KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Auf DVD und Blu-ray (Seite 1 von 7)

Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

TV-Perle neu auf DVD: „Charlie Muffin“ von Jack Gold

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Füße hoch, gerne auch im Büro: David Hemmings als Charlie Muffin. Foto: Pidax

 

Lange ist das her, aber die Älteren werden sich erinnern – die ARD hat früher mal Themenreihen angeboten (etwa über den Science-Fiction-Film) und auch Retrospektiven über Filmemacher. Einer  davon war damals der Brite Jack Gold (1930-2015), vor allem in den 1970ern ein Könner in vielen Genres: ob in dem utopisch angehauchten Polit-Thriller „Der Mann aus Metall“, dem Kriegsfilm „Die Schlacht in den Wolken“ oder im Genre des Übersinnlichen bei „Der Schrecken der Medusa“. Golds langlebigster  Erfolg ist der TV-Film „Der kleine Lord“, der seit 1980 in jedem Advent die Zuschauerherzen zuverlässig wärmt.

Einen der schönsten Gold-Filme hat nun die Riegelsberger DVD-Firma Pidax ausgegraben: „Charlie Muffin“, ein Fernsehfilm von 1979. David Hemmings, 13 Jahre zuvor durch Antonios „Blow Up“ zu einer Ikone der Swinging Sixties geworden, spielt einen Mann mittleren Alters, bei dem es nun weniger swingt. Er ist ein britischer Agent, den seine Vorgesetzten wegen seiner fachlich begründeten Arroganz mit Inbrunst hassen; da er den gemütlichen Durchschnitts-Dilettantismus des britischen Geheimdienstes durch seine Präsenz stört, versuchen seine Vorgesetzten schon mal, ihn beim Berliner Grenzübergang vom Osten in den Westen der DDR zuzuspielen. In Muffin köchelt es, doch seine große Stunde könnte schlagen, als eine russische Politgröße (Pinkas Braun) in den Westen überlaufen will – da kommen Muffins Chefs nicht an ihm vorbei.

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Die Bürohengste, allen voran Cuthbertson (Ian Richardson, vorne). Foto: Pidax

Gold findet eine schöne Mischung aus Spannung und Komik. Hier geht es ebenso um den Kalten Krieg wie ums alltägliche Büro-Klein-Klein, um Hierarchien, Besserwisserei und die Kombination Buckeln/Treten. Die Dialoge sind ausgefeilt und bissig, die Darsteller in Form: Hemmings gibt den Weltmüden in schmutzigen Schuhen, seinen ihm in herzlicher Abneigung verbundenen Vorgesetzten spielt der brillante Ian Richardson. Er verkörperte ein paar Jahre später in „House of Cards“ (der Vorlage fürs US-Remake) lustvoll den größten Intriganten der britischen Regierung. Hier konnte er schon mal üben – es ist ein Genuss.

Erschienen bei Pidax Film.

Verblöden und Zeittotschlagen: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“, neu auf DVD

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Paschas Traum: Sig Prun (Martin Benrath) umrahmt von seinen Lebensgefährtinnen – gespielt von Francesca Tu, Hannelore Elsner und Katrin Schaake (von links). Foto: Pidax Film

 

Eine schöne DVD-Ausgrabung von 1971: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“ erzählt von einer Welt der 1-Stunden-Arbeitswoche und der zwangsweisen Freizeitgestaltung. Langsam verblödet man – bis ein junger Mann  gefährliche Fragen stellt.

 

Rente mit 67? Oder 70? Darum muss sich in dieser Welt der Zukunft niemand sorgen – denn es gibt die Frühestrente für alle. Dank der Automatisierung der Arbeit kann man im 23 . Jahrhundert  von der Drei-Stunden-Arbeitswoche auf die weniger aufreibende Ein-Stunden-Variante herunterfahren. Doch diese neue Welt ist nur scheinbar schön und menschenfreundlich: Der Müßiggang ist penibel geregelt von der „Weltfreizeitzentrale“ – da muss man etwa zum Yoga nach Kapstadt fliegen, ob man nun will oder nicht, sonst gibt es staatliche „Minuspunkte“. Und die Fortpflanzung im traditionellen Sinne ist auch nicht jeder „Zeugungsgemeinschaft“ gestattet, es gibt strenge „selektive Verfahren“.

