KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Dämlicher deutscher Titel, interessanter Film „Vendetta“ mit Schwarzenegger

Vendetta Arnold Schwarzeneggger

Arnold Schwarzenegger in „Vendetta“, der im Original „Aftermath“ heißt. Foto: KSM

 

Warum nicht kleinere Brötchen backen? Jetzt, da die Post-Polit-Filmkarriere von Arnold Schwarzenegger mit kolossalen („Sabotage“) und relativen Flops („Terminator: Genisys“) versandet ist, müht sich Kaliforniens Ex-Gouverneur um eine Neu-Erfindung in kleineren Produktionen und anderen Rollen. Einst stand sein Name für Budget- und Gagenrekorde; heute ist der 70-Jährige  als Actionheld überaltert, scheint aber aus der Not eine Tugend zu machen: 2015 spielte er in „Maggie“ einen gramgebeugten Vater, dessen Tochter Opfer einer Epidemie wird. Schwarzenegger überraschte in dieser Verbindung aus Zombie-Film und Vater-Tochter-Drama mit einer anrührenden Darstellung – aber kein Verleih wollte den Film bei uns ins Kino bringen, er erschien direkt auf DVD.

So ergeht es nun auch dem Film  „Vendetta  – Alles was ihm blieb, war Rache“, dessen so reißerischer wie austauschbarer deutscher Titel zeigt, wie schwer wohl ein Schwarzenegger-Film ohne Action zu vermarkten ist. Im US-Original heißt er schlicht „Aftermath“, Nachwirkung, und erzählt von einer Katastrophe, die das Leben der beiden Hauptfiguren zu zerreißen droht. Da ist der Fluglotse Bonanos (Scoot McNairy), der einen Moment unachtsam ist – deshalb kollidieren zwei Flugzeuge, alle Passagiere sterben. Bauarbeiter Melnyk (Schwarzenegger), der dabei seine Frau und seine schwangere Tochter verliert, findet nicht mehr ins Leben zurück, während die Existenz des Fluglotsen zerbröckelt: Seine Firma entsorgt ihn mit Abfindung, er zieht weg und versucht, die übermächtigen Schuldgefühle zu bewältigen.

Über weite Strecken erzählt der Film des Briten Elliot Lester schnörkelfrei und ruhig (die Flugzeugkatastrophe ist eine kurze, nahezu stille Szene) von zwei parallel laufenden, erschütterten Leben, deren Wege sich schließlich kreuzen – mit fatalen Folgen. In dem Film, der vage auf dem Flugzeugzusammenstoß über dem Bodensee 2002 und dem Mord an einem Fluglotsen basiert, zeigt Schwarzenegger eine anrührende Darstellung – nicht immer bei Dialogen, die nach wie vor nicht seine Stärke sind. Aber in Blicken, Gesten, im Zusammenkrümmen des Arnoldschen Bärenkörpers unter Schmerz, als er am Absturzort seine tote Frau in einem Baum entdeckt. Das Zusammentreffen von Witwer und Fluglotse verläuft tieftraurig und tragisch – die Szene wirkt fast wie eine Antithese zu der oft ruppig-fröhlichen Selbstjustiz mancher früher Schwarzenegger-Filme. In „Aftermath“ sind die Fragen nach Schuld und nach dem Begriff von Sühne ungleich komplexer.

Erschienen bei KSM.

 

Vendetta Arnold Schwarzeneggger

Dunkle Schönheit: Das Album „The Vietnam War“ von Trent Reznor und Atticus Ross

Eine Zweitkarriere nebenbei kann man das nicht mehr nennen. Der Amerikaner Trent Reznor ist Kopf des Bandprojekts Nine Inch Nails und als solcher bekannt für harschen, knirschenden, beklemmenden Industrial-Rock. Doch er hat auch die Filmmusik für sich entdeckt. Mit dem britischen Kollegen Atticus Ross hat er 2010 die Musik zu David Finchers Facebook-Film „The social network“ geschrieben – mehrere Preise gewann ihre Arbeit, darunter einen Oscar. Auch David Finchers folgende Filme „Verblendung“ und „Gone Girl“ (2011 und 2014) untermalte das Duo kongenial.

Nun haben Reznor und Atticus an einer TV-Reihe gearbeitet, der zehnteiligen Kriegs-Dokumentation „The Vietnam War“ (kürzlich bei Arte zu sehen). Dabei gelingt dem Duo das Kunststück, eine Musik zu erschaffen, die die TV-Bilder atmosphärisch verstärkt, aber auch ohne diese eine enorme Wirkung entfacht, einen großen Sog. Auf Doppel-Albumlänge von 90 Minuten skizzieren sie sphärische Klanglandschaften, Rhythmen pulsieren sachte, Keyboards spielen karge Melodien in grauschwarzem Moll, dissonante Töne schleichen sich ein. In seltenen Momenten steigert sich die Musik zu albtraumhaften Eruptionen, um wieder abzuschwellen und in den melancholischen Fluss des Albums zurückzufinden. Keine Musik für den akustischen Hintergrund ist das, aber enervierend sind diese Klänge auch nicht, sondern  voll dunkler Schönheit.

Trent Reznor & Atticus Ross:
The Vietnam War (Universal Music).

Der Urvater von „Star Wars“ – ein Buch über George Lucas

George Lucas Die letzten Jedi Star Wars Krieg der Sterne Lucasfilm Disney

 

Was ist er nun? Ein visionärer Filmemacher, der stets um künstlerische Unabhängigkeit gekämpft hat, Technologien vorantrieb  und ohne den die Populärkultur heute ganz anders aussähe? Oder ein Geschäftsmann, der das filmbegleitende Nippes-Merchandising ins Extrem trieb, am Ende als Regisseur der größte Feind seiner eigenen Kreation wurde, mit durchwachsenen neuen Filmen und endlosen Verändern an den alten Klassikern,  und schließlich von seinen „Star Wars“-Nachlassverwaltern (Disney) weitgehend ignoriert wird?

Regisseur, Produzent und Drehbuchautor George Lucas ist als Person und als Künstler schwer zu fassen. US-Autor Brian Jay Jones hat es in einer 500 Seiten starken Biografie versucht – das Ergebnis ist eine aufregende Geschichte, auch für jene, die mit „Star Wars“ oder dem Archäologie-Abenteurer Indiana Jones nichts anfangen können. Es geht, ein bisschen wie bei „Star Wars“ um Rebellion, Unabhängkeit und  den Kampf gegen ein böses Imperium (Hollywood, zumindest in Lucas’ Augen). Das quellen- und zitatreiche Buch erzählt vom Sohn eines kleinstädtischen Schreibwarenhändlers, der sich ebenso für Rennsport wie für Philosophie und das Kino interessiert, Filmseminare besucht und inmitten der „New Hollywood“-Aufbruchstimmung experimentelle Kurzfilme dreht; dabei will er vor allem eines – die völlige künstlerische Kontrolle über sein Werk. Völlig verständlich, aber in Hollywoods Studiosystem kaum zu haben. Die schwierige Produktionsgeschichte seines ersten Langfilms „THX 1138“ (1971) zementiert, ja betoniert sein Misstrauen gegen Hollywood: Das düstere Zukunftsszenario gefällt den Geldgebern nicht, sie schneiden am Film des machtlosen Lucas herum, ebenso am Nachfolgefilm „American Graffiti“ (1973). Das verwandelte Lucas’ „Zynismus in echten Hass auf Hollywood“, wie Jones schreibt. Immerhin: „Graffiti“ ist erfolgreich und ermöglicht die Produktion eines kleinen Weltraum-Films, an den kaum jemand glaubt: „Krieg der Sterne“ (1977). Der Rest ist bekannt.

