KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 7)

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm „Flying Clipper“

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm "Flying Clipper"

 

Was für ein Zeitdokument – und was für Farben! Das Blau des Meeres leuchtet, das Weiß des Segelschiffs strahlt, und angesichts des knalligen Rots eines Rennwagens in Monaco möchte man zur Sonnenbrille greifen. „Flying Clipper“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962, der auch mit 55 Jahren noch spektakulär ist: Zwei Regisseure und vier Kameramänner haben mit eigens konstruierten 70-Millimeter-Kameras die Reise eines schwedischen Schulschiffs begleitet, von der Nordsee bis zum Nil.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film (mit Ouvertüre und Pausenmusik!), der jetzt fürs Heimkino erscheint und eine Entdeckung ist: Weil die Bilder durch das hochauflösende Filmformat kristallklar wirken, aber vor allem durch den Zeitgeist, der den Film durchweht. Der Massentourismus lag in weiter Ferne, Erzähler Hans Clarin beschwört weihevoll „die Sehnsucht nach dem Süden“, nach Rhodos, Capri und den Pyramiden, „aber für viele Menschen wird diese Sehnsucht lebenslang ein Traum bleiben“. Es gab eben noch keine Billigflieger.

„Beirut, das Paris des nahen Ostens“

Keine Darsteller im strengen Sinne gibt es, man verfolgt die Arbeit der Matrosen und des Kapitäns, sie „segeln hart am Wind“, wie Clarin intoniert, und gemeinsam erreicht man unter anderem Nazaré, Barcelona, „Beirut, das Paris des nahen Ostens“, „den Libanon mit seinen Zedern“ und auch Afrika, „den schwarzen Erdteil“. Da fühlt man sich als Zuschauer bisweilen wie ein Entdecker, der als erster den Fuß auf fremde Kontinente setzt. Manchmal hat der Film seine Längen, aber immer wieder gelingen fantastische Bilder: etwa die Starts von Maschinen auf einem US-Flugzeugträger und die Aufnahmen vom Straßenrennen in Monaco. Am Ende, im Heimathafen, wird Erzähler Clarin melancholisch; die Welt sei so hektisch geworden, dass solche Segelschiffe wie die „Flying Clipper“ von gestern seien. Da will man sich seinem finalen weihevollen Wunsch vollen Herzens anschließen: „Möge sie bestehen bleiben, die edle Seefahrt unter weißen Segeln.“

Bonus:

Interviews mit Jürgen Brückner, Kameramann und Verleiher (30 Min.), Herbert Born, Inhaber des Schauburg-Kinos in Karlsruhe (11 Minuten) und Marcus Vetter, Theaterleiter und Vorführer in der Schauburg (14 Minuten).

Aushangfotos

Trailer

Erschienen bei Busch Media Group.

 

Schöne Ausgrabung: „Alexander, der Lebenskünstler“ erstmals auf DVD

Pidax Film Alexander der Lerbenskünstler Philippe Noiret

Keine schlechte Ernte für Alexandre (Philippe Noiret), aber glücklich ist er nicht. Foto: Pidax

„Alexander, der Lebenskünstler“ von Yves Robert

 

Was ist das für ein schönes Frankreich, das sich dieser Film erträumt: Ein süßer Hund hechelt in einer blühenden Wiese, umspielt von zartem Wind und umflort von einem charmanten Chanson. Man kennt und mag sich in diesem Dorf, die böse Großstadt ist weit weg, in der Kneipe sitzen gemütliche Franzosen und trinken Wein, der fast so rot leuchtet wie ein 2CV, der um die Ecke tuckert.

Ein ruhiges Paradies also, nur nicht für den Landwirt Alexandre (Philippe Noiret). Denn der leidet an und unter einer Gattin, die ihn von morgens bis nachts antreibt und auf dem Feld sogar per Funk überwacht. Seine gelegentlichen Rebellionsversuche verpuffen ohne Wirkung – es rettet ihn nur der Unfalltod der Gattin in ihrem schneeweißen Citroen DS. Mit verträumtem Lächeln flaniert der Witwer nun hinter dem Sarg her und beschließt die kommende Lebensplanung: nach zehn Jahren dröger Ehe erstmal auszuschlafen und danach so selten aus dem Bett auszusteigen wie menschenmöglich. Den Dörflern sagt er: „Ich muss mich von Euch erholen!“

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

Tut er’s? Alexandre (Philippe Noiret) und seine Angebetete (Marlène Jobert). Foto: Pidax

 

Wie gut, dass sein hochbegabter Hund ihm das Essen bringt. Das könnte nun das Paradies sein. Aber Alexandres Weltverweigerung bringt das scheinbar stabile Dorfleben ins Wanken – was, wenn das jeder täte? Die Angst vorm kollektiven Zusammenbruch ist groß – und der Neid der Dörfler spielt auch mit, denn Alexandre kann sich die Frührente leisten, hat er mit seinem großen Hof doch über Jahre eine reiche Ernte eingefahren.

