KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Fernsehen (Seite 1 von 3)

Die Doku „Verbotene Filme“ über das Kino der Nazis

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Eine Szene aus Veit Harlans „Jud Süß“ (1940), einem der  berüchtigsten Hetzfilme des NS-Kinos. Die Titelrolle spielte Ferdinand Marian. Foto: rbb/Blueprint Film

1200 Spielfilme sind zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gedreht worden, unter Leitung des NS-Regimes – von der Komödie bis zum antisemitischen Hetzfilm. Nach dem Krieg haben die Alliierten 300 Filme verboten, heute sind noch knapp 40 Filme so genannte „Vorbehaltsfilme“: Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, der die Rechte an den meisten der Filme gehören, gibt Werke wie „Jud Süß“ und „Kolberg“ nur für Veranstaltungen mit wissenschaftlicher Begleitung frei – oder, wie heute Abend,  für eine TV-Ausstrahlung mit besonderer Einführung. Was würde geschehen, wenn man die Filme einfach freigäbe? Wirkt die Propaganda heute noch? Oder ist der „Vorbehalt“ eine Art Zensur? Der Regisseur und Historiker Felix Moeller geht diesen Fragen in seiner Dokumentation „Verbotene Filme“ (2014) nach, die jetzt bei Arte zu sehen war. Das Interview fand anlässlich des Kinostarts der Doku statt.

 

Herr Moeller, Ihr Film enthält sich einer klaren These, ob man die „Vorbehaltsfilme“ freigeben sollte oder nicht – warum?

Ich wollte das jedem Zuschauer selbst überlassen. Am Ende des Films sagt ja der Historiker Götz Aly, dass man alles freigeben sollte. Das ist nicht ganz meine Meinung, ich sehe es etwas differenzierter, aber ich finde seinen Anstoß gut, auch wenn das Thema sehr komplex ist.

Sie haben für Ihre Dokumentation einige wissenschaftlich-pädagogische Vorstellungen der ansonsten nicht zugänglichen Filme in Deutschland und im Ausland besucht. Waren Sie überrascht über die Reaktionen?

Durchaus. Viele Zuschauer haben gesagt, dass ihnen zum ersten Mal klar wurde, welcher Propaganda ihre Vorfahren ausgesetzt waren – auch wenn das die Taten nicht in milderem Licht erscheinen lässt.

In Tel Aviv sagt ein Zuschauer, die Deutschen wären viel zu ängstlich und sollten die Filme einfach freigeben. Hat Sie das überrascht?Ja, aber die Israelis im eigenen Land sind selbstbewusster als etwa jüdische Gemeinden in Europa oder in der sogenannten Diaspora. In Paris waren einige jüdische Mitbürger in den Vorstellungen deutlich zurückhaltender und auch ängstlicher – dort hatte es gerade wieder antisemitische Vorfälle gegeben.

Was würde passieren, wenn ein Film wie „Jud Süß“ allgemein freigegeben würde?

Neonazis könnten ein Kino mieten, den Film dort sehen und laut Beifall klatschen. Andererseits wären diese Filme als historische Quellen leichter zugänglich, man würde das Tabu und den Mythos damit aufheben. Ich wäre aber dagegen, einen Film wie „Jud Süß“ oder auch „Heimkehr“ mit seiner perfiden antipolnischen Hetze an den Anfang einer Freigabe zu stellen. „Heimkehr“ hat einen privaten Lizenzinhaber, der versucht hat, den Film auszuwerten und ihn deshalb der Freiwilligen Selbstkontrolle vorgelegt. Die FSK hat ihn aber zurückgewiesen.

Ist die Grundfrage, die Vorbehaltsfilme öffentlich zugänglich zu machen, nicht rein theoretisch? Man findet sie im Internet, „Der ewige Jude“ zum Beispiel ganz leicht bei Youtube.

Ja und nein. Die Kopien im Internet sind qualitativ unglaublich schlecht und können ihre Wirkung kaum entfalten, vieles ist nicht zu erkennen. Die Murnau-Stiftung und Youtube diskutieren darüber, wie man die Filme entfernen kann. Eine neue Scan-Software soll das besser leisten können. Insofern tut sich schon etwas.

Gibt es öffentlich zugängliche NS-Filme, bei denen Sie sich wundern, dass sie nicht unter Vorbehalt stehen?

Sicher – bei einem Propagandafilm wie „Wunschkonzert“ fragt man sich schon, wieso der frei ist, wenn auch ab 18. Es gibt auch Unterhaltungsfilme mit Heinz Rühmann, die frei ab sechs oder zwölf sind, „Quax, der Bruchpilot“ oder „Die Umwege des schönen Karl“: Dieser Film zeichnet ein extrem düsteres Bild der Weimarer Republik mit Inflation und Verbrechen – genau in der Nazi-Lesart. Die Murnau-Stiftung müsste die Kriterien dringend überarbeiten, ihre letzte Beratungsrunde in dieser Sache liegt 20 Jahre zurück.

Nach dem Krieg wurden aus manchen NS-Filmen Hakenkreuze und Hitler-Bilder herausgeschnitten, so dass sie regulär laufen konnten – sind das „entnazifizierte“ Nazifilme?

Das wurde sogar bis in die 80er Jahre praktiziert, um die Filme wieder auswerten zu können. Aber das Entfernen der äußeren Symbole wäscht ja die Ideologie nicht heraus. Allerdings ist diese Praxis ein interessantes Symbol dafür, wie man in der Nachkriegszeit mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem NS-Kino, haben auch eine Doku über die Familie des „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan gedreht. Hat dieses Kapitel des deutschen Kinos für Sie eine dunkle Faszination?

Nein, ich glaube nicht, dass ich da einer Faszination erliege. Aber es ist interessant, zu sehen, wie diese Filme gemacht sind, wie sie funktionieren. Diese Seite der deutschen Filmgeschichte wird vernachlässigt, es gibt zu wenig Wissen darüber. Aber diese Filme sind ein kulturelles Erbe, wenn auch ein negatives.

