KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Allgemein (Seite 1 von 11)

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

 

007-Aktualisierung: Einen Bond macht Craig noch

http://www.hollywoodreporter.com/heat-vision/daniel-craig-confirms-return-james-bond-role-1030056

 

Daniel Craig 007 One more Bond 25

Daniel Craig bei einem Fototermin für „Spectre“. Foto: Sony

Bleibt Daniel Craig James Bond? Es schaut so aus.

Daniel Craig James Bond 25

Daniel Craig bei einem Berliner Fototermin für „Spectre“. Foto: Sony Pictures

 

Offiziell verkündet ist es noch nicht – aber Daniel Craig wird die James-Bond-Rolle wohl weiterspielen. Die „New York Times“ hatte berichtet, Craig sei längst an Bord; nun hat das über Umwege der US-TV-Sender „Showtime“ bestätigt. Der plant mit Craig eine Adaption des Jonathan-Frantzen-Romans „Unschuld“ und hat deren Dreharbeiten weiträumig verschoben – denn erst drehe Craig einen Bond, mehr dürfe man aber nicht sagen, hieß es seitens „Showtime“. Eine offizielle Ankündigung wird nicht lange auf sich warten lassen.

Damit geht eine Zeit des Spekulierens und Kaffeesatz-Lesens zu Ende, die es in der 55 Jahre alten 007-Filmreihe lange nicht gegeben hat. Ende Juli hatte die Bond-Produktionsfirma Eon recht schmallippig bekannt gegeben, dass der nächste Bond-Film im November 2019 startet. Was nicht mitgeteilt wurde: der Titel, die Regie und vor allem – der Hauptdarsteller. Um den hatte es Spekulationen gegeben, nachdem Craig 2015 bei der Premiere von „Spectre“, seinem vierten Bond, verkündet hatte, er „schneide sich lieber die Pulsadern durch“ als noch einen 007 zu drehen. War das britischer Humor? Akute Bond-Müdigkeit nach langen Dreharbeiten? Oder die Ouvertüre einer Gagenverhandlung?

Hilfe bei „Othello“

Zumindest ist klar, dass Eon an Craig deutlich interessierter ist als einst an Vorgänger Pierce Brosnan: Der wurde nach seinem vierten und zumindest kommerziell sehr erfolgreichen 007, „Stirb an einem anderen Tag“ (2002), einfach nicht mehr zurückgebeten und durch Craig ersetzt. Dem aber hat die Bond-Produzentin Barbara Broccoli nach „Spectre“ und dem „Pulsader“-Interview geholfen, am Broadway eine vielbeachtete „Othello“-Aufführung zu stemmen (mit Craig als Jago).

Warum sich Craig also länger bitten ließ? Das britische und mit Vorsicht zu genießende Blatt „The Sun“ berichtet, dass er erst wieder an 007 interessiert war, als Sam Mendes bekannt gab, nach „Skyfall“ und „Spectre“ keinen Bond mehr zu inszenieren. Da ging  – womöglich – eine künstlerische Partnerschaft/Männerfreundschaft in die Brüche.

Villeneuve oder Demange oder Bier als Regisseur?

Wie geht es nun weiter? Laut Branchenbibel „Variety“ haben die Produzenten Kontakt aufgenommen mit den sehr interessanten Regisseuren Dennis Villeneuve („Arrival“) und Yann Demange, dem mit dem Nordirland-Drama „’71“ ein atemberaubendes Debüt gelang. Auch die dänische Regisseurin Susanne Bier war zeitweise im Gespräch, in deren Agentenserie „The Night Manager“ der Brite Tom Hiddleston die Hauptrolle spielte, der regelmäßig als Craig-Nachfolger gehandelt wird.

Aber wer auch immer den  Jubiläums-Bondfilm 25 inszenieren wird – er (oder sie) wird es nicht leicht haben. Denn der Vorgänger „Spectre“ zeigte deutlich, dass das klassische, vom Publikum erwartete Spektakel und die in der Craig-Ära betonte Auslotung der Bond-Figur filmisch nicht leicht zu vereinen sind: Da rieben sich Action und (etwas flaches) Psychodrama recht rau aneinander. Viel besser gelang die Kombination in Craigs Debüt „Casino Royale“ (2006), einer  der besten Bondproduktionen überhaupt und immer noch Craigs bester 007-Auftritt. Ihm, dem anfangs heftig angefeindeten Darsteller (zu klein, zu blond, zu große Ohren) würde man einen exzellenten Abgang wünschen. Denn, auch wenn etwa der leicht überschätzte „Skyfall“ mit seiner Holzhammer-Psychologisierung irritieren konnte – Bond als Figur war noch nie so interessant wie in der Craig-Ära. Eine mögliche Prognose: Einen Film dreht er noch, nimmt seinen Abschied, und dann beginnen  wieder Umbesetzungszirkus und Kaffeesatz-Lesen.

