KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Mai 2017

Die Videotheken sterben aus – ein kleiner Abgesang

 

 

 

 

Videotheken sterben aus

Ein Kundendienst mit Symbolkraft: Die Videothek in der Hohenzollernstraße in Saarbrücken leiht Kunden auf Wunsch eine Lesebrille, auf dass sie die Schrift auf den DVD-Hüllen besser lesen können. Ein sympathischer Service, der viel aussagt über die Altersstruktur der Kundschaft von Videotheken – und der auch das traurige Schicksal dieses Ladens erklärt, des letzten seiner Art in Saarbrücken: Er hat am 31. Mai endgültig geschlossen.

Für jüngere Filmfreunde, sozialisiert mit Smart-TV und allerlei Streaming-Diensten, ist der Gang in eine Videothek und das Ausleihen einer DVD oder Blu-ray eine reichlich absurde Vorstellung, eigentlich mediale Steinzeit. Dank Netflix, Amazon und Kollegen geht alles vom Sofa aus; und die Skrupel- wie Gedankenlosen, egal welchen Alters, laden sich die Filme kostenlos und illegal herunter. Man muss sie verfluchen.

 

Videotheken sterben ausVideotheken sterben aus

 

Wir reiferen Lesebrillenträger werden den Laden in der Hohenzollernstraße vermissen und überhaupt die gerade untergehende Kultur der Videotheken allgemein. Als diese Läden in den 80er Jahren aufkamen, da waren sie so etwas wie filmisches gelobtes Land: Sie gaben einem eine ungewohnte Selbstbestimmung. Beim Fernsehen war man abhängig vom Programm; in der Videothek konnte man Regale entlangwandern, Landschaften aus bunten Hüllen betrachten und mit Freunden den Video-Abend planen. Die Gespräche im Schatten der Regale liefen oft so: „Sollen wir den ausleihen?“ Antwort a): „Hmm, kenne ich schon. “ b) „Hmm, soll ja nicht so doll sein.“ Die Entscheidungsfindung konnte also länger dauern als die Laufzeit von „Doktor Schiwago“ oder „Lawrence von Arabien“.

Dennoch: Man war sein eigener Herr und nahm dafür auch die technischen Widrigkeiten der Videocassette in Kauf: nicht selten abgenudelte Bänder, verrauschte Bilder und die fatale Angewohnheit der Filmstudios, das Format des Breitwandfilms für das Video rechts und links so zu beschneiden, dass es auf einen üblichen Fernseher im 4:3-Format passt. Da konnte es also passieren, dass man bei einem Dialog nur die beiden Nasenspitzen der Parlierenden an den Bildrändern sah.

 

Videotheken sterben aus

Die Videothek selbst lieferte noch Spannung mit, dank entscheidender Fragen: Wird man die rechtzeitige Rückgabe vergessen und dann nachzahlen müssen? Oder hat man gar vergessen, das Band zurückzuspulen und muss eine Strafgebühr zahlen? Eine ganze D-Mark! Was für eine Spannung! Dazu wehte auch der Hauch des Verruchten durch die Läden – dank der „Erwachsenenfilme“ hinter einer Pforte mit Tür- und Hemmschwelle.

Für manche Filmfans waren und sind die Videotheken aber auch eine Mischung aus Stammtisch und Wärmestube – ein Ort fürs Fachsimpeln, Herumhängen oder Angeben, mit Sätzen wie „Ich habe von dem Film die thailändische Fassung, die ist acht Sekunden länger“.

 

Videotheken sterben aus

 

Eine herrliche Zeit für Sammler war die Ankunft der DVD in den 90ern: Da verramschten viele Läden ihre VHS-Cassetten, darunter manche Preziosen – Obskuritäten, die später nie auf DVD erschienen, oder einfach schöne Hüllen: Die James-Bond-Filme etwa, deren VHS-Cover sich mit den originalen Kinoplakaten schmückten – kein Vergleich zum grafisch tristen Einheitsbrei späterer DVDs. Wie schön war es, abends durch die Stadtteile zu radeln und in den Sonderangebots-Regalen der Läden zu stöbern.

Lange vorbei – und die Videotheken sterben immer schneller. Im Saarland trotzen noch einige tapfere Läden dem Ende, dank treuer Kundschaft und manchmal vielleicht auch dank langsamen und streamingunfreundlichen Internets. Nicht jedem werden diese Läden fehlen – aber sehr vielen.

