KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Schlagwort: Saarbrücken

Blick in eine selige Videothek

Sie gibt es nun schon ein paar Jahre nicht mehr, die Videothek in der Bleichstraße in Saarbrücken. Schade drum, es war immer ein schöner Ort zum Herumschauen, Schnäppchenkaufen und Zeittotschlagen – man muss sie vermissen.

Die Fotos stammen aus dem Dezember 2012.

 

 

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

 

 

 

So soll das Saarbrücker Filmhaus wiederbelebt werden

 

„Das Team des Filmhauses bedankt sich bei allen treuen Besuchern in den letzten Jahren und wünscht dem kommunalen Filmprogramm eine lange Zukunft.“

So lapidar, fast versteckt auf Seite 11 des April-Programmhefts, liest sich das Ende des Saarbrücker kommunalen Kinos in seiner gewohnten Form. Zurzeit ist das Kino in der Mainzer Straße geschlossen, abgesehen von zwei Sonderveranstaltungen über US-Fernsehen (23. Mai und 6. Juni). Am 8. Juni soll es wieder öffnen – mit anderer Struktur und neuer Leitung. Es ist die Folge des konstanten Besucherschwunds in den vergangenen Jahren; Filmhaus-Leiter Michael Jurich, seit Februar 2010 im Amt, geriet in die Kritik: nicht wegen seines anspruchsvollen Programms, eher wegen der dürren Außenwirkung und -darstellung des Kinos. Das Filmhaus war in der Saarbrücker Kinolandschaft an den Rand geraten. Spekuliert wurde da viel: Zieht das Filmhaus in zwei Säle der Camera Zwo? Fusioniert es mit dem Kino Achteinhalb? Kommt eine Privatinitiative zum Zuge, die sich als Filmhausbetreiber angeboten hat?

 

Im Januar verkündete Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne) seine Pläne, das Filmhaus a) lebendiger und b) billiger zu machen. Sein Konzept: Auflösung des personalintensiven Amts für kommunale Filmarbeit, Versetzung von Michael Jurich ins Stadtarchiv und ein Vertrag mit Michael Krane, dem Leiter des Saarbrücker Kinos Camera Zwo. Der soll sich um das Programm in dem einen verbleibenden großen Kinosaal kümmern. Christel Drawer, ehemals Leiterin des Ophüls-Festivals (1993-2002), zieht mit dem Wissenschaftsbereich des Kulturamtes, dem künftigen Filmhaus-Träger, in die Mainzer Straße und soll dort Veranstaltungen und Kooperationen organisieren.
Noch vage waren diese Pläne im Januar. Zudem stolperten sie über den Umstand, dass man die Kinoprogrammleitung hätte ausschreiben müssen. Das hat die Stadt nun nachgeholt, die Frist ist abgelaufen und Brücks Konzept konkreter; der Stadtrat wird am 23. Mai darüber abstimmen.

Michael Krane soll den Kinosaal bespielen

Zwei Bewerbungen sind laut Brück eingegangen, nur eine mit einem konkreten und in der Ausschreibung verlangten Preisangebot – von Michael Krane. Der erfahrene Kinomann soll nun laut Brücks Plan einen Dienstleistervertrag mit der Stadt unterschreiben, der ab dem 1. Juni für vier Jahre läuft. Krane ist mit eigenem Personal für den kompletten Kinobetrieb verantwortlich: Programmauswahl (Brück: „in enger Abstimmung mit dem Kulturamt“), Bestellen der Filme, Vorführung, Verwaltung, technische Wartung und Gastronomie an der Filmhaus-Theke. Dafür sichert ihm die Landeshauptstadt eine monatliche Pauschale zu. Deren Höhe hatte Lothar Schnitzler, kulturpolitischer Sprecher der Linken im Stadtrat, der dieses Konstrukt als „Privatisierung von Gewinnen“ kritisiert, bei einer Diskussion ums Filmhaus mit 7000 Euro beziffert. Nach SZ-Informationen sind es 6000 Euro. Die Einnahmen gehen ebenfalls an Krane, der im Gegenzug die Filmmieten und den Versand der Filme bezahlt, dazu für das zweimonatige Programmheft, einen wöchentlichen Flyer, Werbung und den Internet-Auftritt verantwortlich ist. Brück: „Das ist die Aufwendung wert.“

Stellenverschiebungen und Kündigungen

Sozialverträglich? So „sozialverträglich“ wie im Januar angekündigt, gerät dieser Umbau allerdings nicht: Zwar sind die Filmhaus-Festangestellten (die Amtsleiterstelle, eine ganze und zwei halbe Stellen) innerhalb der Stadtverwaltung auf andere Posten versetzt worden; aber vier „geringfügig Beschäftigten“, die von den Plänen im Januar, wie man hört, sehr überrascht waren, wurde zum 1. Mai gekündigt.