Millionen verdient Lucas mit dem Film, nicht zuletzt mit den Lizenzen für Spielzeug und Nippes – er nennt es im Buch „das Geschäft mit dem Zeugs“. Damit will er sein Film-Imperium abseits Hollywoods finanzieren. Doch unerschöpflich sind die Ressourcen nicht, so dass ein Misserfolg der Fortsetzung „Das Imperium schlägt zurück“ (1980) alle Pläne zerschlagen hätte und damit auch Lucas Allerheiligstes: Unabhängigkeit. Diesen Film, für viele der beste der Reihe,  inszeniert Lucas schon nicht mehr selbst, denn der Regisseur mag Regieführen nicht sonderlich.

Mit den mittlerweile vier Filmen um den peitschenschwingenden Archäologen Indiana Jones (Harrison Ford), inszeniert von Steven Spielberg, festigt Lucas sein Lucasfilm-Imperium, das auch etwa durch den  legendären Flop „Howard – Ein tierischer Held“ nicht mehr ins Wanken zu bringen ist. Unter „Star Wars“-Fans umstritten ist die zweite Trilogie (1999-2005), die Lucas inszeniert und der man anmerkt, dass der Austausch mit Schauspielern nicht zu seinen Lieblingsaufgaben gehört – im Gegensatz etwa zum Basteln an neuer Filmtechnologie.

Heute ist Lucas 73 und Milliardär: 2012 hat er Lucasfilm für vier Milliarden Dollar an den Disney-Konzern verkauft, der den Markt mit neuen „Star Wars“-Minireihen und Einzelfilmen bedient. Dass Disney dabei kein Interesse an Tipps des Ur-Vaters hat, gefällt Lucas nicht. Ganz loszulassen oder abzuschließen fällt ihm, der immer um die letzte Kontrolle kämpfte, verständlicherweise besonders schwer.

Brian Jay Jones: George Lucas – die Biografie. Edel Books, 480 Seiten, 24,95 Euro.

Aus gegebenem Anlass: Johnnie Tos Film „Vengeance“ mit Johnny Hallyday.

Johnny Hallyday Vengeance Johnnie To Koch Media

Hallyday in Hongkong. Foto: Koch Media

Musiker und Manchmal-Schauspieler Johnny Hallyday ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass ein Griffs ins Text-Archiv (2010), zur DVD-Vorstellung von Johnnie Tos „Vengeance“ mit Hallyday in der Hauptrolle: 

 

Ein merkwürdiges Gipfeltreffen: Johnnie To, Hongkongs rühriger Regie-Produktions-Meister, hat einen Film mit dem französischen Rocker und Nationalheiligtum Johnny Hallyday gedreht. Ganz so überraschend ist diese Paarung aber nicht: Tos lakonischen Filmen und Figuren sieht man an, dass er ein Fan des klassischen französischen Gangsterfilms ist, ähnlich wie Kollege John Woo, besonders von Jean-Pierre Melville. Dass Tos geplantes Remake von dessen Klassiker „Vier im roten Kreis“ (1970) wohl nicht zustande kommt, stimmt traurig. Mit dessen Star Alain Delon hatte To zuletzt über einen anderen Film verhandelt – und das scheint nun „Vengeance“ geworden zu sein, wenn auch nicht mit Delon (der wohl das Drehbuch nicht mochte), sondern eben mit Hallyday, der hier bezeichnenderweise den Rollennamen Costello trägt – wie Delon in „Der eiskalte Engel“ (1967).

Ob nun zweite Wahl oder nicht: Hallydays wettergegerbtes Echsengesicht ist ein Ereignis in diesem Film. Ein Franzose kommt nach Hongkong, um den Anschlag auf die Familie seiner Tochter zu rächen, den diese überlebt hat, Costellos Enkel nicht. Der Franzose heuert drei Auftragskiller an und zieht in den Privatkrieg. Das klingt nach üblichem Genre-Durchschnitt, ist aber nur das grobe Handlungsgerüst, das To meisterlich füllt – mit exquisiten Scope-Bildern, Überraschungen und exzellenten Darstellern. Wie Costello seine drei Komplizen kennen lernt, das inszeniert To als spannende, wortlose Sequenz aus Blicken, Gesten und jäh aufflammender Gewalt, nach der sofort wieder eisige Stille einkehrt. Mit den Killern, denen er einen Packen 500-Euro-Scheine und seine Uhr auf den Tisch legt, beginnt Costello eine lakonische Freundschaft. Wenn er für sie kocht und das Quartett ironisch Macho-Rituale durchspielt wie das Zusammensetzen auf Zeit von Schusswaffen, scheint sich eine Ersatzfamilie Gleichgesinnter zu finden. Das Wettschießen auf ein Fahrrad (das im Kugelhagel davonrollt) wird zum romantischen Ausflug unter Männern. Ihre erste Bewährunsgprobe kommt in einem surrealen Shoot-Out in einem Wäldchen, das in kompletter Finsternis versinkt, sobald der Vollmond hinter den Wolken verschwindet – eine meisterliche Szene. Ein weiterer Höhepunkt: Ein Schießerei, bei der die Gegner sich hinter Altpapier-Brocken verbergen, die sie durch die Landschaft rollen.

Herausragend im Ensemble ist Anthony Wong als großer Melancholiker, der dem Tod anderer ebenso stoisch ins Auge schaut wie der eigenen Lebensgefahr; Simon Yam gibt eine seiner patentierten Schmierlappen-Auftritte. Und Hallyday, auf den der Film ganz zugeschnitten ist? Der durchwandert die Szenerie, zwischen nächtlich neonbeschienenen Regenschirmen und Suppenküchen am Strand, mit kühler Grazie. Sein Hütchen und der Trenchcoat mit dem hochgeschlagenen Kragen lassen ihn wie ein Relikt alter Zeiten wirken, ein Gangsterfilm-Zitat, das es noch einmal mit der Gegenwart aufnimmt – in einem Finale, das man nach dem Einfallsreichtum zuvor als Antiklimax empfinden kann.

(DVD erschienen bei Koch Media).

