KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Musik (Seite 1 von 2)

Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von "Vortex". Alle Fotos: Tobias Keßler 3. Cinefonie-Tag

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von „Vortex“. Alle Fotos: Tobias Keßler

Weiche Knie bei einem fast 90 Jahre alten Film? Der einem dabei zwar nicht ganz, aber doch ziemlich neu erscheint? Das kann passieren: Am Samstag hat das Bandprojekt Vortex Carl Theodor Dreyers Klassiker „Vampyr“ untermalt. Ein Stummfilm ist der nicht, wurde es aber hier: Der Originalton war abgedreht, die spärlichen Dialogsätze konnte man als Untertitel lesen, während der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger (Schlagwerk/Mundorgel/Mikro für ominöses Hauchen), Gitarrist Oliver Freund und düster dräuende Sounds aus dem Rechner den Film in ein tiefschwarzes Klangkleid hüllten – die Geschichte um Vampirismus und eine trügerische Realität, von Dreyer in einer traumartigen Atmosphäre und mit heute noch verblüffenden Kamerabewegungen erzählt, hat mit der Musik eine ungeheure Wucht entwickelt.

https://www.facebook.com/Vortex.music.official/

Cinefonie Marcus Stiglegger Vampyr Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

 

Ein Erlebnis war das und ein Höhepunkt des durchweg gelungenen 3. Cinefonie-Tages am Samstag in Saarbrücken. In den ersten beiden Jahren hatte Veranstalter Jörg Mathieu, Herausgeber des Saarbrücker Filmmagazins „35 Millimeter“, seine Verbindung von Konzert und klassischem Kino erst ins Kino Achteinhalb und dann ins Saarbrücker Filmhaus gebracht; diesmal zog er ins Garelly-Haus in die Eisenbahnstraße, wo abwechselnd die Musik im Erdgeschoss spielte und die Filme im ersten Stock liefen. Etwa die selten gezeigte Stummfilmperle „The Wind“ von Victor Sjöström, einem schwedischen Filmemacher (1879-1960), der auch in Hollywood gearbeitet hat. Stummfilmexperte Günter A. Buchwald begleitete das schicksalssatte Werk von 1928, in dem eine Frau (Lillian Gish) in einer lebensfeindlichen Natur strandet und dort ebenso mit der Männerwelt zu kämpfen hat.  Buchwald agierte überwiegend in klassischer Stummfilmmusik-Manier, mit pianistisch hoher Schlagzahl – doch in manchen Sequenzen legte er den Schalter am Keyboard um und untermalte Bilder eines dramatischen Sandsturms mit schrillen elektronischen Tönen, ließ es wabern und kreischen – ein schöner Kontrast und ein imposanter Film, der den Beginn des Cinefonie-Tages wieder aufnahm: Er hatte mit einer Lesung des Filmwissenschaftlers Jens Dehn aus seinem Buch „Film can be Art“ über den Regisseur Sjöström begonnen, das Mathieu herausgegeben hat.

Cinefonie Günter A. Buchwald Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Musiker Günter A. Buchwald

www.stummfilmmusiker.de

 

Auch einen Einblick in die Medienpraxis gab es: Der Saarlouiser Musiker und Sounddesigner Sebastian Heinz stellte seine Arbeit vor, zeigte seine musikalische und klangliche Untermalung eines PC-Spiel-Trailers und demonstrierte, dass diese Arbeit technisch ein ziemliches Gefummel ist: 173 Tonspuren musste er befüllen, mit Schritten auf Gras, Explosionen, klirrenden Schwerten und allerlei mehr. Ein „Puzzle von 100 000 Teilen“ ist das, sagte er, und beim Soundesign habe man höchst selten den Luxus, solche Geräusche selbst aufzunehmen und zu bearbeiten – eher müsse man sich bei Soundbibliotheken greifen und die Funde wiederum bearbeiten, denn „man hat nicht immer das perfekte Material“. Und auch dem eigenen Ausdruck sind manchmal Grenzen gesetzt, berichtete er, gerade im „Imagefilm“, sprich Werbung, sei man weniger ein Künstler denn ein Dolmetscher, der ein Produkt emotional übersetzen müsse – ob nun einen Mülleimer oder etwa eine Dusche: Für eine solche musste Heinz einmal eine einprägsame Musik komponieren, wobei der erste Entwurf – eher intim und lyrisch – die Auftraggeber nicht überzeugte. Die zweite Fassung – mit episch-heroischem Hans-Zimmer-Rumms – wurde genommen. Heinz gefällt die erste Fassung besser, aber in solchen Situationen sei man eben Dienstleister.

http://www.heinz-sebastian.com/

Heinz hat eine Firma zusammen mit Markus Trennhäuser, auch bekannt als Rapper Drehmoment; der kümmert sich um die Produktion von Werbefilmen, die Heinz dann vertont. Trennhäuser sprach von der Schwierigkeit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen in einer digitalen Welt, die ohnehin schon reizüberflutet sei. Auffallen könne man da nur mit „gutem Storytelling“, orginellen Geschichten, von denen man hofft, dass sie sich im Internet verbreiten – „eine potenzielle Viralität“. Der technische und finanzielle Aufwand sei gar nicht so wichtig, „aber gerade im Saarland wissen das zu wenige“.

 

 

Cinefonie Sebastian heinz Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Sebastian Heinz und ein paar von 173 Tonspuren.

Cinefonie Markus Trennhäuser Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Markus Trennhäuser.