1971 entstand dieser Fernsehzweiteiler „Dreht Euch nicht rum – der Golem geht um“, den die Riegelsberger DVD-Firma Pidax jetzt für das Heimkino ausgegraben und abgestaubt hat. Regisseur Peter Beauvais (1916-1986, „Deutschstunde“, „Ein fliehendes Pferd“) entwirft, nach einem Drehbuch von Dieter Waldmann, eine Welt des kalten Konsums und des Müßiggangs, der aber nicht der persönlichen Entwicklung dient, sondern eher dem kollektiven Zeittotschlagen. In wallenden Gewändern (die Frauen meist ohne BH) wandeln die blondierten Zukunftsmenschen durch sterile Plastikwohnungen, räkeln sich auf großen Betten mit Flokati-bezug, an der Zimmerdecke pulsiert ein Riesenbildschirm. Eigentlich ist Sig Prun (Martin Benrath) damit ganz glücklich – schließlich kümmern sich drei Gattinnen (eine davon von Hannelore Elsner gespielt) um sein Wohlergehen. Doch dass der Staat ihm ein Kind verweigert, weil sein Intelligenzquotient eher mittelprächtig zu sein schein, setzt seinem Ego zu. „Es wird gezeugt – und damit basta!“ Den dabei entstandenen Sohn Botho will er allerdings nicht erziehen, denn der Freizeitstress lässt ihm einfach keine Zeit. Wie gut, dass ein Bekannter an einem Intelligenzverstärker arbeitet, auch wenn das eigentlich verboten ist – denn totalitäre Staaten wie dieser haben traditionell wenig Interesse an mündigen Bürgern. Doch der Intelligenzverstärker macht aus dem etwas tumben jungen Mann einen großen Fragesteller: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wäre sie anders nicht sinnvoller? Fragen, die ihn in Gefahr bringen.

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Meldung an die Staatsmacht – eine Szene mit Helga Feddersen. Foto: Pidax Film.

Gerade in den 1970er Jahren gab es einige düstere filmische Blicke in die Zukunft: etwa der Film „Jahr 2022“ mit Charlton Heston, in dem die überbevölkerte Welt nur noch, ohne dass sie es weiß, mit Menschenfleisch in Keksform gesättigt werden kann; oder „Geburten verboten“ über eine rigorose Null-Kind-Politik eines maroden und verseuchten Planeten Erde. Der fünf Jahre später als „Golem“ entstandene Kinofilm „Flucht ins 23. Jahrhundert“ entwarf eine ganz ähnliche Welt (auch mit ähnlichen Kostümen), in denen befohlene Muße und Konsum das Leben regieren – sinnigerweise wurde der Film überwiegend in einem neuen Einkaufszentrum gedreht.

„Golem“ nun ist kein Kinofilm, sondern Fernsehen aus alten Tagen. Da wird sehr viel Exposition über Dialoge vermittelt, und zumindest die erste Hälfte dieses Zweiteilers wirkt fast theaterhaft und mit seinen wenigen Kulissenräumen sogar etwas beengt – passenderweise, beschreibt er doch eine Welt des Immergleichen und Austauschbaren. Heute würde man wohl etwas flotter erzählen, aber „Golem“ lohnt sich: Grundlegend der Schauspieler wegen (vor allem Martin Benrath als Pascha-Spießer der Zukunft, Hannelore Elsner, Dietrich Mattausch, Helga Feddersen) und der Konsequenz, mit der der Film seine Prämisse durchspielt und dabei auch einen hintersinnigen Humor demonstriert: Da die natürliche Fortplanzung ein Nischenprogramm ist, kann es zu einem Dialog wie diesem kommen: „Lass das mal nicht Deine Eltern hören!“ „Ich hab‘ keine, ich bin ein Retortenkind.“ Die gelangweilten Konsumbürger entdecken für sich die nicht allzu schmerzhafte Selbstauspeitschung („Es lebe der Masozynismus!“), während die Jugend ein wenig gegen das Nichtstun aufbegehrt, „arbeitsähnliche Zustände“ fordert  und „Sachen machen! Sachen machen!“ skandiert. Charmant ist auch die Idee, dass man in dieser Zukunftswelt auf das baldige Ableben der Nachbarn wetten kann – dumm nur, wenn man dem Wettglück mit Strichnin nachhilft, wie es eine Bürgerin tut. „Golem“ erzählt satirisch zugespitzt von einer Welt des Überflusses, der mangelnden  Empathie und der ichbezogenen Verblödung – so gesehen passt der Film von 1971 auch ins Heute.

Erschienen bei Pidax Film.

http://www.pidax-film.de

 

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

 

Marcel Ophüls blickt auf „Die Geschichte der Kriegsberichterstattung“

Es war eine schlechte Nachricht im Januar: Beim jüngsten Filmfestival Max Ophüls Preis musste Regisseur Marcel Ophüls seinen Besuch kurzfristig absagen – der Sohn des Festivalnamensgebers und selbst oscarprämierter Dokumentarfilmer („Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie“, 1988) ist eben 90 Jahre alt. Nun ist einer seiner Filme erstmals bei uns auf DVD erschienen, eine sehr willkommene Veröffentlichung. „Die Geschichte der Kriegsberichterstattung“ gehört zu seinen weniger bekannten Arbeiten, lohnt die Entdeckung und ist thematisch aktuell wie eh und je. Geht es doch um Krieg und Medien.

