KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: November 2016

Der Donnergott tingelt: „I am Thor“ auf DVD

 

I am Thor

Muskelberge, platzende Wärmeflaschen (und platzende Plattenverträge), ein großer Gummihammer und ein noch größerer Glaube an sich selbst: Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“, auf DVD zu haben, erzählt von der Karriere des Hardrockers Jon Mikl Thor, vom Tingeln, Scheitern und vom immer wieder Hochrappeln.

Sechs zahlende Zuschauer an einem besonders trüben Abend. Eine Band, die sich kollektiv absetzt. Und dann landet die Requisitentasche mit Helm und Gummihammer auf dem falschen Flughafen. Das Schicksal ist dem Donnergott ungnädig, aber Jon Mikl Thor gibt nicht auf. In den 80ern war der kanadische Bodybuilder und Musiker für kurze Zeit eine mittelgroße Nummer: mit einer theatralischen Rockshow, bei der er unter anderem Wärmeflaschen durch Aufpusten platzen ließ, und donnernden Alben wie „Keep the dogs away“ oder „Striking Viking“; doch Missmanagement, Scheidung und eine Depression warfen Thor aus der Bahn – bis er Ende der 90er ein Comeback versuchte, mit weniger Haaren und mehr Bauch.

Die tragikomische Dokumentation „I am Thor“ von Ryan Wise und Alan Higbee begleitet diesen jahrelangen Comeback-Versuch, das Tingeln, das Selbstbeschwören, das Schönreden, das ewige Weitermachen – auch wenn der Show-Gürtel mit den Gummitotenköpfen spürbar enger wird. Ohne spürbare Ironie stellt Thor seine Texte auf eine Stufe mit Bob Dylan – auch wenn Dylan wohl nie Titel wie „Thunder on the Tundra“ oder Zeilen wie „The time has come to shit the pants“ ersonnen hat. Ein Thor-Fan schätzt das Oevre treffend ein: „Well, it’s not Shakespeare“. Nur der unerschütterliche Glaube an sich selbst – teilweise Resultat von Antidepressiva – rettet Thor, wenn etwa sein Ferner-liefen-Name auf einem Festivalplakat nur mit der Lupe lesbar ist. Herrlich absurd ist diese Tingelbiografie und anrührend – dass Thor am Ende bei einem finnischen Festival von treuen Metal-Fans gefeiert wird, gönnt man diesem Stehauf-Mann von Herzen.

Erschienen bei Studio Hamburg, auch als Special Edition mit einer Bonus-DVD voller TV-und Bühnenauftritte.

Intrigen-Sumpf in Moskau: Die Doku „Bolschoi Babylon“ auf DVD

 

Bolschoi

 

Es war ein Verbrechen, das medial um die Welt ging: Am 17. Januar 2013 wird Sergej Filin, künstlerischer Leiter des Bolschoi-Balletts, von einem Maskierten mit Säure überschüttet – Filin erleidet Verätzungen im Gesicht, nur mit Glück verliert er nicht sein gesamtes Augenlicht. Die Polizei findet den Auftraggeber – einen Solotänzer am Bolschoi, einen von unzähligen Feinden Filins, der früher selbst Solotänzer war und dann zum Leiter aufstieg, deswegen beneidet und gehasst von vielen.

Der Anschlag ist Ausgangspunkt der Dokumentation „BolschoiBabylon“ des britischen Regisseurs Nick Read. Seinem Film, der jetzt auf DVD erscheint, geht es nur am Rande um die Rekonstruktion des Kriminalfalls; Read sieht ihn als Symptom an für das Bolschoi, in dessen Welt – mal zum Bestaunen, mal zum Gruseln – er tief eintaucht. Der Film zeigt grandiose Bilder von Aufführungen (oft in Zeitlupe), die künstlerische Klasse, den güldenen Pomp – und die Gänge hinter der Bühne, einen Ort von Ambition und Angst. Da ist eine Tänzerin, gejagt von der Furcht vor dem Altern und der Jugend vieler Kolleginnen. Da ist Nikolay Tsiskaridze, lange Solotänzer mit enormem Ego, der seine Kündigung mit Machenschaften des Stalinismus vergleicht. Der Film zeigt Sitzungen, in denen der Bolschoi-Direktor Wladimir Urin den verletzten Filin kritisiert, weil er ihm die Kraft für den Ballettleiter-Posten nicht zutraut – Filin nimmt die dunkle Brille ab und zeigt, dramatisch geschickt und mitgefühlheischend, sein verätztes Auge. Hinter den Kulissen liegt also ein Schlachtfeld, das Read detailliert zeigt. Ein optisch ausgefeilter Film, an dessen Ende Filin noch am Bolschoi arbeitet. Mittlerweile hat er das Theater verlassen. Urin hat seinen Vertrag nicht mehr verlängert.