 

Danach ging es vom ersten Stock ins Erdgeschoss, wo der heimische Künstler Volker Schütz eine Wand mit Mustern bestrahlte und Im Namen des Volkes auftraten – und das war ein Vergnügen. Pochende, pulsierende, manchmal piepsende und quietschende Synthesizer-Musik, dazu die lässige Bühnenpräsenz dieses fulminanten Duos: Sänger/Keyboarder Matthias Schuster, mit wallendem Haarschweif, kämpfte ein wenig mit einem antiken Korg-Keyboard, versprach aber, „irgendwann mal einen Ton rauszukriegen“. Trautonia Capra spielte neben den Keyboards ein Theremin – jenes Instrument, das einem  halben Fahrradlenker mit Antenne ähnelt und dem die jaulenden Töne berührungslos per Handbewegung entlockt werden – gerne benutzt in Gruselfilmen der 50er Jahre bei Auftritten von Außerirdischen. Schuster freute sich an einigen satt donnernden Sounds („das ist aber fett“) und griff am Ende zu einem Blasinstrument, dem er mal ein Zischen, mal Trompetenverwandtes entlockte. Ein wundersamer Auftritt mit ein wenig Nostalgie (Schuster: „das nächste Stück ist von 1979, so alt sind wir schon“), viel Witz und unerwartet viel Wärme in dem synthetischen Setting.

Cinefonie Im Namen des Volkes Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Vorsicht, Blasinstrument von rechts: Im Namen des Volkes.

https://www.facebook.com/Im-Namen-Des-Volkes-127496800665598/

 

 

Danach hatte es das deutsche, Englisch singende Duo Lower Synth Department erst einmal schwerer mit einer etwas kühleren Elektro-Musik, die aber eine funktionale Pop-Eleganz ausstrahlte. Der Kontrast zwischen der herben Weltschmerzstimme von Sebastian H. und der wärmeren Intonation von Kyounmg-Hi R. (zeitweise auch am Bass) hatte durchaus seinen Reiz.

https://www.facebook.com/Lower-Synth-Department-143123642372556/

Cinefonie Lower Synthe Department Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Lower Synth Department

 

Musikalisch ging es nicht gänzlich synthetisch zu. Matt Howden, Geiger, Dozent, Studio- und Labelbetreiber war aus Shefield angereist, mit Violine und einem Effektgerät, das er mit den Füßen bediente. Kurze Motive nahm er auf, ließ sie als Dauerschleife laufen, legte neue daneben, fiedelte sich langsam in Eksase  und knüpfte sich einen mal flauschigen, mal eher struppigen Klangteppich, wandelte mit seinem Instrument ins Publikum hinein – ein herzerwärmender Auftritt mit stimmlicher Melancholie, die zumindest von daher bisweilen an Bands wie The Blue Nile oder It’s Immaterial erinnerte. Howden, der sein violinistisches Solo-Projekt Sieben nennt, spielte einige frisch komponierte Stücke, eines davon gerade drei Tage alt – kein Wunder, dass er da mittendrin abbrach, um in sein Notizbuch zu schauen, wie es denn nun weitergeht. Ein famoser Aufritt mit hypnotischen Momenten.

www.matthowden.com

Cinefonie Matt Howden Sieben Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Matt Howden alias Sieben.

 

Etwas Warmlaufzeit brauchte man bei Siegfrid Kärchers „Gedanken zum Film ‚Metropolis‘“. Während hinter dem Künstler collagenhaft Momente aus Fritz Langs Film projiziert wurden, mit Menschenmassen, die in unterirdischen Fabriken zur Arbeit trotten, drehte und drückte Kärcher an allerlei blinkenden Tasten und Rädchen, ließ es wummern, wabern, dröhnen – das wirkte anfangs wie eine Mischung aus Improvisation und Technik-Test, hatte er doch, wie er sagte, ein Instrumentarium vor sich, das gerade erst vor drei Tagen aus Japan angekommen sei. In der zweiten Hälfte des Programms bat er Sängerin Pia Lamusica und Trautonia Capra von im Namen des Volkes dazu – Thereminklänge, wummernde Elektronik und Lamusicas starke Stimme, die Texte aus dem Film in Englisch deklamierte, schraubten sich kraftvoll hoch zu dramatischer Theatralik.

http://siegfried-kaercher.de

Cinefonie Siegfried Kärcher Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Siegfried Kärcher

 

Der  Tag im Garelly-Haus ging mit der heimischen Band Control um Stefan Ochs, Architektur-Professor an der HTW Saar, zu Ende. Ochs, Schlagzeuger Vincenzo Gangi, Bassist Dirk Mauel und Gitarrist/Keyboarder Stefan Strauss führten mit Coverversionen der Band Joy Division zurück in die späten Siebziger und frühen Achtziger, als der Punk an sich tot war, seine Energie sich aber in minimalistisch-rumpeligen New Wave-Klängen kanalisiert hatte. Ein nostalgieseliger Auftritt mit viel Energie und lässiger Bühnentheatralik von Ochs, der zwischendurch das Hemd wechselte und sich nach besonders lebhaften Tanzbewegungen im eckigen Ian-Curtis-Stil kräfteschonend hinkniete.

http://www.control-division.com/

 

Cinefonie Control Foto: Tobias keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Control

Ein guter langer Kino- und Musiktag zwischen Konzert- und Werkstattcharakter war das, bei dem man in den Räumen immer genug Auslauf hatte – denn der Brandschutz verlangt, erklärte Mathieu, dass nicht mehr als 99 Menschen sich im Garelly-Haus aufhalten. 2018 steht ein neuer Standort an: die eli.ja – Kirche der Jugend in der Hellwigstraße.

„Savage“, das neue Album von Gary Numan

Gary Numan Savage BMG

Gary Numan, der Vermummte. Fotos: BMG

„Savage“ heißt das neue Album von Gary Numan, der damit seinen vierten (oder gar fünften? sechsten?) Frühling erlebt. Ein Blick auf das Album, aber ersteinmal auf eine kuriose und schwierige Karrriere. die eigentlich schon vor 36 Jahren totgesagt wurde.

