KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Wenn das Kino der Kindheit vor sich hin bröckelt

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Das erste Kino – man vergisst es nie. Da mögen die späteren Filmtheater größer sein, mit perfekter Technik und Leinwand in Fußballplatzgröße protzen, doch nichts kommt mehr heran an die ersten Besuche im Filmtheater – in meinem Fall das Central Theater in der St. Wendeler Brühlstraße, an der Blies gelegen. Schon zu meinen ersten Besuchen, Mitte der 70er, versprühte das Kino den Charme von gestern, schließlich war es ein Kind der Nachkriegszeit, 1946 eröffnet. Sessel würde man die hölzerne Bestuhlung wohl heute nicht mehr nennen – allzu herzhaft schepperten die Sitze per Feder beim Aufstehen nach hinten. Aber es waren magische Momente im Central Theater, meist im Parkett. Denn der so genannte „Sperrsitz“ im hinteren Drittel kostete eine Mark mehr, und der Balkon wurde gemieden, um Taschengeld zu sparen. Ein laut tönender Gong kündigte Filme wie das „Dschungelbuch“ an, mit Louis dem Affenkönig und dem tot geglaubten Bär Balu, der regungslos im Dschungelregen lag. Immer sonntags um 16 Uhr liefen bunte Kinderfilme, die sich vor allem aus der japanischen „Godzilla“-Schmiede rekrutierten. Und im Sommer war das Kinoglück perfekt: Ein gelbrotes Plakat kündete vom „Sommer-Filmfestival“: Jeden Tag lief ein anderer Klassiker, ein buntes Programm zwischen „Papillon“ und dem „Weißen Hai“, der einem den Besuch im St. Wendeler Freibad für einige Tage vergällen konnte. Und nicht zuletzt die Bond-Filme kamen dazu.

Freundlich waren die Kinobetreiber. Wenn man sich die Zeiten in den Schaukästen nicht gründlich ansah und deshalb in den falschen Film marschierte – „Godzilla“ mit Gummimonstern statt „Jeder Kopf hat seinen Preis“ mit Steve McQueen – und das erst 20 Minuten nach Filmbeginn bemerkt hatte, konnte man die Kinokarte später nocheinmal für Herrn McQueens Abenteuer verwenden. Im Freundeskreis sagenumwoben war die Herrentoilette, rechts neben der Leinwand die Treppe hinunter. Von dort aus, so munkelten wir, gäbe es einen direkten Zugang zur Blies, mit besonderem Mut könne man sich also kostenlos ins Kino schleichen. Ausprobiert hat das von uns aber niemand. Und heute geht das nicht mehr – 1996, ein halbes Jahrhundert nach der Eröffnung, hat das Central-Theater geschlossen. Die alten Schaukästen sind noch da, aber alles andere bröckelt.

 

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

 

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

 

2 Kommentare

  1. Michael Beckert

    31. August 2017 at 10:39

    Ich bin in Bamberg aufgewachsen. Die 70.000-Einwohnerstadt hatte bis in die 60er Jahre hinein sage und schreibe 12 Kinos! Mein Lieblingskino war das Alhambra, im Volksmund „Schlamperla“ genannt, weil dort fast ausschließlich sogenannte B-Movies gezeigt wurden, die heute längst Klassiker sind: 12 Uhr mittags, King Kong, Gefahr aus dem Weltall (in 3D!), Hitchcocks „Berüchtigt“ undundund. Wenn ich in den 80er Jahren mit dem Auto durch meine Heimatstadt gefahren bin, habe ich meine Frau und meine Kinder an jeder zweiten Ecke mit dem Hinweis genervt: Und da war auch einmal ein Kino. Heute hat Bamberg nur noch ein Cineplexx in einer öden Immobilie nahe dem Bahnhof. Traurig, traurig.

    • „Gefahr aus dem Weltall“ in 3D – das muss ja grandios gewesen sein.

      Bei mir ist das mit dem Kinoabklappern in der alten Heimat ganz ähnlich – heute nerve ich die Familie, wenn wir bei St. Wendel-Besuchen immer durch die Brühlstraße fahren, um nach dem Central-Theater zu sehen. Ich würde zu gerne noch mal hineingehen, aber es wird sich wohl nicht gut gehalten haben, wenn es von außen schon so aussieht. St. Wendel hat immerhin noch ein Kino, das „Neue Theater“.

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