Einsparungen: Durch die Stellenverschiebung – und die Kündigungen – reduzieren sich die Personalkosten im Filmhaus laut Stadt um jährlich 160 000 Euro. Hinzu kommen 20 000 Euro, die durch die Neuorganisation, etwa durch Kranes Verantwortung für Technik, Wartung und Werbung, aus dem „Sach-Etat“ gespart werden.

Blamabel: Die lange angestrebte Barrierefreiheit kommt 2017 nicht mehr. Geplant ist laut Brück der Umbau des Lastenaufzugs im Treppenhaus zu einem Personenaufzug; für die Finanzierung aber sei „ein dickes Brett zu bohren“. Denn eine frühere Studie, nach der der Umbau 60 000 Euro koste, habe sich als allzu optimistisch erwiesen – er koste das Vielfache, „das können wir alleine nicht stemmen“. Die Stadt müht sich um Fördergelder, 2018 soll das Haus barrierefrei sein, endlich.

 

Der „Schauplatz“ wird umgebaut, die „Galerie“ ans Ophüls-Festival abgegeben

Die gerade laufenden Umbauarbeiten sind kleinerer Natur: Im großen Saal wird ein Teil der Bestuhlung ersetzt, im kleinen „Schauplatz“ wird sie teilweise abgebaut: Er soll vor allem als Kleinkunst-Raum oder für Lesungen genutzt werden. Auch das Entrée des Kinos zur Straße hin soll freundlicher gestaltet werden, kündigt Brück an, die Fahrradständer werden wohl verlegt, die Schaukästen reduziert. Die eigentlich kinountaugliche „Galerie“ wird in die städtische Ophüls-Gesellschaft übergehen und dem Festival als Bürofläche dienen. Der Innenhof soll sich der Gastronomie öffnen. Das Lokal „Baker Street“ bewirtet dort schon, Brück kann sich auch eine Terrasse vorstellen. Da sei man laut Brück „in intensiven Gesprächen“ (eine Formulierung, die er oft benutzt). Dass diese Gastronomie sozusagen vor der Nase des Lokals „Zapata“ ist, sorgt Brück nicht, er erwartet „keine großen Widerstände“.
Wenn das Kino am 8. Juni wieder öffnet, laufen hier erst einmal nur Filme. Ab Herbst sollen dann, koordiniert von Christel Drawer, wissenschaftliche Vortragsreihen, Kooperationen mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) und dem Kultusministerium stattfinden. Schriftlich fixiert sei da bisher noch nichts, gibt Brück zu. Aber es gebe „gegenseitiges großes Interesse“.

 

 

 

 

 

Im Vorführraum des Kino Achteinhalb.

Wer immer schon mal wissen wollte, wie es im Vorführraum des Kino Achteinhalb in Saarbrücken ausschaut.

(Danke an die Achteinhalber für die Gelegenheit!).

http://www.kinoachteinhalb.de

 

http://www.kinoachteinhalb.de

 

Kino Achteinhalb

 

Kino Achteinhalb

 

Kino Achteinhalb

 

Kino Achteinhalb

 

Kino Achteinhalb

 

Kino Achteinhalb

 

 

Hausbesuch bei Genetikk in der Saarbrücker „Factory“

Genetikk

Zwei ihrer Alben sind aus dem Stand auf Platz eins in Deutschland eingestiegen, die neue CD „Fukk Genetikk“ schaffte es auf Platz 6. Es läuft gut beim Saarbrücker HipHop-Duo Genetikk. Ein Hausbesuch bei Rapper Karuzo und Produzent Sikk in ihrer „Factory“. Ihre Masken blieben dabei im Kleiderschrank, aber Fotos gibt es nur maskiert.