Die Vorgeschichte

Saarbrücken Wahrscheinlich versteht er die Welt gerade selbst nicht mehr. In seiner Heimat England häufen sich die Interviews, einen Songwriter-Preis hat er bekommen, und die neue CD „Savage“ wird Gary Numan wohl den ersten Top-10-Einstieg in die britischen Album-Charts seit 35 Jahren (!) bescheren. (Kleine Aktualisierung – das Album ist auf Platz 2 eingestiegen.)

Nicht schlecht für jemanden, der über viele Jahre als Hass- wie Witzfigur galt und eine beispiellose Zickzack-Karriere erlebte, bei der man etwas ausholen muss: 1978 ist Gary Numan ein 20-jähriger Südlondoner, der von der Popkarriere träumt und auf seiner Gitarre Punk-Akkorde herunterschrubbt, um dem aktuellen Zeitgeist einen Plattenvertrag abzutrotzen. Das gelingt, und Numan lässt Ideologie und Stil des Punk schnell hinter sich, als er in einem Hinterhof-Studio einen Synthesizer entdeckt. Dessen düstere Klangfarben verbindet er mit Gitarren und seiner ungewöhnlichen, leicht metallischen Stimme, singt von Maschinen, Entfremdung, Vereinsamung und trifft offensichtlich einen Nerv: Die Single „Are friends electric“ erreicht 1979 Platz 1 in England, gefolgt vom Elektronik-Klassiker „Cars“, und macht Numan zu einem bizarren Popstar: Ein unsicherer Einzelgänger, mal schüchtern, mal großspurig, der sein schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder bei bombastischen Shows voller Neonlicht und Nebelschwaden verpulvert und sich selbst auf der Bühne hinter großen Gesten und schwarzen Kostümen versteckt. Die öffentliche Aufmerksamkeit und die Attacken der wenig zimperlichen englischen Presse, die an seiner Musik kein gutes Haar lässt, setzen  Numan so zu, dass er sich zwei Jahre nach dem Durchbruch theatralisch vom Tourneeleben verabschiedet. Danach widmet er sich einer Haartransplantation, macht einen Pilotenschein und fliegt um die Welt – in Indien wird er wegen Verdachts auf Spionage verhaftet.

Numan Savage BMG

Numan aktuell beim Videodreh zur Single „My name is Ruin“.

Die schwierigen Jahre

Kleinlaut steht er zwei Jahre nach dem Konzert-Abschied wieder auf der Bühne, auch um sinkende Verkäufe anzukurbeln – den künstlerischen und kommerziellen Gipfel erreicht er nicht mehr. Die 80er und halben 90er bestreitet er vor stetig schrumpfender Publikumskulisse, mit mal gelungenen, mal desaströsen Alben, in denen er seine kühle Elektronik auch mit Funk und dezentem Jazz zu verbinden sucht. Die großen Ideen sind fern, in den Medien gilt Numan mit seinen Kostümierungen, mal blondiert, mal weißgekalkt, und seiner Bewunderung für die konservative Premierministerin Margaret Thatcher als Witzfigur.

Numan schmollt, verkracht sich konsequent mit Plattenfirmen und zählt die Schulden, die ihm das eigene zügig bankrotte Plattenlabel eingebracht hat – als Künstler hatte er unter anderem seinen Bruder, ein ehemaliges Bond-Girl und einen Rennfahrer unter Vertrag genommen. Neben der eigenen Musik verdingt er sich einige Jahre mit Kunstflug-Veranstaltungen in seiner Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch Ende der 90er beginnt eine überraschende Renaissance: Bands wie die Foo Fighters oder die Smashing Pumpkins zitieren ihn als Einfluss, Tribut-Alben erscheinen, seine alte „Are friends electric“-Single wird in einer Version der Sugababes noch einmal eine englische Nummer 1.  Numan, dank dieser Tantiemen wieder schuldenfrei, wittert auch künstlerisch Morgenluft. Zwischen 1994 und 2006 erscheinen vier Alben, die an alte Glanztaten nicht direkt anschließen, die Numan aber eine Nische einrichten zwischen den Bands, die er damals beeinflusste und von denen er sich mittlerweile inspirieren lässt. „Splinter“ erreicht als erstes Album seit 1983 (!) die britischen Top 20 (wenn auch nur für eine Woche).

 

Gary Numan Savage

Verschnaufpause: Numan beim Dreh zu „My name is Ruin“ mit seiner Tochter Persia, die auf dem Stück auch mitsingt.

Das neue Album

Heute wohnt der 59-Jährige mit Frau und drei Töchtern in Los Angeles und geht regelmäßig auf Tournee: Mal mit den Hit-Alben von einst, mal mit neuer Musik. „Savage (Songs of a broken wo­rld)“ heißt nun das neue Album, laut Numan ein Konzeptalbum über die Welt nach dem Klimakollaps – textlich löst das Album das nicht ganz ein. Es bleibt vage, zumal bei Numan seit so manchen CDs die Welt untergeht, während sich im Hintergrund ein ungnädiger Gott ins Fäustchen lacht. (Warum der erklärte Atheist Numan so oft von Gott singt, wissen die, nunja, Götter).

Typische Songtitel wie „Broken“, „Bed of Thorns“ oder „When the world comes apart“ geben die Stimmung vor – mehr Moll geht kaum. Aber Numan und sein findiger Produzent Ade Fenton setzen diese Kompositionen des kollektiven Kollaps’  schlüssig und reizvoll in Szene: mit düster dröhnenden Synthesizern, tuckernden Rhythmusmaschinen, wuchtigen Donner-Gitarren und immer wieder überraschend eingängigen Refrains – so melodisch war der Weltuntergang bei Numan lange nicht. Auffällig sind viele orientalisch anmutenden Kompositionen; vor allem die erste Single „My name is ruin“, bei der Numan seine elfjährige Tochter als Sängerin eingeladen hat, weil sie die verschlungene Melodie besser trifft als er. Wirklich Neues bietet Numan nicht – aber so souverän war sein Händchen für dunkle Pop-Schönheit inmitten der großen Krise lange nicht.