„Verbotene Filme“ ist auf DVD bei Salzgeber erschienen, die gekürzte TV-Version ist in der Mediathek von Arte zu sehen:

https://www.arte.tv/de/videos/046356-000-A/verbotene-filme/

 

Jud Süß Veit Harlan Joseph Goebbels NS-Kino Kolberg Verbotene Filme

Filmkopien im Bundesfilmarchiv in Hoppegarten bei Berlin: unter ihnen auch die Propagandafilme des Dritten Reichs. Foto: rbb/Blueprint Film

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

Adam Nimoy Leonard Nimoy William Shatner

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

Die Doku „Dark Glamour“ über die Geschichte von Hammer Films. Sonntag bei Arte.

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1957 in „Frankensteins Fluch“. Foto: Hammer Films

 

 

Vampirzähne in Nahaufnahme, wogende Busen in engen Korsetten – und Blut, das so rot leuchtet wie frisch gekochte Erdbeermarmelade. Das waren die Insignien der britischen Produktionsfirma Hammer, die vor allem in den 1950ern und -60ern eine Marke für sich waren: Mit ihren Schauermärchen, so liebevoll ausgestattet wie mit drastischen Effekten garniert, waren sie eine Zeitlang ein großer Fisch im filmischen Karpfenteich, amerikanische Verleihe nahmen die Hammer-Filme nur zu gern in ihr Programm.

Die schön betitelte Dokumentation „Dark Glamour“ von Jerome Korkikian zeichnet die Geschichte der Firma nun nach: flott montiert, bunt mit Filmausschnitten illustriert und mit interessanten Gesprächspartnern (wenn auch mit meist sehr kurzen Statements).  Mit der Krönung von Elisabeth II. 1953 beginnt es, die britische Nation sitzt kollektiv vor dem Fernseher, der sich als neues Massenmedium durchzusetzen beginnt. Die Kinos, Studios und Produktionsfirmen schauen in die Röhre. Unter ihnen eine kleine Firma namens Hammer, die sich seit den 30er Jahren auf dem Markt behauptet. Doch die Geschäfte laufen immer schlechter, und so setzt die Firma ihre letzte Hoffnung 1955 auf einen kleinen Gruselfilm in Schwarzweiß: „Schock“ („The Quatermass Experiment“), der von einem Astronauten erzählt, der aus dem All zurückkehrt und sich zu etwas verwandelt, das man durchaus als „shocking“ bezeichnen kann.

Cushing und Lee bringen Klasse und Würde

Der Film füllt mehr oder weniger überraschend die Kinos, Hammer gibt sich ganz dem Grusel hin und holt klassische Figuren des „Gothic Horror“ aus der Gruft:  Dracula und seinen Gegenspieler Van Helsing, außerdem den chirurgisch hochbegabten, wenn auch ethisch unterentwickelten Baron Frankenstein und die Kreatur, die er aus Leichenteilen zusammenschraubt und -näht. Diese Paare werden gespielt von Peter Cushing und Christopher Lee, den prägenden Darstellern Hammers. Sie geben den Filmen viel Würde und Klasse, die ansonsten wenig zimperlich sind in Sachen Blut  und Erotik. „Das Studio ignorierte den guten Geschmack“, heißt es in der Doku. Filmhistoriker und Hammer-Kenner Marcus Hearn fasst den Aufschwung der Firma so zusammen: Mit „Schock“ kam der Horror, mit „Frankenstein“ die Farbe, mit „Dracula“ die schwüle Erotik. Für Regisseur John Carpenter, der die Hammer-Filme liebt und „Die Mumie“ als ihren optisch schönsten schätzt,  kam als Amerikaner noch eine britische Komponente hinzu: „Mit englischem Akzent klang das Ganze viel seriöser und ernster.“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Christopher Lee 1958 im Meisterstück „Dracula“. Foto: Hammer Films

 

Eine Zeitlang geht alles gut: Die Firma arbeitet in den familiären Bray-Studios vor sich hin, in liebevollen, auf alt getrimmten Bauten, bis ausgerechnet ein Engländer in Amerika den Horrorfilm revolutioniert: Alfred Hitchcock mit „Psycho“. Die Angst lauert jetzt in der Gegenwart (und in der Dusche). Hammers Schauermärchen wirken auf einmal etwas altmodisch – die Firma steuert mit ein paar in der Gegenwart spielenden Psychothrillern gegen, aber das ist nicht ganz ihr Terrain. Auch mit der Steinzeit versuchen sie es. „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ konfrontiert knapp bekleidete Urzeitmenschen mit Stop-Motion-Riesenechsen. Carpenter ist heute noch begeistert: „Raquel Welch im Bikini und dazu Plastikdinosaurier – was wollen Sie denn sonst noch?“

 

Hammer Films Dark Glamour Christopher Lee Peter Cushing

Raquel Welch 1966 in „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“. Foto: Hammer Films

Von der Produktion „Captain Kronos – Vampirjäger“ erhofft man sich den Auftakt einer ganzen Reihe, wie Hauptdarsteller Horst Janson („Der Bastian“) erzählt, aber dazu kommt es nicht, der Film kommt zu schlecht an. Auch die Kreuzung von Blutsaugerei und dem gerade erfolgreichen Karate-Kino in „Die sieben goldenen Vampire“ bleibt ohne Nachhall. Der größte Nagel aber wird 1973 in Hammers Sarg geklopft: „Der Exorzist“ schockiert mit Tabubrüchen, wird ein enormer Hit – und ist eine Produktion des US-Studios Warner Brothers, das bisher die Hammer-Filme mitfinanzierte. Jetzt weiß Warner selbst, wie es geht und dreht den in Richtung Britannien führenden Geldhahn ab. Oder wie Carpenter es sagt: „Hammer waren bei vielem die Ersten. Und dann hörten sie irgendwann auf, die Ersten zu sein.“ Das Studio müht sich noch ein paar Jahre ab, 1979 entsteht der letzte Film. 2007 aber exhumieren neue Investoren die Idee, kaufen die Marke (und das lukrative Filmarchiv); auch einige Filme wie „The Woman in Black“ entstehen, die weniger auf Schocks setzen denn auf guten alten Schauer.

Der Doku „Dark Glamour“, so vergnüglich sie auch ist,  hätte man gerne mehr Laufzeit gewünscht als seine schnell vergänglichen 55 Minuten. Wenn schon Regisseure wie Dario Argento, Darstellerin Caroline Munro und der stets trockenhumorig unterhaltsame John Carpenter dabei sind, will man etwas mehr von ihnen hören; auch von Horst Janson hätte man gerne mehr erfahren – nicht zuletzt, wie er als deutscher Darsteller überhaupt zum Star einer Hammer-Produktion wurde. Immerhin: Man wird Zeuge, wie gut Christopher Lee in einer gallischen TV-Sendung Französisch spricht.