Da wartet man doch gerne. Der Kaffee ist nachtschwarz und könnte Tote erwecken, die Bücher neben dem Sessel sind kiloschwere Edelbände über Architekten wie Le Corbusier und Vincent Van Duysen. Auch ein Beuys-Buch ist mitgestapelt. Das also ist, in einer Straße nahe am Saarbrücker Staden, die Schaltzentrale von Genetikk, einem der erfolgreichsten HipHop-Acts Deutschlands. Während das Duo im Raum nebenan noch ein Telefon-Interview gibt, kann man sich ein wenig umschauen in der „Factory“, wie es seine Zentrale in Anlehnung an Andy Warhol nennt.

Weiße Wände, Fachwerkbalken, ein Nobel-Rennrad (wenn auch mit plattem Hinterreifen); zwei Schreibtische, geschmackvoll beschallt von Soul und Electro. Eine E-Zigarette dampft, ab und an klingelt das Telefon: „Hikids, hallo?“ – keine berufsjugendliche Anrede, sondern der Name des Unternehmens, das Genetikk nebenher führen: ein Modelabel als Absicherung, um das ganze Team, insgesamt sieben Leute, zu ernähren, wenn gerade keine Tournee oder Albumveröffentlichung ansteht.

Das Telefon-Interview ist nun zu Ende; Karuzo, die Stimme von Genetikk, führt herum – in einem Raum stapeln sich Pakete sowohl mit „Hikids“-Textilien als auch mit Genetikk-Merchandise. Nebenan ist eine kleine schallisolierte Kabine mit Mikrofon, daneben ein Raum mit Klavier und Mischpult, das Studio. Musik, Merchandise und Management sind also unter einem Dach, Genetikk sind beneidenswert autark. „Es gibt Künstler, denen die Plattenfirma sagen muss, was sie aufnehmen, was sie anziehen und was sie im Interview sagen sollen“, sagt Karuzo, „wir zählen nicht dazu.“

Als Gesprächspartner sind Genetikk ein eingespieltes Duo, man kennt sich seit Schulzeiten am Deutsch-Französischen Gymnasium in Saarbrücken, machte zusammen Musik, fand ein Plattenlabel und den großen Erfolg. Karuzo übernimmt meist das Reden; Sikk wirft ab und an etwas ein – „wir sind die ersten Saarländer mit goldener Schallplatte seit Nicole – wäre das nicht ein interessanter Aufhänger?“ Interessant ist es jedenfalls, die beiden ohne ihre manchmal gruselverströmenden Masken zu sehen, die sie, wie Karuzo sagt, „anonym und gleichzeitig sofort wiedererkennbar“ machen; hinter denen kann man sich ja was auch immer vorstellen – aber demaskiert sind Genetikk zwei optisch attraktive, gleichzeitig unauffällige Mittzwanziger, denen man jederzeit den eigenen Wohnungsschlüssel anvertrauen würde, damit sie einem im Urlaub die Blumen gießen.

Dass das überhaupt überrascht, mag daran liegen, dass Genetikk in einem Musikgenre operieren, das gerne mit Schocks und Tabubrüchen arbeitet – als Erfolgsprinzip personifiziert etwa von Bushido, der kalkuliert provoziert und dabei zielsicher auf mediale Empörungsbereitschaft setzt. „Über Bushido wirst Du kein böses Wort von uns hören“, sagt Karuzo. Mit dem sei man aufgewachsen und großgeworden. „Die Plumpheit, mit der da manches rüberkommt, finde ich großartig. Das zieht er konsequent durch.“ Genetikk gehen da, auch auf dem gelungenen neuen Album „Fukk Genetikk“, anders, sarkastischer und doppelbödiger an HipHop-Themen wie Geld, Gewalt, Drogen und Sex heran; als kritische Ironiker wollen sie sich dennoch nicht verstanden wissen. „HipHop lebt wie die ganze Popkultur von Klischees“, sagt Karuzo. Mit denen spiele man gerne, „das Plumpe macht ja auch Spaß“. Zudem seien Geld und Sex ja tatsächlich „die Motoren der Welt. Das Banale, Profane hat beim Menschen eine uralte Tradition. Wir alle sind Steinzeit – das Stammhirn gibt den Ton an.“

Geld ist ja nichts Böses

Die vorigen Alben „D.N.A.“ und „Achter Tag“ sprangen aus dem Stand auf Platz eins der Albumcharts, „Fukk Genetikk“ immerhin auf die 6. Genetikk sind also ein blühendes Unternehmen; Geld ist für Karuzo „nichts grundsätzlich Böses. Andy Warhol sagte ja, dass Geldverdienen die schönste aller Künste sei.“ Für das Duo bringt das Geld vor allem Freiheit, selbstverwaltet unter einem Dach zu arbeiten und künstlerisch so gut wie nichts aus der Hand geben zu müssen. Und dass Saarbrücken aus Metropolensicht etwas abseits liegt, hat für Sikk den Vorteil, „das wir mit dem ganzen Zirkus nichts zu tun haben“.