Erschienen bei Polyband.

Man muss ja nicht alles können – Prince als Filmemacher

 

 

 

 

Prince Blu-ray

Am Anfang volle Kinos und gute Kritiken. Am Ende? Schmähpreise und rote Zahlen. Die Karriere von Prince als Filmemacher war holprig. Seine drei Kinofilme erscheinen jetzt als Bluy-ray-Box und laden ein zu einem Blick zurück.

Merkwürdig verlief sie, die Kinokarriere von Musiker Prince. Drei Filme drehte er: erst einen Erfolg, dann einen mittleren Misserfolg, dann einen kompletten Flop. Nun erscheinen die Filme zusammen auf Blu-ray (der letzte erstmals) – eine gute Gelegenheit, sich an Prince, der im April im Alter von 57 Jahren starb, als Filmemacher zu erinnern. 1983/84 entstand „Purple Rain“, in dem Prince seinen Aufstieg als Musiker in Minneapolis nacherzählte; um Rivalitäten mit anderen Musikern geht es, um schwierige Familienverhältnisse, um Kreativität und brennende Ambition. Das begleitende Album machte Prince 1984 vom Kult- zum Superstar, während der Film der beste mit Prince bleibt – wohl, weil er ihn geschrieben, aber nicht inszeniert hat (es war Albert Magnoli).

Schauspielerführung und Dramaturgie waren keine Stärken des Musikers, wie sich zeigen sollte. Der Erfolg von „Purple Rain“ jedenfalls war so groß, dass Prince 1985 rasch den nächsten Film drehte, an der Cote d’Azur und – überraschend – in Schwarzweiß: „Under the Cherry Moon“. Nach einer Woche Dreharbeiten entließ er die Regisseurin Mary Lambert und inszenierte selbst. Die Geschichte eines musizierenden Gigolos (Prince), der unter der Mittelmeersonne die Herzen schmelzen lässt, hat er nicht in den Griff bekommen – die Gags zünden selten, die Schauspielerei wirkt überzogen – was bleibt, sind die Musik, die atmosphärischen Bilder von Kameramann Michael Ballhaus und das Debüt von Kristin Scott Thomas.

Fans und Kritik konnten wenig anfangen mit dem Film – da ist es wohl kein Wunder, dass Prince beim nächsten Versuch scheinbar sichereres Terrain betrat: 1990 führte er „Purple Rain“ vage fort und erzählte in „Graffiti Bridge“ von Rivalitäten unter Nachtclubbesitzern und von sich selbst als Künstler auf Sinnsuche, begleitet von einem Engel und von lyrischen Visionen, die er an seine Wand pinselt. Der Film schafft sich seine eigene künstliche Welt – wo „Purple Rain“ noch tatsächliche Straßen in Minneapolis zeigte, Hinterhöfe und reale Clubs, da ist in „Graffiti Bridge“ alles nur noch Studio – mit knallbuntem Licht und Kunstnebel, den Prince mit dem Motorrad telegen durchfährt. Das raue Filmische von einst ist einer glatten Ästhetik gewichen, die schlecht gealtert ist und heute wie ein langes MTV-Video wirkt. Bei Konzertaufnahmen erwacht der Film zum Leben; erzählt Prince seine Geschichte, stolpert er ins Kunstgewerbe.

Kurios bleibt dieses Film-Trio und auch frustrierend, wenn man darüber spekuliert, was vielleicht hätte sein können – hätte Prince, der begnadete Musiker und Bühnenmensch, sich nicht selbst inszeniert, sondern sich einen Profi gesucht. Man muss ja nicht alles können.

Erschienen bei Warner. Extras: Videoclips zu den einzelnen Filmen und im Fall von „Purple Rain“ Hintergrundberichte.