Gary Numan: Savage (BMG).
Live: 25. 
10. Köln, 26. 10 Berlin.

 

http://www.afenet.com

https://de-de.facebook.com/GaryNumanOfficial

 

„Cracked Actor“, ein Live-Album von David Bowie

David Bowie Cracked Actor

Man könnte es natürlich zynisch sehen – die Vermarktungsmaschine läuft rund. Andererseits: Es gibt nur wenige Künstler, bei denen sich das Wiederveröffentlichen und/oder Ausgraben von Raritäten oder Obskuritäten derart lohnt wie bei David Bowie. Seit seinem Tod im Januar 2016, an den man sich immer noch nur schwer gewöhnen kann, sind viele neue Editionen alter Werke erschienen, Ende des Monats geht es weiter mit einer 11-CD-Box (oder wahlweise mit 13 Vinyl-Alben) namens „A new career in a new town (1977-1982)“: Sie enthält unter anderem seine legendäre sogenannte Berlin-Trilogie, als er im grauen Berlin (aber auch im schönen Montreux) an düsterer Elektronikmusik werkelte; dazu gibt es Single-B-Seiten und eine neue Abmischung des 1979er Albums „Lodger“ seitens des Produzenten und Bowie-Intimus Tony Visconti. Zumindest für beinharte Bowie-Fans ein obligatorischer Kauf.

Glam geht, Soul kommt

Bereits erschienen und mehr als empfehlenswert ist der Konzertmitschnitt „Cracked Actor – Live Los Angeles `74“, dessen Veröffentlichung etwas überrascht – gab und gibt es von jener US-Tournee, bei der „Cracked Actor“ aufgenommen wurde, doch schon ein Konzertalbum namens „David Live“.  Bowie hatte 1973 seine Bühnenfigur Ziggy Stardust mit großer Geste beerdigt und sich vom dröhnenden Glam-Rock jener Zeit mit einem beherzten Schritt wegbewegt: Amerikanischer Soul und Funk hatten es dem stets in alle Richtungen interessierten Bowie nun angetan, mit Bläsern, Backgroundsängern und Anzügen auf der Bühne statt Federboa und Plateausohlen. Doch seine Band war auf der folgenden US-Tour zu der Zeit von „David Live“ noch nicht gut eingespielt, und auch Bowie selbst war seiner Kokainsucht wegen nicht in guter Form – er äußerste sich später meist verächtlich über das Album „David Live“: Das „Live“ im Titel sei höchstens theoretisch.

„Space Oddity“, aufgedonnert

Das Doppel-Album „Cracked Actor“ nun wurde im späteren Verlauf der Tour aufgenommen, am 5. September 1974, und ist ein furioses Konzertalbum, nicht nur im Vergleich zu Bowies recht sterilem Live-Nachfolger „Stage“ (1978). Hier brodelt und vibriert es. Bowie, das blasse halbe Hemd aus London, wirft sich dem Soul an die Brust, begleitet von knackigen Bläsern und einer famosen Rhythmusgruppe. Stücke aus der „Ziggy Stardust“-Phase wirken hier größer, bunter, verspielter. Er spendiert „Jean Genie“ ein spannungsreiches Intro mit jazzigem Bass; die Ballade „Space Oddity“, im Original eher karg, wirkt hier eine Spur zu aufgedonnert, während „Cracked Actor“,  Bowies bitteres Stück über Alter, Macht und Sex, gleichzeitig rockt und swingt. In die Ballade „It’s gonna be me“ wirft er sich mit ganzer Intensität hinein. Kaum zu glauben, dass er drei Jahre später musikalisch und örtlich ganz woanders war und im Schatten der Berliner Mauer mit Synthesizern experimentierte. Die 70er Jahre waren eben seine größte Zeit.

David Bowie: Cracked Actor – Live Los Angeles `74 (Parlophone).

 

David Bowie Cracked Actor

 

http://www.davidbowie.com

 

„Vilnius“, das erste Album von Tom Schilling

Tom Schilling, fotografiert von Stefan Klüter.

„Diesen Namen muss man sich merken“, rät das Infoblatt der Plattenfirma. Aber man kennt man ihn doch schon längst: Schauspieler Tom Schilling, 35, trat als Jugendlicher am Berliner Ensemble auf, wurde 2000 mit der Literaturverfilmung „Crazy“ bekannt, spielte in „Elementarteilchen“ und zuletzt im Stasi-Spionage-Mehrteiler „Der geteilte Himmel“.
Sein vielleicht größter persönlicher Erfolg bisher ist „Oh Boy“, ein Film über das Dahindriften , das Abhängen, das Versacken. Der Film spielt keine kleine Rolle für Schillings Debüt als Musiker: Die Band Major Minors hatte 2012 unter dem Namen The Jazz Kids die Musik zu „Oh Boy“ aufgenommen und Schilling freundete sich mit den Musikern an, die nun seine Begleitcombo auf dem Album ist. „Vilnius“ heißt es und wird sich erst einmal gegen „Jetzt singt er auch noch“-Reflexkritiken durchsetzen müssen. Das könnte gelingen, auch wenn die ersten Kritiken nicht nur wohlwollend sind: einen „Kneipenfolk-Versuch“ etwa nennt der „Musikexpress“ das Album mit seinen zehn Stücken, von denen Schilling neun getextet und acht komponiert hat. Viel Liebeskummer und Melancholie ziehen sich durch die Texte, in denen Schilling gerne große Bilder malt, mit Mond, Schnee, Himmel, Sternen, Schatten und Licht, Morgenrot und Abendhauch.

 

Ein Gemälde von Gerhard Richter schmückt das Album-Cover.