Die Doku „Verbotene Filme“ über das Kino der Nazis

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Eine Szene aus Veit Harlans „Jud Süß“ (1940), einem der  berüchtigsten Hetzfilme des NS-Kinos. Die Titelrolle spielte Ferdinand Marian. Foto: rbb/Blueprint Film

1200 Spielfilme sind zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedreht worden, unter Leitung des NS-Regimes – von der Komödie bis zum antisemitischen Hetzfilm. Nach dem Krieg haben die Alliierten 300 Filme verboten, heute sind noch knapp 40 Filme so genannte „Vorbehaltsfilme“: Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, der die Rechte an den meisten der Filme gehören, gibt Werke wie „Jud Süß“ und „Kolberg“ nur für Veranstaltungen mit wissenschaftlicher Begleitung frei – oder, wie heute Abend,  für eine TV-Ausstrahlung mit besonderer Einführung. Was würde geschehen, wenn man die Filme einfach freigäbe? Wirkt die Propaganda heute noch? Oder ist der „Vorbehalt“ eine Art Zensur? Der Regisseur und Historiker Felix Moeller geht diesen Fragen in seiner Dokumentation „Verbotene Filme“ (2014) nach, die jetzt bei Arte zu sehen war. Das Interview fand anlässlich des Kinostarts der Doku statt.

 

Herr Moeller, Ihr Film enthält sich einer klaren These, ob man die „Vorbehaltsfilme“ freigeben sollte oder nicht – warum?

Ich wollte das jedem Zuschauer selbst überlassen. Am Ende des Films sagt ja der Historiker Götz Aly, dass man alles freigeben sollte. Das ist nicht ganz meine Meinung, ich sehe es etwas differenzierter, aber ich finde seinen Anstoß gut, auch wenn das Thema sehr komplex ist.

Sie haben für Ihre Dokumentation einige wissenschaftlich-pädagogische Vorstellungen der ansonsten nicht zugänglichen Filme in Deutschland und im Ausland besucht. Waren Sie überrascht über die Reaktionen?

Durchaus. Viele Zuschauer haben gesagt, dass ihnen zum ersten Mal klar wurde, welcher Propaganda ihre Vorfahren ausgesetzt waren – auch wenn das die Taten nicht in milderem Licht erscheinen lässt.

In Tel Aviv sagt ein Zuschauer, die Deutschen wären viel zu ängstlich und sollten die Filme einfach freigeben. Hat Sie das überrascht?Ja, aber die Israelis im eigenen Land sind selbstbewusster als etwa jüdische Gemeinden in Europa oder in der sogenannten Diaspora. In Paris waren einige jüdische Mitbürger in den Vorstellungen deutlich zurückhaltender und auch ängstlicher – dort hatte es gerade wieder antisemitische Vorfälle gegeben.

Was würde passieren, wenn ein Film wie „Jud Süß“ allgemein freigegeben würde?

Neonazis könnten ein Kino mieten, den Film dort sehen und laut Beifall klatschen. Andererseits wären diese Filme als historische Quellen leichter zugänglich, man würde das Tabu und den Mythos damit aufheben. Ich wäre aber dagegen, einen Film wie „Jud Süß“ oder auch „Heimkehr“ mit seiner perfiden antipolnischen Hetze an den Anfang einer Freigabe zu stellen. „Heimkehr“ hat einen privaten Lizenzinhaber, der versucht hat, den Film auszuwerten und ihn deshalb der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt. Die FSK hat ihn aber zurückgewiesen.

Ist die Grundfrage, die Vorbehaltsfilme öffentlich zugänglich zu machen, nicht rein theoretisch? Man findet sie im Internet, „Der ewige Jude“ zum Beispiel ganz leicht bei Youtube.

Ja und nein. Die Kopien im Internet sind qualitativ unglaublich schlecht und können ihre Wirkung kaum entfalten, vieles ist nicht zu erkennen. Die Murnau-Stiftung und Youtube diskutieren darüber, wie man die Filme entfernen kann. Eine neue Scan-Software soll das besser leisten können. Insofern tut sich schon etwas.

Gibt es öffentlich zugängliche NS-Filme, bei denen Sie sich wundern, dass sie nicht unter Vorbehalt stehen?

Sicher – bei einem Propagandafilm wie „Wunschkonzert“ fragt man sich schon, wieso der frei ist, wenn auch ab 18. Es gibt auch Unterhaltungsfilme mit Heinz Rühmann, die frei ab sechs oder zwölf sind, „Quax, der Bruchpilot“ oder „Die Umwege des schönen Karl“: Dieser Film zeichnet ein extrem düsteres Bild der Weimarer Republik mit Inflation und Verbrechen – genau in der Nazi-Lesart. Die Murnau-Stiftung müsste die Kriterien dringend überarbeiten, ihre letzte Beratungsrunde in dieser Sache liegt 20 Jahre zurück.

Nach dem Krieg wurden aus manchen NS-Filmen Hakenkreuze und Hitler-Bilder herausgeschnitten, so dass sie regulär laufen konnten – sind das „entnazifizierte“ Nazifilme?

Das wurde sogar bis in die 80er Jahre praktiziert, um die Filme wieder auswerten zu können. Aber das Entfernen der äußeren Symbole wäscht ja die Ideologie nicht heraus. Allerdings ist diese Praxis ein interessantes Symbol dafür, wie man in der Nachkriegszeit mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem NS-Kino, haben auch eine Doku über die Familie des „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan gedreht. Hat dieses Kapitel des deutschen Kinos für Sie eine dunkle Faszination?

Nein, ich glaube nicht, dass ich da einer Faszination erliege. Aber es ist interessant, zu sehen, wie diese Filme gemacht sind, wie sie funktionieren. Diese Seite der deutschen Filmgeschichte wird vernachlässigt, es gibt zu wenig Wissen darüber. Aber diese Filme sind ein kulturelles Erbe, wenn auch ein negatives.

„Verbotene Filme“ ist auf DVD bei Salzgeber erschienen, die gekürzte TV-Version ist in der Mediathek von Arte zu sehen:

https://www.arte.tv/de/videos/046356-000-A/verbotene-filme/

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Filmkopien im Bundesfilmarchiv in Hoppegarten bei Berlin: unter ihnen auch die Propagandafilme des Dritten Reichs. Foto: rbb/Blueprint Film

„Dunkirk“ auf DVD – aber nicht der Film von Christopher Nolan

Dunkirk Christopher Nolan BBC Benedict Cumberbatch

Nunja, über die Werbezeile „Hot from UK“ auf der DVD kann man streiten: Ein „the“ vor dem „UK“ hätte nicht geschadet, und der Film stammt aus dem Jahr 2004, „Dunkirk“ ist also nicht mehr ganz so „hot“. Interessant ist er aber doch – und außerdem ein sinniger Begleiter zu Christopher Nolans gleichnamigem Kinofilm, der Mitte Dezember auf DVD erscheint. In drei einstündigen Episoden erzählt die BBC-Produktion von der Einkesselung und der Evakuierung tausender britischer Soldaten an der nordfranzösischen Küste Ende Mai/Anfang Juni 1940. Britische und französische Truppen stehen mit dem Rücken zum Meer, während die deutsche Armee sich in Richtung Küste kämpft, immer wieder aufgehalten von Soldaten des britischen Expeditionskorps, die den feindlichen Durchmarsch zur Küste zumindest zu bremsen versucht.

