KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 6)

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the love of Spock

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

 

Schlecht, und doch gut: „Marseille“ mit Gérard Depardieu

 

Gerrad Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Gérard Dépardieu als Bürgermeister von Marseille. Fotos: Koskas/Netflix/Polyband

Marseille scheint ein Dorf zu sein – zumindest in dieser französischen Serie. Nun sind ja nicht wenige Film- und Seriendrehbücher dramaturgisch förmlich am Reißbrett konstruiert. Aber man sollte es ihnen nicht anmerken. Aber in „Marseille“ kommt es filmisch dann mitunter knüppeldick. In einer Szene werden beispielhaft alle losen Drehbuchfäden miteineinander verknüpft, dass die Episode filmisch fast stolpert. Also:  Da kauft ein Mann in einer Kneipe eine ordentliche Portion Koks – so weit nichts gänzlich Ungewöhnliches. Der Käufer aber ist der Chauffeur/Berater des Marseiller Bürgermeisters (Gérard Depardieu), der gerade unter anderem mit der Mafia im Clinch liegt, da er ein Casino mit legalem Glücksspiel am Hafen plant. Der Verkäufer des Kokains ist im Nebenberuf allerdings auch Handlanger eben jener  Mafiosi, die wiederum mit des Bürgermeisters politischem Ziehsohns (Benoit Magimel) unter einer Decke stecken, der gerade den politischen Tod des Mentors plant. Der Handlanger des Dealers, der bei dem Drogenkauf dabei ist, ist  wiederum ein alter Kindheitsfreund der Bürgermeistertochter (und in sie, auch das noch,  unglücklich verliebt). Deren beste Freundin wiederum arbeitet im Wahlkampfbüro des Bürgermeister-Gegenspielers, der unter anderem den homosexuellen Chef der örtlichen Zeitung umgarnt, wo wiederum die Bürgermeistertochter arbeitet, aber unter falschem Namen, damit ihre Identität nicht bekannt wird.

Mies geschrieben, dennoch sehenswert

Also viel „wiederum“, „zugleich“, viele dramaturgisch bequeme Zufälle: „Marseille“, die erste französische Eigenproduktion des Streaming-Anbieters Netflix,  ist zweifelsohne eine mies geschriebene Serie. Zumal sie zwei ziemlich dümmlich-naiv-erotisierte Frauenrollen aufbietet und noch ein paar familiäre Verwicklungen bereit hält, die hier nicht verraten werden sollen und die sich ein Drehbuchautor erstmal trauen muss.

 

Gerrad Dépardieu, Marseille. Fotos: Polyband Marseille mit Gérard Depardieu

Der politische Ziehsohn und große Gegenspieler (Benoit Magimel).

Nur – warum ist es trotzdem ein ziemlich großer Spaß, sich die Serie anzusehen (auch wenn man sich für den Spaß etwas schämt?) Von dem französischen und ungleich raffinierteren Serien-Konkurrenten „Baron Noir“ (kürzlich hier vorgestellt) oder „House of Cards“ ist „Marseille“ meilenweit entfernt; die Reihe liegt viel näher an „Dallas“, der klassischen  Seifenoper der 80er Jahre, einem wohlig überschaubaren, aber auch etwas miefigen  Intrigantenstadl. Der große Reiz von „Marseille“ ist, nicht ganz überraschend, sein Hauptdarsteller: Gérard Depardieu, der gallische Wuchtbrummer, räumt mit seiner Präsenz alle Drehbuchhindernisse aus dem Weg, Klischees walzt er wie eine schnaufende Lokomotive platt und erschafft auf deren Trümmern, eine plastische, tragisch anmutende Figur. Ein Engel im Polit-Betrieb ist er nicht (wie könnte er das sein, nach 20 Jahren  als Bürgermeister?), aber an alten Überzeugungen hält er ebenso fest wie an der Zuneigung zum Arbeitsplatz („Verdammt, wie ich diese Stadt liebe“). Dennoch ist er nicht ganz unschuldig daran, dass sein politischer Ziehsohn ihn abservieren will – hatte der Bürgermeister doch geplant, auch aus der Rente heraus über ihn, seinen geplanten Nachfolger, mit- und weiter zu regieren. Den Gegenspieler, sozusagen den „J.R.“ („Dallas“-Kucker erinnern sich) spielt Benoit Magimel und zeigt sich Depardieu aufAugenhöhe. Magimel ist von seinen Zusammenarbeiten mit Michael Haneke („Die Klavierspielerin“) oder Claude Chabrol („Die Blume des Bösen“) bessere Drehbücher gewohnt, aber er wirft sich mit Schwung in die Rolle eines Mannes, der sich  höchst konsequent der Machtmechanik widmet, Sex ingebriffen (bevorzugt auf betont unromantische Weise). Und doch treibt auch ihn die Zuneigung zur Stadt an, die der amtierende Bürgermeister in seinen Augen „nicht mehr versteht, er ist zu alt“. Dass er seinen großen Mentor politisch absägen will, ist für ihn nur logisch: „Es ist Vatermord – das ist ganz normal“.