Der Neuanfang der Marke Hammer wird am Ende zwar erwähnt und mit ein paar Filmausschnitten bebildert, aber da hätte man gerne mehr erfahren. Eine Fortsetzung des Themas oder auch eine 90-Minuten-Fassung auf DVD wäre sehr willkommen.

Sonntag, 6.8., 21.55 Uhr, Arte. Danach auch in der Mediathek.

http://www.hammerfilms.com/

http://www.arte.tv/de/videos/073074-000-A/dark-glamour

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ von Sung-Hyung Cho

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Regisseurin Sung-Hyung Cho mit Soldaten auf dem heiligen Berg Baekdu. Foto HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

„Ich habe den Film so gedreht, wie ich wollte“

Die Filmemacherin Sung-Hyung Cho aus Südkorea hat einen Film über die abgeschotteten Nachbarn gedreht. „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ entstand unter Aufsicht des nordkoreanischen Regimes. Ein Gespräch mit Cho über Dreharbeiten mit Aufpassern und das Lesen zwischen den Zeilen.

Enttäuscht sei sie, sagt Sung-Hyung Cho. Auf „einen Siegeszug“ bei den großen Dokumentarfilm-Festivals hatte sie gehofft, doch die zeigten andere Filme über Nordkorea, die Cho als plakativer empfand – für sie der mögliche Grund, dass der neue Film der Ophüls-Gewinnerin 2007 („Full Metal Village“) und Saarbrücker Professorin an der Kunsthochschule, in Berlin oder Amsterdam außen vor blieb. „Korea ist ein hochkomplexes Thema“, sagt die 51-Jährige aus Südkorea, die seit 28 Jahren in Deutschland lebt, „aber die Leute wollen am Liebsten schlichte Thesen“.

Ihren Film „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ will sie als „nicht politisch“ verstanden wissen – ihr ging es nicht um die Rolle der Führung, sondern um den ganz banalen Alltag im Land des Nordens, das ihr in der Schule des Südens als Hort von „Menschen mit roten Haaren und Hörnern“ beschrieben wurde, „kein Witz“. Dementsprechend habe sie bei der ersten Einreise – nur möglich durchs Chos deutschen Pass – „Angst und Paranoia gehabt“.

Beides hielt nicht lange vor, und Cho entwickelte die Idee eines Films über den Norden ohne Vorverurteilung. Eine erste Idee „über die Liebe des Volkes zu ihrem Führer“ empfand das Regime als „zu politisch“, ließ sich aber nach vielen Diskussionen auf das Konzept ein, dass Cho den nordkoreanischen Alltag filmt – wenig überraschend unter Aufsicht. „Mein Fahrer war ein Spitzel, dazu kam eine Dolmetscherin und der Leiter der staatlichen Pressestelle.“ Das Überraschende: Bei den Gesprächen mit den Nordkoreanern – einige waren vom Regime vorgeschlagen, viele hat sich Cho spontan gesucht – blieben die Aufpasser vor der Tür. „Ich überzeugte sie, dass die Menschen dann lockerer sind – und das sei besser fürs Vaterland.  Ein Satz, der als Argument immer funktionierte.“

Es geht nicht ums Bloßstellen

Die Rückversicherung des Regimes: Das gefilmte Material wurde ständig begutachtet, und es gab eine Liste der Tabus: etwa verwackelte Bilder beim Zeigen von Gemälden oder Wachsfiguren (!) der politischen Führung. Propagandaplakate mussten in der Bildmitte platziert und durften nicht abgeschnitten werden. Die Ironie in einer Szene, in dem ein Plakat „koreanische Geschwindigkeit“ preist, während eine Kuh gemächlich vorbeistapft, ist den Prüfern dabei wohl entgangen. Aber Cho ging es nicht ums Bloßstellen, auch nicht um Bilder mit versteckter Kamera oder einen nachträglichen Kommentar. „Mein Ziel ist es, dem Süden zu zeigen, dass im Norden keine Monster leben.“ Dafür hat sie die Auflagen des Regimes in Kauf genommen und betont: „Ich habe den Film genau so gedreht, wie ich es wollte.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.


Regisseurin Sung-Hyung Cho auf Feld des Musterkollektivs Sariwon. Foto:: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

Der Zuschauer muss dabei zwischen den Zeilen lesen, Worte wie „Atomwaffen“ oder „Menschenrechte“ fallen nicht – stattdessen begegnet man einem breit grinsend lügenden Landwirtschafts-Pressesprecher, der über grandiose Ernten jubelt (Hungersnöten zum Trotz); einer Näherin in einer „Patriotischen Textilfabrik“, die von kleinen Fluchten träumt; einem Landwirt in einer Mustersiedlung, die so ärmlich ist, dass man sich eine „Nicht-Mustersiedlung“ eindringlich vorstellen kann – so stellen sich die Erkenntnisse in diesem berührenden Film sozusagen über Bande ein, über Atmosphäre, Zwischentöne und Mitdenken.

Es fällt auf, wie oft und sehnsüchtig die Menschen im Film von der Wiedervereinigung sprechen. „Nordkorea sieht das sehr positiv“, sagt Cho, „wie das funktionieren soll, ist dann wieder eine andere Sache.“ Im Süden sei das anders. „Die Kriegsgeneration dort, die sehr gelitten hat, ist sehr antikommunistisch eingestellt. Schlimm ist, dass die junge Generation im Süden keinerlei Interesse an einer Wiedervereinigung hat.“ Ihr Film, so hofft Cho, soll zeigen, dass „die Menschen im Land sich nicht isolieren wollen“. Dieses Signal werde von der Weltpolitik und der Presse aber ignoriert. Der Norden sei eben ein willkommen einfaches Feindbild für den Rest der Welt. „Dabei sind sich Norden und Süden viel ähnlicher, als der Süden das wahrhaben will.“

 

Die Doku „Meine Brüder und Schwestern im Norden“.