 

Das kann manchmal prätentiös wirken, aber Schilling hebt das mit manchen drolligen Zeilen wieder auf, wie „Dann greif ich A-Moll – das Klavier ist verstimmt / Ich bin es wohl auch“. In der Single „Kein Liebeslied“, einem dahinratternden Chanson, besingt er freudig den Auszug der ehemaligen und wohl selten wahrheitsgetreuen Herzensdame – jetzt wird erst einmal die Wohnung geputzt, um ihre letzten Spuren zu tilgen.

Die Band spielt dazu eine Musik, die entgegen ihres Namens mit Jazz nichts zu tun hat: eher mit manchmal luftigen, manchmal rauen Klängen irgendwo zwischen rumpeligen Rock mit Nick-Cave-Aroma und Chanson. Das füllt auch die schwächeren Stücke mit einiger Spannung. „Ein Junge“ etwa mit etwas ungelenker Sentimentalität („Eine Träne tropft aufs Abendbrot“) erfreut mit einer satt vor sich hinschnaubenden Hammond-Orgel, das Liebeslied „Schwer dich zu vergessen“ mit schönen Streichern. Die Geister dürften sich am ehesten an der Ballade „Ja oder nein“ scheiden – dieses Duett mit der hier besonders kinderstimmigen Annett Louisan kann man als große Schnulze empfinden (als hätten sich Roy Black und Anita wiedervereint) – oder als herrlich gefühlige Pop-Perle. Keine kleine Leistung ist, wie Schilling und Band hier mit Bettina Wegners „Kinder“ umgehen. Da der Text um kleine Hände und kleine Seelen ohnehin aussagekräftig genug ist, singt ihn Schilling nicht tränenschwer, sondern eher gefühlvoll, aber pathosfrei  – und lässt ihn umso stärker wirken.

 

Tom Schilling & The Jazz Kids: Vilnius.
(Embassy of Music/Warner & Zebralution).

Konzerte in der Nähe:
8. Mai Heidelberg, 9. Mai Frankfurt.

 

Neues von Goldfrapp: „Silver Eye“

Alison Goldfrapp

Alison Goldfrapp. Foto: Goldfrapp

Was sind sie wohl diesmal? Folkpopper mit Blumen im Haar und einem Bett im Kornfeld, wie beim vorigen, auch schon drei Jahre alten Album „Tales of Us“? Oder 80er-Jahre-Nostalgiker wie bei der CD „Head First“ (2010)? Oder gar Herbstmelancholiker mit Vorliebe für flauschige Streicherteppiche wie bei Goldfrapps Debüt „Felt Mountain“, das jetzt auch schon 17 Jahre alt ist?

Gänzlich berechenbar ist sie nicht, die Arbeit des britischen Duos (Will Gregory/Alison Goldfrapp), auch wenn Goldfrapps leicht angeraute Stimme eine Konstante ist. Das neue, siebte Album „Silver Eye“ ist nun keine Neuerfindung im großen Stil, sondern weist zurück auf ihre vornehmlich elektronische Phase mit den CDs „Black Cherry“ und „Supernature“. Die große Überraschung fehlt also, dennoch ist das ein überwiegend spannendes Album – mit eingängigen, dabei aber nicht aufdringlichen Melodien und cleveren Arrangements irgendwo zwischen 70er/80er-Jahre-Nostalgie und der Elektronik von heute.

Gregory lässt die Synthesizer pulsieren, blubbern und jaulen, dass es eine Wonne ist. Die Rhythmen changieren zwischen elegant klackend und elefantös stampfend – manches erinnert vage an Giorgio Moroders Stöhn-Discohits mit Donna Summer wie „I feel love“. Andere Stücke wagen die große melodramatische Geste: „Zodiac Black“ etwa beginnt karg und zart, um sich dann, mit verrätselten Texten um Wasser und Dunkelheit, hochzuschrauben zur großen sphärischen Klangexplosion mit rhythmischem Wummern und entrückten Chören.

Nicht jedes der zehn Stücke ist derart gelungen, ein, zwei Songs wirken wie allzu routiniertes Füllmaterial. Das ist aber verschmerzbar angesichts des grandiosen Höhepunkts „Moon in your mouth“: eine Ode an Liebe und Leben, die in ihrem nostalgischen 80er-Elektronikkleid und mit wunderbarer Melodie direkt ans Herz geht – zum Heulen schön.

Goldfrapp: Silver Eye
(Mute).

http://www.goldfrapp.com

 

Alison Goldfrapp

 

 

 

Helge Schneider und seine Orgel: „Heart Attack No. 1“

 

Helge Schneider

 

Soll man das glauben? Studio-Alben aufnehmen, Filme drehen, Bücher schreiben – all das will Helge Schneider nicht mehr. Sagt er zumindest gerade und will nur noch auf der Bühne stehen. Sein neues Studioalbum (von weiteren Live-CDs darf man ausgehen) könnte also sein letztes sein. „Heart Attack No. 1“ ist eine Liebeserklärung an den Jazz und an Schneiders Hammond-Orgel, die das Album mit ihren mal schummrigen und schlurfenden, mal frisch und fröhlich dahinhüpfenden Klängen beherrscht.

Schneiders einziger Kollege hier ist der britische Schlagzeuger Pete York, in den 60ern bei der Spencer Davis Group und seit einigen Jahren regelmäßig mit Schneider aktiv. Drei von 14 Stücken stammen von Schneider und York, es sind weniger ausgefeilte Kompositionen denn rudimentäre Rahmen, die Schneider mit verschlungenen Orgel-Exkursen füllt, manchmal mit Vibraphonklängen und seiner Stimme. Die Texte dabei sind minimal; bei einem Stück reicht ein bluesparodistisch hingejaultes „My baby left me in the morning, yeaaaahhh!“, beim Titelstück skandiert er die Zeile „Heart Attack No. 1“ wie einst die Band des seligen Glenn Millers beim bekannten „Pennsylvania 6-5000“.