Dass Plattenverkäufe rückläufig sind und selbst ein Nummer-Eins-Album nicht mehr ganz so profitabel ist wie noch vor Jahren, wissen Genetikk. Das junge Publikum hört das neue Album wohl meist auf Diensten wie Spotify, die nicht jeder Künstler schätzt, da die Tantiemen dort eher tropfen denn sprudeln. „So schlecht ist die Quote da gar nicht“, sagt Karuzo, „und man muss akzeptieren, dass sich das ganze Geschäft dahin und etwa zu iTunes verlagert“. Umso wichtiger zum Leben und Überleben sei das Konzertgeschäft – „und deshalb muss man live gut sein“, sagt Karuzo. 100 000 Euro haben sie in ihre kommende Show gesteckt, mit der sie im März in der Region auftreten. Es läuft also gut bei Genetikk. Und wenn es mal nicht mehr läuft? „Dann“, sagt Sikk, „treten wir bei Galas auf oder spielen zur Eröffnung von Autohäusern.“

„Fukk Genetikk“ ist bei Selfmade/Universal erschienen.
Konzerte: 11. März, Den Atelier in Luxemburg.
30. März, Garage Saarbrücken.

Fotos: Hell

 

Genetikk

Genetikk

Genetikk

Interview mit Ophüls-Leiterin Svenja Böttger

Svenja Böttger

Am Montag beginnt das 38. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Es ist das erste für die neue Leiterin Svenja Böttger. Ein Interview vorab.

 

Wie geht es Ihren Nerven vor dem ersten Festival?

Die Nerven sind in Ordnung, aber ich bin froh, dass es jetzt losgeht.

Wenn man als neue Festivalleiterin zu wenig ändert, kann der Eindruck entstehen, man habe zu wenig Ideen. Ändert man zu viel, verschreckt man eventuell das Stammpublikum. Hatten Sie die Angst, nicht das richtige Maß zu finden?

Diese Angst sitzt einem natürlich immer im Nacken. Aber wir haben uns als Team Zeit und Ruhe genommen, uns alles anzuschauen, über das Festival zu reden, sein Fundament und die Eckpfeiler.

Was ist das Fundament?

Der Wettbewerb. Und der ist gut, so wie er ist. Aber über einige Änderungen abseits des Wettbwerbs freuen sich schon viele Filmemacher – etwa dass wir jetzt einen Animationsblock in der MOP-Shortlist haben und dass wir dort auch Kurzdokumentarfilme zeigen. Ob das Ganze Erfolg hat, kann man aber erst nach dem Festival beurteilen.

Trotz der Unruhe des vergangenen Jahres sind die Sponsoren dem Festival treu geblieben, wonach es erst einmal nicht ausgesehen hat.

Wir haben uns in Ruhe kennengelernt, es waren gute, herzliche Gespräche, da gibt es gegenseitiges Vertrauen.

Schätzen Sponsoren vor allem die medial gut zu nutzenden Glamour-Momente mit Rotem Teppich und Stars?

Nein, das halte ich für ein Klischee. Wir haben sehr viele Unterstützer, die sehr filmaffin sind, sehr aufmerksam der Sache gegenüber. Die schauen sich die Ophüls-Filme auch wirklich an.

Gibt es im Spielfilmwettbewerb einen Trend?

Die großen Themen – Erwachsenwerden, den Platz in der Gesellschaft finden, Flucht und Migration – sind verpackt in kleinere, persönliche Geschichten. Das ist ein neuer Ansatz. Auffallend sind auch viele Elternthemen, viele Eltern-Kind-Konstellationen in den Filmen.

In diesem Jahr sind auch mehr Filme von Regisseurinnen zu sehen als sonst.

Das Angebot war dankenswerterweise groß. Es tut den Geschichten gut, dass sie mal aus dieser Sicht erzählt werden. In diesem Jahr hat sich da viel verändert.

