 ist sein Archiv mit knapp 3000 Filmen aus den vergangenen Jahrzehnten aus der Region. Interessierte sind sehr willkommen. „Man kann sich bei uns melden“, sagt Jost, „und sich die Filme hier ansehen – einen Kaffee gibt’s auch.“ Die Filme liegen teilweise noch auf dem ausgemusterten VHS-Videoformat vor, technisch noch antiker etwa geht es bei den Kollegen der Forbacher Médiathèque zu, wie Witte erzählt: Dort schlummern in einem Stahlschrank rund 100 Kurzfilme und Dokus aus den Jahren 1980 bis 1993, vor allem zum Bergbau. Hochinteressantes Filmerbe also, „aber im alten U-matic-Videosystem, das keiner mehr abspielen kann“. Um diese Frage, wie man das Filmerbe retten kann (und auch mit welchem Geld) dreht sich von Montag bis Mittwoch das internationale „Kolloquium Filmkulturelles Erbe“ in Saarbrücken, das das Filmbüro ausrichtet, unterstützt vom saarländischen Kulturministerium. „Wir müssen etwas tun, sonst ist das alles nicht mehr zu sehen“, sagt Witte. Zu tun bleibt also genug, auch über den 30. Geburtstag hinaus.

Informationen, auch zur Tagung:

http://www.filmbuero-saar.de

 

Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von "Vortex". Alle Fotos: Tobias Keßler 3. Cinefonie-Tag

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von „Vortex“. Alle Fotos: Tobias Keßler

Weiche Knie bei einem fast 90 Jahre alten Film? Der einem dabei zwar nicht ganz, aber doch ziemlich neu erscheint? Das kann passieren: Am Samstag hat das Bandprojekt Vortex Carl Theodor Dreyers Klassiker „Vampyr“ untermalt. Ein Stummfilm ist der nicht, wurde es aber hier: Der Originalton war abgedreht, die spärlichen Dialogsätze konnte man als Untertitel lesen, während der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger (Schlagwerk/Mundorgel/Mikro für ominöses Hauchen), Gitarrist Oliver Freund und düster dräuende Sounds aus dem Rechner den Film in ein tiefschwarzes Klangkleid hüllten – die Geschichte um Vampirismus und eine trügerische Realität, von Dreyer in einer traumartigen Atmosphäre und mit heute noch verblüffenden Kamerabewegungen erzählt, hat mit der Musik eine ungeheure Wucht entwickelt.

https://www.facebook.com/Vortex.music.official/

Cinefonie Marcus Stiglegger Vampyr Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

 

Ein Erlebnis war das und ein Höhepunkt des durchweg gelungenen 3. Cinefonie-Tages am Samstag in Saarbrücken. In den ersten beiden Jahren hatte Veranstalter Jörg Mathieu, Herausgeber des Saarbrücker Filmmagazins „35 Millimeter“, seine Verbindung von Konzert und klassischem Kino erst ins Kino Achteinhalb und dann ins Saarbrücker Filmhaus gebracht; diesmal zog er ins Garelly-Haus in die Eisenbahnstraße, wo abwechselnd die Musik im Erdgeschoss spielte und die Filme im ersten Stock liefen. Etwa die selten gezeigte Stummfilmperle „The Wind“ von Victor Sjöström, einem schwedischen Filmemacher (1879-1960), der auch in Hollywood gearbeitet hat. Stummfilmexperte Günter A. Buchwald begleitete das schicksalssatte Werk von 1928, in dem eine Frau (Lillian Gish) in einer lebensfeindlichen Natur strandet und dort ebenso mit der Männerwelt zu kämpfen hat.  Buchwald agierte überwiegend in klassischer Stummfilmmusik-Manier, mit pianistisch hoher Schlagzahl – doch in manchen Sequenzen legte er den Schalter am Keyboard um und untermalte Bilder eines dramatischen Sandsturms mit schrillen elektronischen Tönen, ließ es wabern und kreischen – ein schöner Kontrast und ein imposanter Film, der den Beginn des Cinefonie-Tages wieder aufnahm: Er hatte mit einer Lesung des Filmwissenschaftlers Jens Dehn aus seinem Buch „Film can be Art“ über den Regisseur Sjöström begonnen, das Mathieu herausgegeben hat.