 

Videotheken sterben aus

Zum Tod von Roger Moore

Roger Moore James Bond

 

Was einmal auf seinem Grabstein stehen sollte? Das verkündete er gut gelaunt schon vor vielen Jahren: „Hier ruht Roger Moore. Er war gar nicht mal so gut.“ Einer dieser typischen Moore-Sätze, die ihm so leicht von den ironisch geschürzten Lippen gingen. Denn Moore war niemand, der sich für ein verkanntes Genie hielt – sondern einfach für einen passablen Schauspieler, der sich glücklich schätzte, mit den James-Bond-Filmen, die er immer ein bisschen absurd fand, viel Geld zu verdienen und die ganze Welt zu sehen. Moore ist gestern in der Schweiz gestorben, nach einer kurzen Krebserkrankung, wie seine Familie mitteilte. Er wurde 89 Jahre alt.

Anders als Kollege und 007-Vorgänger Sean Connery war Moore kein Unbekannter, als er 1972 die Rolle von James Bond übernahm: Da hatte er eine zwar durchwachsene Zeit als Vertragsschauspieler in Hollywood hinter sich, aber auch eine lukrative TV-Karriere: als Krimi-Held Simon Templar in „The Saint“ (1962-1969) und natürlich als wunderbar öliger Adelsschnösel Lord Brett Sinclair in der Serie „Die Zwei“ (1970/71) mit Tony Curtis. Die erfreute sich ja gerade wegen einer genialen Blödelsynchro („Sleep well in your Bettgestell“, „Hallo, Ihre Lordschuft“) etc. in Deutschland eines enormen Erfolgs, war aber auch im Original durchaus witzig, wie Moore selbst noch einmal vor einiger Zeit sagte. Bond machte aus Moore einen internationalen Kino-Star – in einer Zeit, als die Grenze zwischen TV und Film weniger durchlässig war als heute.

Moores Bond-Ära war dabei kein Selbstläufer: Immerhin musste er Sean Connery ersetzen, der für viele ältere 007-Fans der unumstößliche Ur- und Immer-Bond war (und ist); außerdem war dessen letzter Film vor Moore, „Diamantenfieber“, auch nicht mehr ganz so erfolgreich wie die Bonds der 60er Jahre. Moore betrat also ein schlingerndes Schiff und brauchte zwei, drei Filme, um in sicheren Gewässern zu landen: In „Leben und sterben lassen“ (1973) und dem blassen „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974) spielte er Bond ähnlich hart und zynisch wie Connery zuvor; aber das passte nicht zu Moore, dem Mann der leichten Komödie und der spöttisch erhobenen Augenbraue, der Schusswaffen und Filmschießereien nicht mochte. Erst in „Der Spion, der mich liebte“ von 1977 passte alles zusammen: eine herrlich absurde Geschichte, grandiose Dekors, bizarre Einfälle und im Zentrum Moore, der das alles nicht so ernst nahm und so wirkte, als wolle dem Publikum gleich mal zuzwinkern. Für eine ganze Generation von Kinogängern, die Ende der Siebziger halbwüchsig war, ist dieser Film – mit einem tauchenden Lotus Esprit und einem Bösewicht mit Stahlgebiss – mit der beste Bond-Film. Es war auch Moores liebster, der insgesamt sieben drehte: mal der Schwerkraft und der Logik völlig entrückt („Moonraker“, 1979), mal grimmiger und erdverbundener („In tödlicher Mission“, 1980).

 

Roger Moore Moonraker

Roger Moore und Lois Chiles in der Weltraumstation (in einem Pariser Studio) in „Moonraker“ – einem Bondfilm, an dem sich die Geister scheiden.

Der kurioseste und wohl bedrohlichste Moment in Moores Amtszeit als Bond kam 1983, als ausgerechnet Sean Connery einen Konkurrenz-007 drehte: „Sag niemals nie“. Der hatte zwar Connery zu bieten, aber sonst nicht viel, so dass Moores „Octopussy“ an den Kinokassen letztlich vorne lag – ein Umstand, auf den kaum jemand gewettet hätte, wohl nicht einmal Moore selbst. 1985 trank er dann seinen letzten 007-Martini und drehte „Im Angesicht des Todes“, einen bei allem Bohei (Grace Jones hüpft vom Eiffelturm) merkwürdig melancholischen Bond-Film: Moore war damals 58 (im heutigen Actionkino undenkbar), sichtlich geliftet, wurde allzu oft gedoubelt, der Abschied kam keinen Film zu früh. Das sah auch Moore so – „aber mein Bankberater wird in Tränen ausbrechen“.