Erschienen bei Polyband, 326 Minuten.
Die zweite Staffel ist in Vorbereitung.

http://www.polyband.de

 

Marseille mit Gérard Depardieu Benoit Magimel

Guter Import: „Robbery“ mit Stanley Baker auf DVD

Robbery Stanley Baker DVD

 

Mit Stanley Baker will man sich nicht anlegen. Er war der „tough guy“ des britischen Kinos, hätte in einem Wettbewerb des grimmigen Schauens ebenso Sean Connery wie Oliver Reed von der Leinwand gestarrt. Gegen Ende seines kurzen Lebens (Baker starb mit 48 an Krebs) drehte er recht wahllos Filme, da er sich als Produzent und Geschäftsmann finanziell verhoben hatte. Dennoch findet man in seiner Filmografie viele Perlen – am bekanntesten wohl das Spektakel „Zulu“, das er auch produzierte und das Michael Caine zum Star machte.  Künstlerisch herausragend ist eine seiner mehreren Zusammenarbeiten mit Regisseur Joseph Losey: „Accident“, ein Beziehungsdrama aus Oxfords akademischer Oberschicht, in dem Baker mit und gegen Dirk Bogarde spielte – ein grandioser, ziemlich harter und schmerzlicher Film (und leider nicht als deutsche DVD zu haben).

Akademiker waren sonst nicht Bakers Rollen-Domäne, es dominierten Gangster, harte Helden, Militärs. Sehenswert und in England als sehr liebevolle DVD-Edition erschienen, ist „Robbery“ von 1967. Er erzählt vom Überfall auf einen Postzug, der in Deutschland als Mehrteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verfilmt wurde. „Robbery“ erzählt mätzchenfrei von Planung, Rekrutierung des Teams, Durchführung und den Folgen des Überfalls, zeigt viel vom London der 60er Jahre und beginnt mit einer ebenso rasanten wie dramaturgisch eigentlich unnötigen Autojagd quer durch London – diese Arbeitsprobe aber brachte dem Regisseur Peter Yates ein Angebot von Steve McQueen ein, für ihn „Bullitt“ zu inszenieren – inklusive einer legendären Autojagd.

Und Horst Tappert auf Englisch

Nach der Raserei quer durch London geht es der Film ruhiger an, gewinnt aber viel Spannung durch die Planungen – hier sind Profis am Werk, die mit Umsicht und Präzision ihr Team zusammenstellen. Dieses schmückt sich mit Charakterköpfen des englischen Kinos: Barry Foster, Frank Finlay, William Marlowe, George Sewell  und James Booth als Polizist. Der ganz große Wurf ist der Film dennoch nicht, denn ein wenig mehr hätte man gerne von diesen Figuren erfahren, der Film lässt ihre Vorgeschichte im Dunkeln. Dennoch bleibt es spannend und auch atmosphärisch – der Film hat fast ganz auf das Drehen in Studiobauten verzichtet.

Als Bonus-Material bietet „Robbery“ neben einem guten Booklet , einem alten Interview mit Baker und neueren mit  dem Produzenten, dem Drehbuchautor etc. die englisch synchronisierte Kinofassung von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, die 1967 in die US-Kinos kam: So kann man auch mal Horst Tappert englisch reden hören.

 

http://networkonair.com/103-the-british-film

http://networkonair.com/

 

 

Robbery Stanley Baker DVD

 

 

Nostalgie als Programm: Zu Besuch beim DVD-Verlag „Pidax“ in Riegelsberg

Pidax Nostalgie DVD

Edgar Maurer im Riegelsberger Pidax-Lager. Hier stapeln sich um die 100 000 DVDs und CDs. Fotos: Keßler

 

„Geplant war das ja alles nicht“, sagt Edgar Maurer. Er sitzt in einem Büroraum seiner Firma Pidax in Riegelsberg, über einem Ledersofa hängen Dutzende bunte DVD-Cover – von der Wand grüßen Peter Alexander und Georg Thomalla, Rudi Carrell und Günter Strack, Pierre Brice und Audrey Hepburn. Nostalgie ist Programm bei der Firma, die vor fast zehn Jahren entstand – aus einer Liebhaberei heraus: Maurer, Jahrgang 1966 und Fan des Fernsehens seiner Kindheit („ich habe viel zu viel Fernsehen geschaut“), wollte eine ganz frühe TV-Erinnerung auffrischen: die Serie „Die Grashüpferinsel“. Auf Video oder DVD gab es sie nicht, eine verschollene Perle. Maurer wollte das ändern, spürte detektivisch die Rechteinhaber auf, kaufte die deutschen Rechte an der Serie,  und ein Bruder im Nostalgie-Geiste im Hessischen restaurierte das Bildmaterial – fertig war die erste Veröffentlichung der neuen Firma Pidax. Geplant war die bestenfalls als Feierabendprojekt mit Hobby-Anmutung, doch dann ist  Maurer irgendwann, als sich der Erfolg abzeichnete, „aggressiv rangegangen. Fünf, sechs Jahre haben wir gearbeitet, ohne etwas zu verdienen – Gewinne haben wir sofort wieder reinvestiert“.

 

Pidax Nostalgie DVD

Die DVD-Hüllen in einem der Büroräume.

Jetzt, knapp zehn Jahre später, geht Pidax als DVD- und auch Hörspielverlag (laut Maurer eine Million DVDs und 100 000 verkaufte CDs) auf die 1000. Veröffentlichung zu. Um die 20 000 Exemplare verkauft die Firma im Monat, der Umsatz in diesem Jahr wird bei zwei Millionen Euro liegen. Und vor ein paar Monaten hat Maurer, von Haus aus Kaufmann, seine Anstellung bei den Stadtwerken in Saarbrücken gekündigt; weniger zu tun sei bei Pidax  nicht, sagt er, „aber es ist eine Arbeit ohne Stechuhrmentalität“.

Pidax ist nicht die einzige nostalgisch ausgerichtete DVD-Firma – da ist auch Studio Hamburg, das ARD- und ZDF-Oldies vermarktet, Winkler Film und nicht zuletzt die Firma Filmjuwelen/Fernsehjuwelen.