Es ist dieselbe historische Geschichte wie in Nolans Kinofilm, aber ganz anders erzählt, was einen Vergleich reizvoll macht. Während Nolan sich fast komplett auf den Schauplatz Küste/Meer beschränkt und ganz auf Augenhöhe seiner Figuren bleibt, bemüht sich der BBC-Dreiteiler um eine weiter gefasste Perspektive – mit animierten Landkarten zeigt er die Lage der eingeschlossenen Soldaten, er verbindet historische Aufnahmen mit Spielszenen, er wechselt regelmäßig von Schauplätzen zwischen der Küste, dem umkämpften Inland und zigarrenrauchumflorten Besprechungszimmern in London; Dort gibt Premierminister Winston Churchill mit kalter Logik Anweisungen für die Evakuierung: Unversehrte Soldaten haben Vorrang, denn die sind a) im Krieg wertvoller und b) brauchen weniger Platz in einem Schiff als Männer auf Krankenbahren.

 

Dunkirk Christopher Nolan BBC Benedict Cumberbatch

An die Ästhetik des BBC-Films muss man sich erst einmal gewöhnen – er müht sich um einen hochtourigen Dokumentarstil, die Kamera kommt den Darstellern in den Spielszenen sehr nahe und wackelt auffällig, wohl um Hektik und Nervosität der Situation widerzuspiegeln. Aber es wirkt, zumindest anfangs, sehr plakativ. Dennoch packt dieser Dreiteiler; anders als Nolans Film, der diese blutige Geschichte eher sauber und unblutig erzählt, kommt der BBC-Film, der sich auf Augenzeugenberichte und Memoiren stützt, der grausigen Realität der Geschichte näher. In einer Szene schießt ein britischer Soldat aus Versehen einen Kameraden an, allerorten herrschen Chaos und Todesangst, derer die Briten durch drakonische Maßnahmen Herr werden wollen: Ein Soldat, der befehlswidrig in Richtung Küste fliehen will, wird von Offizieren erschossen. Einen von ihnen spielt der damals noch wenig bekannte Benedict Cumberbatch – erst sechs Jahre wurde er der „Sherlock“ im englischen Fernsehen.

Die erschütterndste Sequenz ist die Ermordung britischer Kriegsgefangener durch Soldaten der Leibstandarte SS Adolf Hitler – durch Erschießen und durch Handgranaten, die sie mitten unter die Gefangenen in einer Scheune werfen: das sogenannte Massaker von Wormhout. Christopher Nolan hatte da mit seinem „Dunkirk“ einen ganz anderen Weg gewählt – dort sieht man den allgegenwärtigen Feind fast gar nicht, am Ende bestenfalls schemenhaft.

Synchronisiert wurde der BBC-Film nicht, eine deutsche Fassung hätte dem Originalton nicht das Wasser reichen können – denn Timothy Dalton, Bond-Darsteller der 1980er Jahre, spricht die erklärenden Texte mit dramatischem Nachhall, und die Akzente der Darsteller spiegeln die englische  Klassengesellschaft wieder: Upper-Class-Diktion bei den Politiker und Offizieren, Arbeiter-Akzent bei den niederen Dienstgraden.

„Dunkirk“ der BBC erscheint am 24. November auf DVD bei Polyband,
Christopher Nolans „Dunkirk“ am 19. Dezember bei Warner.  

„Ein Schock nach dem anderen“ – Kinoanzeige von 1966

Ein bisschen Nostalgie mit wunderbaren Werbesätzen:

„Der explosive Höhepunkt der skandinavischen Lustspielerfolge“ (Ingmar Bergman wird es wohl nicht sein)

„Ein Schock nach dem anderen“

„Menschen werden zu Bestien“

„Hinter den bunten Fassaden der leichten Liebe!“

„Von den Gangstern gefürchtet, von den Frauen geliebt“.

Die Kino-Anzeige stammt aus dem Jahr 1966.

 

Wie geht es den Filmarchiven der Großregion? Eine Tagung in Saarbrücken

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Das Gedächtnis löst sich auf, Erinnerungen verblassen  und kommen nie wieder – begreift man die Filme der Vergangenheit als kollektives Gedächtnis, als kulturelles Erbe von Menschen und Regionen, dann droht uns eine große Amnesie, eine kulturelle Demenz. Denn das filmische Erbe ist bedroht: Selbst unter idealen archivarischen Bedingungen, was Temperatur und Luftfeuchtigkeit angeht, altert und verfällt Filmmaterial. Umso schneller bei der leider üblicheren Unterbringung in nicht-idealen, weil unterfinanzierten Archiven; oder, im Falle privater Filmschätze, in feuchten Kellern und auf staubigen Dachböden, wo Filmdosen vor sich hin rosten oder irgendwann im Müll landen und verloren sind.

Was tun mit dem Filmerbe? Wie archivieren? Und wie finanzieren?  Damit hat sich nun eine Saarbrücker Tagung beschäftigt, organisiert vom Saarländischen Filmbüro, der Uni Saarbrücken und dem Saarländischen Kulturministerium. Im Saarbrücker Schloss stellten Experten aus der Großregion den Stand der Dinge in Sachen Archivierung vor – und dieser Stand könnte je nach Land, Region und Stadt unterschiedlicher kaum sein. Das machte Andrea Wurm von der Uni Saarbrücken gleich in der Eröffnung deutlich: Während etwa Luxemburg in seinem „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA) alles zentral sammele und aufbereite, geschehe dies zum Beispiel in Belgien nur verstreut in verschiedenen Institutionen; das mache es schon grundlegend schwer, passende oder interessierte Ansprechpartner zu finden (so war bei der Tagung auch kein Referent aus Belgien anwesend).

Im Saarland gebe es, erklärte Wurm, das gemeinsame Archiv von Saarländischem Rundfunk und Südwestrundfunk, aber kein offizielles saarländisches Archiv, wenn auch einen privaten Verein. Und das Landesarchiv habe so gut wie keine Filme im Bestand. Wurms Fazit: Innerhalb der Großregion fehlen die Verbindungen zwischen Archiven und zentrale Anlaufstellen. „Wer sich informieren will, muss sich durch viele Institutionen wühlen.“ Aber Wurm hofft langfristig auf „ein Filmarchiv der Großregion“, dessen Anfang (neben dieser Tagung) das EU-Projekt „Digitale Steine“ machen soll, das noch bis 2019 läuft – beginnend mit dem Schwerpunkt Industriekultur, die die gesamte Großregion miteinander verbindet.

„Die Lage könnte besser sein“

Wie schwierig schon das Sichten von Bestand sein kann, zeigt sich, wenn etwa die Forbacher Médiathèque 100 Kurzfilme und Dokus vor allem über den Bergbau besitzt, aber kein Abspielgerät mehr für das betagte U-Matic-System. Um die Filme überhaupt einmal zu sichten, müssen die Filme zu Kollegen nach St. Avold gekarrt werden. „Die Lage könnte besser sein“, sagte auch diplomatisch Thomas Grand von der Kulturinstitution Image’Est mit Sitz in Épinal – zwei Jahre habe man gebraucht, um das Geld für einen ordentlichen Filmscanner zusammenzukriegen. „Wenn wir Material digitalisieren wollen, brauche wir Gelder, die wir nicht haben.“

 

Filmarchive Großregion Tagung Saarbrücken

 

Grand sprach auch über die Forschungen von Nadège Mariotti von der Unversité de Lorraine: Seit vier Jahren klappert sie Archive der Region ab und versucht, einen Katalog über Lothringer Bergbaufilme zu erstellen – ein mühseliges Unterfangen.