Im Dezember 1992 reiste Ophüls nach Sarajewo, um dort Kriegsberichterstatter zu treffen, ihre Arbeit zu porträtieren und die ihn drängende Frage zu erörtern: „Trägt Information über Völkermord dazu bei, zu sagen: jetzt reicht‘s?“. Ophüls’ Film ist dabei, nicht überraschend, keine handelsübliche 90-Minuten-Doku, sondern ein großer Exkurs, ein Panorama mit Seitenblicken, Abschweifungen, Exkursen – faszinierende 226 Minuten lang. Mit dem Orient-Express macht sich Ophüls von Paris nach München auf, sinniert über den Begriff ethnische Säuberungen („das weckt Erinnerungen“) und fährt auf dem Weg nach Wien an einer ehemaligen SS-Kaserne vorbei, in der SS-Männer im Auftrag des NS-Regimes „Fräuleins mit blauen Augen schwängern“ sollten, „der nötigen ethischen Reinheit stets eingedenk“, wie Ophüls kommentiert. Da passt es gut, dass die Strecke ihn auch noch am Obersalzberg vorbeiführt. „Geschichte hört nie auf“, heißt es einmal im Film.

Im belagerten Sarajewo spricht Ophüls mit Reportern aus den USA, aus England und Frankreich, sichtlich angepackte Nachrichtenprofis, die ihre Arbeit mit Galgenhumor erträglicher machen – oder auch mit mitgebrachter Gänseleber, wie die französischen Journalisten. Von einem Kollegen erzählen sie, der schon nach zehn Minuten in der Stadt tot war, von täglichen Strategien („Man muss verdrängen können“) und auch von der klaren Sicht auf die mediale Verwertbarkeit des Krieges in Ex-Jugoslawien. „Die Sache hat alles, was eine gute Story braucht“, sagt ein Reporter.

Ophüls selbst dramatisiert die eigene Rolle nicht: Er ist keiner der Kriegsberichterstatter, sondern nur deren Beobachter, auf Stippvisite. Wie um das zu untermauern, flickt er eine Passage ein, die ihn zwischendurch im nahen, für Sarajewos Bewohner unendlich weiten Wien zeigt, in einem edlen Hotel beim Rasieren („ein Dreitagebart – ich war ja nur drei Tage da“), während sich eine nackte Frau auf seinem Bett räkelt. Ist das nun eine Kriegsberichterstatter-Männerfantasie mit Hemingway-Aroma oder eine Parodie auf sie? Sicherlich Letzteres.

Ohnehin ist der Film trotz des Themas einige Male sogar komisch, ein herber und gewollter Kontrast zu dem gezeigten Elend und den Schicksalen: Wenn Ophüls bei einer Besprechung einen elegantem Hut trägt und sagt: „Wie die anderen Größenwahnsinnigen – Federico Fellini und François Mitterand“. Und zu einem serbischen Soldaten sagt er mit schelmischer Unschuldsmiene: „Aber Ihre Waffen zielen doch auf Sarajewo. Vielleicht haben Sie deshalb eine so schlechte Presse?“

In immer größeren Drehungen umkreist der Film sein Thema, nicht nur um Ex-Jugoslawien geht es, auch um den Golfkrieg und die aus Militärsicht sehr gelungene „Einbettung“ von Journalisten; und auch um den Kriegsfotografen Robert Capa (1913-1954), dessen legendäres Bild aus dem Spanischen Bürgerkrieg, das scheinbar einen Soldaten im Moment seines Todes zeigt, mittlerweile sehr umstritten ist, was seinen Wahrheitsgehalt angeht. Resolut in Schutz nimmt Capas Bild Kriegsreporterin Martha Gellhorn (1908-1998), die rät, Menschen ihres Berufsstandes kein Denkmal zu setzen. Marcel Ophüls tut dies auch nicht, auch wenn er deren Mut bewundert; lieber wirft er einen weiten Blick auf Krieg, die Bilder, deren Macht und Ohnmacht. Denn die anfängliche Frage, ob Bilder eines Völkermords helfen, ihn zu beenden, meint er: „Offenbar nicht.“

Erschienen auf DVD bei Absolutmedien.
Bonus: Ein exzellentes Booklet mit Hintergründen und der Auflistung der Interviewten.

http://www.absolutmedien.de

Die Schönheit des Schaurigen: Robert Sigls „Laurin“ neu auf Blu-ray

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Regisseur und Autor Robert Sigl. Foto: Michael Holzinger / Bildstörung

 

Es gibt reibungslose Karrieren – und es gibt die von Robert Sigl. 1988 gewinnt er, da ist er 26, mit seinem schaurig schönen Debüt „Laurin“ den bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur. Doch dann dauert es ganze sechs Jahre, bis er wieder hinter der Kamera steht (für den Mehrteiler „Stella Stellars“). Sigl hat ein Faible für das Phantastische, das Abgründige, das Morbide – entsprechend schwer hat er es mit TV-Sendern und der Filmförderung.  Der Genrefilm gilt eben als Schmuddelkind.