 

 

Die Doku „Dark Glamour“ über die Geschichte von Hammer Films. Sonntag bei Arte.

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1957 in „Frankensteins Fluch“. Foto: Hammer Films

 

 

Vampirzähne in Nahaufnahme, wogende Busen in engen Korsetten – und Blut, das so rot leuchtet wie frisch gekochte Erdbeermarmelade. Das waren die Insignien der britischen Produktionsfirma Hammer, die vor allem in den 1950ern und -60ern eine Marke für sich waren: Mit ihren Schauermärchen, so liebevoll ausgestattet wie mit drastischen Effekten garniert, waren sie eine Zeitlang ein großer Fisch im filmischen Karpfenteich, amerikanische Verleihe nahmen die Hammer-Filme nur zu gern in ihr Programm.

Die schön betitelte Dokumentation „Dark Glamour“ von Jerome Korkikian zeichnet die Geschichte der Firma nun nach: flott montiert, bunt mit Filmausschnitten illustriert und mit interessanten Gesprächspartnern (wenn auch mit meist sehr kurzen Statements).  Mit der Krönung von Elisabeth II. 1953 beginnt es, die britische Nation sitzt kollektiv vor dem Fernseher, der sich als neues Massenmedium durchzusetzen beginnt. Die Kinos, Studios und Produktionsfirmen schauen in die Röhre. Unter ihnen eine kleine Firma namens Hammer, die sich seit den 30er Jahren auf dem Markt behauptet. Doch die Geschäfte laufen immer schlechter, und so setzt die Firma ihre letzte Hoffnung 1955 auf einen kleinen Gruselfilm in Schwarzweiß: „Schock“ („The Quatermass Experiment“), der von einem Astronauten erzählt, der aus dem All zurückkehrt und sich zu etwas verwandelt, das man durchaus als „shocking“ bezeichnen kann.

Cushing und Lee bringen Klasse und Würde

Der Film füllt mehr oder weniger überraschend die Kinos, Hammer gibt sich ganz dem Grusel hin und holt klassische Figuren des „Gothic Horror“ aus der Gruft:  Dracula und seinen Gegenspieler Van Helsing, außerdem den chirurgisch hochbegabten, wenn auch ethisch unterentwickelten Baron Frankenstein und die Kreatur, die er aus Leichenteilen zusammenschraubt und -näht. Diese Paare werden gespielt von Peter Cushing und Christopher Lee, den prägenden Darstellern Hammers. Sie geben den Filmen viel Würde und Klasse, die ansonsten wenig zimperlich sind in Sachen Blut  und Erotik. „Das Studio ignorierte den guten Geschmack“, heißt es in der Doku. Filmhistoriker und Hammer-Kenner Marcus Hearn fasst den Aufschwung der Firma so zusammen: Mit „Schock“ kam der Horror, mit „Frankenstein“ die Farbe, mit „Dracula“ die schwüle Erotik. Für Regisseur John Carpenter, der die Hammer-Filme liebt und „Die Mumie“ als ihren optisch schönsten schätzt,  kam als Amerikaner noch eine britische Komponente hinzu: „Mit englischem Akzent klang das Ganze viel seriöser und ernster.“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1958 im Meisterstück „Dracula“. Foto: Hammer Films

 

Eine Zeitlang geht alles gut: Die Firma arbeitet in den familiären Bray-Studios vor sich hin, in liebevollen, auf alt getrimmten Bauten, bis ausgerechnet ein Engländer in Amerika den Horrorfilm revolutioniert: Alfred Hitchcock mit „Psycho“. Die Angst lauert jetzt in der Gegenwart (und in der Dusche). Hammers Schauermärchen wirken auf einmal etwas altmodisch – die Firma steuert mit ein paar in der Gegenwart spielenden Psychothrillern gegen, aber das ist nicht ganz ihr Terrain. Auch mit der Steinzeit versuchen sie es. „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ konfrontiert knapp bekleidete Urzeitmenschen mit Stop-Motion-Riesenechsen. Carpenter ist heute noch begeistert: „Raquel Welch im Bikini und dazu Plastikdinosaurier – was wollen Sie denn sonst noch?“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Raquel Welch 1966 in „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“. Foto: Hammer Films