 

 

James Bond Roger Moore

Seine Filmkarriere nach 007, man kann es nicht anders sagen, war wenig glanzvoll: In Filmen wie „Feuer, Eis und Dynamit“ von Ski-As Willy Bogner, der bei einigen Bonds die famosen Jagden im Schnee inszeniert hatte, tauchte Moore als Stargast auf; auch spielte er im karatesken Regiedebüt des belgischen Kampfsportschauspielers Jean-Claude van Damme. Den erwähnte Moore in seinem ersten Memoirenband, wie immer ganz Gentleman, so: „Wenn man über jemanden nichts Gutes sagen kann, dann sollte man schweigen.“ Das tat er dann auch.
Lieber widmete sich Moore der Arbeit als Unicef-Botschafter, inspiriert von seiner zeitweiligen Nachbarin Audrey Hepburn, und teilte seine Zeit in seinen Häusern in der Schweiz, Frankreich und Monaco auf. England hatte er schon lange verlassen, des Spitzensteuersatzes wegen.

Selbstironisch trat er 1997 im Kinofilm der Spice Girls auf, fast wie ein Bond-Bösewicht, und auch 2002 in der hirnrissigen Klamotte „Boat Trip“. Ob er das Geld brauchte? Oder einfach mal wieder vor die Kamera wollte? Wer weiß – aber Moore konnte man auch die Auftritte in üblen Filmen nicht übel nehmen, denn seine Selbstironie war stets entwaffnend. Schon 1981 spielte er in dem Auto-Jux „Auf dem Highway ist die Hölle los“ einen Mann namens Seymour Goldfarb Jr. im Bondschen Aston Martin, der unter einer Zwangsstörung leidet: Er hält sich für Roger Moore.
Der Schauspieler, der seinen Beruf nicht allzu ernst nahm, hatte dennoch eine Lieblingsrolle: In dem Thriller „Sprengkommando Atlantik“ (1979) spielte er vollbärtig und konstant schlecht gelaunt einen Frauenfeind und Katzenfreund, der sich nur beim Sticken entspannt. Typisch Moore.

Seine drei Kinder (aus der dritten von vier Ehen) schrieben gestern über ihren Vater: „Die Liebe, von der er in seinen letzten Tagen umgeben wurde, war so groß, dass man sie nicht in Worte fassen kann.“ Ein guter Abschied.

 

http://roger-moore.com/

 

 

 

James Bond Roger Moore

So soll das Saarbrücker Filmhaus wiederbelebt werden

 

„Das Team des Filmhauses bedankt sich bei allen treuen Besuchern in den letzten Jahren und wünscht dem kommunalen Filmprogramm eine lange Zukunft.“

So lapidar, fast versteckt auf Seite 11 des April-Programmhefts, liest sich das Ende des Saarbrücker kommunalen Kinos in seiner gewohnten Form. Zurzeit ist das Kino in der Mainzer Straße geschlossen, abgesehen von zwei Sonderveranstaltungen über US-Fernsehen (23. Mai und 6. Juni). Am 8. Juni soll es wieder öffnen – mit anderer Struktur und neuer Leitung. Es ist die Folge des konstanten Besucherschwunds in den vergangenen Jahren; Filmhaus-Leiter Michael Jurich, seit Februar 2010 im Amt, geriet in die Kritik: nicht wegen seines anspruchsvollen Programms, eher wegen der dürren Außenwirkung und -darstellung des Kinos. Das Filmhaus war in der Saarbrücker Kinolandschaft an den Rand geraten. Spekuliert wurde da viel: Zieht das Filmhaus in zwei Säle der Camera Zwo? Fusioniert es mit dem Kino Achteinhalb? Kommt eine Privatinitiative zum Zuge, die sich als Filmhausbetreiber angeboten hat?

 

Im Januar verkündete Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) seine Pläne, das Filmhaus a) lebendiger und b) billiger zu machen. Sein Konzept: Auflösung des personalintensiven Amts für kommunale Filmarbeit, Versetzung von Michael Jurich ins Stadtarchiv und ein Vertrag mit Michael Krane, dem Leiter des Saarbrücker Kinos Camera Zwo. Der soll sich um das Programm in dem einen verbleibenden großen Kinosaal kümmern. Christel Drawer, ehemals Leiterin des Ophüls-Festivals (1993-2002), zieht mit dem Wissenschaftsbereich des Kulturamtes, dem künftigen Filmhaus-Träger, in die Mainzer Straße und soll dort Veranstaltungen und Kooperationen organisieren.
Noch vage waren diese Pläne im Januar. Zudem stolperten sie über den Umstand, dass man die Kinoprogrammleitung hätte ausschreiben müssen. Das hat die Stadt nun nachgeholt, die Frist ist abgelaufen und Brücks Konzept konkreter; der Stadtrat wird am 23. Mai darüber abstimmen.