Wie paradiesisch Archivzustände sein können, dank staatlicher Unterstützung, zeigte der Vortrag von Mélina Napoli vom „Institut national de l’audiovisuel“ (INA): Das öffentlich-rechtliche französische Unternehmen, 1975 gegründet, sammelt und digitalisiert alle französischen Radio- und TV-Produktionen. 1000 Menschen in sechs Städten sind damit beschäftigt. Zwei Millionen Sendestunden sind digitalisiert, die das INA teilweise kommerziell auswertet: TV- und Radioproduzenten können Material für eigene Sendungen kaufen. Aber es gibt auch frei zugängliches und kostenloses Material, 50 000 Stunden und 1,2 Millionen Fotos. Das INA bespielt mit Archiv­häppchen die sozialen Netzwerke (800 000 Facebook-Fans, 45 000 Follower auf Instagram). Der meistgeklickte Clip ist eine Reportage von 1958 über eine Schule, die ihre kleinen Schüler auf Klappbetten und mit leiser Musik in den Mittagsschlaf wiegt. Auf eine Frage aus dem Publikum, wie das INA denn die betreffenden Künster bezahle, wenn es Inhalte bei facebook und Youtube teilt, die dafür nicht zahlten, wurde der Vortrag etwas schwammig. Es gäbe durchaus Verträge, und das mit Facebook sei sehr komplex.

Selbst die Abspielmaschinen sollte man archivieren

Komplex ist auch die Technik, wie Simon Wareshagin vom INA erläuterte: Die Bilder und Videos sind in höchstauflösenden Formaten auf Servern gespeichert, die immer wieder selbst zügig veralten, so dass man regelmäßig mit leistungsstärkeren Modellen nachrüsten müsse. So muss man dann zwangsweise sozusagen auch die Abspielmaschinen archivieren. Wareshagin ernüchtert: „Die Industrie hat gar kein Interesse, etwas zu produzieren, das langfristig alles abspielen kann.“

Der Dokumentarfilmer C. Cay Wesnigk warf einen Blick auf Deutschland und beklagte, dass hier eine generelle Verpflichtung für kommerzielle Produzenten fehle, ein Exemplar ihres Werks einem Archiv zu überlassen, anders als etwa in Frankreich oder Luxemburg. Wesnigk erläuterte die Idee der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), Busse mit Filmscannern auszurüsten, mit denen man übers Land fahren könne, um Filme in verstreuten Archiven oder Privatsammlungen aufzuzeichnen. Doch diese „Digibus“-Idee habe keinen Rückhalt in der Politik gefunden und damit auch keine Finanzierung. „Das Bundesarchiv war vielleicht auch ganz froh“, spekulierte Wesnigk, „das will nicht noch mehr Material“. Auch der Historiker  Dirk Alt kritisierte die zögerliche Haltung der Politik: „Die alte Regierung hat zu wenig getan, die neue Regierung muss viel mehr tun.“

Bei der Tagung, die ein erster Schritt hin zu einem Filmarchiv der Großregion sein soll, hat die Universität des Saarlandes Unterstützung signalisiert; auch das Kulturministerium in Form der Abteilungsleiterin Heike Otto lobte die Idee: „Ein Traum geht in Erfüllung.“ Aber leicht wird diese Erfüllung, das machte die Tagung klar,  keineswegs.

 

www.cna.public.lu

www.ina.fr

www.filmarchiv-saarland.de

 

 

„Es wird zu Revolten, Aufständen führen“- Martin Keßler und sein Film „Reise in den Herbst“

Neue Wut Martin Keßler AfD G20 Helmut Kohl

Journalist und Regisseur Martin Keßler. Alle Fotos: Keßler Filmproduktion

 

Wohin steuert Deutschland? Der Journalist und Regisseur Martin Keßler (63) hat für seinen Film „Reise in den Herbst – alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ Deutschland 2017 bereist: Er war beim Treffen der Rechtspolitiker in Koblenz, beim G20-Gipfel in Hamburg, bei der Beerdigung Helmut Kohls in Speyer und bei der Wahlparty der AfD am Tag der Bundestagswahl. Den Film hat Keßler kürzlich in Saarbrücken vorgestellt, ich hatte mit ihm vorab telefoniert.

 

Ihr Film fragt im Titel „Alles wie gehabt oder Zeitenwende?“ – der Film lässt eher Letzteres vermuten, oder?

Ja, in jedem Fall. Der Film war eine spontane Idee – als bei „Phoenix“ die Antrittsrede von Präsident Trump lief, mit „America First“, da habe ich gedacht, man muss etwas unternehmen. In dem Langzeitprojekt „Neue Wut“ beschäftigen wir uns seit elf Jahren, als der Widerstand gegen die Agenda 2010 begann, mit sozialen Protestbewegungen. Wir haben uns gefragt: Geht dieser Protest jetzt nach rechts? Es ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen, mit Trump als Präsident, mit dem Brexit. Da wollte ich schauen, wohin das in diesem Wahljahr führt. Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin nach Koblenz zu dem Treffen der europäischen Rechtspopulisten gefahren – so fing der Film an. Da ist etwas in Bewegung, ich würde durchaus von einer Zeitenwende sprechen, von einem Rechtsruck, der auch das bisherige parlamentarische System in Frage stellt – auch wenn gerade in den letzten Monaten vor der Wahl versucht wurde, das wohlige Gefühl zu vermitteln, dass alles so bleiben kann wie es ist, dass alles gut läuft.

Dieses Gefühl teilen offensichtlich nicht alle Wähler.

Nein, der Einzug der AfD in den Bundestag hat klar gemacht, dass sich nicht nur im Parteienspektrum etwas ändert, sondern insgesamt in der Politik – ähnlich wie es damals beim Entstehen der Linkspartei war, die ja auch keine Eintagsfliege war.

Sie glauben nicht, dass die AfD bald wieder verschwindet?

Nein. Ich glaube und fürchte, dass sich die Partei nachhaltig etabliert und sich ein neues rechtes elitäres Denken entwickelt, das womöglich an Leute wie Ernst Jünger anknüpft und das auch für bürgerliche Kreise noch unbedenklicher und salonfähiger wird. Vielleicht setzt ja noch ein gewisser Schrumpfungsprozess ein, wenn sich die Protestwähler abwenden, aber ganz weg vom Fenster wird die Partei nicht sein. Die Situation wäre nochmal anders, wenn an der Spitze der AfD ein wirklich charismatischer Politiker stünde. Alexander Gauland ist ja gewieft, aber nicht charismatisch. Untersuchungen besagen, dass auch viele Bürgerliche die AfD wählen, weil sie ihren Status gefährdet sehen: durch eine Wirtschaft, die etwa durch Digitalisierung und Globalisierung immer unüberschaubarer wird. Es sind nicht nur die sogenannten Abgehängten, die die AfD wählen. Eine rechte Ideologie, die beim Bürgertum wieder verfängt, wäre für mich ein großer Unterschied zu der Zeit vorher, als klar war, dass rechtes Denken nicht salonfähig ist. Da kommen Dinge wieder hoch, von denen man hoffte, dass sie nie wiederkommen: das Nationalistische, das Männerbündische, das Völkische. Was ich bedrohlich finde, ist, dass die AfD jetzt mit ihren 92 Abgeordneten ganz andere Ressourcen besitzt, staatliche Gelder und institutionellen Einfluss. Das ist nun die Herausforderung, sich damit auseinanderzusetzen und ihnen nicht die Plattform zu geben, von der aus sie sich dauerhaft etabliert.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der Bundespräsidentenkandidat der Linken, sagt im Film, man könne rechte Strömungen am besten durch soziale Gerechtigkeit bekämpfen.