Die Riegelsberger DVD-Firma Pidax, Spezialist für nostalgische filmische Ausgrabungen, hat hier eine besondere Perle gefunden: „Alexandre, der Lebenskünstler“. Regisseur Yves Robert, der auch den Klassiker „Krieg der Knöpfe“ inszeniert hat, drehte diesen Film 1968, was durchaus passt. Von einem hippiesken Generalstreik erzählt er mit leichter Hand, Hintersinn und viel Situationskomik: Das Heranpirschen der Dorfbewohner an den Frührentner, der mit seiner alten Schrotflinte droht, wird zu einer köstlichen Kriegsfilm-Parodie mit dem jungen, damals noch wenig bekannten Pierre Richard  („Ich war in Indochina dabei!“ – „Aber doch nur in der Küche“); langsam stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft nicht ganz so gallisch-solidarisch ist wie gedacht. Einer zugereisten jungen Frau (Marlène Jobert) schlägt vor allem seitens der Dorfdamen viel Misstrauen entgegen, zumal sie das Herz des Lebenskünstlers gewinnt. Wie diese Romanze ausgeht, soll nicht verraten werden – aber man kann diesem lässig dahinfließenden und sonnig bebilderten Film durchaus eine Skepsis gegenüber Frauen attestieren.

 

DVD erscheinen bei Pidax.
Der Film liegt in der ungekürzten Fassung vor. Eine in Deutschland einst geschnittene Szene ist jetzt eingefügt, im Original mit Untertiteln.

 

http://www.pidax-film.de/

 

 

Pidax Film Alexander der Lebenskünstler Philippe Noiret

 

Leben im Schatten von „Star Wars“ – die Doku „Elstree 1976“

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

Die klassische Stormtrooper-Montur. Fotos: Busch Media

 

Die Welt ist eben ungerecht. „Mein Gesicht war immerhin im Film zu sehen“, wundert sich Schauspieler Angus MacInnes, „aber er hingegen hatte doch einen Eimer über dem Kopf.“ Warum also ist Jeremy Bulloch, der in „Star Wars“ den maskierten Kopfgeldjäger Boba Fett spielte und nie sein Gesicht zeigte, bei den lukrativen Fan-Conventions beliebter als MacInnes, der immerhin einen todesmutigen Piloten auf der Seite der Guten spielte?
MacInnes versteht es nicht, hat es aber wohl akzeptiert. Das ist das Thema der Doku „Elstree 1976“ (benannt nach dem Studio nahe London, wo der Film enstand): Wie gehen die Kleinstdarsteller und Statisten damit um, zwar Teil des Phänomens „Star Wars“ zu sein, aber dennoch nur, wenn überhaupt, ein kleines Licht am Kinofirmament?

 Kein nostalgieseliger Fan-Film

Wer bei „Elstree 1976“ auf Anekdoten hofft, wie es damals so war mit Harrison Ford oder Alec Guinness, der wird  enttäuscht sein: Dies ist kein nostalgieseliger „Star Wars“-Fan-Film. Zwar gibt es Erinnerungen etwa an die bizarre Schauspielerführung seitens Regisseur George Lucas, der zu einem Darsteller sagt, er solle einen Außerirdischen einfach so spielen, wie die im Kino halt so gespielt werden. Vielmehr geht es Regisseur Jon Spira um wendungsreiche Biografien, um enttäuschte Lebensträume, mal um spätes Glück, mal um konstantes Pech. Entsprechend bittersüß und melancholisch ist dieser Film, der bei uns jetzt auf DVD erscheint.

 

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

Von Lucasfilm und Disney verstoßen

Da ist etwa Darsteller Paul Blake, der einst in giftgrüner Gummimaske einen Außerirdischen namens Greedo spielte, den Harrison Ford umgehend erschoss. „Macbeth“ habe er am Theater gespielt, aber auf seinem Grabstein werde wohl „Hier liegt Greedo“ stehen, vermutet Blake und sagt, das wäre ja auch wundervoll; nur glaubt man ihm das nicht so ganz. Darsteller/Musiker Laurie Goode nimmt für sich in Anspruch, jener „Star Wars“-Soldat gewesen zu sein, der in einer Szene versehentlich mit dem Kopf gegen eine Schleuse läuft. Er erzählt von jahrelanger Valium-Abhängigkeit und davon, dass er ein großes, ein ganz großes Buch/Drehbuch in der Schublade hat. Er kann einem leid tun. (Autogramme kann man bei ihm übrigens für 15 Pfund bestellen). Der bekannteste Darsteller in der Doku ist David Prowse, der dem bösen Darth Vader zumindest die Statur lieh, aber nicht die Stimme – er wurde synchronisiert. Prowse hat sich öffentlich über mangelnde Gewinnbeteiligung beklagt – heute ist er beim „Star Wars“-Rechte­inhaber Disney persona non grata.

„Das sind doch nur Kleiderständer“

Bei den Fan-Conventions kommen sie alle zusammen, geben gegen Honorar Autogramme, manche verdienen hier gutes Geld: Sie habe nun zum ersten Mal ein eigenes Haus, sagt eine Kleindarstellerin, die kurz in einer „Star Wars“-Kantinenszene auftrat; ein anderer Statist erträgt die Conventions nicht lange. Zu absurd sei  es, angehimmelt zu werden für die Arbeit eines einzigen Drehtages vor 41 Jahren. Auch gebe es hier eine schmerzhafte Hierarchie zwischen den Darstellern mit einem Satz Dialog und denen ganz ohne. So sagt selbst Prowse, der Vermummte und Nachsynchronisierte, über die dialoglosen Kollegen: „Das sind doch nur Kleiderständer“, als wäre es eine andere Kaste.