Die Firma ist denkbar dezentralisiert: Maurer kümmert sich in Riegelsberg um Planung, Abrechnung und das Verschicken der DVDs aus dem heimischen Lager mit 100 000 Exemplaren an Vertriebspartner und an Filmfreunde, die direkt bei ihm bestellen. Sein hessischer Kollege restauriert das Filmmaterial, wobei das Anlegen der Tonspuren an Bildmaterial mit das Schwierigste ist; gepresst werden die DVDs in Baden-Württemberg, der Vertrieb (neben dem Eigenvertrieb in Riegelsberg) sitzt in Köln und Hamburg. Ein Dutzend Menschen zählt das Pidax-Team mittlerweile, darunter einige in Mini-Jobs; hinzu kommen ein paar Ehrenamtler, die aus cineastischer Freude die Booklets schreiben.

 

Manche Veröffentlichungen haben eine jahrelange Vorlaufzeit, erzählt Maurer, „bei anderen ist nach 14 Tagen alles geklärt“ – und manche Projekte stolpern vor der Ziellinie: gerade etwa der kanadische TV-Klassiker „Die Strandpiraten“, der im ZDF unzählige Sonntagnachmittage vergoldet hat: Das DVD-Cover hatte man bei Pidax schon gestaltet, aber Verhandlungen um Rechte, „die von Anfang an schwierig waren“, platzten letztlich, „wir waren sehr enttäuscht“. Andere Wunschpläne lässt Maurer lieber gleich in der Schublade: „Rudis Tagesschau“ hätte er gerne herausgebracht, aber da Rudi Carrell in der Reihe jede Menge Nachrichten-Ausschnitte einsetzte, „wären die einzelnen Bildrechte gar nicht zu klären“.

Die Lizenzen

Im Zentrum des Geschäfts stehen die Lizenzen für die Filme, Serien, Theateraufzeichnungen und Hörspiele, die meist fünf bis sieben Jahre lang laufen. Um die Lizenzen musste er früher kämpfen, mittlerweile kommen die Lizenzgeber zu ihm, aus England, Frankreich, Japan und auch aus den USA. Amerikanische Lizenzen galten für kleinere Firmen lange als unbezahlbar, laut Maurer „hat sich das verändert. Die Amerikaner haben lange auf ihrem Material gesessen, sind jetzt aber vernünftiger geworden und runter von ihrem hohen Ross. Bis auf Disney.“ Mittlerweile bieten Großstudios auch Firmen wie Pidax Lizenzen an – kürzlich Paramount mit HD-Material für Blu-rays. „Ich habe mir die Liste angeschaut, und die angebotenen Western ‚High Noon’ und ‚Rio Grande’ waren schon weg – das war bitter.“ Die bisher teuerste Lizenz hat Maurer aber nicht in den USA gekauft, sondern in Japan: für die Serie „SRI und die unheimlichen Fälle“. Je nach Lizenzkosten ist ein Titel schon bei 300 verkauften Exemplaren in der Gewinnzone, bei anderen erst nach 3000.

Auch Dokus hat Pidax mittlerweile im Programm, darunter die Reihe „Legenden“ über Filmstars von einst – einzuschätzen ist der Erfolg dabei nicht. „Audrey Hepburn läuft gut, Liz Taylor schlecht“, sagt Maurer, „Pierre Brice geht durch die Decke, Gert Fröbe nicht“. Zu den Pidax-Hits gehören etwa „Agentenpoker“ mit Walther Matthau, die Serie „Am Fuß der blauen Berge“, das Alkoholdrama „Rückfälle“ mit Günter Lamprecht und auch einer der wenigen neueren Filme: der ARD-Mittwochabendfilm „Komasaufen“. Ein Dauerbrenner ist auch „Schokolade für den Chef“ mit Götz George. Der größte Erfolg bisher ist der Seriendauerbrenner „Die Abenteuer der Familie Robinson“ mit einer Auflage in fünfstelligen Bereich.

„Wir spielen immer Bank“

Das Pidax-Programm funktioniert als klassische Mischkalkulation: Erfolgreiche Filme fangen weniger erfolgreiche auf – das rechnet sich im Ganzen, „denn wir haben mehr Ausreißer nach oben als nach unten“. Wobei sich das vorher naturgemäß schlecht einschätzen lässt. So ist Maurer überrascht, dass eine Reihe von Kinderfilmen aus den 90er Jahren – „Jan vom Goldenen Stern“ etwa weniger Interesse fanden als gedacht. Aber je mehr Filme die Firma veröffentlicht, sagt Maurer, desto breiter verteilt sich das Risiko. Dennoch gilt: „Wir spielen immer Bank. Wir müssen alles vorfinanzieren.“

Zum Beispiel die Synchronisierung von Serien oder Filmen, die keine deutsche Sprachfassung mehr besitzen oder noch nie eine hatten: etwa eine „Sherlock Holmes“-Serie (1965-68)  mit Peter Cushing, deren alter deutscher Ton verschollen ist, außerdem eine bisher nicht synchronisierte Holmes-Reihe mit Christopher Lee, die Anfang der 90er Jahre entstand, zum Teil in Luxemburg, und auch bisher bei uns nicht gezeigte englische Agatha-Christie-Geschichten aus den 90er Jahren (Maurer: „Christie zieht immer“). Den Effekt, dass ein alter Film und eine sterile Synchro von heute nicht zusammenpassen, kennt Maurer – das Studio, das er beauftragt, arbeitet teilweise mit alten Bandmaschinen, um die Tonspur mit klanglicher Patina zu überziehen, auch der Wortschatz wird der Entstehungszeit angeglichen.