Schöner sterben mit der „Reichswasserleiche“ – „Immensee“ und „Opfergang“ restauriert

 

 

opfergangimmensee

 

„Immensee“ und „Opfergang“, zwei der wenigen Farbfilme der NS-Filmindustrie, erscheinen restauriert auf DVD. Inszeniert von Veit Harlan, dem Regie-Star der Nationalsozialisten, sind die Werke filmhistorisch und auch ästhetisch durchaus interessant.
Unbefangen geht man nicht heran an diese Filme. Wie könnte man? Sie stammen von Veit Harlan (1899-1964), dem NS-Starregisseur. Unter Goebbels machte er Karriere, die untrennbar verbunden ist mit dem berüchtigsten NS-Spielfilm, „Jud Süss“, den Harlan 1940 drehte. Seine letzten vier Werke im Dienst des Regimes sind Prestigefilme in Farbe, damals eine Seltenheit: 1942 das Melodram „Die goldene Stadt“, 1943/44 der Durchhaltefilm „Kolberg“; den Widerstand der preußischen Festung Kolberg gegen napoleonische Truppen 1807 stilisiert der Film zum letzten Kampf einer Nation – so sollten letzte Reserven für den „totalen Krieg“ mobilisiert werden. „Kolberg“ und „Jud Süss“ sind bis heute so genannte Vorbehaltsfilme und werden als Kopie nur für Vorstellungen mit Einführung und Diskussion verliehen.
Die beiden anderen Farbfilme Harlans fallen nicht in diese Kategorie und erscheinen nun restauriert erstmals auf Blu-ray/DVD (Anbieter: Concorde). Um Kosten zu sparen, drehte er „Immensee“ und Opfergang“ gleichzeitig, mit demselbem Stab und demselben Darstellerpaar: Carl Raddatz und Harlans Gattin Kristina Söderbaum, die in ihren NS-Filmen so oft in den meist nassen Freitod ging, dass der Volksmund ihr den Spitznamen „Reichswasserleiche“ andichtete.

„Immensee“ ist ein Liebesmelodram und gleichzeitig ein Durchhaltefilm, der das Ausharren, das sich Aufopfern in wohlig pastellenen Agfa-Farben zelebriert. Den Komponisten Reinhardt (Raddatz) zieht es hinaus in die weite Welt (immerhin kommt er bis nach Rom), während seine Jugendliebe Elisabeth (Söderbaum) auf der heimischen Scholle schmachtet, „verwurzelt in meiner kleinen Welt“, wie sie sagt. Reinhardt vergisst sie ein wenig angesichts Karriere und Bohème-Leben, so dass Elisabeth dem dritten Heiratsantrag des netten, aber etwas farblosen Erich (Paul Klinger) nachgibt. Als Reinhardt nach Jahren zurückkommt und sich Elisabeth recht forsch nähert, erweist sich Erichs Liebe als selbstlos – und damit, aus der Sicht des Films, als letztlich wertvoller, wenn auch ohne romantische Höhenflüge. Der Film feiert eine melancholische Nostalgie, hier wird sich viel und tränenfeucht an alte Zeiten und an unterdrückte Gefühle erinnert; der Film scheint dabei von der Realität seiner Entstehungszeit, von Krieg und Tod, unberührt – bis auf die letzte Szene. Da steigt Reinhardt in eine Ju 52 und lässt Elisabeth, mittlerweile Witwe, in schwarzem Mantel auf einem weißen Schneefeld zurück – Assoziationen an die eingeschlossenen deutschen Soldaten in Stalingrad und die letzten Flugzeuge hinaus drängen sich auf. Da scheint die Realität kurz in diesen Film einzubrechen, der es sich ansonsten ganz in seiner Welt der prächtigen Natur und der großen Gefühle gemütlich macht.

„Opfergang“ ist schriller, bunter, absonderlicher. Der Weltreisende Albrecht (Raddatz) lässt sich in Hamburg nieder und heiratet die großbürgerliche Octavia; fasziniert ist er aber von der nordischen Nachbarin Aels (Söderbaum), einem Naturmenschen, der gerne reitet und Bogen schießt – zu sehen in einer Montage, die fast wie eine Parodie auf die „Bund deutscher Mädel“-Körperertüchtigungen wirkt. Doch Aels ist todkrank, und so dreht sich dieser Film mit seiner ausgeklügelten Farbdramaturgie um Tod, Abschied und – wie bei „Immensee“ – um aufopfernde Liebe.