Von der Produktion „Captain Kronos – Vampirjäger“ erhofft man sich den Auftakt einer ganzen Reihe, wie Hauptdarsteller Horst Janson („Der Bastian“) erzählt, aber dazu kommt es nicht, der Film kommt zu schlecht an. Auch die Kreuzung von Blutsaugerei und dem gerade erfolgreichen Karate-Kino in „Die sieben goldenen Vampire“ bleibt ohne Nachhall. Der größte Nagel aber wird 1973 in Hammers Sarg geklopft: „Der Exorzist“ schockiert mit Tabubrüchen, wird ein enormer Hit – und ist eine Produktion des US-Studios Warner Brothers, das bisher die Hammer-Filme mitfinanzierte. Jetzt weiß Warner selbst, wie es geht und dreht den in Richtung Britannien führenden Geldhahn ab. Oder wie Carpenter es sagt: „Hammer waren bei vielem die Ersten. Und dann hörten sie irgendwann auf, die Ersten zu sein.“ Das Studio müht sich noch ein paar Jahre ab, 1979 entsteht der letzte Film. 2007 aber exhumieren neue Investoren die Idee, kaufen die Marke (und das lukrative Filmarchiv); auch einige Filme wie „The Woman in Black“ entstehen, die weniger auf Schocks setzen denn auf guten alten Schauer.

Der Doku „Dark Glamour“, so vergnüglich sie auch ist,  hätte man gerne mehr Laufzeit gewünscht als seine schnell vergänglichen 55 Minuten. Wenn schon Regisseure wie Dario Argento, Darstellerin Caroline Munro und der stets trockenhumorig unterhaltsame John Carpenter dabei sind, will man etwas mehr von ihnen hören; auch von Horst Janson hätte man gerne mehr erfahren – nicht zuletzt, wie er als deutscher Darsteller überhaupt zum Star einer Hammer-Produktion wurde. Immerhin: Man wird Zeuge, wie gut Christopher Lee in einer gallischen TV-Sendung Französisch spricht.

Der Neuanfang der Marke Hammer wird am Ende zwar erwähnt und mit ein paar Filmausschnitten bebildert, aber da hätte man gerne mehr erfahren. Eine Fortsetzung des Themas oder auch eine 90-Minuten-Fassung auf DVD wäre sehr willkommen.

Sonntag, 6.8., 21.55 Uhr, Arte. Danach auch in der Mediathek.

http://www.hammerfilms.com/

http://www.arte.tv/de/videos/073074-000-A/dark-glamour

Schlecht, und doch gut: „Marseille“ mit Gérard Depardieu

 

Gerrad Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Gérard Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Koskas/Netflix/Polyband

Marseille scheint ein Dorf zu sein – zumindest in dieser französischen Serie. Nun sind ja nicht wenige Film- und Seriendrehbücher dramaturgisch förmlich am Reißbrett konstruiert. Aber man sollte es ihnen nicht anmerken. Aber in „Marseille“ kommt es filmisch dann mitunter knüppeldick. In einer Szene werden beispielhaft alle losen Drehbuchfäden miteineinander verknüpft, dass die Episode filmisch fast stolpert. Also:  Da kauft ein Mann in einer Kneipe eine ordentliche Portion Koks – so weit nichts gänzlich Ungewöhnliches. Der Käufer aber ist der Chauffeur/Berater des Marseiller Bürgermeisters (Gérard Depardieu), der gerade unter anderem mit der Mafia im Clinch liegt, da er ein Casino mit legalem Glücksspiel am Hafen plant. Der Verkäufer des Kokains ist im Nebenberuf allerdings auch Handlanger eben jener  Mafiosi, die wiederum mit des Bürgermeisters politischem Ziehsohns (Benoit Magimel) unter einer Decke stecken, der gerade den politischen Tod des Mentors plant. Der Handlanger des Dealers, der bei dem Drogenkauf dabei ist, ist  wiederum ein alter Kindheitsfreund der Bürgermeistertochter (und in sie, auch das noch,  unglücklich verliebt). Deren beste Freundin wiederum arbeitet im Wahlkampfbüro des Bürgermeister-Gegenspielers, der unter anderem den homosexuellen Chef der örtlichen Zeitung umgarnt, wo wiederum die Bürgermeistertochter arbeitet, aber unter falschem Namen, damit ihre Identität nicht bekannt wird.