Eine Synchronisierung kostet Geld, das man nicht mit 1000 verkauften Exemplaren wieder herein holt  – der Standard-Startauflage, mit der Pidax erst einmal das Interesse des Publikums erkundet. Bei Erfolg wird nachgepresst, aber Ladenhüter gibt es auch. „Manche Filme bleiben bei einem Verkauf von 300 Stück einfach stehen, da geht dann gar nichts mehr.“ Die Restbestände landen dann für zwei oder drei Euro in Billigmärkten, denn Lagerplatz ist teuer.

Wie reagiert die Firma auf den bröckelnden DVD-Markt und das sozusagen körperlose Streamen im Internet? „Im Ausland ist der Markt für DVDs schwächer geworden“, sagt Maurer, „in England und Italien sogar zusammengebrochen – aber deutsche Kunden wollen sich einen Film ins Regal stellen können, das ist der Vorteil für uns.“ Wobei das Pidax-Publikum ohnehin durch das nostalgische Programm etwas älter und nicht ganz so streaming-affin ist. „Es liegt im Bereich 40 plus, bei den Animationsfilmen vielleicht 30 plus“, schätzt Maurer.

„Pidax Channel“ geplant

Dennoch setzt die Firma auch auf das Abspielen im Internet: Hörspiele werden gestreamt, etwa bei audible, „bei Filmen ist das noch nicht so verbreitet“. Aber noch in diesem Jahr soll bei Amazon ein eigener „Pidax Channel“ installiert werden, den man abonnieren kann, mit 100 bis 200 verfügbaren Filmen. Die muss die Firma aber erstmal hochladen, einige technische Hürden nehmen und das ganze finanzieren – mit, wie Maurer sagt, Hunderten Euro pro Film. Das muss man erstmal vorlegen, aber „dann ist ein Film wie eine Kuh, die Milch gibt“. Ein guter Ausgleich, wenn die DVD schwächer werden sollte.

Blu-rays, den hochauflösenden Nachfolger der DVD, findet man bei Pidax selten. „Bei diesen älteren Filmen gibt es nur selten HD-Material, und nur dann machen wir eine Blu-ray – alles andere, etwa das Hochskalieren von Nicht-HD-Material, ist Betrug am Kunden.“ Üblicherweise bringt Pidax auch nur dann eine Bluray  heraus, wenn sich die DVD schon über 1000 Mal verkauft hat, also ein Mindestinteresse am Film besteht. Eine Ausnahme ist demnächst „Am Anfang war das Feuer“, den es bisher in Deutschland noch nicht auf Blu-ray gab.

Zwischen 60 und 70 Prozent des Pidax-Handels  läuft über Amazon, über die Hauptseite und über Amazon-Marketplace. Von Riegelsberg aus verschickt Pidax portofrei, europaweit. „Das lohnt sich trotzdem für uns, denn Amazon nimmt direkt schon mal 40 Prozent vom Verkaufspreis.“

Durchgeplant ist das Programm bis Juni 2018, mit besonderem Blick aufs Weihnachtsgeschäft, das laut Maurer mindestens ein Drittel des Jahresumsatzes ausmacht. Dass einmal die interessanten Filme ausgehen, fürchtet Maurer nicht – es geht immer weiter. „Wir sind wie  Fischer, werfen die Netze aus und fangen immer etwas.“

 

http://www.pidax-film.de

 

Info:

Ein Blick aufs Programm der nächsten 10 Monate:

  • Hanni und Nanni (Zeichentrickserie)
  • Das kalte Herz (6-Teiler von 1978)
  • Der letzte Mohikaner (BBC 8-Teiler von 1971)
  • Sherlock Holmes (Serie mit Peter Cushing)
  • Am Fuß der blauen Berge, Vol. 7
  • Kim & Co. (26-teiligee Serie)
  • Sklaven (The Fight Against Slavery)= BBC 6-Teiler von 1975
  • Locker vom Hocker (Serie mit Walter Giller)
  • Im Auftrag von Madame (39-teilige Krimiserie)
  • Blinky Bill (Zeichentrickserie)
  • Mensch Bachmann (Serie)
  • Zwei alte Hasen (Serie)

 

 

 

 

Pidax DVD Nostalgie

„Baron Noir“ mit Kad Merad – vom Tricksen im Polit-Dschungel

Baron Noir Kad Merad

 

 

„Wir sind alle keine Chorknaben. Aber das Gefängnis haben wir nicht verdient“, sagt einer der Polit-Strippenzieher in „Baron Noir“. Uneingeschränkt zustimmen mag man der zweiten Satzhälfte nicht – angesichts dieses Tableaus an Machenschaften, Tricksereien und Betrug, die diese französische TV-Serie, die bei uns jetzt auf DVD erscheint, höchst kunstvoll ausbreitet. Es herrscht Wahlkampf, der sozialistische Präsidentschaftskandidat Laugier (Niels Arestrup) steht kurz vor seinem großen Ziel – unterstützt wird er von seinem Berater und langjährigen Freund Rickwaert (Kad Merad), dem Bürgermeister von Dünkirchen. Der Weg in den Élyseé Palast scheint gut geebnet zu sein, bis Finanztricksereien der Sozialisten aufzufliegen drohen. Rickwaert rettet, was zu retten ist, doch Laugier lässt ihn fallen – und wird Präsident. Der Geschasste und tief Getroffene beginnt einen Rachefeldzug, der ihn vom Dünkirchener Flachland nach Paris bringen soll.

