KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Monat: Juli 2017

James-Bond-Drehort: das „College of Arms“ aus OHMSS

Eine Stadt nach Kino-Drehorten abzuklappern, drängt sich nicht jedem Touristen als wirklich sinnvolle Idee auf. Aber in diesem Falle musste es sein – denn es geht um den vielleicht schönsten aller James-Bond-Filme: „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ aus dem Jahr 1969. Lange Zeit galt der Film von Peter Hunt (Cutter der ersten Bond-Filme und hier Regie-Debütant) als hässliches Entlein der ganzen Reihe – doch kaum ein anderer 007-Film hat so viel Gefühl (im Rahmen eines Bond-Films), so gute Ski-Jagden, einen so guten Bösewicht Blofeld (Telly Savalas), eine so luftige Schurkenfestung und eine so gute 007-Partnerin, für die sich der Begriff „Bond-Girl“ verbietet: Diana Rigg.

Lange Vorrede: Das Gebäude ist das „College of Arms“ in London, das im Film auch genau das darstellt- das Institut für Wappenkunde, in dem Bond Informationen einholt, damit er sich später als Experte ausgeben kann, der unter falscher Identität Blofeld in seiner Alpenfestung besucht  (die Tarnung fliegt allerdings umgehend auf). Das Gebäude liegt ein paar Schritte hinter der St. Paul’s Cathedral, deren Spitze man auf dem ersten Foto sieht. Und, zugegeben, im Film ist das Gebäude grob geschätzt viereinhalb Sekunden zu sehen.

 

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

 

 

 

 

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ von Sung-Hyung Cho

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Regisseurin Sung-Hyung Cho mit Soldaten auf dem heiligen Berg Baekdu. Foto HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

„Ich habe den Film so gedreht, wie ich wollte“

Die Filmemacherin Sung-Hyung Cho aus Südkorea hat einen Film über die abgeschotteten Nachbarn gedreht. „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ entstand unter Aufsicht des nordkoreanischen Regimes. Ein Gespräch mit Cho über Dreharbeiten mit Aufpassern und das Lesen zwischen den Zeilen.

Enttäuscht sei sie, sagt Sung-Hyung Cho. Auf „einen Siegeszug“ bei den großen Dokumentarfilm-Festivals hatte sie gehofft, doch die zeigten andere Filme über Nordkorea, die Cho als plakativer empfand – für sie der mögliche Grund, dass der neue Film der Ophüls-Gewinnerin 2007 („Full Metal Village“) und Saarbrücker Professorin an der Kunsthochschule, in Berlin oder Amsterdam außen vor blieb. „Korea ist ein hochkomplexes Thema“, sagt die 51-Jährige aus Südkorea, die seit 28 Jahren in Deutschland lebt, „aber die Leute wollen am Liebsten schlichte Thesen“.

Ihren Film „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ will sie als „nicht politisch“ verstanden wissen – ihr ging es nicht um die Rolle der Führung, sondern um den ganz banalen Alltag im Land des Nordens, das ihr in der Schule des Südens als Hort von „Menschen mit roten Haaren und Hörnern“ beschrieben wurde, „kein Witz“. Dementsprechend habe sie bei der ersten Einreise – nur möglich durchs Chos deutschen Pass – „Angst und Paranoia gehabt“.

Beides hielt nicht lange vor, und Cho entwickelte die Idee eines Films über den Norden ohne Vorverurteilung. Eine erste Idee „über die Liebe des Volkes zu ihrem Führer“ empfand das Regime als „zu politisch“, ließ sich aber nach vielen Diskussionen auf das Konzept ein, dass Cho den nordkoreanischen Alltag filmt – wenig überraschend unter Aufsicht. „Mein Fahrer war ein Spitzel, dazu kam eine Dolmetscherin und der Leiter der staatlichen Pressestelle.“ Das Überraschende: Bei den Gesprächen mit den Nordkoreanern – einige waren vom Regime vorgeschlagen, viele hat sich Cho spontan gesucht – blieben die Aufpasser vor der Tür. „Ich überzeugte sie, dass die Menschen dann lockerer sind – und das sei besser fürs Vaterland.  Ein Satz, der als Argument immer funktionierte.“

