KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: David Bowie

„Savage“, das neue Album von Gary Numan

Gary Numan Savage BMG

Gary Numan, der Vermummte. Fotos: BMG

„Savage“ heißt das neue Album von Gary Numan, der damit seinen vierten (oder gar fünften? sechsten?) Frühling erlebt. Ein Blick auf das Album, aber ersteinmal auf eine kuriose und schwierige Karrriere. die eigentlich schon vor 36 Jahren totgesagt wurde.

Die Vorgeschichte

Saarbrücken Wahrscheinlich versteht er die Welt gerade selbst nicht mehr. In seiner Heimat England häufen sich die Interviews, einen Songwriter-Preis hat er bekommen, und die neue CD „Savage“ wird Gary Numan wohl den ersten Top-10-Einstieg in die britischen Album-Charts seit 35 Jahren (!) bescheren. (Kleine Aktualisierung – das Album ist auf Platz 2 eingestiegen.)

Nicht schlecht für jemanden, der über viele Jahre als Hass- wie Witzfigur galt und eine beispiellose Zickzack-Karriere erlebte, bei der man etwas ausholen muss: 1978 ist Gary Numan ein 20-jähriger Südlondoner, der von der Popkarriere träumt und auf seiner Gitarre Punk-Akkorde herunterschrubbt, um dem aktuellen Zeitgeist einen Plattenvertrag abzutrotzen. Das gelingt, und Numan lässt Ideologie und Stil des Punk schnell hinter sich, als er in einem Hinterhof-Studio einen Synthesizer entdeckt. Dessen düstere Klangfarben verbindet er mit Gitarren und seiner ungewöhnlichen, leicht metallischen Stimme, singt von Maschinen, Entfremdung, Vereinsamung und trifft offensichtlich einen Nerv: Die Single „Are friends electric“ erreicht 1979 Platz 1 in England, gefolgt vom Elektronik-Klassiker „Cars“, und macht Numan zu einem bizarren Popstar: Ein unsicherer Einzelgänger, mal schüchtern, mal großspurig, der sein schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder bei bombastischen Shows voller Neonlicht und Nebelschwaden verpulvert und sich selbst auf der Bühne hinter großen Gesten und schwarzen Kostümen versteckt. Die öffentliche Aufmerksamkeit und die Attacken der wenig zimperlichen englischen Presse, die an seiner Musik kein gutes Haar lässt, setzen  Numan so zu, dass er sich zwei Jahre nach dem Durchbruch theatralisch vom Tourneeleben verabschiedet. Danach widmet er sich einer Haartransplantation, macht einen Pilotenschein und fliegt um die Welt – in Indien wird er wegen Verdachts auf Spionage verhaftet.

Numan Savage BMG

Numan aktuell beim Videodreh zur Single „My name is Ruin“.

Die schwierigen Jahre

Kleinlaut steht er zwei Jahre nach dem Konzert-Abschied wieder auf der Bühne, auch um sinkende Verkäufe anzukurbeln – den künstlerischen und kommerziellen Gipfel erreicht er nicht mehr. Die 80er und halben 90er bestreitet er vor stetig schrumpfender Publikumskulisse, mit mal gelungenen, mal desaströsen Alben, in denen er seine kühle Elektronik auch mit Funk und dezentem Jazz zu verbinden sucht. Die großen Ideen sind fern, in den Medien gilt Numan mit seinen Kostümierungen, mal blondiert, mal weißgekalkt, und seiner Bewunderung für die konservative Premierministerin Margaret Thatcher als Witzfigur.

Numan schmollt, verkracht sich konsequent mit Plattenfirmen und zählt die Schulden, die ihm das eigene zügig bankrotte Plattenlabel eingebracht hat – als Künstler hatte er unter anderem seinen Bruder, ein ehemaliges Bond-Girl und einen Rennfahrer unter Vertrag genommen. Neben der eigenen Musik verdingt er sich einige Jahre mit Kunstflug-Veranstaltungen in seiner Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch Ende der 90er beginnt eine überraschende Renaissance: Bands wie die Foo Fighters oder die Smashing Pumpkins zitieren ihn als Einfluss, Tribut-Alben erscheinen, seine alte „Are friends electric“-Single wird in einer Version der Sugababes noch einmal eine englische Nummer 1.  Numan, dank dieser Tantiemen wieder schuldenfrei, wittert auch künstlerisch Morgenluft. Zwischen 1994 und 2006 erscheinen vier Alben, die an alte Glanztaten nicht direkt anschließen, die Numan aber eine Nische einrichten zwischen den Bands, die er damals beeinflusste und von denen er sich mittlerweile inspirieren lässt. „Splinter“ erreicht als erstes Album seit 1983 (!) die britischen Top 20 (wenn auch nur für eine Woche).

 

Gary Numan Savage

Verschnaufpause: Numan beim Dreh zu „My name is Ruin“ mit seiner Tochter Persia, die auf dem Stück auch mitsingt.