Entwaffnend pragmatisch sieht es Jeremy Bulloch alias Boba Fett, der ohne Helm ein wenig aussieht wie Loriot. Der 72-Jährige nimmt immer mindestens 25 Buntstifte für das Signieren von Fotos mit und nennt das Ganze einen „einvernehmlichen Austausch von Gefälligkeiten“. Es scheint, dass ihn die Zuneigung bei den Conventions stählt für den Alltag eines alternden Schauspielers. Er tritt ansonsten in Werbespots auf.

„Elstree 1976“ ist auf DVD/Blu-ray bei Busch Media Group erschienen.
Bonus: längere Interview-Passagen und ein Rundgang durch eine Elstree-Halle- Leider wurde der Audiokommentar des Regisseurs von der britischen DVD nicht übernommen.

 

Star Wars Elstree 1976 Krieg der Sterne Stormtrooper

 

https://www.facebook.com/elstree1976/

Bittersüß (und frisch restauriert): „Garçon!“ mit Yves Montand

Yves Montand Claude Sautet Garcon!

Yves Montand und Nicole Garcia in „Garcon!“. Foto: Concorde Home Entertainment

„Eifersüchtig? Aus dem Alter bist Du doch raus!“ Kein Satz, den man gerne hört. Besonders nicht von der eigenen Freundin, die vom Alter her auch die Tochter sein könnte – und eben diesen Satz nun im klassischen Trennungsgespräch fallen lässt. Es ging Alex (gespielt von Yves Montand) also schon mal besser: Das Haar ist graumeliert, die Lebensmitte überschritten, die Ex-Frau hat längst den Scheidungsanwalt geheiratet. Der einstige gemeinsame Traum – eine große Hotel-Anlage – hat nur Schulden hinterlassen, die Alex abarbeitet: als Oberkellner in einer Pariser Brasserie. War es das also? Oder wagt er nochmal den großen Ausbruch, möglicherweise auch eine neue Liebe?

„Garçon!“ war der dritte und letzte gemeinsame Film von Yves Montand (1921-1991) und Regisseur/Autor Claude Sautet (1924-2000). Sautet war der große Midlife-Krisen-Erforscher des französischen Kinos: mit Filmen, die unauffällig und un-melodramatisch wirken. Mit Bittersüße und famosen Darstellern wie Michel Piccoli oder Romy Schneider, Isabelle Huppert oder Patrick Dewaere erzählte er von Irrungen in Wirrungen in der gehobenen Mittelschicht – Filmtitel wie „Die Dinge des Lebens“ oder „Eine einfache Geschichte“ sind dabei schon programmatisch.

Montand, der der bei den Dreharbeiten 62 war, ist das Zentrum von „Garcon!“:  Wir folgen ihm quer durch Paris, beim Diskutieren über das Leben mit Freunden am Küchentisch, beim zarten Anbandeln mit einer Frau – und immer wieder bei der Arbeit. Sautet lässt die schwarz-weißgekleideten Kellner durch die Brasserie wuseln wie eine Pinguine, sie ziehen ihre Kreise an den Tischen vorbei in Richtung Küche mit despotischen Koch, es wirkt wie ein gerade noch gebändigtes Chaos. Beruflich ist Alex hier meist Herr der Lage – privat weniger. Das spielt Montand anrührend, aber nicht rührselig, tragikomisch, aber nicht tränenschwer, als alten Charmeur, dem das „alt“ ziemlich zusetzt. Sautet lässt den Film lässig und fast beiläufig enden. Er braucht keine Sentimentalität, seine Filme haben auch so genug Gefühl.

„Garçon!“ ist, frisch restauriert, auf DVD und erstmals auf Blu-ray  erschienen (Concorde Home Entertainment).

 

 

Yves Montand Claude Sautet Garcon!

Ein Vater sieht rot: „Der Eid“ von Baltasar Kormákur auf DVD

Der Eid Baltasar Kormákur Alamode Film Island

Baltasar Kormákur als Vater Finnur. Fotos: Alamode Film

Es ist der klassische Albtraum von Vätern einer Tochter: Deren Freund entpuppt sich als  Schmierlappen, als Windhund, als Tunichtgut. Das jedenfalls denkt der Herzchirurg Finnur, dessen Tochter im Erwachsenenleben nicht vom Fleck kommt, sondern in Reykjavik bei Partys versackt und sich rettunglos in Ottar verliebt, der mit Drogen handelt. Der alarmierte Vater versucht, der Tochter den Freund auszureden, und bietet dem sogar Geld an, sollte er die Tochter verlassen. Beides ohne Erfolg. Nun greift Finnur zu anderen Mitteln und löst damit eine Kettenreaktion aus.