Ja, das sagt auch Siemens-Vorstand Joe Kaeser. Eine Art Grundeinkommen müsste die Menschen absichern bei diesen Verwerfungen, bei dieser industriellen Revolution, die die Digitalisierung ja ist. Der Ruck nach Rechts hat damit zu tun, dass wir den Wohlstandszuwachs nicht gerecht verteilt haben. Verteilungsgerechtigkeit ist die zentrale Frage. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung muss mit Niedriglohn auskommen, es gibt eine Wohnungsnot, absurd steigende Mieten – wenn dann Migranten kommen, haben viele Leute Angst, dass sie teilen müssen, obwohl es ihnen selbst schon schlecht geht. Siemens baut gerade 1000 Stellen im Osten ab, einige Hundert im Ruhrgebiet, und die Opel-Übernahme durch PSA wird auch zu Entlassungen führen. Das wird noch eine ganz andere Dimension annehmen. Dadurch könnte sich alles politisch und sozial noch mehr polarisieren, auch der gesamte politische Diskurs, wie in den USA. Dieser Rückfall in die Idee von Nationalstaaten oder der deutschen Identität ist merkwürdig. Man weiß, dass das genug Unheil gebracht hat, aber die Leute sehen darin eine Orientierung in unüberschaubaren Zeiten.

Der Soziologe Jean Ziegler, der dem Menschenrechtsrat der UN angehört, spricht im Film vom „Endkampf des Klassenkampfes“.

In der Formulierung finde ich das übertrieben, ich würde seine Hauptkritik aber teilen, dass wir in einer „kannibalischen Weltordnung“ leben, in einem Finanzfeudalismus, der dazu führt, dass viele Millionen hungern oder verhungern, während andere den Hals nicht vollkriegen können. Das stimmt natürlich. Wir haben mit unserem deutschen Exportmodell ja auch Anteil daran – und ich bin selbst ja auch ein Teil dieses Wohlstandsmodells Deutschland, das für viele ja noch gilt. Wenn es nicht geändert wird, ist die liberale Demokratie in Gefahr. Denn solch eine kannibalische Weltordung kann man nur mit autoritären Mitteln aufrechterhalten. Das hat auch der größte Polizeinsatz in der deutschen Geschichte gegen die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg gezeigt.

Ihr Film endet offen, mit Bildern der AfD-Wahlparty und einer Gegen-Demo, und bietet keine Prognosen an.

Ich kann ja keine rosigen Perspektiven versprechen, ich weiß auch nicht, wohin das alles führt. Aber der Film zeigt ja, wieviel Bewegung und Gegenbewegung es gibt – etwa die Nürnberger Berufsschüler, die sich gegen die Abschiebung ihres Klassenkameraden nach Afghanistan wehren, oder die Initiative „Pulse of Europe“, oder die Riesendemos gegen G20 in Hamburg.

Ihr Film kommentiert wenig, aber dass Sie die Musik vom Trauermarsch bei Helmut Kohls Beerdigung mit den Bildern des Polizeiaufmarschs in Hamburg verbinden, ist schon auffällig.

Ich will illustrieren, dass die offene, liberale demokratische Gesellschaft in Gefahr ist, was man auch in Polen, in Ungarn, in den USA und anderswo sieht. Wenn man nicht wieder mehr soziale Gerechtigkeit etabliert, drängen sich autoritäre Lösungen auf, weil man den Laden sonst nicht mehr unter Kontrolle behält. Denn es tun sich massive Bruchstellen auf – zum Beispiel zwischen dem Wunsch, den konsumistischen Lebensstil fortzusetzen und dem massiven Verlust von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung. Oder eine immer dramatischere Umweltzerstörung als Folge unseres Wirtschaftens. Bei einem Teil der Bevölkerung wird das zu massiven Wohlstandsverlusten führen. Und einen kleinen Teil noch reicher machen. Auf Dauer werden sich die Menschen das nicht gefallen lassen. Das zeigt die bisherige Geschichte. Es wird zu Revolten, Aufständen führen.

Der Film zeigt euphorische Szenen vom Parteitag der SPD, die mit Blick auf den Wahlausgang heute tragikomisch wirken.

Ja, der Film beschreibt auch den Niedergang der SPD. Das war mir beim Dreh gar nicht so klar. Der Niedergang hängt auch zusammen mit der Auflösung sozialer Milieus – die sind im Saarland vielleicht noch intakter als in Frankfurt. Ist man nicht mehr in festen Milieus, verändert man seinen Blick und sieht alles vielleicht etwas realistischer. Der französische Soziologe Didier Eribon erklärt in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ den Aufstieg des Rechtspopulismus in Frankreich so: Weil Institutionen, wie die kommunistische Partei KPF, an denen man sich früher orientieren konnte, nicht mehr so präsent sind, wählen mittlerweile auch Arbeiter den Front National. Das beobachte ich seit über zehn Jahren auch in Deutschland: eine Krise der institutionellen Repräsentanz – dass Leute nicht mehr wissen, wen sie wählen sollen und sowieso alle für korrupt halten.

 

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Der Tod Helmut Kohls im Film hat fast eine symbolische Bedeutung. Ob man ihn nun sehr schätzte oder weniger – er verkörperte eine Form von beruhigender Verlässlichkeit, nach der sich heute viele Menschen sehnen.

Kohl war für mich ein Symbol des so genannten „rheinischen Kapitalismus“ – ein Kapitalismus, der auf sozialen Ausgleich ausgerichtet ist. Da gab es zum Beispiel noch eine Vermögenssteuer und der Spitzensatz in der Einkommenssteuer lag bei 53 Prozent statt bei heute 42 Prozent. Das waren Zeiten, in denen der Wind der Globalisierung nicht ganz so rau geweht hat wie heute und die Gesellschaft sozial nicht so gespalten war. Teile dieses „rheinischen Kapitalismus“ funktionieren in unserem alten gewachsenen System noch – viele Industriearbeiter etwa bekommen noch einen guten Lohn, aber andere fallen durch das Raster, da wird es prekär – da gehöre ich als Regisseur, der solche Filme macht, durchaus dazu. Es trifft viele Menschen, man sieht in Frankfurt viele teure Geländewagen – SUVs – und gleichzeitig immer mehr Leute, die in Mülleimern wühlen. Da kann man nicht so tun, als würde dieser rheinische Kapitalismus noch für alle gelten. Das ist der Betrug. Da muss man Lösungen finden. Wenn das nicht gelingt, werden wir noch mehr Probleme bekommen.