 

Baron Noir Kad Merad

Da sind sie noch Freunde, im weitesten Sinn:  Kad Merad (l.) als Philippe Rickwaert, Niels Arestrup als Francis Laugier, der auf dem Weg in den Élysée Palast ist. Foto: Studiocanal

 

Ist dies eine gallische Version der US-Serie „House of Cards“? Zwar verbindet der Schauplatz des politischen Dschungels die Reihen, „Baron Noir“ stellt aber eine besonders vielschichtige Figur ins Zentrum. Rickwaert ist  nicht zynisch und diabolisch wie der TV-Kollege Frank Underwood aus „House of Cards“; er ist ein Getriebener, er ist Täter wie Opfer, ein Pragmatiker, Opportunist und dabei auch eine tragische Figur, weder wirklich sympathisch noch verabscheuungswürdig. Ein Glücksgriff ist die Besetzung mit Kad Merad, bei uns vor allem als Postbeamter mit Nordfrankreich-Kulturschock in „Willkommen bei den Sch’tis“ bekannt – wie er seinen vertrauenerweckend onkeligen Charme einsetzt, um Menschen auf seine Seite zu ziehen, wie er steigenden Druck ausübt, sobald der Charme nicht ganz verfängt, ist famos anzusehen.

Autor der Serie ist der ehemalige Polit-Berater Eric Benzekri, der die Mechanismen von Wahl- und Machtkampf hier en detail herunterbricht: Mit einer TV-Debatte in einem gelackten Studio in Paris beginnt es, doch nach dem Bruch der Parteifreunde wird der Wahlkampf in Dünkirchen kleinteilig: Rickwaert lässt Konkurrenzplakate überkleben und   Tausende Flugblätter der Gegenseite aus den Briefkästen angeln, während er selbst Strippen zieht, Allianzen schmiedet und sich mit Notlügen durchwurschtelt – oder ein Wahllokal von seinen Getreuen bepöbeln lässt, um das den Rechten in die Stiefel zu schieben. Das alles geschieht mit viel Tempo, Wendungen,  geschliffenen Dialogen und plastischen, vielschichtigen Figuren – ein Vergnügen und zugleich ein großes menschliches Drama.

Die erste Staffel ist bei Studiocanal erschienen (acht Episoden à 50 Minuten auf 3 DVDs). Die  zweite Staffel wird zurzeit produziert.

 

Baron Noir Kad Merad

Kad Merad alsPhilippe Rickwaert. Foto: Studiocanal

 

Baron Noir Kad Merad

Rickwaerts Rivalen: Anna Mouglalis als Amélie Dorendeu, Niels Arestrup als Francis Laugier. Foto: Studiocanal

Dieter Wedel am Berg: „Eiger“ auf DVD

Dieter Wedel Eiger

Regisseur und Autor Dieter Wedel hat sich im Fernsehen nicht nur dem Hausbau gewidmet („Alle Jahre wieder“) oder dem Kiez („Der König von St. Pauli“, der wohl meistwiederholten Reihe der deutschen TV-Geschichte)), sondern auch dem Alpinismus: Sein Zweiteiler „Eiger“ von 1974 erscheint jetzt erstmals auf DVD  und ist eine interessante Ausgrabung — wenn auch keine kurzweilige. Wedel wählt  – nach dem Buch von Dieter Meichsner – einen reportagehaften, fast dokumentarischen Ansatz: Eine Expedition gerät in Bergnot, eine Rettungsaktion läuft an, ein unten gebliebener Bergsteiger (Hans Brenner) lässt sich das Prozedere erklären und fiebert mit.

Das wirkt erzählerisch etwas zerdehnt, aber seine Meriten hat diese Bergrettung durch den authentischen Zugriff mit Bergbildern jenseits von Studio- oder Trickaufnahmen. Es wird viel aus dem Helikopter heraus gefilmt, es gibt den ein oder anderen spektakulären Sonnenaufgang, Passagen in Schweizerdeutsch werden dankenswerterweise untertitelt,  und die Bilder am Berg vermitteln in aller Ruhe die tödliche Gefahr und gleichzeitig die schroffe Schönheit, die vom Eiger ausgeht.

Im Zentrum steht weniger das Geschehen auf dem Berg als das im Tal:  Brenner (der Vater von Moritz Bleibtreu) als sorgenvoller Bergsteiger am Boden ist famos, teils Hallodri, teils Mann der Tat, der durch eine Verletzung von der Tat ferngehalten wird. Er streift umher wie ein nervöser Tiger.

Wedel, zurzeit Intendant der Festspiele in Bad Hersfeld, hat sich selbst auch kleinen Auftritt gegönnt – als Falschparker, der mondän im Café sitzt – in einer Szene, die für den Film unerheblich ist und so nebenbei die Schwäche dieses Zweiteilers zeigt; Als kompakter Einteiler von 100 Minuten hätte er mehr Spannung gehabt.

Wenig später, 1975, drehte Clint Eastwood am Eiger seinen Film „Im Auftrag des Drachen“, der die Szenerie weniger dokumentarisch denn spektakulär nutzt – kurioserweise mit einem Darsteller, Michael Grimm, aus „Eiger“. Auf dessen Seite findet man Erinnerungen an die Dreharbeiten von „Im Auftrag des Drachen“.

http://www.michaelgrimm-hh.de

„Eiger“ ist erschienen bei bei Studio Hamburg. Zwei Teile (79 und 76 Minuten).

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: „Die Weibchen“ im Heimkino

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

 

„Es sind die Nerven.“ Das ist, in aller Kürze, die Diagnose für die junge Chefsekretärin Eve (Uschi Glas). Eine Kur im schönen Bad Marein soll das Nervenkostüm wieder aufbügeln – doch hinter den Fassaden der edlen Sanatorien und schmucken Bürgerhäuser wartet eine ungeahnte Welt. Hier werden zur psychedelischen Beat-Musik von Peter Thomas halbnackte bis nackte Orgien zelebriert. Zwischendurch räsonniert Judy Winter über die bösen „Määäääääänner“, von denen es in diesem Kurort aber überraschend wenige zu geben scheint. Selbst die lokale Autowerkstatt ist fest in weiblicher Hand; jeder noch so kleine KFZ-Schaden scheint aus Mechanikerinnen-Sicht eine Sisyphus-Montage: Man kommt also einfach nicht weg von diesem scheinbar schönen Fleckchen Erde.