Mies geschrieben, dennoch sehenswert

Also viel „wiederum“, „zugleich“, viele dramaturgisch bequeme Zufälle: „Marseille“, die erste französische Eigenproduktion des Streaming-Anbieters Netflix,  ist zweifelsohne eine mies geschriebene Serie. Zumal sie zwei ziemlich dümmlich-naiv-erotisierte Frauenrollen aufbietet und noch ein paar familiäre Verwicklungen bereit hält, die hier nicht verraten werden sollen und die sich ein Drehbuchautor erstmal trauen muss.

 

Gerrad Dépardieu, Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Der politische Ziehsohn und große Gegenspieler (Benoit Magimel).

Nur – warum ist es trotzdem ein ziemlich großer Spaß, sich die Serie anzusehen (auch wenn man sich für den Spaß etwas schämt?) Von dem französischen und ungleich raffinierteren Serien-Konkurrenten „Baron Noir“ (kürzlich hier vorgestellt) oder „House of Cards“ ist „Marseille“ meilenweit entfernt; die Reihe liegt viel näher an „Dallas“, der klassischen  Seifenoper der 80er Jahre, einem wohlig überschaubaren, aber auch etwas miefigen  Intrigantenstadl. Der große Reiz von „Marseille“ ist, nicht ganz überraschend, sein Hauptdarsteller: Gérard Depardieu, der gallische Wuchtbrummer, räumt mit seiner Präsenz alle Drehbuchhindernisse aus dem Weg, Klischees walzt er wie eine schnaufende Lokomotive platt und erschafft auf deren Trümmern, eine plastische, tragisch anmutende Figur. Ein Engel im Polit-Betrieb ist er nicht (wie könnte er das sein, nach 20 Jahren  als Bürgermeister?), aber an alten Überzeugungen hält er ebenso fest wie an der Zuneigung zum Arbeitsplatz („Verdammt, wie ich diese Stadt liebe“). Dennoch ist er nicht ganz unschuldig daran, dass sein politischer Ziehsohn ihn abservieren will – hatte der Bürgermeister doch geplant, auch aus der Rente heraus über ihn, seinen geplanten Nachfolger, mit- und weiter zu regieren. Den Gegenspieler, sozusagen den „J.R.“ („Dallas“-Kucker erinnern sich) spielt Benoit Magimel und zeigt sich Depardieu aufAugenhöhe. Magimel ist von seinen Zusammenarbeiten mit Michael Haneke („Die Klavierspielerin“) oder Claude Chabrol („Die Blume des Bösen“) bessere Drehbücher gewohnt, aber er wirft sich mit Schwung in die Rolle eines Mannes, der sich  höchst konsequent der Machtmechanik widmet, Sex ingebriffen (bevorzugt auf betont unromantische Weise). Und doch treibt auch ihn die Zuneigung zur Stadt an, die der amtierende Bürgermeister in seinen Augen „nicht mehr versteht, er ist zu alt“. Dass er seinen großen Mentor politisch absägen will, ist für ihn nur logisch: „Es ist Vatermord – das ist ganz normal“.

Erschienen bei Polyband, 326 Minuten.
Die zweite Staffel ist in Vorbereitung.

http://www.polyband.de

 

Marseille mit Gérard Depardieu Benoit Magimel

James-Bond-Drehort: das „College of Arms“ aus OHMSS

Eine Stadt nach Kino-Drehorten abzuklappern, drängt sich nicht jedem Touristen als wirklich sinnvolle Idee auf. Aber in diesem Falle musste es sein – denn es geht um den vielleicht schönsten aller James-Bond-Filme: „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ aus dem Jahr 1969. Lange Zeit galt der Film von Peter Hunt (Cutter der ersten Bond-Filme und hier Regie-Debütant) als hässliches Entlein der ganzen Reihe – doch kaum ein anderer 007-Film hat so viel Gefühl (im Rahmen eines Bond-Films), so gute Ski-Jagden, einen so guten Bösewicht Blofeld (Telly Savalas), eine so luftige Schurkenfestung und eine so gute 007-Partnerin, für die sich der Begriff „Bond-Girl“ verbietet: Diana Rigg.