Sie haben also bei der Auswahl nicht darauf geachtet, eine Art Frauenquote zu erfüllen?

Überhaupt nicht. Wir fanden das Angebot gut und können mit den Produktionen zeigen, dass sich da in der Filmlandschaft etwas ändert. In den Filmhochschulen werden mehr Frauen als Männer ausgebildet – lange Zeit stammten die Debütfilme, die zweiten und dritten Filme aber eher von Männern. Das ändert sich langsam, und wir sind froh, das abbilden zu können.

Der Festivalclub „Lolas Bistro“ ist diesmal im alten C&A-Gebäude, das sieben Jahre lang leer stand. Wie kamen Sie darauf?

Wir haben uns generell viele Event-Orte angeschaut. Der Charme des E-Werks ist für die Preisverleihung genau passend. Bei der Suche nach „Lolas Bistro“ wurde uns klar, dass es in Saarbrücken nicht viele Orte gibt, die unsere Anforderungen erfüllen: Raum für Gespräche, Platz für viele Leute, zentrale Lage in der Stadt. Das C&A fanden wir auf Anhieb toll.

Ist der Ort auch für nächstes Jahr geplant?

Dazu ist es viel zu früh. Das Publikum muss den Ort ja erst einmal annehmen. Und vielleicht tut sich mit dem Haus ja etwas, so dass wir es 2018 nicht mehr nutzen können.

Das Gloria als Ort kam 2016 nicht bei allen gut an.

Ja, aber diesem Ort muss man eine Chance geben. Dort geschieht gerade einiges, die alten Separees werden abgerissen, und der alte Kinoboden ist zum Teil wieder hergestellt, was sehr schön ist.

Das Festival vergibt 15 Preise, dotiert insgesamt mit über 100 000 Euro. Sinn das nicht zu viele Preise?

Nein – wir haben vier Wettbewerbe, für die es jeweils mindestens zwei Preise gibt. Im Spielfilmwettbewerb muss man in jedem Fall die Regie auszeichnen, den besten Film sowieso. Dass man Nachwuchsdarsteller mit einem Preis in den Fokus stellt, ist selbstverständlich. Das man mit dem Preis der Jugendjury schaut, was den jungen Zuschauern gefällt, auch. Jeder Preis hat seine Daseinsberechtigung für das, was wir hier tun – Nachwuchs präsentieren und Talente auszeichnen.

Was machen sie am Montag nach Ihrem ersten Festival?

Der Montag ist unser Abbau-Kampftag. Am Dienstag machen wir ein Frühstück mit dem ganzen Team, dann schlafen wir alle mal aus. Ein paar Tage später geht es zur Berlinale, wo der Ophüls-Gewinnerfilm laufen wird. Und im Februar bekommen wir schon die erste Filmeinreichung für 2018.

 

Ein Blick ins alte „C&A“, das bei Ophüls zu „Lolas Bistro“ wird

Beim kommenden Filmfestival Max Ophüls Preis (23.-29. Januar) wird ein Ort zum Festivalclub „Lolas Bistro“, der seit sieben Jahren geschlossen vor sich hin dämmerte: das alte C&A-Gebäude. Heute konnte man sich das alte Kaufhaus nach einigen Jahren mal wieder anschauen – hier einige Bilder.

 

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Camera Zwo – wie geht es dem Saarbrücker Kino am zehnten Geburtstag?

 

Camera Zwo

Vor zehn Jahren hat Kinobetreiber Michael Krane das alte Scala-Filmtheater in der Saarbrücker Futterstraße in die Camera Zwo umgewandelt. Hat sich das Rezept, anspruchsvolle Filme an der Schwelle zum Mainstream zu zeigen, bewährt?