Die meisten Stücke sind verdiente Klassiker, ob nun „All of me“, „Mood Indigo“ oder „One for my baby“, die Schneider viel Gelegenheit zum lässigen Improvisieren geben – wobei sich mit dem spezifischen Hammond-Klang eine gewisse nostalgische Gemütlichkeit breitmacht: Kaffee und ein gutes Stück Herrentorte wären da nicht verkehrt. Sollte eine gewisse Gleichförmigkeit auf hohem Niveau den Hörer einlullen, wird ihn die skurrilste Nummer allerdings aufwecken wie ein Donnerschlag: Schneider nimmt sich „As time goes by“ aus dem Film „Casablanca“ vor und singt den Text mit ungeschmeidigstem Englisch und einer verhuschten Artikulation, als sei er ein Gebissträger ohne Haftcreme: „Ju masst rimämber sis – a kiss is tschast a kisss“. Für Puristen ein Härtetest, ein großer Spaß für alle anderen.

Helge Schneider & Pete York: Heart Attack No. 1 (Universal / Polydor).

 

http://www.helge-schneider.de/

Raunen, röhren, keuchen: Depardieu singt Barbara

Gérard Depardieu Barbara

 

Ob Gérard Depardieu jemals in Göttingen war? Zumindest besingt er die Stadt nun – über den Umweg von Barbara. Die französische Sängerin (1930-1997) feierte mit ihrem Chanson über die Unistadt, die sie Anfang der 60er Jahre bei einem Gastspiel besucht hatte, ihren zumindest hierzulande größten Erfolg. Nun ist der Klassiker eines von 13 Stücken Barbaras, die Depardieu auf CD gebannt hat. Vor 31 Jahren stand er mit der Kollegin im Musical „Lily Passion“ auf der Bühne; nach Depardieus Aussagen ein unvergessliches Erlebnis, wenn auch kein filmisch aufgezeichnetes – immerhin Fotos gibt es noch von diesem Gipfeltreffen. Der Motor der Hommage „Gérard Depardieu chante Barbara“  war aber nicht der Mime, sondern Pianist und Arrangeur Gérard Daguerre, lange der musikalische Vertraute von Barbara. Er arbeitete an einer überwiegend instrumentalen Hommage, Dépardieu hörte sich einige Aufnahmen an, wollte bei zwei Nummern singen, am Ende waren es 13 – Stück 14 ist ein instrumentaler Ausklang.

Werden sich nun Barbara-Fans und/oder Chanson-Puristen schwer tun mit dem gesanglichen Ausflug des großen Galliers? Wohl nicht. Denn das Album ist keine Hommage, die die Stücke gegen den Strich bürsten oder ganz neue Facetten herauskitzeln will, sondern eher eine traditionelle Huldigung. Zugleich ist es eine Liebeserklärung an die klassische Chansonkunst, die Assoziationen weckt an schwarze Bühnenroben und Rollkragenpullis, an große Gesten und kajalumrandete Sängerinnen-Augen.

Pianist Daguerre, manchmal begleitet von Streichern und Akkordeon, knüpft den Klangteppich, auf dem sich Depardieu genüsslich ausbreitet, dabei aber nicht versucht, sich als technisch versierter Sänger zu zeigen, sondern als gefühlvoller Interpret. Die Grenzen zwischen Gesang und Sprechgesang sind fließend, im Stück „Mémoire, mémoire“ etwa, wenn er bei „folie recluse“ das erste Wort noch melancholisch raunt, beim zweiten schon melodiös abhebt. Ein Ansatz, der sichs durch das gesamte Album zieht und ihm den Charme einer gewissen Unberechenbarkeit verleiht – auch wenn die musikalische Begleitung ganz traditionell ist. Mal beginnt Depardieu deklamierend und röhrt am Ende wie ein gallischer Tom Jones („Le soleil noir“), mal singt er ganz klassisch („La solitude“), mal keucht er: Beim rhythmisch hüpfenden „Une petite cantate“ gerät er außer Atem, dabei dauert das Stück nur zwei Minuten. Das sind wohl die Tücken des Wohllebens.

Nur einen Tiefpunkt gibt es: „L’aigle noir“ – glatt, melodramatisch, kitschig. Ein Höhepunkt ist das unsterbliche „Göttingen“: Diese Ode an die deutsch-französische Freundschaft geht ans Herz. Man glaubt Putin-Freund Depardieu die frohe Botschaft der Völkerverständigung – egal, ob er Göttingen nun kennt oder nicht.

Gérard Depardieu chante Barbara
(Erschienen bei Because/Warner).

 

„La La Land“ – das Album

La La Land

 

Ach, schade: Die schrillen, grenzparodistischen Neuversionen der 80er-Hits „I ran“ und „Take on me“, mit quietschigen Keyboards und über-enthusiastischem Gesang, sind nicht auf dem Album zum Film „La La Land“. Vielleicht hätten sie ja auch nicht hineingepasst in diese Kollektion nostalgischer, dabei ironiefreier Musical-Klänge aus einem hinreißenden Film, der mit 14 Oscarnominierungen reich (für manche überreich) beschenkt ist. Big-Band-Jazz, zarte Balladen, flotte Tanznummern und auch einen streicherumschmusten Walzer bietet dieses Album von Komponist Justin Hurwitz (Texte von Justin Paul und Benj Pasek).

Kennt man den Film nicht, der von der Liebe einer Schauspielerin und eines Musikers in Los Angeles erzählt, mag manche Nummer etwas bombastisch und kitschig wirken – vor allem „Someone in the crowd“ mit großem Chorgeschmetter. Aber hat man „La La Land“ gesehen, verbindet sich die Musik mit den Bildern im Hinterkopf und mit seiner bittersüßen Geschichte, die das ganz große Gefühl und die große Liebe beschwört, seine Figuren dann aber doch scheitern lässt, letztlich an sich selbst.

