KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Doppelter Grusel: Zwei exzellente Edgar Wallace-Boxen

 

Sie sind nicht totzukriegen, die Filme (mehr oder weniger) nach Edgar Wallace. Viele betagte Werke des deutschen Films sind ja der Vergessenheit anheim gefallen – aber die Wallace-Filme feiern im Heimkino immer wieder fröhliche Auferstehung. Zwischen 1959 und 1972 waren über 30 Produktionen entstanden, in denen eine seltsame Gräfin, der Hexer, der Zinker und der Frosch mit der Maske durch ein lange zeit schwarzweißes, später buntes Kunst-London schlichen, mit dem Hund von Blackwood Castle an der hoffentlich kurzen Leine.

Joachim Fuchsberger, unser Lieblings-Inspektor bei Wallace. Fotos: Universum

Nachdem die Filme komplett auf DVD zu haben waren, erscheinen sie nun peu à peu, allerdings nicht in strenger Chronologie,  in HD auf Blu-ray. Eine erste Edition kam im Januar 2016 heraus, nun sind drei weitere Filme in einer Box zu haben: „Der Fälscher von London“ (1961), „Das Gasthaus an der Themse“ (1962) und „Der Zinker“ (1963). Außer je einem knapp dreiminütigen Trailer zu den Filmen  gibt es keine Extras; aber die Qualität des neu abgetasteten Bildes ist glorios: So plastisch hat Londoner Kunstnebel noch nie ausgesehen, so scharf hat man Blacky Fuchsberges akkuraten Scheitel nie gesehen.

Anbieter: Universum Film

 

 

 

 

 

Die Reihe hat sich über die Jahre verändert: von recht biederen Filmen hin zu knalligen Krimis mit grotesken Einfällen, Ironie und einem gewissen Sadismus. Doch Ende der 1960er Jahre war die Luft raus, weswegen Produzent Horst Wendlandt begann, mit Italien zu koproduzieren: um das Budget aufzuteilen und um einen zusätzlichen Markt aufzutun.

Doch dieser Traum war rasch ausgeträumt, die Reihe endete 1972 mit dem Film „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“. Der erscheint jetzt in einer mustergültigen Blu-ray-Edition (2 Blu-rays plus eine DVD), zurecht – denn allein die Veröffentlichungsgeschichte des Films ist interessant. In seinen Herkunftsländern lief der Film in unterschiedlichen Fassungen (beide hier enthalten): in Deutschland etwas kürzer, mit dem Star Fuchsberger (als Inspektor) an der Spitze des Vorspanns, zudem mit dem alten akustischen „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“-Erkennungssignal; das fehlt in der italienischen Version, die etwas länger läuft, mehr grausame Details zeigt und ihren Star Fabio Testi (als Lehrer unter Verdacht) an die Spitze stellt.

Das mögen nur Details für beinharte Wallace-Fans sein; aber der Film selbst, um eine Mordserie in einem Mädchenpensionat, ist spannend und dabei manchmal fast Anti-Wallace (trotz Fuchsberger und Karin Baal als Darsteller): London ist hier nicht nebelverhangen, sondern sonnendurchflutet, statt Peter Thomas‘ Avantgarde hört man Ennio Morricones melodische Melancholie. Es ist schon merkwürdig: Da hat diese urdeutsche Reihe sich mit einem Fuß im typisch italienischen, mit Albtraum-Logik und Erotik aufgeheizten „Giallo“-Krimi verabschiedet.

 

 

Was gibts:

Internationale Fassung (113 Minuten )

Deutsche Kinofassung (96 Minuten)

Interviews mit Darsteller Fabio Testi (20 Minuten), Produzent Fulvio Lucisano (11 Minuten), Darstellerin Karin Baal (14 Minuten) und Hintergrundbericht (13 Minuten)

Audiokommentar von Troy Howarth

Bildergalerie

Trailer

Die knapp einstündige, bei Arte ausgestrahlte  Doku „German Grusel“ (2011), unter anderem mit Oliver Kalkofe, der sich nach dem frühen Genuss der Wallace-Filme später wunderte, dass das reale London nicht schwarzweiß ist. Kurios ist auch, dass die Interviewten Karin Baal und Joachim Fuchberger sich an „Stecknadeln“ kaum noch erinnern (oder so tun) – beide tun sich sichtlich schwer mit dem Film.

Ein schönes Booklet von Autor Paul Poet, der  den Film einordnet, innerhalb des Wallace-Kanons und des Giallo. Ein Makel ist aber, dass das Booklet behauptet, Produzent Horst Wendlandt habe neben Wallace auch die Jerry-Cotton-Filme auf den Weg gebracht, dazu Konsalik, die Simmel-Filme und die Mabuse-Filme der 60er – letztere stammten aus der Produktion von Atze Brauner, Wendlandts Erzkonkurrenten.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Lieber Tobias Kessler, Naja, da war ich maximal ein wenig flapsig in der Formulierung. Ich bezog mich dabei auf ein Interview mit Harald Reinl, der Wendtlandt dezidiert als den Ankerpunkt in diesem ganzen Pool der Constantin Film nannte. Brauner brachte aber maximal neben den Bryan Edgar Wallace-Filmen die Dr. Mabuse-Filme zur Geburt. Bei Jerry Cotton waren es genau genommen Gerhard Hummel und Waldfried Barthel. Bei Simmel Luigi Waldleitner und bei Konsalik Wolf Hartwig. Laut Reinl hattene r udn wendtlandt im Kopf immer alle Erfolgsgaranten durchdekliniert, bevor die anderen Produzenten aufsprangen. Und selbst bei Edgar Wallace stimmt Wendtlandt nur ebschränkt. Aber das wäre eben eine sehr ausführliche Geschichte gewesen, die mit der Stecknadel nicht mehr so viel zu tun gehabt hätte.

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