Über Jahre schreibt er an Drehbüchern, die sich nicht finanzieren lassen, dreht eine Folge der Science-Ficion Serie „Lexx“ (1999), verdingt sich bei „Soko“, bei „Alarm für Cobra 11“ und inszeniert auch zwei „Tatorte“ für den SR – darunter „Rache-Engel“, den Abschied von Kommissar Palu (Jochen Senf). Ein lauter Abgang: Kurz vor der Premiere im November 2005 entrüstet sich die „Bild“ über eine drastische, aber inhaltlich motivierte Szene pseudo-moralisch und erklärt das Ganze zum „Sex-Tatort“. Die ARD, die den Film schon abgenommen hatte,  lässt die Szene gegen den Willen des Regisseurs entschärfen, der sich danach als „persona non grata“ fühlt.

 

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Dóra Szinetár in „Laurin“. Foto: Salinas Film

Davon erzählt Sigl, mittlerweile 55,  jetzt auf einer neuen, mustergültigen Edition seines Debüts „Laurin“. Eine erste DVD-Ausgabe ist schon lange vergriffen, so hat die ungemein rührige Firma „Bildstörung“ den Film neu abtasten lassen und mit viel Bonus-Material auf Blu-ray veröffentlicht. „Laurin“, dieser mysteriöse, melancholische, sehr atmosphärische Film lohnt die (Wieder)-Entdeckung. Er erzählt von einem Ort am Meer zum  Ende des 19. Jahrhunderts. Dort geht der Tod um, Jungen verschwinden, und das kleine Mädchen Laurin wird von dunklen Visionen heimgesucht. In einem Audiokommentar erklärt Sigl Hintergründe, auch ein Studenten-Kurzfilm von 1983 an der Münchner Filmhochschule ist zu sehen, über eine abgründige Vater-Sohn-Beziehung. Damit eckte Robert Sigl damals an – es war nicht das letzte Mal.

www.bildstoerung.tv

Robert Sigl Laurin Lexx Tatort

Die Extras:

Audiokommentar mit Robert Sigl
Kurzfilm „Der Weihnachtsmann“
Interview mit Robert Sigl (von Eckhart Schmidt)
Drehbericht und Interviews zu „Laurin“
Verleihung des Bayerischen Filmpreises
Geschnittene Szenen
Trailer
Booklet von Marcus Stiglegger

„SS-GB“ – England unter dem Hakenkreuz

SS-GB Len Deighton Sam Riley Lars Eidinger Polyband BBC James Cosmo

Superintendent Douglas Archer (Sam Riley) und sein Kollege  Harry Woods (James Cosmo). Foto: Polyband

 

Der BBC-Mehrteiler  „SS-GB“ erzählt – nicht immer gelungen – von einem  England des Jahres 1941, das von den Nazis besetzt ist.

Flaggen mit Hakenkreuzen flattern im winterlichen London, der Buckingham Palace ist halb zerbombt, und bald begeht  man  die große „Woche der deutsch-russischen Freundschaft“. Es ist November 1941: Vor 14 Monaten haben die Nazis die Luftschlacht gewonnen und England besetzt – das britische  Flugzeug des legendären Typs „Spitfire“, das am Anfang dieses Mehrteilers in London landet, ist eines der letzten seiner Art. Jetzt fliegt man mit Messerschmitt und Junkers.

1978 erschien der Roman „SS-GB“ von Len Deighton; der Londoner Autor, der in seinen „Harry Palmer“-Romanen das Agentengenre gegen den Strich bürstete, spekuliert hier, was hätte sein können, hätte England dem Angriff Deutschlands nicht standgehalten. Aus dem Roman haben nun die Drehbuchautoren Neal Purvis and Robert Wade (Bondfilme „Skyfall“, „Spectre“) einen Mehrteiler für die BBC geschrieben, den – ungewöhnlich ist das schon – ein deutscher Regisseur inszeniert hat: Philipp Kadelbach, dessen Weltkriegs-Saga „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) international erfolgreich war. „SS-GB“ nun ist eine interessante Serie, bleibt aber oftmals unter den Möglichkeiten, die ihre Plot-Prämisse bietet.