Im Film absolviert Christian Lindner von der FDP einen schneidigen Auftritt an der Frankfurter Universität. Wie hat Ihr Publikum bei den Diskussionen darauf reagiert?

Viele Zuschauer fanden, Lindner hätte etwas von einem Waschmittelverkäufer, er könne Menschen wie ein Werbefritze einwickeln. Was viele Zuschauer aber erschütterte, war, wie freudig die jungen Studenten seine neoliberalen Parolen runtergebetet haben.

Auch ein AfD-Politiker könnte sich den Film anschauen, ohne dass er anschließend von „Lügenpresse“ reden oder in die beliebte Opferrolle flüchten könnte. Sie kommentieren nicht, lassen auch André Poggeburg von der AfD über „Genderwahnsinn“ und über angeblichen Linksextremismus in der Gesellschaft reden – vertrauen Sie auf ein mündiges Publikum?

Natürlich. Das ist auch der richtige Weg, wie man jetzt mit der AfD umgehen sollte – mit den Leuten diskutieren, vor allem mit deren Wählerschaft. Sie nur zu Parias zu machen und zu stigmatisieren, wird nicht weiterhelfen.

Wo war es Ihnen bei den Dreharbeiten mulmiger? In Koblenz bei Frauke Petry, Geert Wilders und Marine Le Pen oder bei der AfD-Wahlparty und Gaulands Jagdaufruf auf die neue Regierung?

Ich fand beides etwas befremdlich. Was ich aber als bedrohlich empfand, war, wie bei der AfD-Party das Deutschlandlied geradezu gegrölt wurde, da kommt wieder so etwas aggressiv Männerbündisches hoch. Was als Tendenz aber insgesamt auffällt, und das beschränkt sich nicht auf diese beiden Veranstaltungen, ist die Inszenierung von Politik. In Koblenz wurde mit theatralischer Musik aufmarschiert – genauso wie beim Einzug von Martin Schulz beim SPD-Parteitag, wo er dann mit 100 Prozent gekrönt worden ist. Das sind Inszenierungen, die die Leute für dumm verkaufen wollen, manchmal mit Erfolg. Im Film taucht ja mehrmals ein SPD-Mann auf, der sagt „Umfragen interessieren nicht, wir werden gewinnen!.“ Das ist eine Art von Realitätsverweigerung, von magischem Denken. Werbeagenturen, die sich normalerweise um Waschmittel kümmern, werben jetzt für eine Partei. So ist dann auch der politische Diskurs. Und das finde ich für die Demokratie bedrohlicher als irgendein Aufmarsch mit Fahnen, wo sofort klar ist, dass das nur Show ist.

 

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Der AfD-Politiker André Poggenburg sagt im Film „AfD wirkt“ – sehen sie das so?

Ja, die AfD hat in der Flüchtlingsfrage die anderen Parteien vor sich hergetrieben. Es ist ein schleichender Prozess, dass eine Gesellschaft und der politische Diskurs nach rechts rücken, ohne dass man das deutlich wahrnimmt, weil das Allerschlimmste dann eben doch nicht eintritt. Anfang des Jahres fürchtete man, dass Marine Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den Niederlanden an die Macht kommen – im Endeffekt haben sie das nicht geschafft, aber dennoch den Diskurs in ihren Ländern nach rechts verschoben. Der Rechtspopulismus ist nicht an uns vorübergegangen, da darf man auch nicht nur auf eine Partei wie die AfD schauen, man muss das gesamteuropäisch sehen. Siehe Österreich ganz aktuell.

Ihr Film ist mit 140 Minuten ungewöhnlich lang – und damit im heutigen Fernsehen kaum zeigbar.

Das ist mein längster Film, aber ich wollte jede Station meiner Reise drin behalten. So eine Länge kann man durchaus mal wagen. Ich habe es auch noch nicht erlebt, dass jemand früher aus dem Film rausgegangen wäre – und danach wird meistens noch lange diskutiert. Für diesen Film war ich im Gespräch mit einigen Fernseh-Redakteuren, aber es gibt für Dokus dieser Länge kaum noch Sendeplätze. Die Räume für Formate, die Inhalte länger und komplexer erklären wollen, sind deutlich enger geworden. Das sehe ich durchaus als Teil einer Entwicklung bei den Medien, in der es vor allem um Aktualität, Hypes und um kurze Formate geht.

Hätten Sie einen reißerischen und kürzeren Film vielleicht leichter untergebracht?

Vielleicht. Ein Redakteur von 3Sat/ZDF hätte gerne aus unserem Film zwei 45-Minuten-Stücke ins Programm gebracht, das hat er bei seinen Vorgesetzten aber nicht durchgekriegt. Andererseits bringt das auch als mehr Freiheit für mich als Filmemacher. Dass ich den Film nun so machen konnte, wie ich wollte – mit einem TV-Sender hätte ich viele Auseinandersetzungen führen müssen oder mich einem bestimmten Format wie z.B. „37 Grad“ anpassen müssen: Das muss in einer ganz bestimmten Art und Weise gestrickt sein, sehr dramatisch, und alle paar Minuten fliegt ein Fadenkreuz durch den Film, wie bei „ZDF zoom“. Die Vertretung der Dokumentarfilmer, die „ Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“, kritisiert ja auch, dass Sendeplätze für Dokus mit einer eigenen Handschrift radikal eingedampft worden sind. Das lässt im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen immer mehr einen Verlautbarungs – und Skandaljournalismus hochkommen. Für Analytischeres, das Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet, gibt es immer weniger Platz. Lieber bietet man in den vielen Talkshows Politikern eine immer größere Fläche, um sich öffentlich zu inszenieren und den politischen Diskurs zu bestimmen, oder es wird auf Verkürzung und Skandalisierung gesetzt. So etwas, was wir machen, wird immer seltener.

Wenn Ihr Film nicht im Fernsehen läuft, hat er weit weniger Publikum als im Kino.

Das schon, aber ich will darüber gar nicht lamentieren, denn wenn wir unsere Filme bei Veranstaltungen zeigen und diskutieren, hat das eine ganz andere Nachhaltigkeit als im Fernsehen, wo sie einfach nur gesendet werden.

Wie lässt sich das ohne Fernsehgelder finanzieren?

Es ist schwierig. Die Bereitschaft von partei- oder gewerkschaftsnahen Stiftungen, solche Projekte mitzutragen, ist sehr viel geringer geworden, früher haben wir da eine ganz andere Unterstützung erfahren. Wer den Film eigentlich ermöglicht und uns vor einem finanziellen Desaster gerettet hat, ist die GLS Treuhand, die Treuhandstiftung der alternativen GLS Bank in Bochum, in der auch die Ökobank drin aufgegangen ist. Die hat den Film am Nachhaltigsten unterstützt.

Wollen Stiftungen wie diese beim Film mitreden?

Überhaupt nicht – es gibt keinerlei Einflussnahme.

Warum ziehen sich die früheren Förderer zurück?