Cinefonie Günter A. Buchwald Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Musiker Günter A. Buchwald

www.stummfilmmusiker.de

 

Auch einen Einblick in die Medienpraxis gab es: Der Saarlouiser Musiker und Sounddesigner Sebastian Heinz stellte seine Arbeit vor, zeigte seine musikalische und klangliche Untermalung eines PC-Spiel-Trailers und demonstrierte, dass diese Arbeit technisch ein ziemliches Gefummel ist: 173 Tonspuren musste er befüllen, mit Schritten auf Gras, Explosionen, klirrenden Schwerten und allerlei mehr. Ein „Puzzle von 100 000 Teilen“ ist das, sagte er, und beim Soundesign habe man höchst selten den Luxus, solche Geräusche selbst aufzunehmen und zu bearbeiten – eher müsse man sich bei Soundbibliotheken greifen und die Funde wiederum bearbeiten, denn „man hat nicht immer das perfekte Material“. Und auch dem eigenen Ausdruck sind manchmal Grenzen gesetzt, berichtete er, gerade im „Imagefilm“, sprich Werbung, sei man weniger ein Künstler denn ein Dolmetscher, der ein Produkt emotional übersetzen müsse – ob nun einen Mülleimer oder etwa eine Dusche: Für eine solche musste Heinz einmal eine einprägsame Musik komponieren, wobei der erste Entwurf – eher intim und lyrisch – die Auftraggeber nicht überzeugte. Die zweite Fassung – mit episch-heroischem Hans-Zimmer-Rumms – wurde genommen. Heinz gefällt die erste Fassung besser, aber in solchen Situationen sei man eben Dienstleister.

http://www.heinz-sebastian.com/

Heinz hat eine Firma zusammen mit Markus Trennhäuser, auch bekannt als Rapper Drehmoment; der kümmert sich um die Produktion von Werbefilmen, die Heinz dann vertont. Trennhäuser sprach von der Schwierigkeit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen in einer digitalen Welt, die ohnehin schon reizüberflutet sei. Auffallen könne man da nur mit „gutem Storytelling“, orginellen Geschichten, von denen man hofft, dass sie sich im Internet verbreiten – „eine potenzielle Viralität“. Der technische und finanzielle Aufwand sei gar nicht so wichtig, „aber gerade im Saarland wissen das zu wenige“.

 

 

Cinefonie Sebastian heinz Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Sebastian Heinz und ein paar von 173 Tonspuren.

Cinefonie Markus Trennhäuser Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Markus Trennhäuser.

 

Danach ging es vom ersten Stock ins Erdgeschoss, wo der heimische Künstler Volker Schütz eine Wand mit Mustern bestrahlte und Im Namen des Volkes auftraten – und das war ein Vergnügen. Pochende, pulsierende, manchmal piepsende und quietschende Synthesizer-Musik, dazu die lässige Bühnenpräsenz dieses fulminanten Duos: Sänger/Keyboarder Matthias Schuster, mit wallendem Haarschweif, kämpfte ein wenig mit einem antiken Korg-Keyboard, versprach aber, „irgendwann mal einen Ton rauszukriegen“. Trautonia Capra spielte neben den Keyboards ein Theremin – jenes Instrument, das einem  halben Fahrradlenker mit Antenne ähnelt und dem die jaulenden Töne berührungslos per Handbewegung entlockt werden – gerne benutzt in Gruselfilmen der 50er Jahre bei Auftritten von Außerirdischen. Schuster freute sich an einigen satt donnernden Sounds („das ist aber fett“) und griff am Ende zu einem Blasinstrument, dem er mal ein Zischen, mal Trompetenverwandtes entlockte. Ein wundersamer Auftritt mit ein wenig Nostalgie (Schuster: „das nächste Stück ist von 1979, so alt sind wir schon“), viel Witz und unerwartet viel Wärme in dem synthetischen Setting.