Im Mittelpunkt steht der Scotland-Yard-Polizist Douglas Archer (Sam Riley), der wegen seiner Ermittlungserfolge einen legendä­ren Ruf genießt und nach der Besetzung äußerlich problemlos unter SS-Führung weiterarbeitet. Die britische  Widerstandsbewegung, die immer wieder Anschläge verübt, sieht er kritisch. „Wir sind unpolitisch“ ist Archers Überlebensmotto, er will ein stabiles London bewahren, für die Zeit, wenn das Land befreit ist.

Archer hat sich also mit den Verhältnissen arrangiert – bis ein scheinbarer Routinemordfall weite Kreise zieht und auch Ermittler in Berlin alarmiert: Um brisante Daten geht es, um Pläne für eine Atombombe und den Versuch des Widerstands, Amerika als Alliierten zu gewinnen. Sich aus allem herauszuhalten, fällt Archer immer schwerer – zumal er eine Affäre mit einer US-Journalistin beginnt, die durchaus eine Agentin sein könnte. Rätselhaft ist auch der eisige Offizier Oscar Huth (Lars Eidinger), der aus Berlin anreist, die Ermittlungen leitet und damit auch Archers Vorgesetztem, dem scheinbar jovialen SS-Mann Kellermann (Rainer Bock) ein Dorn im Auge ist.

 

SS-GB Len Deighton Sam Riley Lars Eidinger Polyband BBC James Cosmo

Lars Eidinger als  Oskar Huth. Foto: Polyband

Ein großes Tableau breitet die aufwändige Serie aus, mit einem graubraunen London und germanisch gelben statt britisch roten Telefonzellen, mit „Großdeutsches Reich“-Briefmarken (Hitler-Konterfei inklusive) und einer originellen Idee: Deutschland lässt Karl Marx in London exhumieren, um den Leichnam den russischen Freunden zu kredenzen – der Widerstand zündet just dort, im Sarg, eine Bombe.

Spannend und wendungsreich ist diese Mischung aus Polit-Spekulation und einer Selbstfindungsgeschichte – aber bisweilen stolpert die Geschichte. Wenn der erfahrene Ermittler merkwürdig blauäugig agiert oder seine tragische Biografie (Frau und Kinder starben bei einem Bombenangriff) klischeehaft pflichtschuldig in den Dialog eingeflochten wird. Hauptdarsteller Sam Riley wirkt zudem sehr blass und raunt im Originalton so ominös, dass man ihn kaum versteht (was auch bei der Austrahlung in England kritisiert wurde). Ärgerlich, dass die DVD keine Untertitel hat, man hätte sie gebraucht.

Während Riley und auch Kate Bosworth als US-Journalistin oft wie merkwürdige Leerstellen wirken (inklusive blutleere Romanze), sind die Nebenrollen durchweg gut besetzt, etwa mit Ronald Zehrfeld und August Zirner als Wehrmachts-Offiziere. Die schillerndste und interessanteste Figur ist der Ehrgeizling Huth, den Lars Eidinger mal eisig arrogant und diabolisch wirken lässt, mal wie einen kleinen Jungen in großer Uniform mit Vaterkomplex. „Ich mag Gewinner“, sagt er, „und Nazis sind Gewinner“. Subtile Sätze sind das nicht, aber es ist wie immer eine Freude, Eidinger zuzusehen. Nur der Abgang seiner Figur, so viel muss verraten werden, ist mehr als zwiespältig. Da beschwört der Film ein pathosgetränktes, kerniges Heldentum (wofür auch „Unsere Mütter, unsere Väter“ des Regisseurs Kadelbach kritisiert wurde): Eine Augenbinde beim Erschießungskommando, so wirkt das im Film,  ist eben nur etwas für Weichlinge, nichts für schneidig Gescheitelte. Zumindest diese Szene kann einem übel aufstoßen.

Als DVD und Blu-ray bei Polyband.

 

SS-GB Len Deighton Sam Riley Lars Eidinger Polyband BBC James Cosmo

Dämlicher deutscher Titel, interessanter Film „Vendetta“ mit Schwarzenegger

Vendetta Arnold Schwarzeneggger

Arnold Schwarzenegger in „Vendetta“, der im Original „Aftermath“ heißt. Foto: KSM

 

Warum nicht kleinere Brötchen backen? Jetzt, da die Post-Polit-Filmkarriere von Arnold Schwarzenegger mit kolossalen („Sabotage“) und relativen Flops („Terminator: Genisys“) versandet ist, müht sich Kaliforniens Ex-Gouverneur um eine Neu-Erfindung in kleineren Produktionen und anderen Rollen. Einst stand sein Name für Budget- und Gagenrekorde; heute ist der 70-Jährige  als Actionheld überaltert, scheint aber aus der Not eine Tugend zu machen: 2015 spielte er in „Maggie“ einen gramgebeugten Vater, dessen Tochter Opfer einer Epidemie wird. Schwarzenegger überraschte in dieser Verbindung aus Zombie-Film und Vater-Tochter-Drama mit einer anrührenden Darstellung – aber kein Verleih wollte den Film bei uns ins Kino bringen, er erschien direkt auf DVD.