Die Näherin Ri Gum Hyang. Foto: HR/Kundschafter Filmproduktion GmbH

 

 

 

Die Doku „Akrobaten unter freiem Himmel“ beim Festival Perspectives

Akrobaten unter freiem Himmel Yoann Bourgeois

Yoann Bourgeois bei einem seiner kunstvollen Treppenstürze. Foto: Program33

Ein Mann taumelt auf einer Treppe, stürzt hinab und aus unserem Blickfeld – einen Augenblick später schwebt er traumwandlerisch wieder nach oben, die Füße finden die Stufen, er geht weiter – um gleich wieder zu fallen. Das sind die ersten, aber nicht die einzigen atemberaubenden Bilder aus der Dokumentation „Akrobaten unter freiem Himmel“ von Netty Radvanyi und Nicos Argillet. Der knapp einstündige Film porträtiert vor allem französische Artisten des zeitgenössischen Zirkus – der Treppenstürzer ist Yoann Bourgeois.

Am Montagabend erlebte die Arte-Produktion im Saarbrücker Kino Achteinhalb ihre Premiere – im Rahmen des Festivals Perspectives. Deren Leiterin Sylvie Hamard freut sich über die erste Kooperation mit dem deutsch-französischen Sender, „seit Jahren waren wir im Gespräch, der Film hat jetzt optimal gepasst“. Denn in der Dokumentation (mit einem leider etwas langweiligen Titel) sind einige Künstler zu sehen, die man vom Festival kennt – etwa Camille Boitel, Yoann Bourgeois und auch Alexandre Fray, der gerade mit seiner Compagnie „Un loup pour l’homme“ und der Performance „Rare Birds“ beim Festival zu sehen war – er war bei der Vorstellung dabei, ebenso wie die Regisseurin Radvanyi, die diesen Künstlern „eine Stimme geben“ will, denn „sonst reden die ja weniger“.

Im Film, der sich in Kapitel wie „Schwerkraft“, „Balance“, „Zeit“ und „Zufall“ gliedert, erscheint Fray unter dem Motto „Anziehung“; man sieht ihn mit seinen Kollegen bei Bewegungen und Formationen, die der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen scheinen und wirken, als gebe es zwischen den Körpern ein blindes Verständnis. Was aber täuscht – hier ist alles Kommunikation, und die ist laut Fray einfach harte Arbeit: „Wenn man stürzt, hat die Kommunikation versagt.“ Tatiana-Mosio Bongonga balanciert 40 Meter über dem Boden des nächtlichen Caen über ein Stahlseil („Der Straßenverkehr ist vielleicht gefährlicher als das“, sagt sie), der Jongleur Jörg Müller sieht als Grundlage seiner Kunst „das Verstehen der Objekte“. Und der gewitzte Performance-Künstler Camille Boitel liefert sich gerne dem Zufall aus, etwa wenn er auf einem Tischchen steht, das unter seinen Hammerschlägen immer wackeliger wird.

Optisch kunstvoll ist der Film, mit manchmal magischen Bildern in der Natur im Sonnen- und Gegenlicht, mit Zeitlupen-Aufnahmen, die die urwüchsige Schönheit der Bewegungen betonen – eine Liebeserklärung an die neue Zirkus-Kunst.

Termin: 23. Juli, 17:30 Uhr, Arte.

Akrobaten unter freiem Himmel

Bei der Vorstellung des Films im Kino Achteinhalb (v.l.): Akrobat Alexandre Fray, Regisseurin Netty Radvanyi, Festivalleiterin Sylvie Hamard und Waldemar Spallek vom Achteinhalb. Foto: tok

Der Saarland-Krimi „Mord am Engelsgraben“ – am 9. Juni bei Arte

Saarland-Krimi In Wahrheit - Mord im Engelsgraben Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit - im Ford-Hochhaus in Saarlouis. ZDF/Manuela Meyer

Das Ermittlerteam Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) bei der Arbeit – im Ford-Hochhaus in Saarlouis. Foto: ZDF/Manuela Meyer

Des Saarländers Herz pocht schon nach 39 Sekunden Film in freudiger Erregung: Da schwebt die Kamera himmelwärts, und wir sehen sie in all ihrer Pracht – die Saarschleife. Dort saßen einst nicht nur Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder in innigster Parteifreundschaft vor TV-Kameras, sondern auch die SR-„Tatort“-Kommissare Kappl und Deininger, bevor sie „auserzählt“ waren, sprich ausgezählt.

Die ermittelten damals in der ARD, diesmal ist das ZDF am Zug. Das „Zweite“ zeige zu wenig vom Saarland, das hatte unter anderem die Saarländische Medienanstalt (LMS) kritisiert, die nun erhört wurde: Im vergangenen Herbst entstand an der Saar im Auftrag des ZDF der Krimi „In Wahrheit – Mord am Engelsgraben“. Am 9. Juni erlebt er bei Arte seine TV-Premiere, bevor er im Herbst im ZDF läuft; am Dienstag wurde der Film schon mal vorgestellt, von der Landesmedienanstalt und dem Regionalverband Saarbrücken. Saarländische Polit-Prominenz war ebenso zugegen wie Mitglieder des Filmteams, darunter Darsteller Rudolf Kowalski – die malade Hauptdarstellerin Christina Hecke schickte eine Videobotschaft vom Krankenhausbett. LMS-Geschäftsführer Uwe Conradt sprach von einem „ganz besonderen Tag“, denn große TV-Produktionen seien seit langem nicht mehr an der Saar entstanden. Und so hätten die LMS und die Saar-Politik, nicht zuletzt Reinhard Klimmt (SPD) und Peter Jacoby (CDU) im ZDF-Fernsehrat, ein „dickes Brett bohren müssen“, um das ZDF zu einer Produktion hier zu überzeugen. Auch Finanz- und Europaminister Stephan Toscani (CDU) sieht in dem TV-Film eine „Riesenbedeutung“ und hofft, dass die Vorteile der klassisch saarländischen „kurzen Wege“ sich bei anderen Produktionen herumsprechen. Das ZDF jedenfalls scheint sehr angetan – denn „Mord am Engelsgraben“ wird fortgesetzt, im September sollen die Dreharbeiten beginnen.