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

Uschi Glas mit einer ihrer vielen verschiedenen Frisuren in diesem Film. Alle Fotos: Bildstörung

Welch schöne Heimkino-Ausgrabung der rührigen Firma „Bildstörung“: 1970 lief der Film „Die Weibchen“ kurz und schmerzlos in deutschen Kinos; er wäre wohl in kollektiver Vergessenheit versandet, gäbe es nicht ein paar Filmfans, darunter Regisseur Dominik Graf, die seit einiger Zeit ein Loblied auf den Autor/Regisseur des Werkes singen: Zbynek Brynych (1927-1995), tschechischer Filmemacher und ein bunter Vogel des deutschen Kinos und Fernsehens: In seiner Heimat war Brynych bekannt für schwere Stoffe wie „Transport aus dem Paradies“ (1963) über das Konzentrationslager Theresienstadt; in Deutschland drehte er die verspieltesten Episoden vom „Kommissar“ und „Derrick“.

 

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

In „Die Weibchen“ ist Brynych nicht zu bremsen – die Geschichte eines merkwürdigen Ortes erzählt er mit einer extremen Bilddramaturgie, mal mit kalten, mal mit explodierend bunten Farben; sehr gerne benutzt Kameramann Charly Steinberger das verzerrende Fischauge-Objektiv. Ein traum- und albtraumartige Atmosphäre zieht sich durch den Film, der immer wieder Hinweise gibt, was in diesem Bad vor sich geht: Die Frauen lesen Valerie Solanas radikalfeministisches „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“, verbrennen in einer rauschartigen Szene ihre BHs und erfreuen sich an der Betrachtung der Gottesanbeterin, die ihre männlichen Artgenossen nach dem Liebesakt eher unromantisch auffrisst. Da dämmert es Eve langsam, warum es fast keine Männer in Bad Marein gibt – abgesehen von einem hünenhaften Gärtner/Faktotum und einem Kommissar, der am liebsten Kartenhäuser legt – gespielt von Hans Korte, in einem wahnwitzigen Auftritt.

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

Ist „Die Weibchen“ nun ein Manifest des Feminismus? Oder eher die filmische Beschreibung von Angst vor Frauen? Oder ist Brynychs Film auch eine Komödie über radikale Damen und sehr begriffsstutzige Männer? Der Film lässt das humoristisch in der Schwebe – und ist eine große Entdeckung für Freunde eines freischwebenden Kinos.

 

Die Extras:

Langfassung, wohl eine Art Arbeitsversion, die vor dem Filmstart noch einmal umgeschnitten und verändert wurde – sagen kann ich dazu aber noch nichts, da ich nur die Kinofassung gesehen habe.

Interview mit Uschi Glas (15 Mnuten).  Glas berichtet, dass der Film ein gutes Budget hatte und für Produzent Luggi Waldleitner etwas „ganz Besonderes war“. Den emanzipatorischen Ansatz des Film sieht sie etwas mit Augenzwinkern: „Ein bisschen Männerhass war total angesagt, irgendwie.“ Regisseur Bynych war „ein ganz Ruhiger“, anders als der Kameramann: „Der Charly hat geturnt mit der Kamera.“ Ein kommerzieller Erfolg wurde der Film dann nicht, „vielleicht wurde er falsch gestartet“.

Interview mit Kameramann Charly Steinberger (13 Minuten). Steinberger, mit Weizenbier in der Hand, erzählt einiges Biografisches, von  seinem frühen Berufswunsch („Fotografie, das ist es vielleicht als Ausweg“), dann von seiner Arbeit als Kamera-Assistent. Das Fischauge aus „Weibchen“ verdeutlicht für ihn die „Fahrt in eine verrückte Welt“. (…) „Ich habe nicht normal fotografiert.“ Brynych war ein „ganz ruhiger Typ“ und Uschi  Glas „nie besser als hier“ Judy Winter war für ihn „die Allerbeste“, und Giorgio Ardisson „ein  guter Kumpel“.

Statements von Regisseur Dominik Graf und den Filmjornalisten Olaf Möller und Rainer Knepperges über Bynych (39 Minuten).

Einen anderhalbminütigen Vorher-Nachher-Clip über die Restaurierung des Films gibt es auch noch.

Trailer

Booklet

 

www.bildstoerung.tv

 

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

Uschi Glas und Hans Korte als mäßig vertrauenerweckender Kommissar.

 

 

Uschi Glas und die brennenden Büstenhalter: "Die Weibchen" im Heimkino

Uschi Glas und Zbynek Brynych bei den Dreharbeiten.

Brad Pitt und die Sorgenfalten: „Allied“ auf DVD

Aus den Kinos schnell verschwunden, erscheint der Film „Allied“ mit Brad Pitt und Marion Cotillard nun auf DVD – ein Liebesmelodram, das sich viel vornimmt.

 

Brad Pitt Allied Marion Cotillard

Marion Cotillard als französische (oder gar deutsche?) Spionin  Marianne Beausejour. Fotos: Paramount

 

Die Weltgemeinschaft atmet auf: Brad Pitts Harnwege erfreuen sich bester Gesundheit. Denn er hat dem Alkohol abgeschworen und stößt nur noch mit Beerensaft an. Das war eine der Erkenntnisse der weltweit veröffentlichten, „großen Lebensbeichte“ (Bild) des Schauspielers, dem ersten Interview seit der Trennung von Angelina Jolie. Im Rahmen dieses Ehe-Kollapses erwähnten bunte Blätter gerne, dass Pitt zuvor einen Film mit der a) schönen und b) französischen (oh la la!) Kollegin Marion Cotillard gedreht hat – hat es da also geknistert und folglich in der Ehe gekriselt? Wer weiß? Und wer will es eigentlich wissen?