So ergeht es nun auch dem Film  „Vendetta  – Alles was ihm blieb, war Rache“, dessen so reißerischer wie austauschbarer deutscher Titel zeigt, wie schwer wohl ein Schwarzenegger-Film ohne Action zu vermarkten ist. Im US-Original heißt er schlicht „Aftermath“, Nachwirkung, und erzählt von einer Katastrophe, die das Leben der beiden Hauptfiguren zu zerreißen droht. Da ist der Fluglotse Bonanos (Scoot McNairy), der einen Moment unachtsam ist – deshalb kollidieren zwei Flugzeuge, alle Passagiere sterben. Bauarbeiter Melnyk (Schwarzenegger), der dabei seine Frau und seine schwangere Tochter verliert, findet nicht mehr ins Leben zurück, während die Existenz des Fluglotsen zerbröckelt: Seine Firma entsorgt ihn mit Abfindung, er zieht weg und versucht, die übermächtigen Schuldgefühle zu bewältigen.

Über weite Strecken erzählt der Film des Briten Elliot Lester schnörkelfrei und ruhig (die Flugzeugkatastrophe ist eine kurze, nahezu stille Szene) von zwei parallel laufenden, erschütterten Leben, deren Wege sich schließlich kreuzen – mit fatalen Folgen. In dem Film, der vage auf dem Flugzeugzusammenstoß über dem Bodensee 2002 und dem Mord an einem Fluglotsen basiert, zeigt Schwarzenegger eine anrührende Darstellung – nicht immer bei Dialogen, die nach wie vor nicht seine Stärke sind. Aber in Blicken, Gesten, im Zusammenkrümmen des Arnoldschen Bärenkörpers unter Schmerz, als er am Absturzort seine tote Frau in einem Baum entdeckt. Das Zusammentreffen von Witwer und Fluglotse verläuft tieftraurig und tragisch – die Szene wirkt fast wie eine Antithese zu der oft ruppig-fröhlichen Selbstjustiz mancher früher Schwarzenegger-Filme. In „Aftermath“ sind die Fragen nach Schuld und nach dem Begriff von Sühne ungleich komplexer.

Erschienen bei KSM.

 

Vendetta Arnold Schwarzeneggger

Aus gegebenem Anlass: Johnnie Tos Film „Vengeance“ mit Johnny Hallyday.

Johnny Hallyday Vengeance Johnnie To Koch Media

Hallyday in Hongkong. Foto: Koch Media

Musiker und Manchmal-Schauspieler Johnny Hallyday ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Aus diesem Anlass ein Griffs ins Text-Archiv (2010), zur DVD-Vorstellung von Johnnie Tos „Vengeance“ mit Hallyday in der Hauptrolle: 

 

Ein merkwürdiges Gipfeltreffen: Johnnie To, Hongkongs rühriger Regie-Produktions-Meister, hat einen Film mit dem französischen Rocker und Nationalheiligtum Johnny Hallyday gedreht. Ganz so überraschend ist diese Paarung aber nicht: Tos lakonischen Filmen und Figuren sieht man an, dass er ein Fan des klassischen französischen Gangsterfilms ist, ähnlich wie Kollege John Woo, besonders von Jean-Pierre Melville. Dass Tos geplantes Remake von dessen Klassiker „Vier im roten Kreis“ (1970) wohl nicht zustande kommt, stimmt traurig. Mit dessen Star Alain Delon hatte To zuletzt über einen anderen Film verhandelt – und das scheint nun „Vengeance“ geworden zu sein, wenn auch nicht mit Delon (der wohl das Drehbuch nicht mochte), sondern eben mit Hallyday, der hier bezeichnenderweise den Rollennamen Costello trägt – wie Delon in „Der eiskalte Engel“ (1967).