Charmant dabei ist, dass Schauspieler Ryan Gosling nicht der Stimmgewaltigste ist – bei der Los-Angeles-Liebeserklärung „City of stars“ trifft er nicht jeden Ton und wurschtelt vokal etwas vor sich hin. Das passt immerhin, im Film spielt er ja einen Pianisten. Aus dem Rahmen fällt nur ein Stück, „Start a fire“ von John Legend: Im Film ist es das tönende Beispiel dafür, dass der ambitionierte Jazzpianist sich nolens volens dem kompetenten, aber etwas langweiligen Kommerz andient – genau so klingt das Stück auch. Ein Fremdkörper auf einem ansonsten famosen Album.

La La Land: Original Motion Picture Soundtrack (Universal).
Die Szenenfotos stammen vom Verleih Studiocanal.

 

La la Land

La la Land

La la Land

La la Land

 

Hausbesuch bei Genetikk in der Saarbrücker „Factory“

Genetikk

Zwei ihrer Alben sind aus dem Stand auf Platz eins in Deutschland eingestiegen, die neue CD „Fukk Genetikk“ schaffte es auf Platz 6. Es läuft gut beim Saarbrücker HipHop-Duo Genetikk. Ein Hausbesuch bei Rapper Karuzo und Produzent Sikk in ihrer „Factory“. Ihre Masken blieben dabei im Kleiderschrank, aber Fotos gibt es nur maskiert.

Da wartet man doch gerne. Der Kaffee ist nachtschwarz und könnte Tote erwecken, die Bücher neben dem Sessel sind kiloschwere Edelbände über Architekten wie Le Corbusier und Vincent Van Duysen. Auch ein Beuys-Buch ist mitgestapelt. Das also ist, in einer Straße nahe am Saarbrücker Staden, die Schaltzentrale von Genetikk, einem der erfolgreichsten HipHop-Acts Deutschlands. Während das Duo im Raum nebenan noch ein Telefon-Interview gibt, kann man sich ein wenig umschauen in der „Factory“, wie es seine Zentrale in Anlehnung an Andy Warhol nennt.

Weiße Wände, Fachwerkbalken, ein Nobel-Rennrad (wenn auch mit plattem Hinterreifen); zwei Schreibtische, geschmackvoll beschallt von Soul und Electro. Eine E-Zigarette dampft, ab und an klingelt das Telefon: „Hikids, hallo?“ – keine berufsjugendliche Anrede, sondern der Name des Unternehmens, das Genetikk nebenher führen: ein Modelabel als Absicherung, um das ganze Team, insgesamt sieben Leute, zu ernähren, wenn gerade keine Tournee oder Albumveröffentlichung ansteht.

Das Telefon-Interview ist nun zu Ende; Karuzo, die Stimme von Genetikk, führt herum – in einem Raum stapeln sich Pakete sowohl mit „Hikids“-Textilien als auch mit Genetikk-Merchandise. Nebenan ist eine kleine schallisolierte Kabine mit Mikrofon, daneben ein Raum mit Klavier und Mischpult, das Studio. Musik, Merchandise und Management sind also unter einem Dach, Genetikk sind beneidenswert autark. „Es gibt Künstler, denen die Plattenfirma sagen muss, was sie aufnehmen, was sie anziehen und was sie im Interview sagen sollen“, sagt Karuzo, „wir zählen nicht dazu.“

Als Gesprächspartner sind Genetikk ein eingespieltes Duo, man kennt sich seit Schulzeiten am Deutsch-Französischen Gymnasium in Saarbrücken, machte zusammen Musik, fand ein Plattenlabel und den großen Erfolg. Karuzo übernimmt meist das Reden; Sikk wirft ab und an etwas ein – „wir sind die ersten Saarländer mit goldener Schallplatte seit Nicole – wäre das nicht ein interessanter Aufhänger?“ Interessant ist es jedenfalls, die beiden ohne ihre manchmal gruselverströmenden Masken zu sehen, die sie, wie Karuzo sagt, „anonym und gleichzeitig sofort wiedererkennbar“ machen; hinter denen kann man sich ja was auch immer vorstellen – aber demaskiert sind Genetikk zwei optisch attraktive, gleichzeitig unauffällige Mittzwanziger, denen man jederzeit den eigenen Wohnungsschlüssel anvertrauen würde, damit sie einem im Urlaub die Blumen gießen.

Dass das überhaupt überrascht, mag daran liegen, dass Genetikk in einem Musikgenre operieren, das gerne mit Schocks und Tabubrüchen arbeitet – als Erfolgsprinzip personifiziert etwa von Bushido, der kalkuliert provoziert und dabei zielsicher auf mediale Empörungsbereitschaft setzt. „Über Bushido wirst Du kein böses Wort von uns hören“, sagt Karuzo. Mit dem sei man aufgewachsen und großgeworden. „Die Plumpheit, mit der da manches rüberkommt, finde ich großartig. Das zieht er konsequent durch.“ Genetikk gehen da, auch auf dem gelungenen neuen Album „Fukk Genetikk“, anders, sarkastischer und doppelbödiger an HipHop-Themen wie Geld, Gewalt, Drogen und Sex heran; als kritische Ironiker wollen sie sich dennoch nicht verstanden wissen. „HipHop lebt wie die ganze Popkultur von Klischees“, sagt Karuzo. Mit denen spiele man gerne, „das Plumpe macht ja auch Spaß“. Zudem seien Geld und Sex ja tatsächlich „die Motoren der Welt. Das Banale, Profane hat beim Menschen eine uralte Tradition. Wir alle sind Steinzeit – das Stammhirn gibt den Ton an.“

Geld ist ja nichts Böses

Die vorigen Alben „D.N.A.“ und „Achter Tag“ sprangen aus dem Stand auf Platz eins der Albumcharts, „Fukk Genetikk“ immerhin auf die 6. Genetikk sind also ein blühendes Unternehmen; Geld ist für Karuzo „nichts grundsätzlich Böses. Andy Warhol sagte ja, dass Geldverdienen die schönste aller Künste sei.“ Für das Duo bringt das Geld vor allem Freiheit, selbstverwaltet unter einem Dach zu arbeiten und künstlerisch so gut wie nichts aus der Hand geben zu müssen. Und dass Saarbrücken aus Metropolensicht etwas abseits liegt, hat für Sikk den Vorteil, „das wir mit dem ganzen Zirkus nichts zu tun haben“.