Saarland-Krimi Anna Loos Christian Berkel

Ermittlerin Mohn (Christina Hecke, Mi.) wird  in die Eheprobleme von Heike Kupka (Anna Loos) und ihrem Mann Erich (Christian Berkel) verstrickt.
© ZDF/Manuela Meyer

Ort der Vorpremiere am Dienstag war nicht zufällig das Saarbrücker Schloss, spielt es im Film doch auch eine Rolle – die des Saarbrücker Polizeipräsidiums. Von dort aus versucht die Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, die man an der Saarschleife gefunden hat. Mohn und ihr Assistent Freddy Breyer (Robin Sondermann) ermitteln erst einmal am Autobahnrastplatz-Straßenstrich, kommen aber nicht weiter, bis der Fall eine Wendung nimmt: Gibt es eine Verbindung zu einem Mädchen, das vor zehn Jahren in der Gegend verschwand und bis heute nicht gefunden wurde? Als Krimi ist der prominent besetzte Film (Anna Loos und Christian Berkel als sich fremd gewordenes Ehepaar) eher routiniert als raffiniert. Die Darsteller müssen viele Ermittlungsfakten aufsagen und sehr oft mit dem Auto vorfahren (BMW wird im Abspann für „Produktionsunterstützung“ gedankt) – das ist formal recht bieder. Und die Einblicke ins Privatleben der Ermittler sind so kurz wie plakativ: Der Partner der Kommissarin ist des Wartens auf die lang arbeitende Polizistin müde (und offenbar durch Arbeitslosigkeit angeschlagen): Mit dem markigen Satz „Ich bin nicht Dein Hausmann“ versenkt er einen kalt gewordenen Coq au vin im Müll.

Wie aber wird das Saarland präsentiert? Es wirkt wie die grüne Lunge Restdeutschlands: ländlich, ruhig, gediegen, das Land von seiner schönsten Seite. Regisseur, Ko-Autor und Kameramann Miguel Alexandre lässt den Blick gerne von oben schweifen, ob auf Ottweiler oder die Saar an der Mettlacher Schleuse. Manche Schauplätze setzen sich aus mehreren Orten zusammen – ein Polizist betritt den Innenhof der Stadtgalerie und ist, Schwupps, im Saarbrücker Schloss (alias Polizeidienststelle). Ein reizvolles Quiz für Ortskenner.

Saarländischen Sprachklang hört man nicht, es bleibt hochdeutsch. Immerhin erlaubt sich die Kommissarin mit einem „Ça va?“ einen gallischen Sprachschlenker; aber die Nähe zu Frankreich wird nicht strapaziert, anders als bei antiken SR-„Tatorten“, als man regelmäßig die „Kollegen in Metz“ anrufen musste. Auch wenn „Mord am Engelsgraben“ seine Schwächen hat – die Figuren haben Potenzial. Gut, dass man sie wiedersehen wird.

Sendetermin: Freitag, 9. Juni, 20.15 Uhr, bei Arte, im Herbst im ZDF.

 

DIE DREHORTE:

Pingusson-Bau, Stadtgalerie, Saarbrücker Schloss, Saar-Uni, ein Schiff der Personenschiffahrt Saarbrücken, das Ford-Hochhaus Saarlouis, Schleuse Mettlach, die Ottweiler Innenstadt, Erlebnisbergwerk Velsen, Goldene Bremm. Innendrehorte: Wallerfangen-Bredersdorf, Illingen-Hirtzweiler.

 

Ben Hopkins über seinen Film „Welcome to Karastan“ – 18. Mai bei arte

Ben Hopkins Matthew Macfadyen

Regisseur Emil Forester (Matthew Macfadyen) ist in einer fremden Welt gelandet. Foto: ZDF/Brainstorm

 „Welcome to Karastan“ erzählt von einem Regisseur in der Krise, der ein verlockendes Angebot erhält: Er soll das kernige National-Opus einer jungen Kaukasus-Republik drehen – und stolpert dabei mitten hinein in Bürgerkriegswirren. Ein kurzes  Gespräch mit dem Briten Ben Hopkins, der die Komödie geschrieben und inszeniert hat.

 

Es kriselt beim Künstler: Die Muse hat den Regisseur Emil Forester schon lange nicht mehr geküsst (seine große Liebe und Ex-Frau auch nicht), und der Oscar im Regal hilft auch nicht weiter – zumal nur ein Kurzfilm-Oscar. Wie gut, dass ein Anruf den Filmemacher von der Untätigkeit erlöst: Die junge Kaukasus-Republik Karastan lädt ihn zu seinem Filmfestival ein. Forester nimmt dankbar an und erlebt im Land Sonderbares – etwa das Angebot des dezent diabolischen Präsidenten, in Karastan ein National-Epos zu drehen, das die Republik im Rest der Welt bekannt machen soll. Denn, so des Präsidenten Logik: „Was war Schottland, bevor es den Film ‚Braveheart‘ gab?“

„Welcome to Karastan“ ist eine vergnügliche Komödie über kreative Krisen, die Macht und die Ohnmacht des Kinos – erdacht und inszeniert hat sie der britische Filmemacher Ben Hopkins, der ähnliche Karrieretiefen wie seine Hauptfigur kennt. Vor sieben Jahren drehte er seinen letzten Spielfilm vor „Karastan“ – drei lange geplante Filmprojekte „gingen den Bach runter“, wie es Hopkins nennt. „Aber man gewöhnt sich an alles, auch an Folter.“

 

Ben Hopkins

Regisseur und Autor Ben Hopkins. Foto: Hopkins

 

Autobiografisch möchte Hopkins seinen Film dennoch nicht verstanden wissen, aber die bizarren Erlebnisse etwa beim Filmfestival in Karastan seien schon ein „Best Of“ seiner Festivalbesuche und die seines polnischen Co-Autoren Pawel Pawlikowski, dessen Film „Ida“ 2015 den Auslands-Oscar gewonnen hat. „Manchmal, wenn man bei einem schlechten Festival der zweistündigen Rede des Kulturministers von Arschlochistan zuhört,“ sagt Hopkins, „fragt man sich schon, was das alles soll.“