Subtilität ist Harlans Sache dabei nicht, aus heutiger Sicht kann man den Film oft als unfreiwillige Komödie goutieren: Wenn etwa die Bürgerfamilie sonntags zusammensitzt und Nietzsche liest (was sonst?) oder wenn Söderbaum mit ihrem Pferd über die Liebe räsonniert. Andererseits ist die finale Todesvision ein großer Wurf ungebändigten Jenseitskitsches. Dem kann man sich kaum entziehen, unabhängig davon, was man von Harlan sonst hält.

 

Erschienen auf DVD und Blu-ray bei Concorde

„Wir wollen den Kopf von Phil Collins“ – die Doku „Supersonic“ über Oasis

 

 

 

In den 90er Jahren war sie ein Phänomen – und vielleicht die größte Band der Welt: Oasis aus Manchester, mit dem in Hassliebe verbundenen Brüderpaar Liam und Noel Gallagher. Eine Dokumentation zeichnet den rasanten Aufstieg der Gruppe nach und den Konflikt zweier großer Egos (und ziemlich witziger Schnodderschnauzen).

Gnädig ist es, aber auch schade, dass der Film auf dem kommerziellen Gipfel der Band endet: Da treten Oasis in Knebworth an zwei Tagen vor insgesamt 250 000 Menschen auf – damals, 1996, ist es das bisher größe Konzert in England. Was danach kommt für die Gruppe aus Manchester – schwächer werdende Alben, der schwelende, schließlich explodierende Konflikt der beiden Gallagher-Brüder, das Ende der Band 2009 – lässt der Film außen vor.

Dennoch ist „Supersonic“ von Mat Whitecross sehenswert und enorm unterhaltsam; von großen Egos erzählt er und von zwei legendären Großmäulern: Da ist Liam Gallagher, Oasis-Sänger, der Songs wie „Wonderwall“ mit unbändigem Leben füllt – die Arme beim Singen hinterm Rücken gekreuzt, die Stücke mit rotziger Arroganz und dennoch Seele gesungen. Ein begnadeter Rockstar – mit dem richtigen Songmaterial. Und da ist Noel Gallagher, der fünf Jahre ältere Bruder, kein begnadeter Rockstar – aber er schreibt die in den ersten Jahren grandiosen Stücke. Diese Rivalität und das Wissen beider, dass der andere etwas besser kann als man selbst, ist der rote Faden in der Oasis-Historie, in der Familiengeschichte und im Film.

Regisseur Whitecross montiert alte Familienvideos, erste Probenmitschnitte, Interviews, TV-Auftritte und Konzertbilder zu einer Aufstiegsgeschichte, die auch von einem gewissen Größenwahn befeuert wird. Der Dance-Szene, die in der Band-Heimat Manchester in den 90ern grassiert, sagen die Gallaghers ebenso den Kampf an wie der Musik des reiferen Publikums: „Wenn wir nicht irgendwann den abgetrennten Kopf von Phil Collins in unserem Kühlschrank haben, sind wir gescheitert.“ Der Kühlschrank bleibt in dieser Hinsicht zwar leer, aber die ersten Alben „Definitely Maybe“ (1994) und „(What’s the Story), Morning Glory“ (1995) werden zu Klassikern des sogenannten Britpop. In diese aufregende Zeit führt der Film bildreich zurück, aus dem Off kommentiert von den (getrennt befragten Brüdern). Eine reine Erfolgsgeschichte entspinnt sich nicht – auch um einen prügelnden Vater geht es, um kindliche Traumata und um die wohl unumgänglichen Klischee-Exzesse: demolierte Hotelzimmer und Drogen. Der Drummer der ersten Stunde wird entlassen (später verklagt er die Band), und Noel Gallagher gibt Interviews, die man durchaus großkotzig nennen kann: In einem lästert er über die Nutzlosigkeit von Schlagzeugern und vergleicht sie mit Orang-Utans; neben ihm sitzt der Gitarrist und lacht so nervös wie pflichtschuldig mit – wenn der Chef Witze reißt, da lacht man halt ein bisschen lauter mit.
Humoristisch ist auch die deutsche Tonspur – da versuchen deutsche Synchronsprecher den durchweg fluchbestückten Slang der Gallaghers zu übertragen. Vergeblich, aber ungewollt komisch. Original mit Untertiteln empfiehlt sich eher bei dieser packenden Doku, die weder überkritisch noch distanzlos ist.

DVD und Blu-ray sind bei bei Ascot/Elite erschienen.