Die düstere Treppe nach unten wirkt wie eine Edgar-Wallace-Requisite. Doch statt Kinski oder Fuchsberger wandelte hier, in den Projektionsräumen der Camera Zwo, einst der Filmvorführer. Einen separaten Eingang hatte er – und keinen Zugang zum eigentlichen Kino, ein Stockwerk tiefer. Des Brandschutzes wegen, erklärt Kinobetreiber Michael Krane, der durch seine Camera Zwo führt, die früher einmal, von 1951 bis 2005, das selige Scala-Kino war – in der Region eines der größten „Filmtheater“, wie man Kinos damals so verheißungsvoll nannte.
Die schmalen Gänge über den Kinosälen sind voller Historie: Plakate, Bud-Spencer-Aufkleber und Brandschutzklappen aus der Kinosteinzeit, als hitzige Kohlebogenlampen das Licht auf die Leinwand warfen. Heute ist das anders – hier stehen moderne Digitalbeamer, denen Krane nicht ganz traut. „Wenn die alten Projektoren mal nicht liefen, hat ein Fußtritt Wunder gewirkt“, sagt der 55-Jährige, die Beamer seien empfindlicher, voll mit teurer Technik. „Niemand weiß, wie lange die halten.“ Ein Damoklesschwert über allen Kinos sei das. Jüngst versagte eine kleine Platine ihren Dienst – mit 2000 Euro Kosten. Immerhin: 25 Kilo schwere Kinokopien muss heute niemand mehr schleppen, der Film auf Festplatte wiegt nur ein Pfund.

Ein Stockwerk tiefer liegt die Theke mit Kasse – und Popcorn-Maschine: für besonders gestrenge Cineasten ein Sakrileg, Symbol des bösen Kommerzkinos. Krane nimmt es gelassen. „Anfangs dachte ich, wenn die Maschine kaputt geht, repariere ich sie nicht mehr.“ Aber die Mini-Gastronomie bringt Geld in einem Geschäft der knappen Kalkulation. Acht Jahre lang hat Krane keine Werbung gezeigt, „darauf war ich sehr stolz“, aber das ließ sich finanziell nicht halten: 2012 kam die Digitalisierung – für 250 000 Euro, wenn auch bezuschusst von der Filmförderung und vom Land. Klassisch geschulte Vorführer sind heute überqualifiziert, PC-Kenntnisse reichen aus. „Man muss mittags die Systeme hochfahren und abends auf ein paar Knöpfe drücken.“
Einer der Vorteile der Digitalisierung: Filme auch in der Originalfassung zu zeigen, ist technisch kein Problem; früher musste man eine eigene Kopie anfordern. Im US-Original hat Krane gerade einen Film gezeigt, den man hier nicht erwartet hätte: das jüngste „Star Wars“-Spektakel. „Das war vor allem für mich“, sagt er, „mit den alten Filmen bin ich aufgewachsen.“ Generell aber passen Blockbuster nicht zum Image des Kinos. „Den jüngsten Bond hätte ich auch spielen können – aber da muss man aufpassen.“

Es läuft überwiegend gut in der Camera Zwo. 2012 bis 2014 seien „goldene Jahre“ gewesen. „Doch 2015 war ein Desaster, da sind wir abgestürzt.“ Keine wirklich guten Filme, keine großen Hits. „Beruhigend war aber, dass wir ein Katastrophenjahr ganz gut überstanden haben.“ Mit studentischen Aushilfen führt Krane das Kino und mit zwei Festangestellten: er selbst und Kinoleiterin Anna Reitze (32), die laut Krane „den Laden eigentlich besser kennt als ich“. Wohlhabend werde man nicht, „man muss privat alles stemmen, subventioniert werde ich ja nicht“. Apropos: In Konkurrenz zum städtischen Filmhaus sieht er sich nur bedingt, „ich bin ja deutlich mainstreamiger“, während das Filmhaus ganz bewusst auch sperrigere Filme zeige. „Was mir nicht unrecht ist.“

Das Verleihgeschäft, das Einschätzen von Erfolgschancen und bisweilen das Gerangel um Filme, ist nicht einfach. „Zumal man Filme nicht einfach nur für eine Woche buchen kann und je nach Erfolg verlängert oder absetzt.“ Manchmal sitze man auf einem Ladenhüter, den man vertraglich mehrere Wochen zu spielen habe. Nur wenn Filme gnadenlos floppen – aktuell der Sandra-Bullock-Film „Die Wahlkämpferin“ – haben die Verleihe, die täglich durch die vernetzte Kinokasse über die Einnahmen informiert werden, Verständnis und lassen den Film aus dem Programm nehmen. Bei kleineren Verleihen gibt Krane dem Film aber nochmal eine Chance, „sonst wäre das unfair“, oder Werken, die er mag. Der Trickfilm „Anomalisa“ läuft schlecht bei ihm. „Aber ich zeige ihn weiter, weil er gut ist“, sagt Krane, der sich dennoch weniger als Cineast versteht denn als pragmatischer Kinobetreiber. „Würde ich nur spielen, was mir gefällt, wäre der Laden zu.“
Dass die Camera Zwo viele ältere Leute anlockt, freut Krane – es ist ein treues und angenehmes Publikum, das nicht mit Popcorn um sich wirft. Manche Stammgäste kämen, ohne zu wissen, was läuft. „Eine andere Gruppe kommt immer mittwochs, aber nur bei schlechtem Wetter“ – eine Boule-Truppe, die bei Sonnenschein lieber ihre Kugeln wirft. Berühmt-berüchtigt ist ein Kinogänger, der stets zwei Minuten zu spät den Saal betritt und zielgerichtet seinen Stammplatz ansteuert. Wenn der dann schon besetzt ist, schätzt der Stammgast das gar nicht. „Aber er ist harmlos.“