Es geht nicht ums Bloßstellen

Die Rückversicherung des Regimes: Das gefilmte Material wurde ständig begutachtet, und es gab eine Liste der Tabus: etwa verwackelte Bilder beim Zeigen von Gemälden oder Wachsfiguren (!) der politischen Führung. Propagandaplakate mussten in der Bildmitte platziert und durften nicht abgeschnitten werden. Die Ironie in einer Szene, in dem ein Plakat „koreanische Geschwindigkeit“ preist, während eine Kuh gemächlich vorbeistapft, ist den Prüfern dabei wohl entgangen. Aber Cho ging es nicht ums Bloßstellen, auch nicht um Bilder mit versteckter Kamera oder einen nachträglichen Kommentar. „Mein Ziel ist es, dem Süden zu zeigen, dass im Norden keine Monster leben.“ Dafür hat sie die Auflagen des Regimes in Kauf genommen und betont: „Ich habe den Film genau so gedreht, wie ich es wollte.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.


Regisseurin Sung-Hyung Cho auf Feld des Musterkollektivs Sariwon. Foto:: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

Der Zuschauer muss dabei zwischen den Zeilen lesen, Worte wie „Atomwaffen“ oder „Menschenrechte“ fallen nicht – stattdessen begegnet man einem breit grinsend lügenden Landwirtschafts-Pressesprecher, der über grandiose Ernten jubelt (Hungersnöten zum Trotz); einer Näherin in einer „Patriotischen Textilfabrik“, die von kleinen Fluchten träumt; einem Landwirt in einer Mustersiedlung, die so ärmlich ist, dass man sich eine „Nicht-Mustersiedlung“ eindringlich vorstellen kann – so stellen sich die Erkenntnisse in diesem berührenden Film sozusagen über Bande ein, über Atmosphäre, Zwischentöne und Mitdenken.

Es fällt auf, wie oft und sehnsüchtig die Menschen im Film von der Wiedervereinigung sprechen. „Nordkorea sieht das sehr positiv“, sagt Cho, „wie das funktionieren soll, ist dann wieder eine andere Sache.“ Im Süden sei das anders. „Die Kriegsgeneration dort, die sehr gelitten hat, ist sehr antikommunistisch eingestellt. Schlimm ist, dass die junge Generation im Süden keinerlei Interesse an einer Wiedervereinigung hat.“ Ihr Film, so hofft Cho, soll zeigen, dass „die Menschen im Land sich nicht isolieren wollen“. Dieses Signal werde von der Weltpolitik und der Presse aber ignoriert. Der Norden sei eben ein willkommen einfaches Feindbild für den Rest der Welt. „Dabei sind sich Norden und Süden viel ähnlicher, als der Süden das wahrhaben will.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Die Näherin Ri Gum Hyang. Foto: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

 

 

Bond 25 kommt 2019 – noch kein Wort über Daniel Craig

Bond 25 kommt 2019

Nach Gerüchten, Spekulationen und allerlei Kaffeesatzlesen gibt es jetzt eine offizielle Mitteilung zum nächsten Bond: Die Nummer 25 erscheint 2019, Darsteller und Regisseur/in sind noch nicht spruchreif, und die Autoren bleiben die alten – nach dem Psychoschmonzes und dem mauen Finale von „Spectre“ kein Grund zum Jubeln. Was mit Daniel Craig wird, muss sich noch zeigen.

Hier die Pressemitteilung:

„James Bond will return to US cinemas on November 8, 2019 with a traditional earlier release in the UK and the rest of the world. Bond 25, the next adventure in the long-running action franchise, will be written by Neal Purvis and Robert Wade, long time collaborators and writers on previous Bond films including CASINO ROYALE, QUANTUM OF SOLACE, SKYFALL and SPECTRE. The film will be produced by Michael G. Wilson and Barbara Broccoli. Additional details regarding distribution, including international release dates, the film’s cast and director, will be announced at a later date.“

Guter Import: „Robbery“ mit Stanley Baker auf DVD

Robbery Stanley Baker DVD

 

Mit Stanley Baker will man sich nicht anlegen. Er war der „tough guy“ des britischen Kinos, hätte in einem Wettbewerb des grimmigen Schauens ebenso Sean Connery wie Oliver Reed von der Leinwand gestarrt. Gegen Ende seines kurzen Lebens (Baker starb mit 48 an Krebs) drehte er recht wahllos Filme, da er sich als Produzent und Geschäftsmann finanziell verhoben hatte. Dennoch findet man in seiner Filmografie viele Perlen – am bekanntesten wohl das Spektakel „Zulu“, das er auch produzierte und das Michael Caine zum Star machte.  Künstlerisch herausragend ist eine seiner mehreren Zusammenarbeiten mit Regisseur Joseph Losey: „Accident“, ein Beziehungsdrama aus Oxfords akademischer Oberschicht, in dem Baker mit und gegen Dirk Bogarde spielte – ein grandioser, ziemlich harter und schmerzlicher Film (und leider nicht als deutsche DVD zu haben).