Ob nun zweite Wahl oder nicht: Hallydays wettergegerbtes Echsengesicht ist ein Ereignis in diesem Film. Ein Franzose kommt nach Hongkong, um den Anschlag auf die Familie seiner Tochter zu rächen, den diese überlebt hat, Costellos Enkel nicht. Der Franzose heuert drei Auftragskiller an und zieht in den Privatkrieg. Das klingt nach üblichem Genre-Durchschnitt, ist aber nur das grobe Handlungsgerüst, das To meisterlich füllt – mit exquisiten Scope-Bildern, Überraschungen und exzellenten Darstellern. Wie Costello seine drei Komplizen kennen lernt, das inszeniert To als spannende, wortlose Sequenz aus Blicken, Gesten und jäh aufflammender Gewalt, nach der sofort wieder eisige Stille einkehrt. Mit den Killern, denen er einen Packen 500-Euro-Scheine und seine Uhr auf den Tisch legt, beginnt Costello eine lakonische Freundschaft. Wenn er für sie kocht und das Quartett ironisch Macho-Rituale durchspielt wie das Zusammensetzen auf Zeit von Schusswaffen, scheint sich eine Ersatzfamilie Gleichgesinnter zu finden. Das Wettschießen auf ein Fahrrad (das im Kugelhagel davonrollt) wird zum romantischen Ausflug unter Männern. Ihre erste Bewährunsgprobe kommt in einem surrealen Shoot-Out in einem Wäldchen, das in kompletter Finsternis versinkt, sobald der Vollmond hinter den Wolken verschwindet – eine meisterliche Szene. Ein weiterer Höhepunkt: Ein Schießerei, bei der die Gegner sich hinter Altpapier-Brocken verbergen, die sie durch die Landschaft rollen.

Herausragend im Ensemble ist Anthony Wong als großer Melancholiker, der dem Tod anderer ebenso stoisch ins Auge schaut wie der eigenen Lebensgefahr; Simon Yam gibt eine seiner patentierten Schmierlappen-Auftritte. Und Hallyday, auf den der Film ganz zugeschnitten ist? Der durchwandert die Szenerie, zwischen nächtlich neonbeschienenen Regenschirmen und Suppenküchen am Strand, mit kühler Grazie. Sein Hütchen und der Trenchcoat mit dem hochgeschlagenen Kragen lassen ihn wie ein Relikt alter Zeiten wirken, ein Gangsterfilm-Zitat, das es noch einmal mit der Gegenwart aufnimmt – in einem Finale, das man nach dem Einfallsreichtum zuvor als Antiklimax empfinden kann.

(DVD erschienen bei Koch Media).

„Dunkirk“ auf DVD – aber nicht der Film von Christopher Nolan

Dunkirk Christopher Nolan BBC Benedict Cumberbatch

Nunja, über die Werbezeile „Hot from UK“ auf der DVD kann man streiten: Ein „the“ vor dem „UK“ hätte nicht geschadet, und der Film stammt aus dem Jahr 2004, „Dunkirk“ ist also nicht mehr ganz so „hot“. Interessant ist er aber doch – und außerdem ein sinniger Begleiter zu Christopher Nolans gleichnamigem Kinofilm, der Mitte Dezember auf DVD erscheint. In drei einstündigen Episoden erzählt die BBC-Produktion von der Einkesselung und der Evakuierung tausender britischer Soldaten an der nordfranzösischen Küste Ende Mai/Anfang Juni 1940. Britische und französische Truppen stehen mit dem Rücken zum Meer, während die deutsche Armee sich in Richtung Küste kämpft, immer wieder aufgehalten von Soldaten des britischen Expeditionskorps, die den feindlichen Durchmarsch zur Küste zumindest zu bremsen versucht.

Es ist dieselbe historische Geschichte wie in Nolans Kinofilm, aber ganz anders erzählt, was einen Vergleich reizvoll macht. Während Nolan sich fast komplett auf den Schauplatz Küste/Meer beschränkt und ganz auf Augenhöhe seiner Figuren bleibt, bemüht sich der BBC-Dreiteiler um eine weiter gefasste Perspektive – mit animierten Landkarten zeigt er die Lage der eingeschlossenen Soldaten, er verbindet historische Aufnahmen mit Spielszenen, er wechselt regelmäßig von Schauplätzen zwischen der Küste, dem umkämpften Inland und zigarrenrauchumflorten Besprechungszimmern in London; Dort gibt Premierminister Winston Churchill mit kalter Logik Anweisungen für die Evakuierung: Unversehrte Soldaten haben Vorrang, denn die sind a) im Krieg wertvoller und b) brauchen weniger Platz in einem Schiff als Männer auf Krankenbahren.