Michael Krane soll den Kinosaal bespielen

Zwei Bewerbungen sind laut Brück eingegangen, nur eine mit einem konkreten und in der Ausschreibung verlangten Preisangebot – von Michael Krane. Der erfahrene Kinomann soll nun laut Brücks Plan einen Dienstleistervertrag mit der Stadt unterschreiben, der ab dem 1. Juni für vier Jahre läuft. Krane ist mit eigenem Personal für den kompletten Kinobetrieb verantwortlich: Programmauswahl (Brück: „in enger Abstimmung mit dem Kulturamt“), Bestellen der Filme, Vorführung, Verwaltung, technische Wartung und Gastronomie an der Filmhaus-Theke. Dafür sichert ihm die Landeshauptstadt eine monatliche Pauschale zu. Deren Höhe hatte Lothar Schnitzler, kulturpolitischer Sprecher der Linken im Stadtrat, der dieses Konstrukt als „Privatisierung von Gewinnen“ kritisiert, bei einer Diskussion ums Filmhaus mit 7000 Euro beziffert. Nach SZ-Informationen sind es 6000 Euro. Die Einnahmen gehen ebenfalls an Krane, der im Gegenzug die Filmmieten und den Versand der Filme bezahlt, dazu für das zweimonatige Programmheft, einen wöchentlichen Flyer, Werbung und den Internet-Auftritt verantwortlich ist. Brück: „Das ist die Aufwendung wert.“

Stellenverschiebungen und Kündigungen

Sozialverträglich? So „sozialverträglich“ wie im Januar angekündigt, gerät dieser Umbau allerdings nicht: Zwar sind die Filmhaus-Festangestellten (die Amtsleiterstelle, eine ganze und zwei halbe Stellen) innerhalb der Stadtverwaltung auf andere Posten versetzt worden; aber vier „geringfügig Beschäftigten“, die von den Plänen im Januar, wie man hört, sehr überrascht waren, wurde zum 1. Mai gekündigt.

Einsparungen: Durch die Stellenverschiebung – und die Kündigungen – reduzieren sich die Personalkosten im Filmhaus laut Stadt um jährlich 160 000 Euro. Hinzu kommen 20 000 Euro, die durch die Neuorganisation, etwa durch Kranes Verantwortung für Technik, Wartung und Werbung, aus dem „Sach-Etat“ gespart werden.

Blamabel: Die lange angestrebte Barrierefreiheit kommt 2017 nicht mehr. Geplant ist laut Brück der Umbau des Lastenaufzugs im Treppenhaus zu einem Personenaufzug; für die Finanzierung aber sei „ein dickes Brett zu bohren“. Denn eine frühere Studie, nach der der Umbau 60 000 Euro koste, habe sich als allzu optimistisch erwiesen – er koste das Vielfache, „das können wir alleine nicht stemmen“. Die Stadt müht sich um Fördergelder, 2018 soll das Haus barrierefrei sein, endlich.

 

Der „Schauplatz“ wird umgebaut, die „Galerie“ ans Ophüls-Festival abgegeben

Die gerade laufenden Umbauarbeiten sind kleinerer Natur: Im großen Saal wird ein Teil der Bestuhlung ersetzt, im kleinen „Schauplatz“ wird sie teilweise abgebaut: Er soll vor allem als Kleinkunst-Raum oder für Lesungen genutzt werden. Auch das Entrée des Kinos zur Straße hin soll freundlicher gestaltet werden, kündigt Brück an, die Fahrradständer werden wohl verlegt, die Schaukästen reduziert. Die eigentlich kinountaugliche „Galerie“ wird in die städtische Ophüls-Gesellschaft übergehen und dem Festival als Bürofläche dienen. Der Innenhof soll sich der Gastronomie öffnen. Das Lokal „Baker Street“ bewirtet dort schon, Brück kann sich auch eine Terrasse vorstellen. Da sei man laut Brück „in intensiven Gesprächen“ (eine Formulierung, die er oft benutzt). Dass diese Gastronomie sozusagen vor der Nase des Lokals „Zapata“ ist, sorgt Brück nicht, er erwartet „keine großen Widerstände“.
Wenn das Kino am 8. Juni wieder öffnet, laufen hier erst einmal nur Filme. Ab Herbst sollen dann, koordiniert von Christel Drawer, wissenschaftliche Vortragsreihen, Kooperationen mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) und dem Kultusministerium stattfinden. Schriftlich fixiert sei da bisher noch nichts, gibt Brück zu. Aber es gebe „gegenseitiges großes Interesse“.