HINTERGRUND
Im Januar 2006 hat Michael Krane, zuvor Geschäftsführer der Saarfilm (Passage- und UT-Kinos) das Scala-Kino in Camera Zwo umbenannt – als Reminiszenz an das Camera-Kino auf der Berliner Promenade (1967-1999). 100 000 Euro steckte er in die Modernisierung und stellte das Programm auf „mainstreamigen Kunstfilm“ um, wie er sagt. Sechs Säle bieten Platz für 456 Kinogänger. Der erfolgreichste Film bisher war „Ziemlich beste Freunde“, der um die 20 000 Zuschauer anzog, gefolgt von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und „Willkommen bei den Sch’tis“.

Das Foto von Michael Krane und Theaterleiterin Anna Reitze stammt von Oliver Dietze.

Er meint es ja nur gut – „Nichts passiert“ mit Devid Striesow

Devid Striesow

 

Kein Wunder, dass der Film in der Gesprächstherapie beginnt. „Ein normaler, netter Mann“ sei er, sagt der Familienvater Thomas Engel zu seiner Psychologin. Dabei klimpert er unschuldig mit den blauen Augen von Devid Striesow, der ihn spielt und seiner Galerie vielschichtiger Figuren eine neue hinzufügt.

Konflikte umlächelt Thomas weiträumig; man kann ja, das scheint seine Lebensthese zu sein, über alles reden, alles klären und aus der Welt schaffen. Universell biegsam ist sein Rückgrat, was seine Gattin (Maren Eggert) zunehmend anödet. Einen gemeinsamen Winter-Urlaub tritt das Paar dementsprechend schmallippig an, viel zu sagen hätte man sich (tut es aber nicht); Thomas kümmert sich lieber um seine pubertierende Tochter und die Tochter seines Chefs, die er mit in die Schweiz genommen hat, wo seine Nettigkeit allerdings an ihre Grenzen stößt: Die Tochter des Chefs wird vom Sohn des Ferienhaus-Vermieters vergewaltigt, Thomas kümmert sich um das Mädchen und versucht gar, damit alles geregelt ist, eine Versöhnung zwischen Opfer und Täter anzubahnen: „Und jetzt gebt Euch die Hände.“ Doch seine Strategie des ewigen Glattbügelns scheitert dramatisch.

Der Film „Nichts passiert“ vom Schweizer Micha Lewinsky (Buch/Regie) spielt mit ruhiger Konsequenz und vor trügerisch heimeliger Schneekulisse durch, wie sich die Hauptfigur beim Vertuschen und Glattbügeln in Widersprüche verstrickt, immer neue Lügen auftischen muss, bis sich der aufgestaute Druck entlädt – dies auch im Ehebett, in einer hintersinnigen Szene.

Der Film dreht sich ganz um Striesow, der in nahezu jeder Szene zu sehen ist mit seiner Gabe, Alltags-Jedermänner mit unerwarteten Abgründen zu spielen. So sehr man anfangs Thomas‘ konfliktscheue Lebensstrategie verstehen kann, so brutal wirkt sie, wenn er angesichts einer Vergewaltigung rät, man müsse „das Problem von beiden Seiten sehen“, und das Opfer subtil unter Druck setzt, sich den Gang zur Polizei noch einmal zu überlegen. Da gruselt man sich vor diesem Jedermann, verliert aber nie ganz das Verständnis für ihn, was den Film immer wieder beklemmend macht. Denn seine Ruhe haben zu wollen und dafür einiges zu tun, dessen man sich schämen muss, ist allzu menschlich.

Erschienen auf DVD bei Lighthouse Entertainment.

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