Der isländische Regisseur Baltasar Kormákur (51) ist  nach seinem Hollywood-Ausflug „2 Guns“ und dem aufwändigen Bergsteigerfilm „Everest“ in seine Heimat zurückgekehrt und hat dort diesen kleinen, fast kammerspielartigen Film inszeniert, mit sich selbst in der Hauptrolle. „Der Eid“ ist ebenso Bestandsaufnahme einer Familie wie das  Psychogramm eines Mannes, dem ungewohnt die Kontrolle entgleitet. Dabei lockt der Film erst auf falsche Fährten, lässt mitfiebern, wenn der Vater die Tochter schützen will; doch als der immer mehr Grenzen  überschreitet und  den titelgebenden hyppokratischen Eid weit hinter sich lässt, zerfließen die Grenzen zwischen Täter und Opfer.

Kormákur erzählt zurückhaltend und in wohlkomponierten Bildern: Des Chirurgen Villa ist ein modernistischer Beton- und Glas-Palast, in dem die Menschen manchmal wirken wie Dekoration. Und die verschneite isländische Landschaft, die der Chirurg stoisch durchradelt, wirkt kühl und erbarmungslos – ähnlich wie am Ende dieser Vater.

Auf DVD und Blu-ray bei Alamode Film erschienen.

PS Der Vermarktungskniff „Regionalkrimi“ treibt manchmal merkwürdige Blüten.  Der deutsche Untertitel von „Der Eid“ nennt sich „Ein Island Thriller“, was genau das auch immer bedeuten mag. Ist ein Krimi aus Frankreich also „Ein Frankreich Krimi“? Oder ein „Tatort“ ein „Deutschland Krimi“?

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

Adam Nimoy Leonard Nimoy William Shatner

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

Schlecht, und doch gut: „Marseille“ mit Gérard Depardieu

 

Gerrad Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Gérard Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Koskas/Netflix/Polyband

Marseille scheint ein Dorf zu sein – zumindest in dieser französischen Serie. Nun sind ja nicht wenige Film- und Seriendrehbücher dramaturgisch förmlich am Reißbrett konstruiert. Aber man sollte es ihnen nicht anmerken. Aber in „Marseille“ kommt es filmisch dann mitunter knüppeldick. In einer Szene werden beispielhaft alle losen Drehbuchfäden miteineinander verknüpft, dass die Episode filmisch fast stolpert. Also:  Da kauft ein Mann in einer Kneipe eine ordentliche Portion Koks – so weit nichts gänzlich Ungewöhnliches. Der Käufer aber ist der Chauffeur/Berater des Marseiller Bürgermeisters (Gérard Depardieu), der gerade unter anderem mit der Mafia im Clinch liegt, da er ein Casino mit legalem Glücksspiel am Hafen plant. Der Verkäufer des Kokains ist im Nebenberuf allerdings auch Handlanger eben jener  Mafiosi, die wiederum mit des Bürgermeisters politischem Ziehsohns (Benoit Magimel) unter einer Decke stecken, der gerade den politischen Tod des Mentors plant. Der Handlanger des Dealers, der bei dem Drogenkauf dabei ist, ist  wiederum ein alter Kindheitsfreund der Bürgermeistertochter (und in sie, auch das noch,  unglücklich verliebt). Deren beste Freundin wiederum arbeitet im Wahlkampfbüro des Bürgermeister-Gegenspielers, der unter anderem den homosexuellen Chef der örtlichen Zeitung umgarnt, wo wiederum die Bürgermeistertochter arbeitet, aber unter falschem Namen, damit ihre Identität nicht bekannt wird.

Mies geschrieben, dennoch sehenswert

Also viel „wiederum“, „zugleich“, viele dramaturgisch bequeme Zufälle: „Marseille“, die erste französische Eigenproduktion des Streaming-Anbieters Netflix,  ist zweifelsohne eine mies geschriebene Serie. Zumal sie zwei ziemlich dümmlich-naiv-erotisierte Frauenrollen aufbietet und noch ein paar familiäre Verwicklungen bereit hält, die hier nicht verraten werden sollen und die sich ein Drehbuchautor erstmal trauen muss.

 

Gerrad Dépardieu, Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Der politische Ziehsohn und große Gegenspieler (Benoit Magimel).

Nur – warum ist es trotzdem ein ziemlich großer Spaß, sich die Serie anzusehen (auch wenn man sich für den Spaß etwas schämt?) Von dem französischen und ungleich raffinierteren Serien-Konkurrenten „Baron Noir“ (kürzlich hier vorgestellt) oder „House of Cards“ ist „Marseille“ meilenweit entfernt; die Reihe liegt viel näher an „Dallas“, der klassischen  Seifenoper der 80er Jahre, einem wohlig überschaubaren, aber auch etwas miefigen  Intrigantenstadl. Der große Reiz von „Marseille“ ist, nicht ganz überraschend, sein Hauptdarsteller: Gérard Depardieu, der gallische Wuchtbrummer, räumt mit seiner Präsenz alle Drehbuchhindernisse aus dem Weg, Klischees walzt er wie eine schnaufende Lokomotive platt und erschafft auf deren Trümmern, eine plastische, tragisch anmutende Figur. Ein Engel im Polit-Betrieb ist er nicht (wie könnte er das sein, nach 20 Jahren  als Bürgermeister?), aber an alten Überzeugungen hält er ebenso fest wie an der Zuneigung zum Arbeitsplatz („Verdammt, wie ich diese Stadt liebe“). Dennoch ist er nicht ganz unschuldig daran, dass sein politischer Ziehsohn ihn abservieren will – hatte der Bürgermeister doch geplant, auch aus der Rente heraus über ihn, seinen geplanten Nachfolger, mit- und weiter zu regieren. Den Gegenspieler, sozusagen den „J.R.“ („Dallas“-Kucker erinnern sich) spielt Benoit Magimel und zeigt sich Depardieu aufAugenhöhe. Magimel ist von seinen Zusammenarbeiten mit Michael Haneke („Die Klavierspielerin“) oder Claude Chabrol („Die Blume des Bösen“) bessere Drehbücher gewohnt, aber er wirft sich mit Schwung in die Rolle eines Mannes, der sich  höchst konsequent der Machtmechanik widmet, Sex ingebriffen (bevorzugt auf betont unromantische Weise). Und doch treibt auch ihn die Zuneigung zur Stadt an, die der amtierende Bürgermeister in seinen Augen „nicht mehr versteht, er ist zu alt“. Dass er seinen großen Mentor politisch absägen will, ist für ihn nur logisch: „Es ist Vatermord – das ist ganz normal“.