„Ich habe immer viel geackert“ – Interview mit Burghart Klaußner

Burghart Klaußner

Schauspieler Burghart Klaußner (67, Foto: Max Parovsky) ist einer der Großen seiner Zunft, ob auf der Bühne, im Kino oder auch im Fernsehen. Er drehte unter anderem mit Christian Petzold („Yella“), Hans-Christian Schmid („23“ und „Requiem“), Michael Haneke („Das weiße Band“) und Steven Spielberg („Bridge of Spies“). Vor einem Jahr gewann er in Neunkirchen den Darstellerpreis des Günter Rohrbach Filmpreises in Neunkirchen, in diesem Jahr hat er die Jury geleitet. Ich habe vor der Verleihung mit ihm gesprochen.

 

Vor einem Jahr haben Sie in Neunkirchen den Rohrbach-Darstellerpreis gewonnen und das Preisgeld von 3000 Euro direkt an die Caritas Neunkirchen für deren Flüchtlingsarbeit gespendet. Sind solche Gesten heute sogar nötiger als 2015?

Nicht unbedingt in finanzieller Hinsicht, denn die Lage insgesamt im Land hat sich ja verbessert, die Kommunen scheinen sie einigermaßen im Griff zu haben.

Aber die Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer allgemein hat sich stark verfinstert, deshalb dachte ich etwa an Spenden als wichtige symbolische Geste.

Diese Stimmung ist natürlich extrem beunruhigend. Man bekommt das Gefühl, die Deutschen hätten nichts gelernt. Die abenteuerlichsten Leute schwadronieren durch die Lande, ob sie sich nun Reichsbürger nennen oder Hitlerjugend, die es ja vielleicht auch schon wieder gibt. Das ist finsterstes Mittelalter – und man fragt sich, wofür man die ganze Zeit als Künstler geredet und geackert hat.

Was kann Kunst da ausrichten? Im Saarländischen Staatstheater etwa läuft gerade Max Frischs „Andorra“ – aber kann solch ein Stück einen Ausländerfeind bekehren? Falls er es sich überhaupt anschaut.

Steter Tropfen höhlt überall den Stein. Es ist die Aufgabe der Kunst, die Menschlichkeit, die Zivilisiertheit voranzutreiben. Ob sie jeden einzelnen erreicht oder per se die Gesellschaft verbessert, darf man nicht erwarten. Aber die Kunst muss es versuchen. Ohne diese Aufgabe gibt es die Kunst gar nicht.

Sie haben in Dresden Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ inszeniert, in dem das Publikum darüber diskutiert, ob ein Pilot ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießen darf, um einen noch größeren Terrorakt zu verhindern. Wie waren die Reaktionen?

Ich habe selten erlebt, dass ein Publikum so engagiert diskutiert hat. Wobei man das Ganze nicht zur Verfassungsdiskussion hochstilisieren darf. Gerhard Baum hat recht, wenn er davor warnt, zu glauben, man könne bestimmte verfassungsrechtliche Fragen mit einer Umfrage klären.

Wie sehen Sie selbst die Schuldfrage?

Ich bin inzwischen ganz auf der Seite von Baum und halte den Piloten für schuldig. Denn der Pilot schneidet den Passagieren ja jede Möglichkeit ab, sich vielleicht doch noch, wie in ähnlichen Fällen geschehen, zu wehren.Und der Autor spitzt das Ganze so zu, dass eigentlich jede Entscheidung falsch ist.

Wie fanden Sie die TV-Version des Stücks, in der Sie ebenfalls den Richter spielten?

Meine Freund Lars Kraume, der Regisseur unseres Filmes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat das brillant gemacht, es ist ja ziemlich kompliziert, ein kammerspielhaftes Gerichtsdrama fürs Fernsehen zu verfilmen. Aber es fällt auf, dass eines offenbar nicht möglich ist, was man im Theater dringend braucht: Pausen, Momente, in denen scheinbar nichts passiert. Pausen sind im Fernsehen offensichtlich unmöglich. Der Zuschauer scheint am steten Fortgang der Handlung zu hängen wie an einer Nabelschnur.

Wie groß war Ihre Genugtuung, als für den Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“der Preisregen begann?

Das war großartig, ein Film für ein besonderes Kinopublikum – das ist Spezialistentum, wie eigentlich meine ganze Arbeit als Schauspieler und Regisseur. Ich bediene ja nicht unbedingt die Unterhaltungsindustrie.

In Ihrer Filmografie findet man keine qualitativen Ausfälle – wie wählerisch sind Sie?