 

 Brad Pitt Allied Marion Cotillard

 

Der Film selbst verschwand recht schnell wieder aus den Kinos; jetzt erscheint „Allied“ (mit dem etwas holprigen Bei-Titel „Vertraute Fremde“) auf DVD – ein Film mit Ambitionen und Macken, weder ganz geglückt noch misslungen.
Hoch vom Himmel schwebt er ein – der kanadische Spion Max Vatan (Brad Pitt) landet per Fallschirm im Casablanca des Jahres 1942. Er und die französische Agentin Marianne Beauséjour (Marion Cotillard) geben sich dort als Paar aus. Ihre Mission: der Mord am deutschen Botschafter. Bei der Vorbereitung kommen sich die Kollegen näher – die Anziehung ist da, ebenso aber auch antrainiertes und verständliches Misstrauen unter Spionen. Die aufgestauten Gefühle entladen sich schließlich im Auto während eines – da ist der Film nicht allzu subtil – symbolisch tosenden Sandsturms. Aus den Spionen wird alsbald ein Ehepaar, man lebt in London, bekommt ein Kind, hofft, den Krieg zu überleben – und ist dabei wunschlos glücklich miteinander. Doch Vatans nächster Auftrag ist fatal: Er soll seine Frau heimlich überprüfen. Könnte sie eine deutsche Spionin sein? Die Saat des Misstrauens ist gesät – er beginnt, auf jede Geste der Gattin zu achten, kleine Fallen zu stellen.

 

 Brad Pitt Allied

 

Sorgenfalten und Hundeblick

 

Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“) und Autor Steven Knight („Peaky Blinders“) haben viel im Sinn: Spionage, Romanze, Ehedrama, ein wenig Action und auch eine Hommage an betagte Kriegsmelodramen – die erste Hälfte des Films spielt nicht zufällig in Casablanca. Doch wirklich packend ist diese Melange nicht: So aufwendig etwa die Ausstattung ist, so steril wirkt sie bisweilen auch; zumal Zemeckis sehr gerne auf computergenerierte setzt, was man den prachtvollen Tableaus (das Pärchen in einer Wüste oder auf einer grünen Londoner Wiese) zwar nicht gleich ansieht – aber irgendwie spürt man diese Künstlichkeit (siehe Foto unten). An seine Grenze stößt auch Pitt – wenn er den Gatten in der Krise spielt, legt er die Stirn monoton in Sorgenfalten, im Finale kommt noch ein Hundeblick dazu. Wurde er schlecht geführt? Dachte er an etwas anderes? So wenig überzeugend hat man ihn jedenfalls lange nicht gesehen. Und Cotillard? Sie ist mit ihrer vor Gefühl pulsierenden, dabei nie ganz durchschaubaren Rolle das Herz des Films; doch der macht sie in der zweiten Hälfte fast zur Nebenfigur, während der Gatte versucht, ihre Unschuld beziehungswiese Schuld zu beweisen. So bleibt „Allied“ unter seinen Möglichkeiten, auch wenn die letzten Momente, nach einem Finale im schickssalsfeucht prasselnden Regen durchaus ans Herz gehen.

 

 Brad Pitt Allied Marion Cotillard

Hier stößt die CGI-Technik an ihre Grenzen – man spürt eine gewisse Künstlichkeit.

 

 

Doppelter Grusel: Zwei exzellente Edgar Wallace-Boxen

 

Sie sind nicht totzukriegen, die Filme (mehr oder weniger) nach Edgar Wallace. Viele betagte Werke des deutschen Films sind ja der Vergessenheit anheim gefallen – aber die Wallace-Filme feiern im Heimkino immer wieder fröhliche Auferstehung. Zwischen 1959 und 1972 waren über 30 Produktionen entstanden, in denen eine seltsame Gräfin, der Hexer, der Zinker und der Frosch mit der Maske durch ein lange zeit schwarzweißes, später buntes Kunst-London schlichen, mit dem Hund von Blackwood Castle an der hoffentlich kurzen Leine.

Joachim Fuchsberger, unser Lieblings-Inspektor bei Wallace. Fotos: Universum

Nachdem die Filme komplett auf DVD zu haben waren, erscheinen sie nun peu à peu, allerdings nicht in strenger Chronologie,  in HD auf Blu-ray. Eine erste Edition kam im Januar 2016 heraus, nun sind drei weitere Filme in einer Box zu haben: „Der Fälscher von London“ (1961), „Das Gasthaus an der Themse“ (1962) und „Der Zinker“ (1963). Außer je einem knapp dreiminütigen Trailer zu den Filmen  gibt es keine Extras; aber die Qualität des neu abgetasteten Bildes ist glorios: So plastisch hat Londoner Kunstnebel noch nie ausgesehen, so scharf hat man Blacky Fuchsberges akkuraten Scheitel nie gesehen.

Anbieter: Universum Film

 

 

 

 

 

Die Reihe hat sich über die Jahre verändert: von recht biederen Filmen hin zu knalligen Krimis mit grotesken Einfällen, Ironie und einem gewissen Sadismus. Doch Ende der 1960er Jahre war die Luft raus, weswegen Produzent Horst Wendlandt begann, mit Italien zu koproduzieren: um das Budget aufzuteilen und um einen zusätzlichen Markt aufzutun.