Erschienen bei Polyband, 326 Minuten.
Die zweite Staffel ist in Vorbereitung.

http://www.polyband.de

 

Marseille mit Gérard Depardieu Benoit Magimel

Guter Import: „Robbery“ mit Stanley Baker auf DVD

Robbery Stanley Baker DVD

 

Mit Stanley Baker will man sich nicht anlegen. Er war der „tough guy“ des britischen Kinos, hätte in einem Wettbewerb des grimmigen Schauens ebenso Sean Connery wie Oliver Reed von der Leinwand gestarrt. Gegen Ende seines kurzen Lebens (Baker starb mit 48 an Krebs) drehte er recht wahllos Filme, da er sich als Produzent und Geschäftsmann finanziell verhoben hatte. Dennoch findet man in seiner Filmografie viele Perlen – am bekanntesten wohl das Spektakel „Zulu“, das er auch produzierte und das Michael Caine zum Star machte.  Künstlerisch herausragend ist eine seiner mehreren Zusammenarbeiten mit Regisseur Joseph Losey: „Accident“, ein Beziehungsdrama aus Oxfords akademischer Oberschicht, in dem Baker mit und gegen Dirk Bogarde spielte – ein grandioser, ziemlich harter und schmerzlicher Film (und leider nicht als deutsche DVD zu haben).

Akademiker waren sonst nicht Bakers Rollen-Domäne, es dominierten Gangster, harte Helden, Militärs. Sehenswert und in England als sehr liebevolle DVD-Edition erschienen, ist „Robbery“ von 1967. Er erzählt vom Überfall auf einen Postzug, der in Deutschland als Mehrteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verfilmt wurde. „Robbery“ erzählt mätzchenfrei von Planung, Rekrutierung des Teams, Durchführung und den Folgen des Überfalls, zeigt viel vom London der 60er Jahre und beginnt mit einer ebenso rasanten wie dramaturgisch eigentlich unnötigen Autojagd quer durch London – diese Arbeitsprobe aber brachte dem Regisseur Peter Yates ein Angebot von Steve McQueen ein, für ihn „Bullitt“ zu inszenieren – inklusive einer legendären Autojagd.

Und Horst Tappert auf Englisch

Nach der Raserei quer durch London geht es der Film ruhiger an, gewinnt aber viel Spannung durch die Planungen – hier sind Profis am Werk, die mit Umsicht und Präzision ihr Team zusammenstellen. Dieses schmückt sich mit Charakterköpfen des englischen Kinos: Barry Foster, Frank Finlay, William Marlowe, George Sewell  und James Booth als Polizist. Der ganz große Wurf ist der Film dennoch nicht, denn ein wenig mehr hätte man gerne von diesen Figuren erfahren, der Film lässt ihre Vorgeschichte im Dunkeln. Dennoch bleibt es spannend und auch atmosphärisch – der Film hat fast ganz auf das Drehen in Studiobauten verzichtet.

Als Bonus-Material bietet „Robbery“ neben einem guten Booklet , einem alten Interview mit Baker und neueren mit  dem Produzenten, dem Drehbuchautor etc. die englisch synchronisierte Kinofassung von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, die 1967 in die US-Kinos kam: So kann man auch mal Horst Tappert englisch reden hören.

 

http://networkonair.com/103-the-british-film

http://networkonair.com/

 

 

Robbery Stanley Baker DVD

 

 

Nostalgie als Programm: Zu Besuch beim DVD-Verlag „Pidax“ in Riegelsberg

Pidax Nostalgie DVD

Edgar Maurer im Riegelsberger Pidax-Lager. Hier stapeln sich um die 100 000 DVDs und CDs. Fotos: Keßler

 