Cinefonie Im Namen des Volkes Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Vorsicht, Blasinstrument von rechts: Im Namen des Volkes.

https://www.facebook.com/Im-Namen-Des-Volkes-127496800665598/

 

 

Danach hatte es das deutsche, Englisch singende Duo Lower Synth Department erst einmal schwerer mit einer etwas kühleren Elektro-Musik, die aber eine funktionale Pop-Eleganz ausstrahlte. Der Kontrast zwischen der herben Weltschmerzstimme von Sebastian H. und der wärmeren Intonation von Kyounmg-Hi R. (zeitweise auch am Bass) hatte durchaus seinen Reiz.

https://www.facebook.com/Lower-Synth-Department-143123642372556/

Cinefonie Lower Synthe Department Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Lower Synth Department

 

Musikalisch ging es nicht gänzlich synthetisch zu. Matt Howden, Geiger, Dozent, Studio- und Labelbetreiber war aus Shefield angereist, mit Violine und einem Effektgerät, das er mit den Füßen bediente. Kurze Motive nahm er auf, ließ sie als Dauerschleife laufen, legte neue daneben, fiedelte sich langsam in Eksase  und knüpfte sich einen mal flauschigen, mal eher struppigen Klangteppich, wandelte mit seinem Instrument ins Publikum hinein – ein herzerwärmender Auftritt mit stimmlicher Melancholie, die zumindest von daher bisweilen an Bands wie The Blue Nile oder It’s Immaterial erinnerte. Howden, der sein violinistisches Solo-Projekt Sieben nennt, spielte einige frisch komponierte Stücke, eines davon gerade drei Tage alt – kein Wunder, dass er da mittendrin abbrach, um in sein Notizbuch zu schauen, wie es denn nun weitergeht. Ein famoser Aufritt mit hypnotischen Momenten.

www.matthowden.com

Cinefonie Matt Howden Sieben Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Matt Howden alias Sieben.

 

Etwas Warmlaufzeit brauchte man bei Siegfrid Kärchers „Gedanken zum Film ‚Metropolis‘“. Während hinter dem Künstler collagenhaft Momente aus Fritz Langs Film projiziert wurden, mit Menschenmassen, die in unterirdischen Fabriken zur Arbeit trotten, drehte und drückte Kärcher an allerlei blinkenden Tasten und Rädchen, ließ es wummern, wabern, dröhnen – das wirkte anfangs wie eine Mischung aus Improvisation und Technik-Test, hatte er doch, wie er sagte, ein Instrumentarium vor sich, das gerade erst vor drei Tagen aus Japan angekommen sei. In der zweiten Hälfte des Programms bat er Sängerin Pia Lamusica und Trautonia Capra von im Namen des Volkes dazu – Thereminklänge, wummernde Elektronik und Lamusicas starke Stimme, die Texte aus dem Film in Englisch deklamierte, schraubten sich kraftvoll hoch zu dramatischer Theatralik.

http://siegfried-kaercher.de

Cinefonie Siegfried Kärcher Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Siegfried Kärcher

 

Der  Tag im Garelly-Haus ging mit der heimischen Band Control um Stefan Ochs, Architektur-Professor an der HTW Saar, zu Ende. Ochs, Schlagzeuger Vincenzo Gangi, Bassist Dirk Mauel und Gitarrist/Keyboarder Stefan Strauss führten mit Coverversionen der Band Joy Division zurück in die späten Siebziger und frühen Achtziger, als der Punk an sich tot war, seine Energie sich aber in minimalistisch-rumpeligen New Wave-Klängen kanalisiert hatte. Ein nostalgieseliger Auftritt mit viel Energie und lässiger Bühnentheatralik von Ochs, der zwischendurch das Hemd wechselte und sich nach besonders lebhaften Tanzbewegungen im eckigen Ian-Curtis-Stil kräfteschonend hinkniete.

http://www.control-division.com/

 

Cinefonie Control Foto: Tobias keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Control

Ein guter langer Kino- und Musiktag zwischen Konzert- und Werkstattcharakter war das, bei dem man in den Räumen immer genug Auslauf hatte – denn der Brandschutz verlangt, erklärte Mathieu, dass nicht mehr als 99 Menschen sich im Garelly-Haus aufhalten. 2018 steht ein neuer Standort an: die eli.ja – Kirche der Jugend in der Hellwigstraße.