 

 

 

 

 

Ben Hopkins über seinen Film „Welcome to Karastan“ – 18. Mai bei arte

Ben Hopkins Matthew Macfadyen

Regisseur Emil Forester (Matthew Macfadyen) ist in einer fremden Welt gelandet. Foto: ZDF/Brainstorm

 „Welcome to Karastan“ erzählt von einem Regisseur in der Krise, der ein verlockendes Angebot erhält: Er soll das kernige National-Opus einer jungen Kaukasus-Republik drehen – und stolpert dabei mitten hinein in Bürgerkriegswirren. Ein kurzes  Gespräch mit dem Briten Ben Hopkins, der die Komödie geschrieben und inszeniert hat.

 

Es kriselt beim Künstler: Die Muse hat den Regisseur Emil Forester schon lange nicht mehr geküsst (seine große Liebe und Ex-Frau auch nicht), und der Oscar im Regal hilft auch nicht weiter – zumal nur ein Kurzfilm-Oscar. Wie gut, dass ein Anruf den Filmemacher von der Untätigkeit erlöst: Die junge Kaukasus-Republik Karastan lädt ihn zu seinem Filmfestival ein. Forester nimmt dankbar an und erlebt im Land Sonderbares – etwa das Angebot des dezent diabolischen Präsidenten, in Karastan ein National-Epos zu drehen, das die Republik im Rest der Welt bekannt machen soll. Denn, so des Präsidenten Logik: „Was war Schottland, bevor es den Film ‚Braveheart‘ gab?“

„Welcome to Karastan“ ist eine vergnügliche Komödie über kreative Krisen, die Macht und die Ohnmacht des Kinos – erdacht und inszeniert hat sie der britische Filmemacher Ben Hopkins, der ähnliche Karrieretiefen wie seine Hauptfigur kennt. Vor sieben Jahren drehte er seinen letzten Spielfilm vor „Karastan“ – drei lange geplante Filmprojekte „gingen den Bach runter“, wie es Hopkins nennt. „Aber man gewöhnt sich an alles, auch an Folter.“

 

Ben Hopkins

Regisseur und Autor Ben Hopkins. Foto: Hopkins

 

Autobiografisch möchte Hopkins seinen Film dennoch nicht verstanden wissen, aber die bizarren Erlebnisse etwa beim Filmfestival in Karastan seien schon ein „Best Of“ seiner Festivalbesuche und die seines polnischen Co-Autoren Pawel Pawlikowski, dessen Film „Ida“ 2015 den Auslands-Oscar gewonnen hat. „Manchmal, wenn man bei einem schlechten Festival der zweistündigen Rede des Kulturministers von Arschlochistan zuhört,“ sagt Hopkins, „fragt man sich schon, was das alles soll.“

Sein Film handelt auch von der Versuchung: Der Regisseur Forester greift beim Regieangebot des Tyrannen nur zu gerne zu, er ist naiv-dankbar für eine neue Aufgabe und blendet aus, was er dreht und für wen. Eine Versuchung, die Hopkins kennt, gerade „wenn es weniger gut läuft“. Man finde ein Projekt zwar unpassend für sich selbst, „aber es könnte Geld bringen und die Karriere wieder anschieben – ob nun Werbefilme für Ölkonzerne oder Polizeithriller“. Dieser Versuchung, sich dem reinen Mainstream anzudienen, um danach „etwas Persönliches drehen zu können“, habe er bisher nicht nachgegeben, „aber sie ist doch immer da“. Ideenlosigkeit plagt Hopkins dabei, anders als den Regisseur im Film, nicht. „Ich werde sicher mit vielen ungedrehten Filmen sterben. Mit Finanzierung habe ich unendliche Probleme. Ich liebe Geld, aber Geld liebt mich nicht.“

Gedreht hat Hopkins die Karastan-Szenen seines bittersüßen Films – „Das kommt dabei heraus, wenn zwei deprimierte Filmemacher eine Komödie schreiben“– in Georgien. Probleme wie beim Film-im-Film-Dreh (Revolten, ein entführter Hauptdarsteller) gab es nicht, und die Feier nach den Dreharbeiten war wohl orgiös. „Die Georgier saufen wie Teufel und singen wie Engel. Schönere Musik gibt es nicht auf Erden.“