„Geplant war das ja alles nicht“, sagt Edgar Maurer. Er sitzt in einem Büroraum seiner Firma Pidax in Riegelsberg, über einem Ledersofa hängen Dutzende bunte DVD-Cover – von der Wand grüßen Peter Alexander und Georg Thomalla, Rudi Carrell und Günter Strack, Pierre Brice und Audrey Hepburn. Nostalgie ist Programm bei der Firma, die vor fast zehn Jahren entstand – aus einer Liebhaberei heraus: Maurer, Jahrgang 1966 und Fan des Fernsehens seiner Kindheit („ich habe viel zu viel Fernsehen geschaut“), wollte eine ganz frühe TV-Erinnerung auffrischen: die Serie „Die Grashüpferinsel“. Auf Video oder DVD gab es sie nicht, eine verschollene Perle. Maurer wollte das ändern, spürte detektivisch die Rechteinhaber auf, kaufte die deutschen Rechte an der Serie,  und ein Bruder im Nostalgie-Geiste im Hessischen restaurierte das Bildmaterial – fertig war die erste Veröffentlichung der neuen Firma Pidax. Geplant war die bestenfalls als Feierabendprojekt mit Hobby-Anmutung, doch dann ist  Maurer irgendwann, als sich der Erfolg abzeichnete, „aggressiv rangegangen. Fünf, sechs Jahre haben wir gearbeitet, ohne etwas zu verdienen – Gewinne haben wir sofort wieder reinvestiert“.

 

Pidax Nostalgie DVD

Die DVD-Hüllen in einem der Büroräume.

Jetzt, knapp zehn Jahre später, geht Pidax als DVD- und auch Hörspielverlag (laut Maurer eine Million DVDs und 100 000 verkaufte CDs) auf die 1000. Veröffentlichung zu. Um die 20 000 Exemplare verkauft die Firma im Monat, der Umsatz in diesem Jahr wird bei zwei Millionen Euro liegen. Und vor ein paar Monaten hat Maurer, von Haus aus Kaufmann, seine Anstellung bei den Stadtwerken in Saarbrücken gekündigt; weniger zu tun sei bei Pidax  nicht, sagt er, „aber es ist eine Arbeit ohne Stechuhrmentalität“.

Pidax ist nicht die einzige nostalgisch ausgerichtete DVD-Firma – da ist auch Studio Hamburg, das ARD- und ZDF-Oldies vermarktet, Winkler Film und nicht zuletzt die Firma Filmjuwelen/Fernsehjuwelen.

Die Firma ist denkbar dezentralisiert: Maurer kümmert sich in Riegelsberg um Planung, Abrechnung und das Verschicken der DVDs aus dem heimischen Lager mit 100 000 Exemplaren an Vertriebspartner und an Filmfreunde, die direkt bei ihm bestellen. Sein hessischer Kollege restauriert das Filmmaterial, wobei das Anlegen der Tonspuren an Bildmaterial mit das Schwierigste ist; gepresst werden die DVDs in Baden-Württemberg, der Vertrieb (neben dem Eigenvertrieb in Riegelsberg) sitzt in Köln und Hamburg. Ein Dutzend Menschen zählt das Pidax-Team mittlerweile, darunter einige in Mini-Jobs; hinzu kommen ein paar Ehrenamtler, die aus cineastischer Freude die Booklets schreiben.

 

Manche Veröffentlichungen haben eine jahrelange Vorlaufzeit, erzählt Maurer, „bei anderen ist nach 14 Tagen alles geklärt“ – und manche Projekte stolpern vor der Ziellinie: gerade etwa der kanadische TV-Klassiker „Die Strandpiraten“, der im ZDF unzählige Sonntagnachmittage vergoldet hat: Das DVD-Cover hatte man bei Pidax schon gestaltet, aber Verhandlungen um Rechte, „die von Anfang an schwierig waren“, platzten letztlich, „wir waren sehr enttäuscht“. Andere Wunschpläne lässt Maurer lieber gleich in der Schublade: „Rudis Tagesschau“ hätte er gerne herausgebracht, aber da Rudi Carrell in der Reihe jede Menge Nachrichten-Ausschnitte einsetzte, „wären die einzelnen Bildrechte gar nicht zu klären“.

Die Lizenzen

Im Zentrum des Geschäfts stehen die Lizenzen für die Filme, Serien, Theateraufzeichnungen und Hörspiele, die meist fünf bis sieben Jahre lang laufen. Um die Lizenzen musste er früher kämpfen, mittlerweile kommen die Lizenzgeber zu ihm, aus England, Frankreich, Japan und auch aus den USA. Amerikanische Lizenzen galten für kleinere Firmen lange als unbezahlbar, laut Maurer „hat sich das verändert. Die Amerikaner haben lange auf ihrem Material gesessen, sind jetzt aber vernünftiger geworden und runter von ihrem hohen Ross. Bis auf Disney.“ Mittlerweile bieten Großstudios auch Firmen wie Pidax Lizenzen an – kürzlich Paramount mit HD-Material für Blu-rays. „Ich habe mir die Liste angeschaut, und die angebotenen Western ‚High Noon’ und ‚Rio Grande’ waren schon weg – das war bitter.“ Die bisher teuerste Lizenz hat Maurer aber nicht in den USA gekauft, sondern in Japan: für die Serie „SRI und die unheimlichen Fälle“. Je nach Lizenzkosten ist ein Titel schon bei 300 verkauften Exemplaren in der Gewinnzone, bei anderen erst nach 3000.