Sein Film handelt auch von der Versuchung: Der Regisseur Forester greift beim Regieangebot des Tyrannen nur zu gerne zu, er ist naiv-dankbar für eine neue Aufgabe und blendet aus, was er dreht und für wen. Eine Versuchung, die Hopkins kennt, gerade „wenn es weniger gut läuft“. Man finde ein Projekt zwar unpassend für sich selbst, „aber es könnte Geld bringen und die Karriere wieder anschieben – ob nun Werbefilme für Ölkonzerne oder Polizeithriller“. Dieser Versuchung, sich dem reinen Mainstream anzudienen, um danach „etwas Persönliches drehen zu können“, habe er bisher nicht nachgegeben, „aber sie ist doch immer da“. Ideenlosigkeit plagt Hopkins dabei, anders als den Regisseur im Film, nicht. „Ich werde sicher mit vielen ungedrehten Filmen sterben. Mit Finanzierung habe ich unendliche Probleme. Ich liebe Geld, aber Geld liebt mich nicht.“

Gedreht hat Hopkins die Karastan-Szenen seines bittersüßen Films – „Das kommt dabei heraus, wenn zwei deprimierte Filmemacher eine Komödie schreiben“– in Georgien. Probleme wie beim Film-im-Film-Dreh (Revolten, ein entführter Hauptdarsteller) gab es nicht, und die Feier nach den Dreharbeiten war wohl orgiös. „Die Georgier saufen wie Teufel und singen wie Engel. Schönere Musik gibt es nicht auf Erden.“

Im Film-im-Film taucht auch ein Hollywood-Actionstar namens Xan Butler auf, der für seine Profession ausgesprochen schmächtig wirkt. Wen hatte Hopkins da im Sinn? Till Schweiger sei ja auch nicht sehr groß, sagt Hopkins, Tom Cruise sei winzig – und Vin Diesel möglicherweise ein Zwerg. „Ich glaube, wir dachten an Steven Seagal, der ja gerne an merkwürdigen Orten wie einem mongolischen Filmfestival auftaucht.“

Der fiktive Regisseur Forester hat in seiner Wohnung ein Plakat des Fellini-Films „8 1/2“, ein Detail mit Symbolgehalt, geht es in Fellinis Film doch auch um einen krisengebeutelten Regisseur, gespielt von Marcello Mastroianni. „Bei Fellini gibt der Produzent ihm eine Pistole, weil ihm bei einer Pressekonferenz nichts Gescheites einfällt. Der Regisseur erschießt sich, und dann tanzen alle“, sagt Hopkins. „Das ist eine gute Beschreibung dafür, wie es ist, Regisseur zu sein.“

18.5., 23.40 Uhr, Arte

 

 

 

Herz der Finsternis: „Taboo“ mit Tom Hardy

 

Eine Gnade, dass es noch kein Geruchsfernsehen gibt. Denn dieses London stinkt nicht nur gesellschaftlich zum Himmel. Metzger verwursten Gedärme am Straßenrand, manche Dialoge finden am Urinal um die Ecke statt, und fast jeder Figur wünschte man eine warme Dusche mit einem gerüttelt Maß Seife. Der TV-Mehrteiler „Taboo“, der bei amazon zu sehen ist und jetzt auch als DVD/Blu-ray erscheint, lässt atmosphärisch nichts aus, um tief hineinzuführen in die britische Metropole des Jahres 1814.

Dorthin kehrt der Abenteurer James Keziah Delaney (Tom Hardy) zurück. Zehn Jahre war er in Afrika für die (all)mächtige Londener „East India Company“, und ein Ruf wie Donnerhall eilt ihm voraus: Ein Monster soll er sein, gewalttätig und so wahnsinnig, wie es sein zuletzt Vater war, zu dessen Beerdigung Delaney in die alte Heimat zurückkehrt. Erfreut darüber ist fast niemand – immerhin aber seine Halbschwester Zilpha (Oona Chaplin, die Enkelin von Charles), wobei deren Verhältnis über ein rein platonisches einmal hinausgegangen zu sein scheint. Delaneys Vater hinterlässt dem Sohn nur eines: einen scheinbar wertlosen Zipfel Land in Nordamerika. Den will ihm die „East India Company“ verdächtig schnell abkaufen, doch Delaney besitzt Weitblick: Er ahnt, dass dieser Fleck einmal von handelsstrategisch höchster Bedeutung sein wird, sobald der Krieg zwischen den USA und England vorbei sein sollte. Delaney geht auf kein Angebot ein, und so greift die Handelsgesellschaft zu rabiaten Mitteln – ein erster Mordanschlag schlägt fehl.

 

 

Darsteller Tom Hardy hat diese Reihe zusammen mit seinem Vater Chips konzipiert, finanziert und den Plot (Drehbuch: Steven Knight, „Peaky Blinders“)  bis zum Rand gefüllt mit Inspirationen: Charles Dickens, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, Gangsterfilme, Horror, Batman (der Held und sein Butler), „Les misérables“, Kolonialismus- und Kapitalismuskritik. Hier ist alles drin, weswegen manche Kritiker „Taboo“ Maßlosigkeit vorgeworfen haben. Doch das ist kleinlich angesichts dieses düster schimmernden Gesellschaftsporträts, den erzählerischen Verzweigungen, dem kunterbunten Personal (darunter Franka Potente als Puffmutter und Jonathan Pryce als Strippenzieher) und der erdrückenden Atmosphäre, die der Film optisch meisterhaft einfängt.

 

 

Hardy, ohnehin ein fast immer packender Schauspieler, steht hier ganz im Zentrum und kommt wie eine Naturgewalt über Londons Gassen: Ein Racheengel mit schwarzem Staubmantel wie aus einem Western, mit Tatöwierungen und mit dem Hang, seine meist kurzen Sätze gefährlich zu knurren – und gequält von Erinnerungen an Afrika und an sterbende Sklaven. Das London, das er nach Jahren der Abwesenheit wieder betritt, widert ihn an.

Das betont maskulin ausgestellte Antiheldentum der Figur wirkt manchmal überzogen („Der Tee ist eiskalt“ – „Sind wir das nicht alle?“ lautet einer der weniger subtilen Dialoge); aber insgesamt ist „Taboo“ eine aufregende Erfahrung, die man am besten im englischen Original genießt, nicht in der Synchronisation, die etwas keimfrei wirkt. Und das passt nun gar nicht zu diesem London.