Im Film-im-Film taucht auch ein Hollywood-Actionstar namens Xan Butler auf, der für seine Profession ausgesprochen schmächtig wirkt. Wen hatte Hopkins da im Sinn? Till Schweiger sei ja auch nicht sehr groß, sagt Hopkins, Tom Cruise sei winzig – und Vin Diesel möglicherweise ein Zwerg. „Ich glaube, wir dachten an Steven Seagal, der ja gerne an merkwürdigen Orten wie einem mongolischen Filmfestival auftaucht.“

Der fiktive Regisseur Forester hat in seiner Wohnung ein Plakat des Fellini-Films „8 1/2“, ein Detail mit Symbolgehalt, geht es in Fellinis Film doch auch um einen krisengebeutelten Regisseur, gespielt von Marcello Mastroianni. „Bei Fellini gibt der Produzent ihm eine Pistole, weil ihm bei einer Pressekonferenz nichts Gescheites einfällt. Der Regisseur erschießt sich, und dann tanzen alle“, sagt Hopkins. „Das ist eine gute Beschreibung dafür, wie es ist, Regisseur zu sein.“

18.5., 23.40 Uhr, Arte

 

 

 

Brad Pitt und die Sorgenfalten: „Allied“ auf DVD

Aus den Kinos schnell verschwunden, erscheint der Film „Allied“ mit Brad Pitt und Marion Cotillard nun auf DVD – ein Liebesmelodram, das sich viel vornimmt.

 

Brad Pitt Allied Marion Cotillard

Marion Cotillard als französische (oder gar deutsche?) Spionin  Marianne Beausejour. Fotos: Paramount

 

Die Weltgemeinschaft atmet auf: Brad Pitts Harnwege erfreuen sich bester Gesundheit. Denn er hat dem Alkohol abgeschworen und stößt nur noch mit Beerensaft an. Das war eine der Erkenntnisse der weltweit veröffentlichten, „großen Lebensbeichte“ (Bild) des Schauspielers, dem ersten Interview seit der Trennung von Angelina Jolie. Im Rahmen dieses Ehe-Kollapses erwähnten bunte Blätter gerne, dass Pitt zuvor einen Film mit der a) schönen und b) französischen (oh la la!) Kollegin Marion Cotillard gedreht hat – hat es da also geknistert und folglich in der Ehe gekriselt? Wer weiß? Und wer will es eigentlich wissen?

 

 Brad Pitt Allied Marion Cotillard

 

Der Film selbst verschwand recht schnell wieder aus den Kinos; jetzt erscheint „Allied“ (mit dem etwas holprigen Bei-Titel „Vertraute Fremde“) auf DVD – ein Film mit Ambitionen und Macken, weder ganz geglückt noch misslungen.
Hoch vom Himmel schwebt er ein – der kanadische Spion Max Vatan (Brad Pitt) landet per Fallschirm im Casablanca des Jahres 1942. Er und die französische Agentin Marianne Beauséjour (Marion Cotillard) geben sich dort als Paar aus. Ihre Mission: der Mord am deutschen Botschafter. Bei der Vorbereitung kommen sich die Kollegen näher – die Anziehung ist da, ebenso aber auch antrainiertes und verständliches Misstrauen unter Spionen. Die aufgestauten Gefühle entladen sich schließlich im Auto während eines – da ist der Film nicht allzu subtil – symbolisch tosenden Sandsturms. Aus den Spionen wird alsbald ein Ehepaar, man lebt in London, bekommt ein Kind, hofft, den Krieg zu überleben – und ist dabei wunschlos glücklich miteinander. Doch Vatans nächster Auftrag ist fatal: Er soll seine Frau heimlich überprüfen. Könnte sie eine deutsche Spionin sein? Die Saat des Misstrauens ist gesät – er beginnt, auf jede Geste der Gattin zu achten, kleine Fallen zu stellen.