Das neue Album

Heute wohnt der 59-Jährige mit Frau und drei Töchtern in Los Angeles und geht regelmäßig auf Tournee: Mal mit den Hit-Alben von einst, mal mit neuer Musik. „Savage (Songs of a broken wo­rld)“ heißt nun das neue Album, laut Numan ein Konzeptalbum über die Welt nach dem Klimakollaps – textlich löst das Album das nicht ganz ein. Es bleibt vage, zumal bei Numan seit so manchen CDs die Welt untergeht, während sich im Hintergrund ein ungnädiger Gott ins Fäustchen lacht. (Warum der erklärte Atheist Numan so oft von Gott singt, wissen die, nunja, Götter).

Typische Songtitel wie „Broken“, „Bed of Thorns“ oder „When the world comes apart“ geben die Stimmung vor – mehr Moll geht kaum. Aber Numan und sein findiger Produzent Ade Fenton setzen diese Kompositionen des kollektiven Kollaps’  schlüssig und reizvoll in Szene: mit düster dröhnenden Synthesizern, tuckernden Rhythmusmaschinen, wuchtigen Donner-Gitarren und immer wieder überraschend eingängigen Refrains – so melodisch war der Weltuntergang bei Numan lange nicht. Auffällig sind viele orientalisch anmutenden Kompositionen; vor allem die erste Single „My name is ruin“, bei der Numan seine elfjährige Tochter als Sängerin eingeladen hat, weil sie die verschlungene Melodie besser trifft als er. Wirklich Neues bietet Numan nicht – aber so souverän war sein Händchen für dunkle Pop-Schönheit inmitten der großen Krise lange nicht.

Gary Numan: Savage (BMG).
Live: 25. 
10. Köln, 26. 10 Berlin.

 

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„Cracked Actor“, ein Live-Album von David Bowie

David Bowie Cracked Actor

Man könnte es natürlich zynisch sehen – die Vermarktungsmaschine läuft rund. Andererseits: Es gibt nur wenige Künstler, bei denen sich das Wiederveröffentlichen und/oder Ausgraben von Raritäten oder Obskuritäten derart lohnt wie bei David Bowie. Seit seinem Tod im Januar 2016, an den man sich immer noch nur schwer gewöhnen kann, sind viele neue Editionen alter Werke erschienen, Ende des Monats geht es weiter mit einer 11-CD-Box (oder wahlweise mit 13 Vinyl-Alben) namens „A new career in a new town (1977-1982)“: Sie enthält unter anderem seine legendäre sogenannte Berlin-Trilogie, als er im grauen Berlin (aber auch im schönen Montreux) an düsterer Elektronikmusik werkelte; dazu gibt es Single-B-Seiten und eine neue Abmischung des 1979er Albums „Lodger“ seitens des Produzenten und Bowie-Intimus Tony Visconti. Zumindest für beinharte Bowie-Fans ein obligatorischer Kauf.

Glam geht, Soul kommt

Bereits erschienen und mehr als empfehlenswert ist der Konzertmitschnitt „Cracked Actor – Live Los Angeles `74“, dessen Veröffentlichung etwas überrascht – gab und gibt es von jener US-Tournee, bei der „Cracked Actor“ aufgenommen wurde, doch schon ein Konzertalbum namens „David Live“.  Bowie hatte 1973 seine Bühnenfigur Ziggy Stardust mit großer Geste beerdigt und sich vom dröhnenden Glam-Rock jener Zeit mit einem beherzten Schritt wegbewegt: Amerikanischer Soul und Funk hatten es dem stets in alle Richtungen interessierten Bowie nun angetan, mit Bläsern, Backgroundsängern und Anzügen auf der Bühne statt Federboa und Plateausohlen. Doch seine Band war auf der folgenden US-Tour zu der Zeit von „David Live“ noch nicht gut eingespielt, und auch Bowie selbst war seiner Kokainsucht wegen nicht in guter Form – er äußerste sich später meist verächtlich über das Album „David Live“: Das „Live“ im Titel sei höchstens theoretisch.

„Space Oddity“, aufgedonnert

Das Doppel-Album „Cracked Actor“ nun wurde im späteren Verlauf der Tour aufgenommen, am 5. September 1974, und ist ein furioses Konzertalbum, nicht nur im Vergleich zu Bowies recht sterilem Live-Nachfolger „Stage“ (1978). Hier brodelt und vibriert es. Bowie, das blasse halbe Hemd aus London, wirft sich dem Soul an die Brust, begleitet von knackigen Bläsern und einer famosen Rhythmusgruppe. Stücke aus der „Ziggy Stardust“-Phase wirken hier größer, bunter, verspielter. Er spendiert „Jean Genie“ ein spannungsreiches Intro mit jazzigem Bass; die Ballade „Space Oddity“, im Original eher karg, wirkt hier eine Spur zu aufgedonnert, während „Cracked Actor“,  Bowies bitteres Stück über Alter, Macht und Sex, gleichzeitig rockt und swingt. In die Ballade „It’s gonna be me“ wirft er sich mit ganzer Intensität hinein. Kaum zu glauben, dass er drei Jahre später musikalisch und örtlich ganz woanders war und im Schatten der Berliner Mauer mit Synthesizern experimentierte. Die 70er Jahre waren eben seine größte Zeit.

David Bowie: Cracked Actor – Live Los Angeles `74 (Parlophone).

 

David Bowie Cracked Actor

 

http://www.davidbowie.com

 

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