Akademiker waren sonst nicht Bakers Rollen-Domäne, es dominierten Gangster, harte Helden, Militärs. Sehenswert und in England als sehr liebevolle DVD-Edition erschienen, ist „Robbery“ von 1967. Er erzählt vom Überfall auf einen Postzug, der in Deutschland als Mehrteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verfilmt wurde. „Robbery“ erzählt mätzchenfrei von Planung, Rekrutierung des Teams, Durchführung und den Folgen des Überfalls, zeigt viel vom London der 60er Jahre und beginnt mit einer ebenso rasanten wie dramaturgisch eigentlich unnötigen Autojagd quer durch London – diese Arbeitsprobe aber brachte dem Regisseur Peter Yates ein Angebot von Steve McQueen ein, für ihn „Bullitt“ zu inszenieren – inklusive einer legendären Autojagd.

Und Horst Tappert auf Englisch

Nach der Raserei quer durch London geht es der Film ruhiger an, gewinnt aber viel Spannung durch die Planungen – hier sind Profis am Werk, die mit Umsicht und Präzision ihr Team zusammenstellen. Dieses schmückt sich mit Charakterköpfen des englischen Kinos: Barry Foster, Frank Finlay, William Marlowe, George Sewell  und James Booth als Polizist. Der ganz große Wurf ist der Film dennoch nicht, denn ein wenig mehr hätte man gerne von diesen Figuren erfahren, der Film lässt ihre Vorgeschichte im Dunkeln. Dennoch bleibt es spannend und auch atmosphärisch – der Film hat fast ganz auf das Drehen in Studiobauten verzichtet.

Als Bonus-Material bietet „Robbery“ neben einem guten Booklet , einem alten Interview mit Baker und neueren mit  dem Produzenten, dem Drehbuchautor etc. die englisch synchronisierte Kinofassung von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, die 1967 in die US-Kinos kam: So kann man auch mal Horst Tappert englisch reden hören.

 

http://networkonair.com/103-the-british-film

http://networkonair.com/

 

 

Robbery Stanley Baker DVD

 

 

Der Comic „Turing“ von Robert Deutsch

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

 

Es ist eine grausige und wahre Geschichte: 1954 nimmt sich der britische Mathematiker Alan Turing das Leben. Er litt an Depressionen, die ein Medikament auslöste, das zu nehmen ihn der Staat genötigt hatte: entweder diese „Östrogen-Therapie“ (eine Art chemischer Kastration) oder eine Haftstrafe. Denn Turing war homosexuell, was damals (nicht nur) in England unter Strafe stand. 2009 entschuldigte sich die britische Regierung offiziell, 2013 begnadigte und rehabilitierte ihn die Queen.  Turings Schicksal als verfolgter Homosexueller ist eines von vielen. Bekannt ist sein Fall aber, weil  Turing als einer der führenden Theoretiker der Computertechnik gilt und im Krieg maßgeblich an der Entzifferung der Codes der deutschen „Enigma“-Verschlüsselungsmaschine beteiligt war.

Der Leipziger Künstler Robert Deutsch widmet sich diesem Leben mit einem Comicband, dem es nur ganz am Rande um „Enigma“ geht: Deutsch stellt Leben, Lieben und Sehnsucht in den Mittelpunkt seines berührenden Werks „ Turing“. Mit dessen Tod beginnt es und bewegt sich dann drei Jahre zurück, nach Manchester, wo Turing einen jungen Mann kennenlernt, mit dem er eine Freundschaft beginnt und ihm Einblick gibt in seine Seele voller verdrängter Sehnsüchte. Was er erst nicht ahnt: Die Motive des jungen Mannes sind vor allem krimineller Natur. Als Turing sich an die Polizei wendet, liefert er sich ungewollt der Justiz aus, für die er ein Krimineller mit Krankheitssymptomen ist, die man bekämpfen muss.