Ich glaube, einzelne Gewerkschaften etwa wollen auch nur noch das unterstützen, was ihnen als Organisation unmittelbar nützt – das ist typisch für die Gesamtentwicklung in der Gesellschaft, in der jeder nur noch seinen eigenen unmittelbaren Vorteil sieht und Zusammenhalt verloren geht. Wenn man sieht, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt immer mehr verlorengeht, müsste man aus meiner Sicht doch ein Interesse haben, dass es Dokumentarfilme gibt, die verschiedene Gruppierungen zusammenführt – zu produktiven Diskussionen. Auch das sind Veränderungen, die ich bei meiner Arbeit erlebe, die aber in einen größeren Zusammenhang gehören. Das ist für mich Teil einer Amerikanisierung. Früher hätte ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen Film mit seinen Geldern unterstützt, heute muss ich Mäzenaten finden.

 

Informationen und DVD:
www.neuwut.de

 

 

Wie geht es dem saarländischen Filmbüro am 30. Geburtstag?

Saarländisches Filmbüro Großregion Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

Die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger (v.l.). Foto: Keßler

 

Das Saarländische Filmbüro wird 30 Jahre alt – ein Blick zurück und nach vorn. Am Montag beginnt eine große Tagung.

Nächtelang waren die Diskussionen damals, und hitzig. Pausenlos habe man sich getroffen und beraten, erzählt Sigrid Jost – damals vor 30 Jahren, als sich aus einem Dutzend Kinobegeisterter das Saarländische Filmbüro gründete. Dies besteht seitdem, auch wenn sich seine Rolle über die Jahre verändert hat. Konstant geblieben sind nur Geldknappheit und Idealismus der Beteiligten, ohne die der gemeinnützige Verein längst Geschichte wäre.

Das Klagelied der kulturellen Selbstausbeutung aber wollen die drei Vorstandsmitglieder Jörg Witte, Sigrid Jost und Anna Kautenburger nicht singen, lieber erzählen sie von heute und damals: Als das Filmbüro in den 1990er Jahren auch als Geschäftsstelle der Kulturellen Filmförderung im Saarland über Mittel aus dem Kulturministerium entschied. Die  damaligen Förderungen, ob nun von Filmen oder Strukturen, kann man  auf der Internet-Seite des Büros nachlesen, eine oft nostalgische Lektüre: „Umrüstung auf Stereoabtastung einer bestehenden Tonanlage und Abspielförderung“ bei der Kinowerkstatt St. Ingbert im Juli 1994 etwa  (4073 Mark und 56 Pfennig) oder, auch 1994: Stoffentwicklung (6500 Mark) für ein Drehbuch, das neun (!) Jahre später verfilmt und ein bundesweiter Kino-Erfolg wurde –  „Schultze gets the Blues“ von Michael Schorr aus Landau.

„Keine Überzahl von Saarländern“

 

„Das Regionale war uns enorm wichtig“, sagt Jost, „es ging uns um unverbrauchte Bilder,  um die spezifische Saarlandkultur, das Besondere in der Grenzregion.“ Die Mitgliederversammlung wählte ein Gremium aus, das strengen Proporz wahren sollte: zwischen Männern und Frauen, zwischen Film-Produktion und Film-Abspiel. Außerdem, und so etwas hört man nicht oft: „Es sollte keine Überzahl von Saarländern geben, um Vetternwirtschaft zu vermeiden.“ Deshalb wurden auch Fachleute etwa aus Luxemburg berufen. Die Fördersummen der einzelnen Projekte bewegten sich zwischen 400  und 100 000 Mark, doch 1997 war das alles vorbei. Die SPD-Regierung fror die Mittel ein, erzählt Witte, erst ab 1999 gab es mit der neu gegründeten Saarland Medien GmbH wieder eine saarländische Filmförderung.

Vielen ähnlichen selbstverwalteten Filmbüros ging es damals ähnlich, Strukturen veränderten sich, die Politik sah vielerorts die Rolle der Filmförderung vor allem in der wirtschaftlichen Stützung des Standorts. „Unser kultureller Enthusiasmus hat nicht mehr so in  die Zeit gepasst“, erinnnert sich Jost, „man galt als Dinosaurier, wenn man nicht ausschließlich wirtschaftlich argumentiert hat“.

Nur – was tun? Das Filmbüro widmete sich noch stärker der Großregion, durch Kontaktpflege und Verknüpfung an „vielen runden Tischen“, wie Jost sagt. Das SaarLorLux Film- und Videofestival hatte das Büro schon 1990 auf den Weg gebracht, es wurde 2003 von Kino im Fluss/Cinéfleuve (bis 2007) abgelöst; 2009 bis 2013 gastierte die Filmschau Großregion hier und bei den Nachbarn; und Créajeune mit Nachwuchsfilmen der Großregion feiert seinen zehnten Geburtstag.

Nachwuchs dringend gesucht

Viel Arbeit also, darunter regelmäßige Workshops und die Filmwerkstatt-Abende, die im Verein organisiert werden muss – und finanziert. Die Förderung für das Büro ist seit Jahrzehnten gleich (schrumpft real also): Anfangs gab es 50 000 Mark im Jahr, jetzt sind es 26 000 Euro. Die müssen immer wieder jährlich beantragt werden, genau wie die Förderungen für einzelne Projekte, etwa für pädagogische Filmarbeit. „Das alles geht nur mit Herzblut“ sagt Anna Kautenburger.  Fest anstellen könne man niemanden, so setzt man auf Praktika und idealistisches Ehrenamt. „Wir überschreiten manchmal unsere Kraftreserven“, sagt Jost, „aber das Tolle ist ja, dass man nicht im üblichen Sinne zur Arbeit geht, sondern Projekte umsetzt – das wiegt das  Ganze wieder auf.“ Dennoch fehlt dem Verein mit seinen um die 20 Mitgliedern der Nachwuchs, „junge Menschen, die in der Filmszene etwas gestalten wollen“, wie es Kautenburger sieht.

Das Archiv plus Kaffee

Ein Schwerpunkt des Büros in der Nauwieserstraße 19 ist sein Archiv mit knapp 3000 Filmen aus den vergangenen Jahrzehnten aus der Region. Interessierte sind sehr willkommen. „Man kann sich bei uns melden“, sagt Jost, „und sich die Filme hier ansehen – einen Kaffee gibt’s auch.“ Die Filme liegen teilweise noch auf dem ausgemusterten VHS-Videoformat vor, technisch noch antiker etwa geht es bei den Kollegen der Forbacher Médiathèque zu, wie Witte erzählt: Dort schlummern in einem Stahlschrank rund 100 Kurzfilme und Dokus aus den Jahren 1980 bis 1993, vor allem zum Bergbau. Hochinteressantes Filmerbe also, „aber im alten U-matic-Videosystem, das keiner mehr abspielen kann“. Um diese Frage, wie man das Filmerbe retten kann (und auch mit welchem Geld) dreht sich von Montag bis Mittwoch das internationale „Kolloquium Filmkulturelles Erbe“ in Saarbrücken, das das Filmbüro ausrichtet, unterstützt vom saarländischen Kulturministerium. „Wir müssen etwas tun, sonst ist das alles nicht mehr zu sehen“, sagt Witte. Zu tun bleibt also genug, auch über den 30. Geburtstag hinaus.

Informationen, auch zur Tagung:

http://www.filmbuero-saar.de

 

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