Lange Vorrede: Das Gebäude ist das „College of Arms“ in London, das im Film auch genau das darstellt- das Institut für Wappenkunde, in dem Bond Informationen einholt, damit er sich später als Experte ausgeben kann, der unter falscher Identität Blofeld in seiner Alpenfestung besucht  (die Tarnung fliegt allerdings umgehend auf). Das Gebäude liegt ein paar Schritte hinter der St. Paul’s Cathedral, deren Spitze man auf dem ersten Foto sieht. Und, zugegeben, im Film ist das Gebäude grob geschätzt viereinhalb Sekunden zu sehen.

 

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

James Bond College of Arms OHMSS George Lazenby On her majesty's secret service

 

 

 

 

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ – am 26.7. in der ARD

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Regisseurin Sung-Hyung Cho mit Soldaten auf dem heiligen Berg Baekdu. Foto HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

„Ich habe den Film so gedreht, wie ich wollte“

Die Filmemacherin Sung-Hyung Cho aus Südkorea hat einen Film über die abgeschotteten Nachbarn gedreht. „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ entstand unter Aufsicht des nordkoreanischen Regimes. Ein Gespräch mit Cho über Dreharbeiten mit Aufpassern und das Lesen zwischen den Zeilen.

Enttäuscht sei sie, sagt Sung-Hyung Cho. Auf „einen Siegeszug“ bei den großen Dokumentarfilm-Festivals hatte sie gehofft, doch die zeigten andere Filme über Nordkorea, die Cho als plakativer empfand – für sie der mögliche Grund, dass der neue Film der Ophüls-Gewinnerin 2007 („Full Metal Village“) und Saarbrücker Professorin an der Kunsthochschule, in Berlin oder Amsterdam außen vor blieb. „Korea ist ein hochkomplexes Thema“, sagt die 51-Jährige aus Südkorea, die seit 28 Jahren in Deutschland lebt, „aber die Leute wollen am Liebsten schlichte Thesen“.

Ihren Film „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ will sie als „nicht politisch“ verstanden wissen – ihr ging es nicht um die Rolle der Führung, sondern um den ganz banalen Alltag im Land des Nordens, das ihr in der Schule des Südens als Hort von „Menschen mit roten Haaren und Hörnern“ beschrieben wurde, „kein Witz“. Dementsprechend habe sie bei der ersten Einreise – nur möglich durchs Chos deutschen Pass – „Angst und Paranoia gehabt“.

Beides hielt nicht lange vor, und Cho entwickelte die Idee eines Films über den Norden ohne Vorverurteilung. Eine erste Idee „über die Liebe des Volkes zu ihrem Führer“ empfand das Regime als „zu politisch“, ließ sich aber nach vielen Diskussionen auf das Konzept ein, dass Cho den nordkoreanischen Alltag filmt – wenig überraschend unter Aufsicht. „Mein Fahrer war ein Spitzel, dazu kam eine Dolmetscherin und der Leiter der staatlichen Pressestelle.“ Das Überraschende: Bei den Gesprächen mit den Nordkoreanern – einige waren vom Regime vorgeschlagen, viele hat sich Cho spontan gesucht – blieben die Aufpasser vor der Tür. „Ich überzeugte sie, dass die Menschen dann lockerer sind – und das sei besser fürs Vaterland.  Ein Satz, der als Argument immer funktionierte.“

Es geht nicht ums Bloßstellen

Die Rückversicherung des Regimes: Das gefilmte Material wurde ständig begutachtet, und es gab eine Liste der Tabus: etwa verwackelte Bilder beim Zeigen von Gemälden oder Wachsfiguren (!) der politischen Führung. Propagandaplakate mussten in der Bildmitte platziert und durften nicht abgeschnitten werden. Die Ironie in einer Szene, in dem ein Plakat „koreanische Geschwindigkeit“ preist, während eine Kuh gemächlich vorbeistapft, ist den Prüfern dabei wohl entgangen. Aber Cho ging es nicht ums Bloßstellen, auch nicht um Bilder mit versteckter Kamera oder einen nachträglichen Kommentar. „Mein Ziel ist es, dem Süden zu zeigen, dass im Norden keine Monster leben.“ Dafür hat sie die Auflagen des Regimes in Kauf genommen und betont: „Ich habe den Film genau so gedreht, wie ich es wollte.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.