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm „Flying Clipper“

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm "Flying Clipper"

 

Was für ein Zeitdokument – und was für Farben! Das Blau des Meeres leuchtet, das Weiß des Segelschiffs strahlt, und angesichts des knalligen Rots eines Rennwagens in Monaco möchte man zur Sonnenbrille greifen. „Flying Clipper“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962, der auch mit 55 Jahren noch spektakulär ist: Zwei Regisseure und vier Kameramänner haben mit eigens konstruierten 70-Millimeter-Kameras die Reise eines schwedischen Schulschiffs begleitet, von der Nordsee bis zum Nil.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film (mit Ouvertüre und Pausenmusik!), der jetzt fürs Heimkino erscheint und eine Entdeckung ist: Weil die Bilder durch das hochauflösende Filmformat kristallklar wirken, aber vor allem durch den Zeitgeist, der den Film durchweht. Der Massentourismus lag in weiter Ferne, Erzähler Hans Clarin beschwört weihevoll „die Sehnsucht nach dem Süden“, nach Rhodos, Capri und den Pyramiden, „aber für viele Menschen wird diese Sehnsucht lebenslang ein Traum bleiben“. Es gab eben noch keine Billigflieger.

„Beirut, das Paris des nahen Ostens“

Keine Darsteller im strengen Sinne gibt es, man verfolgt die Arbeit der Matrosen und des Kapitäns, sie „segeln hart am Wind“, wie Clarin intoniert, und gemeinsam erreicht man unter anderem Nazaré, Barcelona, „Beirut, das Paris des nahen Ostens“, „den Libanon mit seinen Zedern“ und auch Afrika, „den schwarzen Erdteil“. Da fühlt man sich als Zuschauer bisweilen wie ein Entdecker, der als erster den Fuß auf fremde Kontinente setzt. Manchmal hat der Film seine Längen, aber immer wieder gelingen fantastische Bilder: etwa die Starts von Maschinen auf einem US-Flugzeugträger und die Aufnahmen vom Straßenrennen in Monaco. Am Ende, im Heimathafen, wird Erzähler Clarin melancholisch; die Welt sei so hektisch geworden, dass solche Segelschiffe wie die „Flying Clipper“ von gestern seien. Da will man sich seinem finalen weihevollen Wunsch vollen Herzens anschließen: „Möge sie bestehen bleiben, die edle Seefahrt unter weißen Segeln.“

Bonus:

Interviews mit Jürgen Brückner, Kameramann und Verleiher (30 Min.), Herbert Born, Inhaber des Schauburg-Kinos in Karlsruhe (11 Minuten) und Marcus Vetter, Theaterleiter und Vorführer in der Schauburg (14 Minuten).

Aushangfotos

Trailer

Erschienen bei Busch Media Group.

 

Dominique Goblets Comic „So tun als ob heißt lügen“

 

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-VerlagDominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Avant-Verlag

 

Was für ein Angeber. „Mein Nachbar vergöttert mich“, trompetet der Mann mit dem Seepferdschnurrbart; sein Hund habe ihn auch vergöttert (bevor er ihn einschläfern ließ, weil er „durchdrehte“); und die Ex-Kollegen von der Feuerwehr, die lieben ihn bis heute, sagt er und fläzt sich mit Schmerbauch aufs Sofa. Es ist also kein leichter Nachmittag für die Tochter des Mannes, die ihren Vater zum ersten Mal seit vier Jahren wiedersieht, begleitet von ihrer kleinen Tochter. Die hat den Opa zwar noch nie getroffen, stellt aber die naheliegende Frage: „Wieso hast Du deinen Papa so lange nicht gesehen, Mama?“

Es ist eine schwierige Familiengeschichte, die die belgische Künstlerin Dominique Goblet (50) hier erzählt – es ist, im Großen und Ganzen, ihre eigene. Um die zerbrechende Ehe der Eltern geht es, um die Auswirkung auf die Eheleute und vor allem auf die Tochter. Sie ist als Kind im Innersten erschüttert und wird es wieder sein, als sie sich verliebt – aber betrogen wird.