Doch dieser Traum war rasch ausgeträumt, die Reihe endete 1972 mit dem Film „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“. Der erscheint jetzt in einer mustergültigen Blu-ray-Edition (2 Blu-rays plus eine DVD), zurecht – denn allein die Veröffentlichungsgeschichte des Films ist interessant. In seinen Herkunftsländern lief der Film in unterschiedlichen Fassungen (beide hier enthalten): in Deutschland etwas kürzer, mit dem Star Fuchsberger (als Inspektor) an der Spitze des Vorspanns, zudem mit dem alten akustischen „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“-Erkennungssignal; das fehlt in der italienischen Version, die etwas länger läuft, mehr grausame Details zeigt und ihren Star Fabio Testi (als Lehrer unter Verdacht) an die Spitze stellt.

Das mögen nur Details für beinharte Wallace-Fans sein; aber der Film selbst, um eine Mordserie in einem Mädchenpensionat, ist spannend und dabei manchmal fast Anti-Wallace (trotz Fuchsberger und Karin Baal als Darsteller): London ist hier nicht nebelverhangen, sondern sonnendurchflutet, statt Peter Thomas‘ Avantgarde hört man Ennio Morricones melodische Melancholie. Es ist schon merkwürdig: Da hat diese urdeutsche Reihe sich mit einem Fuß im typisch italienischen, mit Albtraum-Logik und Erotik aufgeheizten „Giallo“-Krimi verabschiedet.

 

 

Was gibts:

Internationale Fassung (113 Minuten )

Deutsche Kinofassung (96 Minuten)

Interviews mit Darsteller Fabio Testi (20 Minuten), Produzent Fulvio Lucisano (11 Minuten), Darstellerin Karin Baal (14 Minuten) und Hintergrundbericht (13 Minuten)

Audiokommentar von Troy Howarth

Bildergalerie

Trailer

Die knapp einstündige, bei Arte ausgestrahlte  Doku „German Grusel“ (2011), unter anderem mit Oliver Kalkofe, der sich nach dem frühen Genuss der Wallace-Filme später wunderte, dass das reale London nicht schwarzweiß ist. Kurios ist auch, dass die Interviewten Karin Baal und Joachim Fuchberger sich an „Stecknadeln“ kaum noch erinnern (oder so tun) – beide tun sich sichtlich schwer mit dem Film.

Ein schönes Booklet von Autor Paul Poet, der  den Film einordnet, innerhalb des Wallace-Kanons und des Giallo. Ein Makel ist aber, dass das Booklet behauptet, Produzent Horst Wendlandt habe neben Wallace auch die Jerry-Cotton-Filme auf den Weg gebracht, dazu Konsalik, die Simmel-Filme und die Mabuse-Filme der 60er – letztere stammten aus der Produktion von Atze Brauner, Wendlandts Erzkonkurrenten.

 

 

 

 

Völkermord plus Liebeskitsch: der Film „Holodomor“ auf DVD

Der Ukrainer Yaroslav (Barry Pepper) leistet Widerstand. Fotos: Pandastorm

 

Der Film „Holodomor“ erzählt von einem wichtigen Thema, tut das aber ungeschickt.

Wie viele Millionen Menschen 1932 und 1933 in der Ukraine verhungert sind, darüber sind sich die Historiker nicht einig – Schätzungen bewegen sich zwischen drei und sieben Millionen Menschen. Ende der 1920er Jahre hatte die Kommunistische Partei beschlossen, die Industrialisierung der Sowjetunion voranzutreiben – finanziert mit den Erlösen aus der Landwirtschaft – nicht zuletzt mit denen der „Kornkammer Europas“, der Ukraine. Mit brutalsten Mitteln wurde eine Zwangskollektivierung durchgesetzt, Stalin reagierte auf Widerstand mit Terror und steigenden Anforderungen, was das abgelieferte Getreide anging – einer ohnehin katastrophalen Dürre zum Trotz. Millionen starben, und Stalin hatte, ob geplant oder freudig in Kauf genommen, den Widerstand der Ukraine gebrochen.

 

Holodomor Terence Stamp

Yaroslavs Vater Ivan, gespielt von Terence Stamp.

„Holodomor“ ist das ukrainische Wort für diese tödliche Hungersnot, „Holodomor – Bittere Ernte“ heißt der Film, der von ihr erzählt. Das alleine ist verdienstvoll, gehört diese Katastrophe doch eher zu den Fußnoten der Geschichte, nicht zuletzt weil das heutige Russland an einer Aufarbeitung nicht interessiert ist. Regisseur George Wendeluk, ein Kanadier mit ukrainischen Wurzeln, hat den Film in der Ukraine und in England gedreht – in Breitwandbildern und strahlenden Farben, wenn es auf den riesigen Feldern blüht, in düsterer Optik, wenn der Hunger wütet.

Eingebettet in diese Geschichte eines Völkermords erzählt der Film eine Liebesgeschichte: zwischen dem jungen Juri und seiner Verlobten Natalka, die sich der Avancen des obersten Dorf-Sowjets erwehren muss. Der Film will große Gefühle zeigen, dabei kitscht es aber mitunter, alles wird sehr grob gezeichnet – und der böse Dorf-Sowjet wird zur Karikatur verzerrt. Der Furor des Regisseurs mag sich aus dem Geschehen in der Ukraine damals (und heute) erklären, wirkt filmisch aber ungeschickt – ein Drogentrip nach Pilzgenuss gerät gar unfreiwillig komisch. Ein Film, der seinem Thema nicht gerecht wird.

DVD/Blu-ray bei Pandastorm / Edel.

 

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