Robert Deutsch erzählt in einem bunten, manchmal grob gepinselten, kindlich und naiv wirkenden Stil. Der steht in brutalem Kon­trast zur tragischen Handlung — so wie der sehnsüchtige  Turing im Gegensatz zu einer Welt steht, die ihn misstrauisch beäugt und eine Seite von ihm ablehnt. Dem Mann der Logik scheint diese Welt unlogisch. Kein Wunder, dass er sich im Kino in Disneys bunte Welt von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ flüchtet. Deutsch lässt diese Figuren Turing auf den Weg in den  Freitod begleiten. Das hätte süßlich und sentimental wirken können. Dank der Kunst dieses Buchs ist es aber berührend und todtraurig.

Robert Deutsch: Turing.  avant-verlag, 185 Seiten, 29.95 Euro.

 

http://www.avant-verlag.de/

 

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

Nostalgie als Programm: Zu Besuch beim DVD-Verlag „Pidax“ in Riegelsberg

Pidax Nostalgie DVD

Edgar Maurer im Riegelsberger Pidax-Lager. Hier stapeln sich um die 100 000 DVDs und CDs. Fotos: Keßler

 

„Geplant war das ja alles nicht“, sagt Edgar Maurer. Er sitzt in einem Büroraum seiner Firma Pidax in Riegelsberg, über einem Ledersofa hängen Dutzende bunte DVD-Cover – von der Wand grüßen Peter Alexander und Georg Thomalla, Rudi Carrell und Günter Strack, Pierre Brice und Audrey Hepburn. Nostalgie ist Programm bei der Firma, die vor fast zehn Jahren entstand – aus einer Liebhaberei heraus: Maurer, Jahrgang 1966 und Fan des Fernsehens seiner Kindheit („ich habe viel zu viel Fernsehen geschaut“), wollte eine ganz frühe TV-Erinnerung auffrischen: die Serie „Die Grashüpferinsel“. Auf Video oder DVD gab es sie nicht, eine verschollene Perle. Maurer wollte das ändern, spürte detektivisch die Rechteinhaber auf, kaufte die deutschen Rechte an der Serie,  und ein Bruder im Nostalgie-Geiste im Hessischen restaurierte das Bildmaterial – fertig war die erste Veröffentlichung der neuen Firma Pidax. Geplant war die bestenfalls als Feierabendprojekt mit Hobby-Anmutung, doch dann ist  Maurer irgendwann, als sich der Erfolg abzeichnete, „aggressiv rangegangen. Fünf, sechs Jahre haben wir gearbeitet, ohne etwas zu verdienen – Gewinne haben wir sofort wieder reinvestiert“.

 

Pidax Nostalgie DVD

Die DVD-Hüllen in einem der Büroräume.

Jetzt, knapp zehn Jahre später, geht Pidax als DVD- und auch Hörspielverlag (laut Maurer eine Million DVDs und 100 000 verkaufte CDs) auf die 1000. Veröffentlichung zu. Um die 20 000 Exemplare verkauft die Firma im Monat, der Umsatz in diesem Jahr wird bei zwei Millionen Euro liegen. Und vor ein paar Monaten hat Maurer, von Haus aus Kaufmann, seine Anstellung bei den Stadtwerken in Saarbrücken gekündigt; weniger zu tun sei bei Pidax  nicht, sagt er, „aber es ist eine Arbeit ohne Stechuhrmentalität“.

Pidax ist nicht die einzige nostalgisch ausgerichtete DVD-Firma – da ist auch Studio Hamburg, das ARD- und ZDF-Oldies vermarktet, Winkler Film und nicht zuletzt die Firma Filmjuwelen/Fernsehjuwelen.

Die Firma ist denkbar dezentralisiert: Maurer kümmert sich in Riegelsberg um Planung, Abrechnung und das Verschicken der DVDs aus dem heimischen Lager mit 100 000 Exemplaren an Vertriebspartner und an Filmfreunde, die direkt bei ihm bestellen. Sein hessischer Kollege restauriert das Filmmaterial, wobei das Anlegen der Tonspuren an Bildmaterial mit das Schwierigste ist; gepresst werden die DVDs in Baden-Württemberg, der Vertrieb (neben dem Eigenvertrieb in Riegelsberg) sitzt in Köln und Hamburg. Ein Dutzend Menschen zählt das Pidax-Team mittlerweile, darunter einige in Mini-Jobs; hinzu kommen ein paar Ehrenamtler, die aus cineastischer Freude die Booklets schreiben.