 

 Brad Pitt Allied

 

Sorgenfalten und Hundeblick

 

Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“) und Autor Steven Knight („Peaky Blinders“) haben viel im Sinn: Spionage, Romanze, Ehedrama, ein wenig Action und auch eine Hommage an betagte Kriegsmelodramen – die erste Hälfte des Films spielt nicht zufällig in Casablanca. Doch wirklich packend ist diese Melange nicht: So aufwendig etwa die Ausstattung ist, so steril wirkt sie bisweilen auch; zumal Zemeckis sehr gerne auf computergenerierte setzt, was man den prachtvollen Tableaus (das Pärchen in einer Wüste oder auf einer grünen Londoner Wiese) zwar nicht gleich ansieht – aber irgendwie spürt man diese Künstlichkeit (siehe Foto unten). An seine Grenze stößt auch Pitt – wenn er den Gatten in der Krise spielt, legt er die Stirn monoton in Sorgenfalten, im Finale kommt noch ein Hundeblick dazu. Wurde er schlecht geführt? Dachte er an etwas anderes? So wenig überzeugend hat man ihn jedenfalls lange nicht gesehen. Und Cotillard? Sie ist mit ihrer vor Gefühl pulsierenden, dabei nie ganz durchschaubaren Rolle das Herz des Films; doch der macht sie in der zweiten Hälfte fast zur Nebenfigur, während der Gatte versucht, ihre Unschuld beziehungswiese Schuld zu beweisen. So bleibt „Allied“ unter seinen Möglichkeiten, auch wenn die letzten Momente, nach einem Finale im schickssalsfeucht prasselnden Regen durchaus ans Herz gehen.

 

 Brad Pitt Allied Marion Cotillard

Hier stößt die CGI-Technik an ihre Grenzen – man spürt eine gewisse Künstlichkeit.

 

 

Doppelter Grusel: Zwei exzellente Edgar Wallace-Boxen

 

Sie sind nicht totzukriegen, die Filme (mehr oder weniger) nach Edgar Wallace. Viele betagte Werke des deutschen Films sind ja der Vergessenheit anheim gefallen – aber die Wallace-Filme feiern im Heimkino immer wieder fröhliche Auferstehung. Zwischen 1959 und 1972 waren über 30 Produktionen entstanden, in denen eine seltsame Gräfin, der Hexer, der Zinker und der Frosch mit der Maske durch ein lange zeit schwarzweißes, später buntes Kunst-London schlichen, mit dem Hund von Blackwood Castle an der hoffentlich kurzen Leine.

Joachim Fuchsberger, unser Lieblings-Inspektor bei Wallace. Fotos: Universum

Nachdem die Filme komplett auf DVD zu haben waren, erscheinen sie nun peu à peu, allerdings nicht in strenger Chronologie,  in HD auf Blu-ray. Eine erste Edition kam im Januar 2016 heraus, nun sind drei weitere Filme in einer Box zu haben: „Der Fälscher von London“ (1961), „Das Gasthaus an der Themse“ (1962) und „Der Zinker“ (1963). Außer je einem knapp dreiminütigen Trailer zu den Filmen  gibt es keine Extras; aber die Qualität des neu abgetasteten Bildes ist glorios: So plastisch hat Londoner Kunstnebel noch nie ausgesehen, so scharf hat man Blacky Fuchsberges akkuraten Scheitel nie gesehen.

Anbieter: Universum Film

 

 

 

 

 

Die Reihe hat sich über die Jahre verändert: von recht biederen Filmen hin zu knalligen Krimis mit grotesken Einfällen, Ironie und einem gewissen Sadismus. Doch Ende der 1960er Jahre war die Luft raus, weswegen Produzent Horst Wendlandt begann, mit Italien zu koproduzieren: um das Budget aufzuteilen und um einen zusätzlichen Markt aufzutun.

Doch dieser Traum war rasch ausgeträumt, die Reihe endete 1972 mit dem Film „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“. Der erscheint jetzt in einer mustergültigen Blu-ray-Edition (2 Blu-rays plus eine DVD), zurecht – denn allein die Veröffentlichungsgeschichte des Films ist interessant. In seinen Herkunftsländern lief der Film in unterschiedlichen Fassungen (beide hier enthalten): in Deutschland etwas kürzer, mit dem Star Fuchsberger (als Inspektor) an der Spitze des Vorspanns, zudem mit dem alten akustischen „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“-Erkennungssignal; das fehlt in der italienischen Version, die etwas länger läuft, mehr grausame Details zeigt und ihren Star Fabio Testi (als Lehrer unter Verdacht) an die Spitze stellt.

Das mögen nur Details für beinharte Wallace-Fans sein; aber der Film selbst, um eine Mordserie in einem Mädchenpensionat, ist spannend und dabei manchmal fast Anti-Wallace (trotz Fuchsberger und Karin Baal als Darsteller): London ist hier nicht nebelverhangen, sondern sonnendurchflutet, statt Peter Thomas‘ Avantgarde hört man Ennio Morricones melodische Melancholie. Es ist schon merkwürdig: Da hat diese urdeutsche Reihe sich mit einem Fuß im typisch italienischen, mit Albtraum-Logik und Erotik aufgeheizten „Giallo“-Krimi verabschiedet.