Auch Dokus hat Pidax mittlerweile im Programm, darunter die Reihe „Legenden“ über Filmstars von einst – einzuschätzen ist der Erfolg dabei nicht. „Audrey Hepburn läuft gut, Liz Taylor schlecht“, sagt Maurer, „Pierre Brice geht durch die Decke, Gert Fröbe nicht“. Zu den Pidax-Hits gehören etwa „Agentenpoker“ mit Walther Matthau, die Serie „Am Fuß der blauen Berge“, das Alkoholdrama „Rückfälle“ mit Günter Lamprecht und auch einer der wenigen neueren Filme: der ARD-Mittwochabendfilm „Komasaufen“. Ein Dauerbrenner ist auch „Schokolade für den Chef“ mit Götz George. Der größte Erfolg bisher ist der Seriendauerbrenner „Die Abenteuer der Familie Robinson“ mit einer Auflage in fünfstelligen Bereich.

„Wir spielen immer Bank“

Das Pidax-Programm funktioniert als klassische Mischkalkulation: Erfolgreiche Filme fangen weniger erfolgreiche auf – das rechnet sich im Ganzen, „denn wir haben mehr Ausreißer nach oben als nach unten“. Wobei sich das vorher naturgemäß schlecht einschätzen lässt. So ist Maurer überrascht, dass eine Reihe von Kinderfilmen aus den 90er Jahren – „Jan vom Goldenen Stern“ etwa weniger Interesse fanden als gedacht. Aber je mehr Filme die Firma veröffentlicht, sagt Maurer, desto breiter verteilt sich das Risiko. Dennoch gilt: „Wir spielen immer Bank. Wir müssen alles vorfinanzieren.“

Zum Beispiel die Synchronisierung von Serien oder Filmen, die keine deutsche Sprachfassung mehr besitzen oder noch nie eine hatten: etwa eine „Sherlock Holmes“-Serie (1965-68)  mit Peter Cushing, deren alter deutscher Ton verschollen ist, außerdem eine bisher nicht synchronisierte Holmes-Reihe mit Christopher Lee, die Anfang der 90er Jahre entstand, zum Teil in Luxemburg, und auch bisher bei uns nicht gezeigte englische Agatha-Christie-Geschichten aus den 90er Jahren (Maurer: „Christie zieht immer“). Den Effekt, dass ein alter Film und eine sterile Synchro von heute nicht zusammenpassen, kennt Maurer – das Studio, das er beauftragt, arbeitet teilweise mit alten Bandmaschinen, um die Tonspur mit klanglicher Patina zu überziehen, auch der Wortschatz wird der Entstehungszeit angeglichen.

Eine Synchronisierung kostet Geld, das man nicht mit 1000 verkauften Exemplaren wieder herein holt  – der Standard-Startauflage, mit der Pidax erst einmal das Interesse des Publikums erkundet. Bei Erfolg wird nachgepresst, aber Ladenhüter gibt es auch. „Manche Filme bleiben bei einem Verkauf von 300 Stück einfach stehen, da geht dann gar nichts mehr.“ Die Restbestände landen dann für zwei oder drei Euro in Billigmärkten, denn Lagerplatz ist teuer.

Wie reagiert die Firma auf den bröckelnden DVD-Markt und das sozusagen körperlose Streamen im Internet? „Im Ausland ist der Markt für DVDs schwächer geworden“, sagt Maurer, „in England und Italien sogar zusammengebrochen – aber deutsche Kunden wollen sich einen Film ins Regal stellen können, das ist der Vorteil für uns.“ Wobei das Pidax-Publikum ohnehin durch das nostalgische Programm etwas älter und nicht ganz so streaming-affin ist. „Es liegt im Bereich 40 plus, bei den Animationsfilmen vielleicht 30 plus“, schätzt Maurer.

„Pidax Channel“ geplant

Dennoch setzt die Firma auch auf das Abspielen im Internet: Hörspiele werden gestreamt, etwa bei audible, „bei Filmen ist das noch nicht so verbreitet“. Aber noch in diesem Jahr soll bei Amazon ein eigener „Pidax Channel“ installiert werden, den man abonnieren kann, mit 100 bis 200 verfügbaren Filmen. Die muss die Firma aber erstmal hochladen, einige technische Hürden nehmen und das ganze finanzieren – mit, wie Maurer sagt, Hunderten Euro pro Film. Das muss man erstmal vorlegen, aber „dann ist ein Film wie eine Kuh, die Milch gibt“. Ein guter Ausgleich, wenn die DVD schwächer werden sollte.

Blu-rays, den hochauflösenden Nachfolger der DVD, findet man bei Pidax selten. „Bei diesen älteren Filmen gibt es nur selten HD-Material, und nur dann machen wir eine Blu-ray – alles andere, etwa das Hochskalieren von Nicht-HD-Material, ist Betrug am Kunden.“ Üblicherweise bringt Pidax auch nur dann eine Bluray  heraus, wenn sich die DVD schon über 1000 Mal verkauft hat, also ein Mindestinteresse am Film besteht. Eine Ausnahme ist demnächst „Am Anfang war das Feuer“, den es bisher in Deutschland noch nicht auf Blu-ray gab.