 

Manche Veröffentlichungen haben eine jahrelange Vorlaufzeit, erzählt Maurer, „bei anderen ist nach 14 Tagen alles geklärt“ – und manche Projekte stolpern vor der Ziellinie: gerade etwa der kanadische TV-Klassiker „Die Strandpiraten“, der im ZDF unzählige Sonntagnachmittage vergoldet hat: Das DVD-Cover hatte man bei Pidax schon gestaltet, aber Verhandlungen um Rechte, „die von Anfang an schwierig waren“, platzten letztlich, „wir waren sehr enttäuscht“. Andere Wunschpläne lässt Maurer lieber gleich in der Schublade: „Rudis Tagesschau“ hätte er gerne herausgebracht, aber da Rudi Carrell in der Reihe jede Menge Nachrichten-Ausschnitte einsetzte, „wären die einzelnen Bildrechte gar nicht zu klären“.

Die Lizenzen

Im Zentrum des Geschäfts stehen die Lizenzen für die Filme, Serien, Theateraufzeichnungen und Hörspiele, die meist fünf bis sieben Jahre lang laufen. Um die Lizenzen musste er früher kämpfen, mittlerweile kommen die Lizenzgeber zu ihm, aus England, Frankreich, Japan und auch aus den USA. Amerikanische Lizenzen galten für kleinere Firmen lange als unbezahlbar, laut Maurer „hat sich das verändert. Die Amerikaner haben lange auf ihrem Material gesessen, sind jetzt aber vernünftiger geworden und runter von ihrem hohen Ross. Bis auf Disney.“ Mittlerweile bieten Großstudios auch Firmen wie Pidax Lizenzen an – kürzlich Paramount mit HD-Material für Blu-rays. „Ich habe mir die Liste angeschaut, und die angebotenen Western ‚High Noon’ und ‚Rio Grande’ waren schon weg – das war bitter.“ Die bisher teuerste Lizenz hat Maurer aber nicht in den USA gekauft, sondern in Japan: für die Serie „SRI und die unheimlichen Fälle“. Je nach Lizenzkosten ist ein Titel schon bei 300 verkauften Exemplaren in der Gewinnzone, bei anderen erst nach 3000.

Auch Dokus hat Pidax mittlerweile im Programm, darunter die Reihe „Legenden“ über Filmstars von einst – einzuschätzen ist der Erfolg dabei nicht. „Audrey Hepburn läuft gut, Liz Taylor schlecht“, sagt Maurer, „Pierre Brice geht durch die Decke, Gert Fröbe nicht“. Zu den Pidax-Hits gehören etwa „Agentenpoker“ mit Walther Matthau, die Serie „Am Fuß der blauen Berge“, das Alkoholdrama „Rückfälle“ mit Günter Lamprecht und auch einer der wenigen neueren Filme: der ARD-Mittwochabendfilm „Komasaufen“. Ein Dauerbrenner ist auch „Schokolade für den Chef“ mit Götz George. Der größte Erfolg bisher ist der Seriendauerbrenner „Die Abenteuer der Familie Robinson“ mit einer Auflage in fünfstelligen Bereich.

„Wir spielen immer Bank“

Das Pidax-Programm funktioniert als klassische Mischkalkulation: Erfolgreiche Filme fangen weniger erfolgreiche auf – das rechnet sich im Ganzen, „denn wir haben mehr Ausreißer nach oben als nach unten“. Wobei sich das vorher naturgemäß schlecht einschätzen lässt. So ist Maurer überrascht, dass eine Reihe von Kinderfilmen aus den 90er Jahren – „Jan vom Goldenen Stern“ etwa weniger Interesse fanden als gedacht. Aber je mehr Filme die Firma veröffentlicht, sagt Maurer, desto breiter verteilt sich das Risiko. Dennoch gilt: „Wir spielen immer Bank. Wir müssen alles vorfinanzieren.“

Zum Beispiel die Synchronisierung von Serien oder Filmen, die keine deutsche Sprachfassung mehr besitzen oder noch nie eine hatten: etwa eine „Sherlock Holmes“-Serie (1965-68)  mit Peter Cushing, deren alter deutscher Ton verschollen ist, außerdem eine bisher nicht synchronisierte Holmes-Reihe mit Christopher Lee, die Anfang der 90er Jahre entstand, zum Teil in Luxemburg, und auch bisher bei uns nicht gezeigte englische Agatha-Christie-Geschichten aus den 90er Jahren (Maurer: „Christie zieht immer“). Den Effekt, dass ein alter Film und eine sterile Synchro von heute nicht zusammenpassen, kennt Maurer – das Studio, das er beauftragt, arbeitet teilweise mit alten Bandmaschinen, um die Tonspur mit klanglicher Patina zu überziehen, auch der Wortschatz wird der Entstehungszeit angeglichen.