Verliebtheit und Alltag

Goblet kleidet diese Geschichte in unterschiedliche Stile. Einmal, weil sie verschiedene Zeitebenen und auch Gefühlszustände illustriert; aber auch, weil sie über einen Zeitraum von zwölf Jahren an dem Band arbeitete und sich der künstlerische Zugang über die Zeit wohl verändert hat. Mal sind  sepiacolorierte Kohlezeichnungen zu sehen, mal uncolorierte Bleistiftzeichnungen mit fein ausgearbeiteten Details, mal mit ausholenden Schraffuren.  Das Gefühl frischer Verliebtheit und Intimität fangen die Bildfolgen ebenso atmosphärisch wie Motive eines vor sich hin schleichenden Alltags, wenn ein Hund einige Bilder lang über einen Hinterhof schleicht und am Himmel ein Jet vorbeizieht.  Aus der Vergangenheit der Hauptfigur steigen immer wieder fast körperlose Gestalten wie böse Geister hervor, Rückblenden führen in diese angeschlagene Kindheit, aufgerieben zwischen zwei kreuzunglücklichen Eheleuten, in der das Vertrauen in die Welt schwindet, die Angst vor der Lüge wächst und sie auch begleitet, als Dominique längst eine erwachsene Frau ist – und ihr neuer Freund noch von seiner alten Flamme erwärmt wird.

Der Comicband  ist dabei weder Psycho-Nabelschau noch Seelenpein-Grau-in-Grau (beziehungsweise -Sepia), sondern eine ästhetische Freude mit einer anrührenden und abwechslungsreichen Optik. Am Ende weichen die Zeichnungen und Sprechblasen mehrfarbigen, grob gepinselten Farbseiten mit einzelnen Sätzen – der Nebel aus alten Ängsten scheint zu verfliegen, das Leben klart sich auf.

Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Avant-Verlag, 148 Seiten, 29,95 Euro.

www.avant-verlag.de

 

Blick in eine selige Videothek

Sie gibt es nun schon ein paar Jahre nicht mehr, die Videothek in der Bleichstraße in Saarbrücken. Schade drum, es war immer ein schöner Ort zum Herumschauen, Schnäppchenkaufen und Zeittotschlagen – man muss sie vermissen.

Die Fotos stammen aus dem Dezember 2012.

 

 

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

 

 

 

„Winnetou“ als Live-Hörspiel in Saarbrücken

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Philipp Weigand (links) und  Thomas L. Dietz. Foto: Martin Kaufhold /Staatstheater

„Winnetou“ als Live-Hörspiel in der Alten Feuerwache von Saarbrücken.
Nach dem Roman von Karl May, Fassung von Eike Hannemann und Katja Prussas.
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Eike Hannemann

 

Ja, natürlich erklingt sie, Martin Böttchers unsterbliche „Winnetou“-Sehnsuchtsmelodie aus den Filmen der 60er Jahre. Doch hier wird sie schräg geflötet, ironisiert, zerschreddert: Denn diese Live-Hörspiel-Bearbeitung von „Winnetou“ bürstet des Indianers wallendes Haar wonnig gegen den Strich. Es ist ein vergnüglicher Donnerstagabend in der Alten Feuerwache, mit Lust am Spiel und am Nonsens, eine helle Freude mit ein paar dunkleren Untertönen – wenn der Autor Karl May (1842-1912) über die Begriffe „Rasse“ und „Blut“ sinniert.

Wie beim Flohmarkt wirkt die Bühne. Zwischen Eimern und einer Kochplatte steht „Das große Buch der Indianer“, ein Reibeisen rostet neben einer Schreibmaschine, in Lederstiefeln stecken Vogelfedern – von hier aus führen Thomas L. Dietz und Philipp Weigand in den „Wilden Westen“, wie May ihn sich vorgestellt hat. Das Duo spricht mehrere Rollen, zimmert sich Klangkulissen  aus Wasser, Glasscherben und auch einigen Lauchstangen, die den Abend nicht überleben werden.