 

 

Was gibts:

Internationale Fassung (113 Minuten )

Deutsche Kinofassung (96 Minuten)

Interviews mit Darsteller Fabio Testi (20 Minuten), Produzent Fulvio Lucisano (11 Minuten), Darstellerin Karin Baal (14 Minuten) und Hintergrundbericht (13 Minuten)

Audiokommentar von Troy Howarth

Bildergalerie

Trailer

Die knapp einstündige, bei Arte ausgestrahlte  Doku „German Grusel“ (2011), unter anderem mit Oliver Kalkofe, der sich nach dem frühen Genuss der Wallace-Filme später wunderte, dass das reale London nicht schwarzweiß ist. Kurios ist auch, dass die Interviewten Karin Baal und Joachim Fuchberger sich an „Stecknadeln“ kaum noch erinnern (oder so tun) – beide tun sich sichtlich schwer mit dem Film.

Ein schönes Booklet von Autor Paul Poet, der  den Film einordnet, innerhalb des Wallace-Kanons und des Giallo. Ein Makel ist aber, dass das Booklet behauptet, Produzent Horst Wendlandt habe neben Wallace auch die Jerry-Cotton-Filme auf den Weg gebracht, dazu Konsalik, die Simmel-Filme und die Mabuse-Filme der 60er – letztere stammten aus der Produktion von Atze Brauner, Wendlandts Erzkonkurrenten.

 

 

 

 

Völkermord plus Liebeskitsch: der Film „Holodomor“ auf DVD

Der Ukrainer Yaroslav (Barry Pepper) leistet Widerstand. Fotos: Pandastorm

 

Der Film „Holodomor“ erzählt von einem wichtigen Thema, tut das aber ungeschickt.

Wie viele Millionen Menschen 1932 und 1933 in der Ukraine verhungert sind, darüber sind sich die Historiker nicht einig – Schätzungen bewegen sich zwischen drei und sieben Millionen Menschen. Ende der 1920er Jahre hatte die Kommunistische Partei beschlossen, die Industrialisierung der Sowjetunion voranzutreiben – finanziert mit den Erlösen aus der Landwirtschaft – nicht zuletzt mit denen der „Kornkammer Europas“, der Ukraine. Mit brutalsten Mitteln wurde eine Zwangskollektivierung durchgesetzt, Stalin reagierte auf Widerstand mit Terror und steigenden Anforderungen, was das abgelieferte Getreide anging – einer ohnehin katastrophalen Dürre zum Trotz. Millionen starben, und Stalin hatte, ob geplant oder freudig in Kauf genommen, den Widerstand der Ukraine gebrochen.

 

Holodomor Terence Stamp

Yaroslavs Vater Ivan, gespielt von Terence Stamp.

„Holodomor“ ist das ukrainische Wort für diese tödliche Hungersnot, „Holodomor – Bittere Ernte“ heißt der Film, der von ihr erzählt. Das alleine ist verdienstvoll, gehört diese Katastrophe doch eher zu den Fußnoten der Geschichte, nicht zuletzt weil das heutige Russland an einer Aufarbeitung nicht interessiert ist. Regisseur George Wendeluk, ein Kanadier mit ukrainischen Wurzeln, hat den Film in der Ukraine und in England gedreht – in Breitwandbildern und strahlenden Farben, wenn es auf den riesigen Feldern blüht, in düsterer Optik, wenn der Hunger wütet.

Eingebettet in diese Geschichte eines Völkermords erzählt der Film eine Liebesgeschichte: zwischen dem jungen Juri und seiner Verlobten Natalka, die sich der Avancen des obersten Dorf-Sowjets erwehren muss. Der Film will große Gefühle zeigen, dabei kitscht es aber mitunter, alles wird sehr grob gezeichnet – und der böse Dorf-Sowjet wird zur Karikatur verzerrt. Der Furor des Regisseurs mag sich aus dem Geschehen in der Ukraine damals (und heute) erklären, wirkt filmisch aber ungeschickt – ein Drogentrip nach Pilzgenuss gerät gar unfreiwillig komisch. Ein Film, der seinem Thema nicht gerecht wird.

DVD/Blu-ray bei Pandastorm / Edel.

 

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