Ich war schon sehr wählerisch und habe mir sehr genau überlegt, was ich mache. Sonst hätte es mir keinen Spaß gemacht. Natürlich gibt es auch bei mir ein paar Sachen, bei denen ich heute sage, das hätte nicht sein müssen.

Deren Titel Sie sicher nicht nennen wollen.

Stimmt.

Aber wie wählerisch kann man sein, wenn man seinen Lebensunterhalt verdienen muss?

Das geht schon. Ich habe ja immer sehr viel gearbeitet, ordentlich geackert, und da ist mir vor allem eines gelungen, was ganz schön kompliziert ist: nämlich Theater, das unverzichtbar ist, mit Film einigermaßen gleichmäßig zu verbinden.

Wirklich präsent wurden Sie im Kino vor zehn Jahren mit „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Mit der Filmarbeit habe ich erst Mitte, Ende der 90er Jahre angefangen, vorher vor allem Theater und ein bisschen Fernsehen. Aber es ist eben so: Wenn man sich an speziellen, eher seriösen Themen abarbeitet, wird man nach außen später sichtbar, als wenn man gleich mit Riesenkomödien anfängt oder dem „Tatort“.

Kein Format, dass Sie schätzen?

Diese Krimischwemme finde ich so albern wie sonst irgendwas. Es hat mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit wenig zu tun. Sei’s drum – es ist eine große Sparte im Fernsehen. Aber wenn man die nicht bedient, dauert alles halt ein bisschen länger. „Die fetten Jahre sind vorbei“ war ein Höhepunkt, „Das weiße Band“ und „Goobye Lenin“ Filme etwa wie „Requiem“ von Hans-Christian Schmid sind unglaublich toll, wurden aber nicht – um es vorsichtig zu sagen – von sehr vielen Leuten gesehen. Aber ich kann gut damit leben. Ich weiß, dass das gute Arbeit war.

Wenn Sie kleinere Rollen in internationalen Filmen wie in „Der Vorleser“ oder „Bridge of Spies“ spielen, müssen Sie den Film nicht tragen – ist das dann wie ein entspannender Arbeitsurlaub?

„Bridge of Spies“ ist das beste Beispiel – ich habe als durchgeknallter DDR-Fuzzi da nur eine Szene, die aber liebe ich. Das hat irrsinnigen Spaß gemacht, ist aber nicht weniger anstrengend als eine Riesenrolle, sondern eher herausfordernd: Man muss in kürzester Zeit schauspielerisch alles auf den Tisch legen, mit Tom Hanks und Regisseur Steven Spielberg.

Hatten Sie Ehrfurcht vor Spielberg?

Nö, der ist ja sehr lustig. Und Ehrfurcht gehört nicht zu meinen hervorstechendsten Eigenschaften. Ehre, wem Ehre gebührt – aber bitte ohne Furcht. Die ist entbehrlich.

Sie spielen zurzeit das Stück „Heisenberg“ in Düsseldorf – wann drehen Sie wieder?

Im Frühjahr beginnt eine Fernseharbeit mit Heinrich Breloer. Nach Thomas Mann nimmt er sich sozusagen dessen Antipoden an – Bertolt Brecht. Ich spiele ihn in seinen späteren Jahren: Ich habe mich mein ganzes Leben lang, wie viele Schauspieler, immer wieder mit Brecht rumgeschlagen und mich stets darüber gewundert, wie er es durch das Jahrhundert geschafft hat.

Bereiten Sie sich da anders vor als bei einer fiktiven Figur?

Auf jede Rolle bereitet man sich eigentlich ein ganzes Leben lang vor, weil man ja aus dem eigenen Fundus schöpft. Aber bei einer historischen Figur versuche ich Besonderheiten auf die Spur zu kommen. Das wird bei Brecht, der auf seine Weise ja auch ein Sonderling war, keine leichte Aufgabe, auch bei der Sprache nicht. Ich bin zwar sieben Jahre in München zur Schule gegangen, aber der Dialekt in Brechts Geburtsstadt Augsburg ist etwas Anderes. Aber ich vertraue einfach auf eine gewisse Intuition. Irgendwo im Bereich dieser Persönlichkeit wirft man als Schauspieler seine Angel aus – und wenn man Glück hat, zieht man eine große Portion nach oben.

 

Burghart Klaußners Seite:

www.burghartklaussner.de

 

 

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