Erschienen auf DVD/Blu-ray bei Concorde Home Video.
Fotos: Concorde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herrlich: „The Young Pope“ mit Jude Law

Young Pope Jude Law

Der Papst (Jude Law) beim Billard. Foto: Gianni Fiorito/Polyband

Ein göttliches Zeichen? Oder doch nur ein schlichter metereologischer Zufall? Die finsteren Wolken über dem Petersplatz lösen sich auf, als der neue Papst Pius XIII. den Balkon des Petersdoms betritt; die Sonne bricht durch und wärmt die Tausenden von Gläubigen, die ihre Tausende von Regenschirmen zusammenklappen. Des Papstes erste Rede lässt dann den Vatikan in seinen Grundmauern erzittern: mehr Freiheit! mehr Verhütungsmittel! Auch Frauen sollen Messen lesen dürfen! Kein Wunder, dass drei Kardinäle synchron in Ohnmacht fallen und eine Gruppe von Nonnen Freudentränen vergießt.

So beginnt die zehnteilige TV-Reihe „The Young Pope“, die jetzt auf DVD/Blu-ray erscheint und erzählerisch gleich einen Haken schlägt: Denn das alles war nur ein Traum des frisch gewählten Papstes (Jude Law), allerdings kein Traum der Verheißung, sondern, zumindest aus seiner Sicht, ein Albtraum. Lenny Belardo heißt er bürgerlich, ist der erste Amerikaner im Amt und nicht der Wunschkandidat des Konklave – seine Wahl scheint die Folge di-plomatischer Mauschelei zu sein; einige Kardinäle erhoffen sich in ihm einen telegenen und leicht lenkbaren Pontifikats-Naivling. Doch rasch dämmert der machtgewohnten Führungsriege, wen sie da vor sich hat – die Strippenzieher scheinen ihren Meister gefunden zu haben. Der wirkt nur auf den ersten Blick progressiv bis revolutionär, wenn er Zigaretten schmaucht oder zum Frühstück eine Diät-Cola trinkt; aber in ihm glüht ein erzkonservatives Herz.

 

Young Pope Jude Law

Foto:  Gianni Fiorito/Polyband.

Der italienische Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller Paolo Sorrentino (46) hat diese Reihe geschrieben und inszeniert. Sein Film „La grande Belezza – Die große Schönheit“, der 2014 den Auslands-Oscar gewann, porträtierte die italienische High-Society hintersinnig und in opulenten Bildern. Das Format einer knapp zehnstündigen Reihe gibt Sorrentino nun die Möglichkeit, einen römischen Mikrokosmos zu malen wie ein riesiges Fresko; bevölkert ist es von plastischen Figuren, die man schnell zu durchschauen scheint, die aber stets übliche Erwartungen unterlaufen. Ist Pius der eisige Manipulator mit der Lust an der Macht? Oder im Herzen noch ein kleiner verschreckter Junge, der bis heute darunter leidet, dass seine Hippie-Eltern ihn im Waisenhaus entsorgt haben?

So sieht es zumindest sein Mentor, der selbst Papst werden wollte, von seinem Schüler aber letztlich ausgetrickst wurde – weswegen er sich nach der Wahl fast die Pulsadern aufgeschnitten hätte. Pius engagiert die Nonne (Diane Keaton), die ihn im Waisenhaus großgezogen hat, sofort als enge Assistentin – um sie nach einem Disput vorerst zu degradieren. Sein zentraler Gegner ist Kardinal Voiello (Silvio Orlando), der erst als machtversessener Strippenzieher erscheint, dann aber ganz unerwartete Züge zeigt.

 

Young Pope Jude Law

Foto: Gianni Fiorito/Polyband

Gerade die Gespräche zwischen Voiello und Pius sind eine Freude – bei diesem Parlieren in hochherrschaftlichen Räumen wird nie die Stimme erhoben; aber jedes Wort ist eine Waffe, jeder noch so oberflächlich scheinende Dialog ist ein Scharmützel. Pius erweist sich als Meister der kaltlächelnd und lustvoll verabreichten Demütigung, wenn er etwa einen missliebigen greisen Bischof vom warmen Rom ins eisige Alaska versetzt. Den Satz „Ich werde nie den Nächsten lieben wie mich selbst“ glaubt man diesem Narziss sofort, der in intimen Momenten bekennt: „Ich bin nicht tiefgründig, ich bin überheblich“. Ist dieser Pius nun ein schlichtes Ekel? Oder hat er ein höheres Ziel? Wenn ja, welches?

Die Serie, die bald fortgesetzt werden soll, hält das in der Schwebe, und Jude Law spielt diesen widersprüchlichen Charakter, den auch Zweifel am Glauben plagen, ungemein lebendig. Die schwarzhumorige Handlung um Kirche, Glaube (den der Film durchaus ernst nimmt), Glaubensvermarktung, Machtsicherung und unterdrückte Libido kleidet Sorrentino in eine opulente Optik: Er zelebriert Pracht und schöne Roben (im Abspann wird Giorgio Armani gedankt), lässt die Kamera durch große Räume schweben – es sind sonnendurchflutete Schlachtfelder. Dies alles ist, um im Bild zu bleiben, zum Niederknien.

Erschienen bei Polyband.

 

Young Pope Jude Law

Ja, Regieren ist schwer.  Foto: Gianni Fiorito/Polyband

 

Young Pope Jude Law

Interview zum Buch „Homosexualität bei den Simpsons“

Simpsons

 

Seit 1989 läuft die amerikanische Zeichentrickserie „Die Simpsons“ im Fernsehen – für Kinder ein bunter Spaß, für Erwachsene eine satirische Reihe, die sich mit Gesellschaft und Politik beschäftigt, auch mit Homosexualität. Der Autor Erwin In het Panhuis (Foto: Axel Bach) hat die Serie für sein Buch „Hinter den schwulen Lachern“ untersucht.

 

Warum haben Sie gerade „Die Simpsons“ erforscht? Weil es eine so bekannte Serie ist? Oder ist der Umgang mit Homosexualität dort ein besonderer?

Beides. Die Serie beschäftigt sich viel mit Homosexualität und macht das meist mit sehr sensiblem und anspruchsvollem Humor. Zwar wird gerne mit Klischees gearbeitet, etwa mit Männern, die nasal sprechen und den kleinen Finger abspreizen, es geht aber weit darüber hinaus. Außerdem finde ich generell Mainstream-Medien interessanter als Themen, mit denen sich ausschließlich die schwul-lesbische Subkultur beschäftigt.