Dietz spricht vor allem den Erzähler May, der in der neuen Heimat zu Old Shatterhand wird, garstige Bleichgesichter trifft, aber auch Winnetou kennen/liebenlernt, für ihn „der beste, treueste und opferwilligste aller meiner Freunde“. Philipp Weigand übt sich für die Rolle des Sam Hawkins’ in angetrunkenem Sächsisch, während sein Winnetou eine klare, fast überartikulierte Diktion über die Steppe schallen lässt. Wer so edel ist, der nuschelt nicht.

Bestens eingespielt

Es ist ein Fest für die Darsteller, die auch zur Gitarre greifen (Dietz) oder sich an den Flügel setzen (Weigand, wie gerade auch in Jelineks „Licht im Kasten“). Bestens eingespielt ist das Duo, ist diese Aufführung doch seit einigen Jahren feste Bank am Staatstheater Nürnberg, von dem Weigand gerade nach Saarbrücken gekommen ist. Ab und an werfen sie sich wissende Blicke zu, als freuten sie sich gemeinsam auf die nächste Pointe. Gewedelte Blätter imitieren Vogelgeflatter, ein zerbröselnder  Bastkorb ein prasselndes Lagerfeuer. Die Darsteller nehmen diese Geräusche auf, spielen sie als Dauerschleife ab – der Klangteppich für ganze Szenen, die sie dann wieder mit einzelnen Geräuschen garnieren: am drastischsten das Herumstochern in einem Kürbis, das das Zerfleischtwerden durch einen Grizzly imitiert. Ein garstig schöner Einblick in die Kunst des Geräuschemachens.

 

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Philipp Weigand Foto: Martin Kaufhold

Atmosphärisch führt das den Zuschauer/Zuhörer in selige Kindertage zurück, als man in solche Hörspiel-Klangwelten mit Haut und Haar abtauchte – sinnigerweise steht  eine alte Schallplatte des legendären „Europa“-Labels auf der Bühne: „Winnetou III. 1. Folge“. Ab und an unterbricht ein kleiner Info-Einschub die Handlung: Dietz doziert durch einen antiken Lautsprecher, Weigand spielt dazu am Klavier, und man erfährt etwas  über den Grizzly als solchen, den Kampfschrei der Indianer und über die Ernährung im Wilden Westen – zu viel Eiweiß durch zu viel Fleisch.

„Bromance“

Ein Aspekt der Vorlage, der in den subtextfreien Verfilmungen nicht zu spüren ist, wird hier überdeutlich: Wie fließend ist die Grenze zwischen innigster Männerfreundschaft und Erotik? Die Darsteller spielen das besonders lustvoll aus, als Shatterhand dem gefangenen Winnetou die Fesseln durchschneidet: Mit viel Ohhh und Ahhh, Ächzen und Seufzen wird die Szene fast bis zum hormonellen Bersten erotisch aufgeladen. Kein Wunder, dass kurz auf das Paar Sissi/Franzl angespielt wird. Das Herz von Winnetous Schwester pocht wohl vergeblich für Shatterhand, der, wie er sagt, Winnetou gleich beim ersten Blick „lieb gehabt hat“.

 

Winnetou Live Hörspiel Saarbrücken Feuerwache

Thomas L. Dietz Foto: Martin Kaufhold

Ein grandioser Jux ist dieser Abend, aber dankenswerterweise nicht nur. Bei der Textbearbeitung haben Katja Prussas und Eike Hannemann (auch Regie, Bühne und Kostüme) einige Widerhaken verankert, indem sie heute durchaus befremdliche Passagen Mays übernahmen.   Er habe „die Roten kennen gelernt“, berichtet May/Shatterhand, und Winnetou sei „ein echter Typus dieser Rasse“. Als er die Schönheit von Winnetous Schwester beschreibt, lobt er, „von indianisch vorstehenden Backen­knochen“ sei „keine Spur“, „die feingeflügelte Nase“ hätte eher etwas Griechisches. Da passt es auch, dass die Indianer mit Klekih-petra bizarrerweise einen weißen deutschen Vordenker/Stammesintellektuellen haben. „Ein Deutscher!“ – sicher ist sicher. Am Ende bezeichnet Shatterhand die Apachen immer noch als „Wilde“ – und denkt sich nichts dabei. Guter Wille in Sachen Völkerverständigung und ein Denken in Rassen-Rastern schließen sich nicht unbedingt aus – was man ja auch, vielleicht zielt das Stück darauf ab, bei sich selbst überprüfen kann.