Eine Synchronisierung kostet Geld, das man nicht mit 1000 verkauften Exemplaren wieder herein holt  – der Standard-Startauflage, mit der Pidax erst einmal das Interesse des Publikums erkundet. Bei Erfolg wird nachgepresst, aber Ladenhüter gibt es auch. „Manche Filme bleiben bei einem Verkauf von 300 Stück einfach stehen, da geht dann gar nichts mehr.“ Die Restbestände landen dann für zwei oder drei Euro in Billigmärkten, denn Lagerplatz ist teuer.

Wie reagiert die Firma auf den bröckelnden DVD-Markt und das sozusagen körperlose Streamen im Internet? „Im Ausland ist der Markt für DVDs schwächer geworden“, sagt Maurer, „in England und Italien sogar zusammengebrochen – aber deutsche Kunden wollen sich einen Film ins Regal stellen können, das ist der Vorteil für uns.“ Wobei das Pidax-Publikum ohnehin durch das nostalgische Programm etwas älter und nicht ganz so streaming-affin ist. „Es liegt im Bereich 40 plus, bei den Animationsfilmen vielleicht 30 plus“, schätzt Maurer.

„Pidax Channel“ geplant

Dennoch setzt die Firma auch auf das Abspielen im Internet: Hörspiele werden gestreamt, etwa bei audible, „bei Filmen ist das noch nicht so verbreitet“. Aber noch in diesem Jahr soll bei Amazon ein eigener „Pidax Channel“ installiert werden, den man abonnieren kann, mit 100 bis 200 verfügbaren Filmen. Die muss die Firma aber erstmal hochladen, einige technische Hürden nehmen und das ganze finanzieren – mit, wie Maurer sagt, Hunderten Euro pro Film. Das muss man erstmal vorlegen, aber „dann ist ein Film wie eine Kuh, die Milch gibt“. Ein guter Ausgleich, wenn die DVD schwächer werden sollte.

Blu-rays, den hochauflösenden Nachfolger der DVD, findet man bei Pidax selten. „Bei diesen älteren Filmen gibt es nur selten HD-Material, und nur dann machen wir eine Blu-ray – alles andere, etwa das Hochskalieren von Nicht-HD-Material, ist Betrug am Kunden.“ Üblicherweise bringt Pidax auch nur dann eine Bluray  heraus, wenn sich die DVD schon über 1000 Mal verkauft hat, also ein Mindestinteresse am Film besteht. Eine Ausnahme ist demnächst „Am Anfang war das Feuer“, den es bisher in Deutschland noch nicht auf Blu-ray gab.

Zwischen 60 und 70 Prozent des Pidax-Handels  läuft über Amazon, über die Hauptseite und über Amazon-Marketplace. Von Riegelsberg aus verschickt Pidax portofrei, europaweit. „Das lohnt sich trotzdem für uns, denn Amazon nimmt direkt schon mal 40 Prozent vom Verkaufspreis.“

Durchgeplant ist das Programm bis Juni 2018, mit besonderem Blick aufs Weihnachtsgeschäft, das laut Maurer mindestens ein Drittel des Jahresumsatzes ausmacht. Dass einmal die interessanten Filme ausgehen, fürchtet Maurer nicht – es geht immer weiter. „Wir sind wie  Fischer, werfen die Netze aus und fangen immer etwas.“

 

http://www.pidax-film.de

 

Info:

Ein Blick aufs Programm der nächsten 10 Monate:

  • Hanni und Nanni (Zeichentrickserie)
  • Das kalte Herz (6-Teiler von 1978)
  • Der letzte Mohikaner (BBC 8-Teiler von 1971)
  • Sherlock Holmes (Serie mit Peter Cushing)
  • Am Fuß der blauen Berge, Vol. 7
  • Kim & Co. (26-teiligee Serie)
  • Sklaven (The Fight Against Slavery)= BBC 6-Teiler von 1975
  • Locker vom Hocker (Serie mit Walter Giller)
  • Im Auftrag von Madame (39-teilige Krimiserie)
  • Blinky Bill (Zeichentrickserie)
  • Mensch Bachmann (Serie)
  • Zwei alte Hasen (Serie)

 

 

 

 

Pidax DVD Nostalgie

© 2017 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