Regisseurin Sung-Hyung Cho auf Feld des Musterkollektivs Sariwon. Foto:: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

Der Zuschauer muss dabei zwischen den Zeilen lesen, Worte wie „Atomwaffen“ oder „Menschenrechte“ fallen nicht – stattdessen begegnet man einem breit grinsend lügenden Landwirtschafts-Pressesprecher, der über grandiose Ernten jubelt (Hungersnöten zum Trotz); einer Näherin in einer „Patriotischen Textilfabrik“, die von kleinen Fluchten träumt; einem Landwirt in einer Mustersiedlung, die so ärmlich ist, dass man sich eine „Nicht-Mustersiedlung“ eindringlich vorstellen kann – so stellen sich die Erkenntnisse in diesem berührenden Film sozusagen über Bande ein, über Atmosphäre, Zwischentöne und Mitdenken.

Es fällt auf, wie oft und sehnsüchtig die Menschen im Film von der Wiedervereinigung sprechen. „Nordkorea sieht das sehr positiv“, sagt Cho, „wie das funktionieren soll, ist dann wieder eine andere Sache.“ Im Süden sei das anders. „Die Kriegsgeneration dort, die sehr gelitten hat, ist sehr antikommunistisch eingestellt. Schlimm ist, dass die junge Generation im Süden keinerlei Interesse an einer Wiedervereinigung hat.“ Ihr Film, so hofft Cho, soll zeigen, dass „die Menschen im Land sich nicht isolieren wollen“. Dieses Signal werde von der Weltpolitik und der Presse aber ignoriert. Der Norden sei eben ein willkommen einfaches Feindbild für den Rest der Welt. „Dabei sind sich Norden und Süden viel ähnlicher, als der Süden das wahrhaben will.“

 26. Juli, 22.45, ARD

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Die Näherin Ri Gum Hyang. Foto: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

 

 

Bond 25 kommt 2019 – noch kein Wort über Daniel Craig

Bond 25 kommt 2019

Nach Gerüchten, Spekulationen und allerlei Kaffeesatzlesen gibt es jetzt eine offizielle Mitteilung zum nächsten Bond: Die Nummer 25 erscheint 2019, Darsteller und Regisseur/in sind noch nicht spruchreif, und die Autoren bleiben die alten – nach dem Psychoschmonzes und dem mauen Finale von „Spectre“ kein Grund zum Jubeln. Was mit Daniel Craig wird, muss sich noch zeigen.

Hier die Pressemitteilung:

„James Bond will return to US cinemas on November 8, 2019 with a traditional earlier release in the UK and the rest of the world. Bond 25, the next adventure in the long-running action franchise, will be written by Neal Purvis and Robert Wade, long time collaborators and writers on previous Bond films including CASINO ROYALE, QUANTUM OF SOLACE, SKYFALL and SPECTRE. The film will be produced by Michael G. Wilson and Barbara Broccoli. Additional details regarding distribution, including international release dates, the film’s cast and director, will be announced at a later date.“

Guter Import: „Robbery“ mit Stanley Baker auf DVD

Robbery Stanley Baker DVD

 

Mit Stanley Baker will man sich nicht anlegen. Er war der „tough guy“ des britischen Kinos, hätte in einem Wettbewerb des grimmigen Schauens ebenso Sean Connery wie Oliver Reed von der Leinwand gestarrt. Gegen Ende seines kurzen Lebens (Baker starb mit 48 an Krebs) drehte er recht wahllos Filme, da er sich als Produzent und Geschäftsmann finanziell verhoben hatte. Dennoch findet man in seiner Filmografie viele Perlen – am bekanntesten wohl das Spektakel „Zulu“, das er auch produzierte und das Michael Caine zum Star machte.  Künstlerisch herausragend ist eine seiner mehreren Zusammenarbeiten mit Regisseur Joseph Losey: „Accident“, ein Beziehungsdrama aus Oxfords akademischer Oberschicht, in dem Baker mit und gegen Dirk Bogarde spielte – ein grandioser, ziemlich harter und schmerzlicher Film (und leider nicht als deutsche DVD zu haben).