Termine: 8. und 28. Oktober, 4. November., 2. Dezember.
Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

 

https://www.staatstheater.saarland/

 

Schöne Ausgrabung: „Alexander, der Lebenskünstler“ erstmals auf DVD

Pidax Film Alexander der Lerbenskünstler Philippe Noiret

Keine schlechte Ernte für Alexandre (Philippe Noiret), aber glücklich ist er nicht. Foto: Pidax

„Alexander, der Lebenskünstler“ von Yves Robert

 

Was ist das für ein schönes Frankreich, das sich dieser Film erträumt: Ein süßer Hund hechelt in einer blühenden Wiese, umspielt von zartem Wind und umflort von einem charmanten Chanson. Man kennt und mag sich in diesem Dorf, die böse Großstadt ist weit weg, in der Kneipe sitzen gemütliche Franzosen und trinken Wein, der fast so rot leuchtet wie ein 2CV, der um die Ecke tuckert.

Ein ruhiges Paradies also, nur nicht für den Landwirt Alexandre (Philippe Noiret). Denn der leidet an und unter einer Gattin, die ihn von morgens bis nachts antreibt und auf dem Feld sogar per Funk überwacht. Seine gelegentlichen Rebellionsversuche verpuffen ohne Wirkung – es rettet ihn nur der Unfalltod der Gattin in ihrem schneeweißen Citroen DS. Mit verträumtem Lächeln flaniert der Witwer nun hinter dem Sarg her und beschließt die kommende Lebensplanung: nach zehn Jahren dröger Ehe erstmal auszuschlafen und danach so selten aus dem Bett auszusteigen wie menschenmöglich. Den Dörflern sagt er: „Ich muss mich von Euch erholen!“

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

Tut er’s? Alexandre (Philippe Noiret) und seine Angebetete (Marlène Jobert). Foto: Pidax

 

Wie gut, dass sein hochbegabter Hund ihm das Essen bringt. Das könnte nun das Paradies sein. Aber Alexandres Weltverweigerung bringt das scheinbar stabile Dorfleben ins Wanken – was, wenn das jeder täte? Die Angst vorm kollektiven Zusammenbruch ist groß – und der Neid der Dörfler spielt auch mit, denn Alexandre kann sich die Frührente leisten, hat er mit seinem großen Hof doch über Jahre eine reiche Ernte eingefahren.

Die Riegelsberger DVD-Firma Pidax, Spezialist für nostalgische filmische Ausgrabungen, hat hier eine besondere Perle gefunden: „Alexandre, der Lebenskünstler“. Regisseur Yves Robert, der auch den Klassiker „Krieg der Knöpfe“ inszeniert hat, drehte diesen Film 1968, was durchaus passt. Von einem hippiesken Generalstreik erzählt er mit leichter Hand, Hintersinn und viel Situationskomik: Das Heranpirschen der Dorfbewohner an den Frührentner, der mit seiner alten Schrotflinte droht, wird zu einer köstlichen Kriegsfilm-Parodie mit dem jungen, damals noch wenig bekannten Pierre Richard  („Ich war in Indochina dabei!“ – „Aber doch nur in der Küche“); langsam stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft nicht ganz so gallisch-solidarisch ist wie gedacht. Einer zugereisten jungen Frau (Marlène Jobert) schlägt vor allem seitens der Dorfdamen viel Misstrauen entgegen, zumal sie das Herz des Lebenskünstlers gewinnt. Wie diese Romanze ausgeht, soll nicht verraten werden – aber man kann diesem lässig dahinfließenden und sonnig bebilderten Film durchaus eine Skepsis gegenüber Frauen attestieren.

 

DVD erscheinen bei Pidax.
Der Film liegt in der ungekürzten Fassung vor. Eine in Deutschland einst geschnittene Szene ist jetzt eingefügt, im Original mit Untertiteln.

 

http://www.pidax-film.de/

 

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

 

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