 

Dunkirk Christopher Nolan BBC Benedict Cumberbatch

An die Ästhetik des BBC-Films muss man sich erst einmal gewöhnen – er müht sich um einen hochtourigen Dokumentarstil, die Kamera kommt den Darstellern in den Spielszenen sehr nahe und wackelt auffällig, wohl um Hektik und Nervosität der Situation widerzuspiegeln. Aber es wirkt, zumindest anfangs, sehr plakativ. Dennoch packt dieser Dreiteiler; anders als Nolans Film, der diese blutige Geschichte eher sauber und unblutig erzählt, kommt der BBC-Film, der sich auf Augenzeugenberichte und Memoiren stützt, der grausigen Realität der Geschichte näher. In einer Szene schießt ein britischer Soldat aus Versehen einen Kameraden an, allerorten herrschen Chaos und Todesangst, derer die Briten durch drakonische Maßnahmen Herr werden wollen: Ein Soldat, der befehlswidrig in Richtung Küste fliehen will, wird von Offizieren erschossen. Einen von ihnen spielt der damals noch wenig bekannte Benedict Cumberbatch – erst sechs Jahre wurde er der „Sherlock“ im englischen Fernsehen.

Die erschütterndste Sequenz ist die Ermordung britischer Kriegsgefangener durch Soldaten der Leibstandarte SS Adolf Hitler – durch Erschießen und durch Handgranaten, die sie mitten unter die Gefangenen in einer Scheune werfen: das sogenannte Massaker von Wormhout. Christopher Nolan hatte da mit seinem „Dunkirk“ einen ganz anderen Weg gewählt – dort sieht man den allgegenwärtigen Feind fast gar nicht, am Ende bestenfalls schemenhaft.

Synchronisiert wurde der BBC-Film nicht, eine deutsche Fassung hätte dem Originalton nicht das Wasser reichen können – denn Timothy Dalton, Bond-Darsteller der 1980er Jahre, spricht die erklärenden Texte mit dramatischem Nachhall, und die Akzente der Darsteller spiegeln die englische  Klassengesellschaft wieder: Upper-Class-Diktion bei den Politiker und Offizieren, Arbeiter-Akzent bei den niederen Dienstgraden.

„Dunkirk“ der BBC erscheint am 24. November auf DVD bei Polyband,
Christopher Nolans „Dunkirk“ am 19. Dezember bei Warner.  

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm „Flying Clipper“

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm "Flying Clipper"

 

Was für ein Zeitdokument – und was für Farben! Das Blau des Meeres leuchtet, das Weiß des Segelschiffs strahlt, und angesichts des knalligen Rots eines Rennwagens in Monaco möchte man zur Sonnenbrille greifen. „Flying Clipper“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962, der auch mit 55 Jahren noch spektakulär ist: Zwei Regisseure und vier Kameramänner haben mit eigens konstruierten 70-Millimeter-Kameras die Reise eines schwedischen Schulschiffs begleitet, von der Nordsee bis zum Nil.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film (mit Ouvertüre und Pausenmusik!), der jetzt fürs Heimkino erscheint und eine Entdeckung ist: Weil die Bilder durch das hochauflösende Filmformat kristallklar wirken, aber vor allem durch den Zeitgeist, der den Film durchweht. Der Massentourismus lag in weiter Ferne, Erzähler Hans Clarin beschwört weihevoll „die Sehnsucht nach dem Süden“, nach Rhodos, Capri und den Pyramiden, „aber für viele Menschen wird diese Sehnsucht lebenslang ein Traum bleiben“. Es gab eben noch keine Billigflieger.

„Beirut, das Paris des nahen Ostens“

Keine Darsteller im strengen Sinne gibt es, man verfolgt die Arbeit der Matrosen und des Kapitäns, sie „segeln hart am Wind“, wie Clarin intoniert, und gemeinsam erreicht man unter anderem Nazaré, Barcelona, „Beirut, das Paris des nahen Ostens“, „den Libanon mit seinen Zedern“ und auch Afrika, „den schwarzen Erdteil“. Da fühlt man sich als Zuschauer bisweilen wie ein Entdecker, der als erster den Fuß auf fremde Kontinente setzt. Manchmal hat der Film seine Längen, aber immer wieder gelingen fantastische Bilder: etwa die Starts von Maschinen auf einem US-Flugzeugträger und die Aufnahmen vom Straßenrennen in Monaco. Am Ende, im Heimathafen, wird Erzähler Clarin melancholisch; die Welt sei so hektisch geworden, dass solche Segelschiffe wie die „Flying Clipper“ von gestern seien. Da will man sich seinem finalen weihevollen Wunsch vollen Herzens anschließen: „Möge sie bestehen bleiben, die edle Seefahrt unter weißen Segeln.“

Bonus:

Interviews mit Jürgen Brückner, Kameramann und Verleiher (30 Min.), Herbert Born, Inhaber des Schauburg-Kinos in Karlsruhe (11 Minuten) und Marcus Vetter, Theaterleiter und Vorführer in der Schauburg (14 Minuten).

Aushangfotos

Trailer

Erschienen bei Busch Media Group.

 

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