Zwischen 60 und 70 Prozent des Pidax-Handels  läuft über Amazon, über die Hauptseite und über Amazon-Marketplace. Von Riegelsberg aus verschickt Pidax portofrei, europaweit. „Das lohnt sich trotzdem für uns, denn Amazon nimmt direkt schon mal 40 Prozent vom Verkaufspreis.“

Durchgeplant ist das Programm bis Juni 2018, mit besonderem Blick aufs Weihnachtsgeschäft, das laut Maurer mindestens ein Drittel des Jahresumsatzes ausmacht. Dass einmal die interessanten Filme ausgehen, fürchtet Maurer nicht – es geht immer weiter. „Wir sind wie  Fischer, werfen die Netze aus und fangen immer etwas.“

 

http://www.pidax-film.de

 

Info:

Ein Blick aufs Programm der nächsten 10 Monate:

  • Hanni und Nanni (Zeichentrickserie)
  • Das kalte Herz (6-Teiler von 1978)
  • Der letzte Mohikaner (BBC 8-Teiler von 1971)
  • Sherlock Holmes (Serie mit Peter Cushing)
  • Am Fuß der blauen Berge, Vol. 7
  • Kim & Co. (26-teiligee Serie)
  • Sklaven (The Fight Against Slavery)= BBC 6-Teiler von 1975
  • Locker vom Hocker (Serie mit Walter Giller)
  • Im Auftrag von Madame (39-teilige Krimiserie)
  • Blinky Bill (Zeichentrickserie)
  • Mensch Bachmann (Serie)
  • Zwei alte Hasen (Serie)

 

 

 

 

Pidax DVD Nostalgie

„Baron Noir“ mit Kad Merad – vom Tricksen im Polit-Dschungel

Baron Noir Kad Merad

 

 

„Wir sind alle keine Chorknaben. Aber das Gefängnis haben wir nicht verdient“, sagt einer der Polit-Strippenzieher in „Baron Noir“. Uneingeschränkt zustimmen mag man der zweiten Satzhälfte nicht – angesichts dieses Tableaus an Machenschaften, Tricksereien und Betrug, die diese französische TV-Serie, die bei uns jetzt auf DVD erscheint, höchst kunstvoll ausbreitet. Es herrscht Wahlkampf, der sozialistische Präsidentschaftskandidat Laugier (Niels Arestrup) steht kurz vor seinem großen Ziel – unterstützt wird er von seinem Berater und langjährigen Freund Rickwaert (Kad Merad), dem Bürgermeister von Dünkirchen. Der Weg in den Élyseé Palast scheint gut geebnet zu sein, bis Finanztricksereien der Sozialisten aufzufliegen drohen. Rickwaert rettet, was zu retten ist, doch Laugier lässt ihn fallen – und wird Präsident. Der Geschasste und tief Getroffene beginnt einen Rachefeldzug, der ihn vom Dünkirchener Flachland nach Paris bringen soll.

 

Baron Noir Kad Merad

Da sind sie noch Freunde, im weitesten Sinn:  Kad Merad (l.) als Philippe Rickwaert, Niels Arestrup als Francis Laugier, der auf dem Weg in den Élysée Palast ist. Foto: Studiocanal

 

Ist dies eine gallische Version der US-Serie „House of Cards“? Zwar verbindet der Schauplatz des politischen Dschungels die Reihen, „Baron Noir“ stellt aber eine besonders vielschichtige Figur ins Zentrum. Rickwaert ist  nicht zynisch und diabolisch wie der TV-Kollege Frank Underwood aus „House of Cards“; er ist ein Getriebener, er ist Täter wie Opfer, ein Pragmatiker, Opportunist und dabei auch eine tragische Figur, weder wirklich sympathisch noch verabscheuungswürdig. Ein Glücksgriff ist die Besetzung mit Kad Merad, bei uns vor allem als Postbeamter mit Nordfrankreich-Kulturschock in „Willkommen bei den Sch’tis“ bekannt – wie er seinen vertrauenerweckend onkeligen Charme einsetzt, um Menschen auf seine Seite zu ziehen, wie er steigenden Druck ausübt, sobald der Charme nicht ganz verfängt, ist famos anzusehen.

Autor der Serie ist der ehemalige Polit-Berater Eric Benzekri, der die Mechanismen von Wahl- und Machtkampf hier en detail herunterbricht: Mit einer TV-Debatte in einem gelackten Studio in Paris beginnt es, doch nach dem Bruch der Parteifreunde wird der Wahlkampf in Dünkirchen kleinteilig: Rickwaert lässt Konkurrenzplakate überkleben und   Tausende Flugblätter der Gegenseite aus den Briefkästen angeln, während er selbst Strippen zieht, Allianzen schmiedet und sich mit Notlügen durchwurschtelt – oder ein Wahllokal von seinen Getreuen bepöbeln lässt, um das den Rechten in die Stiefel zu schieben. Das alles geschieht mit viel Tempo, Wendungen,  geschliffenen Dialogen und plastischen, vielschichtigen Figuren – ein Vergnügen und zugleich ein großes menschliches Drama.

Die erste Staffel ist bei Studiocanal erschienen (acht Episoden à 50 Minuten auf 3 DVDs). Die  zweite Staffel wird zurzeit produziert.

 

 

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