Dass Plattenverkäufe rückläufig sind und selbst ein Nummer-Eins-Album nicht mehr ganz so profitabel ist wie noch vor Jahren, wissen Genetikk. Das junge Publikum hört das neue Album wohl meist auf Diensten wie Spotify, die nicht jeder Künstler schätzt, da die Tantiemen dort eher tropfen denn sprudeln. „So schlecht ist die Quote da gar nicht“, sagt Karuzo, „und man muss akzeptieren, dass sich das ganze Geschäft dahin und etwa zu iTunes verlagert“. Umso wichtiger zum Leben und Überleben sei das Konzertgeschäft – „und deshalb muss man live gut sein“, sagt Karuzo. 100 000 Euro haben sie in ihre kommende Show gesteckt, mit der sie im März in der Region auftreten. Es läuft also gut bei Genetikk. Und wenn es mal nicht mehr läuft? „Dann“, sagt Sikk, „treten wir bei Galas auf oder spielen zur Eröffnung von Autohäusern.“

„Fukk Genetikk“ ist bei Selfmade/Universal erschienen.
Konzerte: 11. März, Den Atelier in Luxemburg.
30. März, Garage Saarbrücken.

Fotos: Hell

 

Genetikk

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MTV, Madonna und die 90er – Ray Cokes erinnert sich

Ray Cokes

In den 90ern war er der König des Musikfernsehens: Fast jeder Jugendlicher kannte MTV-Moderator Ray Cokes. von Karriere-Absturz, Depression und gemäßigtem Comeback erzählt der Brite in seiner Autobiografie.

Kennt ihn noch jemand unter 30? Eine Umfrage im Büro fällt ernüchternd aus – hält man Ray Cokes‘ Autobiografie jüngeren Kollegen unter die Nase, zucken die mit den Achseln. In den 90ern wäre das nicht passiert. Da war der Brite, wenn nicht der König der Welt, dann doch der von MTV – und damit der Jugendkultur. Cokes moderierte seine Kessel-Buntes-Sendung „Most Wanted“ mit einem Nicht-Konzept des gerade so kontrollierten Chaos‘. Heutige als frech geltende Moderatoren wirken gegen Cokes in seinem Zenit wie streberische Azubis der Lockerheit. Nur: Was macht Cokes heute? Und wieso backt er medial so mittelgroße bis kleine  Brötchen, dass nur noch Zeitzeugen von einst ihn kennen?

Davon erzählt Cokes in „My Most Wanted Life“, einem munteren, lebens- und anekdotenprallen Werk mit klassischer Struktur: Aufstieg, Fall, Läuterung – und die zweite Chance. Cokes wächst in England auf, in Südafrika und auf Mauritius (sein Vater war Soldat und wurde oft versetzt); er verdingt sich in Belgien als Koch, entdeckt die Energie des Punks, landet beim Radio und dann beim jungen Musikfernsehsender MTV – damals noch keine Abspielstation hirnfreier Billigshows. Cokes wird inmitten großer Aufbruch- und Expansionsstimmung zum großen Star – bis er 1996 bei einer missglückten Live-Sendung auf der Reeperbahn das pöbelnde Publikum beschimpft und seine Chefs bei MTV gleich mit. Es kommt zum Bruch, Cokes fällt in ein tiefes Loch, tröstet sich lange mit PC-Spielen und Pornofilm-Konsum, gerät in eine Depression – und rappelt sich langsam wieder hoch. Heute ist er wieder regelmäßig zu sehen. Strahlt sein Ruhm auch nicht mehr so hell wie einst – Cokes hat die Höhen und Tiefen überlebt.

Davon erzählt er detailliert, manchmal etwas blumig-wortreich: Nach dem Vorwort gibt es auch gleich zwei Prologe. Aber die wilde Zeit bei MTV schildert er höchst lebendig, wobei man erfährt, wer pflegeleicht und sympathisch war (Phil Collins), unerträglich (die US-Bands Poison und Counting Crows), durchweg professionell (Madonna) und durchweg unhöflich (Bob Geldof). Nach einer kurzen Freundschaft, so sieht es zumindest Cokes, meldet sich Robbie Williams nicht mehr, aber The Cure spielen gagenfrei bei seiner Hochzeit, was die Ehe jedoch langfristig nicht gerettet hat. Cokes schont sich in seinen Beschreibungen nicht, etwa, wenn es um sein Versagen als junger Vater geht.

Ein wenig zu oft bemüht er das Klischee vom Moderator, der „immer sein Ding macht“ und „sich treu bleibt“. Dass er mittlerweile, von 2012 bis 2014, in der Jury einer Talent-Show saß, die er früher ablehnte, mag dazu nicht ganz passen. Aber Cokes kann es nach frustrierenden Jahren nun „genießen, kleinere Brötchen zu backen“. Das gönnt man ihm von Herzen – vielen Menschen hat er die 90er Jahre nicht unerheblich verschönt.

Ray Cokes: My Most Wanted Life. Die Autobiografie. (Auch in Englisch erschienen). Schwarzkopf und Schwarzkopf, 400 Seiten, 19,95 Euro. Fotos: Schwarzkopf und Schwarzkopf.

Ray Cokes Robbie Williams

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