Ist die Serie homophob?

Im Gegenteil. Sie hat eine sehr liberale Einstellung, die in der Offenheit über die des Durchschnitts-Amerikaners hinaus geht. Bei den „Simpsons“ wird Partei für die Homo-Ehe ergriffen, 1990 gab es dort sogar den ersten schwulen Kuss im US-Fernsehen – in England musste diese Szene sogar gekürzt werden, um als DVD eine entsprechende Altersfreigabe zu erreichen.

Wie hat sich die Thematisierung von Homosexualität über die Jahrzehnte verändert bei den „Simpsons“?

In den ersten Jahren war Homosexualität kaum ein Thema, was wohl auch mit der politischen Großwetterlage zu tun hatte – da gab es ein konservatives Hoch in den USA. Aber spätestens seit der fünften Staffel 1993 wird sie oft behandelt. Es gibt aber auch Einschnitte, bei denen die Serie zurückrudern musste. Etwa nach dem so genannten „Nipplegate-Skandal“, als Janet Jackson 2004 im TV angeblich aus Versehen ihre Brust entblößte.

Was war die Folge?

Strengere Auflagen im US-Fernsehen, auch für Zeichentrickserien, etwa dass man keine nackten Hintern mehr zeichnen durfte – auch wenn „Nipplegate“ in keinem Zusammenhang mit Homosexualität stand. Es gibt aber generell auch einige schwule Zensur-Beispiele, die die Grenze des Darstellbaren veranschaulichen, etwa der homoerotische Traum bei der Serien-Figur Smithers, bei dem eine Beule unter der Bettdecke als Erektion wahrnehmbar war.

Es verwundert ohnehin, dass die Serie bei dem sehr konservativen Sender Fox läuft. War der Sender früher, als die Simpsons dort anfingen, liberaler als heute?

Nein, Fox war schon immer sehr konservativ. Deshalb hat es viele überrascht, dass so etwas Linksliberales wie die „Simpsons“ dort laufen kann und sich sogar gezielt über die Rechtslastigkeit des Senders lustig macht. Fox-Besitzer Rupert Murdoch ist sogar Gastsprecher der „Simpsons“.

Wie passt das denn zusammen?

Für Fox ist die Serie offenbar ein linksliberales Aushängeschild im Unterhaltungsbereich, um nach außen hin als pluralistisch zu erscheinen, auch wenn der Sender – vor allem in der Polit-Berichterstattung – ausschließlich republikanisch geprägt ist.

Wie geht die Serie mit Homo-Klischees um? Werden die so überzogen, dass dadurch schon so etwas wie eine Satire auf gängige Vorurteile entsteht?

Nein, eine Parodie auf Klischees sehe ich hier nicht. Aber wenn man sich über klischeehaft schießwütige Polizisten und korrupte Politiker lustig macht, sehe ich auch bei klischeehaft tuntigen Schwulen kein Problem. In vielen Fällen werden diese Klischees als Vorurteile entlarvt. Bei den „Simpsons“ wird aber auch bei Themen wie Rassismus oder Frauenrechten nicht mit deutlicher Pädagogik gearbeitet, sondern mit einem subtilen und subversiven Humor.

War Aids je ein Thema?

So gut wie nie, was mich sehr erstaunt hat, weil die Serie sonst so mutig ist. Es gibt eine gutgemachte Szene, die die irrationalen Ängste angesichts Aids karikiert, aber das war’s leider schon. Matt Groening, der Schöpfer der Serie, lässt das Thema außen vor, weil er mit seinem Humor in Bezug auf HIV/Aids unzufrieden ist. Das ist schade, weil die Serie auch mit ernsten Themen wie Suizid und sexuellem Missbrauch sehr gut umgehen kann.

Die Serie wird ebenso von Kindern wie von Erwachsenen gesehen – welchen Effekt hat die Darstellung der Homosexualität dort auf Kinder?

Ich glaube, bei Kindern bleibt vor allem die Erkenntnis hängen, dass Schwule und Lesben sich von Heteros kaum unterscheiden. Sie wollen heiraten und suchen ihr privates Glück. Mit dieser Selbstverständlichkeit kann die Serie emanzipatorisch durchaus viel erreichen.

Sind die Macher der Serie selbst schwul?

Auf den Audiokommentaren der DVDs gibt es zumindest keinen, der sich outet. Sie haben sich in einer Szene aus Scherz einmal alle als schwul beziehungsweise lesbisch bezeichnet. Dann haben sie sich darüber lustig gemacht, dass viele Zuschauer diesen selbstironischen Humor nicht verstanden haben. Es sind also aufgeschlossene Heteros, denen es egal ist, für schwul oder lesbisch gehalten zu werden. Matt Groening ist ein Kind der 70er Jahre. Ihn stört es einfach, dass den Schwulen und Lesben immer noch wichtige Rechte vorenthalten werden.

Läuft die Serie auch in Russland, wo seit einiger Zeit die positive Darstellung von Homosexualität in der Öffentlichkeit verboten ist?

Ja, sie läuft, wird aber zensiert – überraschenderweise nur in den politischen Passagen. Dabei machen sich „Die Simpsons“ vor allem über die amerikanische Politik lustig, was ja in Russland niemanden stören sollte. „The Voice of Russia“ schrieb als Fazit zu meinem Buch: „Die Simpsons behandeln Homosexualität als etwas Normales.“ Für mich wurde aus dieser Kurzmeldung nicht klar, ob der Autor das nun positiv oder negativ meint.

Haben Sie für Ihr Buch lange nach einem Verlag gesucht?

Nein, ich hatte Glück. Bei demselben Verlag, „Archiv der Jugendkulturen“ (heute Hirnkost KG) hatte ich schon ein Buch über Schwule und Lesben in der „Bravo“ veröffentlicht und innerhalb von 24 Stunden hat mir mein Verleger zugesagt, dass er auch das „Simpsons“-Buch herausgeben möchte. Über seinen Mut, auch mehrere hundert Fotos abzudrucken – ein Novum im Bereich der Sekundärliteratur – habe ich mich sehr gefreut.

Erwin In het Panhuis: Hinter den schwulen Lachern. Homosexualität bei den Simpsons. Hirnkost KG, 205 Seiten, 350 Abbildungen, 28 Euro.

www.erwin-in-het-panhuis.de

 

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