Akademiker waren sonst nicht Bakers Rollen-Domäne, es dominierten Gangster, harte Helden, Militärs. Sehenswert und in England als sehr liebevolle DVD-Edition erschienen, ist „Robbery“ von 1967. Er erzählt vom Überfall auf einen Postzug, der in Deutschland als Mehrteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verfilmt wurde. „Robbery“ erzählt mätzchenfrei von Planung, Rekrutierung des Teams, Durchführung und den Folgen des Überfalls, zeigt viel vom London der 60er Jahre und beginnt mit einer ebenso rasanten wie dramaturgisch eigentlich unnötigen Autojagd quer durch London – diese Arbeitsprobe aber brachte dem Regisseur Peter Yates ein Angebot von Steve McQueen ein, für ihn „Bullitt“ zu inszenieren – inklusive einer legendären Autojagd.

Und Horst Tappert auf Englisch

Nach der Raserei quer durch London geht es der Film ruhiger an, gewinnt aber viel Spannung durch die Planungen – hier sind Profis am Werk, die mit Umsicht und Präzision ihr Team zusammenstellen. Dieses schmückt sich mit Charakterköpfen des englischen Kinos: Barry Foster, Frank Finlay, William Marlowe, George Sewell  und James Booth als Polizist. Der ganz große Wurf ist der Film dennoch nicht, denn ein wenig mehr hätte man gerne von diesen Figuren erfahren, der Film lässt ihre Vorgeschichte im Dunkeln. Dennoch bleibt es spannend und auch atmosphärisch – der Film hat fast ganz auf das Drehen in Studiobauten verzichtet.

Als Bonus-Material bietet „Robbery“ neben einem guten Booklet , einem alten Interview mit Baker und neueren mit  dem Produzenten, dem Drehbuchautor etc. die englisch synchronisierte Kinofassung von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, die 1967 in die US-Kinos kam: So kann man auch mal Horst Tappert englisch reden hören.

 

http://networkonair.com/103-the-british-film

http://networkonair.com/

 

 

Robbery Stanley Baker DVD

 

 

Der Comic „Turing“ von Robert Deutsch

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

 

Es ist eine grausige und wahre Geschichte: 1954 nimmt sich der britische Mathematiker Alan Turing das Leben. Er litt an Depressionen, die ein Medikament auslöste, das zu nehmen ihn der Staat genötigt hatte: entweder diese „Östrogen-Therapie“ (eine Art chemischer Kastration) oder eine Haftstrafe. Denn Turing war homosexuell, was damals (nicht nur) in England unter Strafe stand. 2009 entschuldigte sich die britische Regierung offiziell, 2013 begnadigte und rehabilitierte ihn die Queen.  Turings Schicksal als verfolgter Homosexueller ist eines von vielen. Bekannt ist sein Fall aber, weil  Turing als einer der führenden Theoretiker der Computertechnik gilt und im Krieg maßgeblich an der Entzifferung der Codes der deutschen „Enigma“-Verschlüsselungsmaschine beteiligt war.

Der Leipziger Künstler Robert Deutsch widmet sich diesem Leben mit einem Comicband, dem es nur ganz am Rande um „Enigma“ geht: Deutsch stellt Leben, Lieben und Sehnsucht in den Mittelpunkt seines berührenden Werks „ Turing“. Mit dessen Tod beginnt es und bewegt sich dann drei Jahre zurück, nach Manchester, wo Turing einen jungen Mann kennenlernt, mit dem er eine Freundschaft beginnt und ihm Einblick gibt in seine Seele voller verdrängter Sehnsüchte. Was er erst nicht ahnt: Die Motive des jungen Mannes sind vor allem krimineller Natur. Als Turing sich an die Polizei wendet, liefert er sich ungewollt der Justiz aus, für die er ein Krimineller mit Krankheitssymptomen ist, die man bekämpfen muss.

Robert Deutsch erzählt in einem bunten, manchmal grob gepinselten, kindlich und naiv wirkenden Stil. Der steht in brutalem Kon­trast zur tragischen Handlung — so wie der sehnsüchtige  Turing im Gegensatz zu einer Welt steht, die ihn misstrauisch beäugt und eine Seite von ihm ablehnt. Dem Mann der Logik scheint diese Welt unlogisch. Kein Wunder, dass er sich im Kino in Disneys bunte Welt von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ flüchtet. Deutsch lässt diese Figuren Turing auf den Weg in den  Freitod begleiten. Das hätte süßlich und sentimental wirken können. Dank der Kunst dieses Buchs ist es aber berührend und todtraurig.

Robert Deutsch: Turing.  avant-verlag, 185 Seiten, 29.95 Euro.

 

http://www.avant-verlag.de/

 

Alan Turing Enigma Benedict Cumberbatch

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